Expertenmeinung

Mehr Nachhaltigkeit in der Außenwirtschaft

06/2008 - Österreichs Außenwirtschaft soll nachhaltiger werden, meint das neue Außenwirtschaftsleitbild. Was muss sich ändern, wie schaut Nachhaltigkeit überhaupt aus und wie kann die Praxis der Theorie folgen? corporAID hat nachgefragt.


Martin Bartenstein,
Wirtschaftsminister

Erfolg und Verantwortung gehören zusammen
Ein vor kurzem noch undenkbarer Ölpreis und Unruhen aufgrund explodierender Getreidepreise rütteln die Weltöffentlichkeit auf und zeigen – noch unmittelbarer als die Klimaproblematik –, dass es sich beim Thema Nachhaltigkeit um eine existenzielle, weltweite Herausforderung handelt. Die Entwicklung zeigt auch, wie sehr Ökologie, Gesellschaft und Ökonomie miteinander verwoben sind. Hohe Getreide- und Energiepreise sind ein ökologisches, ökonomisches und damit auch soziales Thema. Ich bin davon überzeugt, das wirtschaftlicher Erfolg und soziale sowie ökologische Verantwortung untrennba miteinander verbunden sind. Glaubwürdige Anstrengungen zu nachhaltiger Entwicklung und unternehmerischer Verantwortung sind wichtige Kriterien, über die sich Österreich im internationalen Wettbewerb positionieren kann.

Das neue österreichische Außenwirtschaftsleitbild, das am 24. April 2008 – nach siebenmonatigem, intensivem Diskussionsprozess unter Einbeziehung aller relevanten Stakeholder – der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, sieht Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung als Chance für Österreich und seine Wirtschaft. Das Außenwirtschaftsleitbild bekennt sich unter anderem zu einer strategischen Partnerschaft zwischen Außenwirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit.



Christoph Matznetter,
Finanz-Staatssekretär

Finanzierung nur bei Einhaltung der Standards
Nachhaltigkeit ist von jeher ein Leitmotiv der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. In den letzten Jahren hat sich zudem der Gedanke durchgesetzt, dass wirksame Entwicklungshilfe auch Hilfe zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung sein muss. Österreichs Außenwirtschaft und Nachhaltigkeit ergänzen einander gut. Beispiele sind etwa unsere innovativen und wettbewerbsstarken Informations- und Kommunikationstechnologie-, Umwelt- und Energietechnikindustrien.

Seit Beginn des Jahres 2008 steht mit der österreichischen Entwicklungsbank und ihrem Beirat „Wirtschaft und Entwicklung“ ein neues Instrument zwischen Exportförderung (Kontrollbank) und Entwicklungshilfe (ADA) zur Finanzierung von Auslandsinvestitionen zur Verfügung. Investitionsprojekte, für die öffentliche Unterstützung beantragt wird, werden streng auf soziale, gesellschaftliche und Auswirkungen auf die Umwelt geprüft. Eine Finanzierung kommt nur dann in Frage, wenn alle einschlägigen internationalen Aufl agen und Standards (IFIs, OECD, EU) eingehalten werden. Mit einem lebendigen Bewusstsein von Corporate Social Responsibility schließlich leisten die österreichischen Unternehmen einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Nachhaltigkeit.



Josef Pröll,
Umweltminister

Nachhaltige Entwicklung für eine faire Globalisierung
Natürliche Ressourcen sind eine zentrale Grundlage für wirtschaftliche Entwicklung, besonders in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Ein Leitziel der österreichischen Außenwirtschaft ist es daher, den Transfer von Technologien und Dienstleistungen mit dem Anspruch zu verbinden, die Ressourcenpotenziale nachhaltig, das heißt dauerhaft nutzen zu können.

Wettbewerb zu Lasten von Umwelt- und Sozialstandards entzieht der Wirtschaft ihre Ressourcenbasis. Nachhaltige Entwicklung ist deshalb das ökonomische Zukunftskonzept für eine faire Globalisierung. Das Zwischenresümee zu unserer erfolgreichen Exportoffensive für Umwelt- und Energietechnologien lautet auch: Was für die Umwelt gut ist, ist für die Wirtschaft gut – und es schafft Chancen für die Menschen.

Peak-Phänomene und die dramatisch steigende Nachfrage der Wachstumsmärkte begründen exponentiell steigende Nachfragen nach ressourcenschonenden Produkten, Technologien und Dienstleistungen. Diese Chance schneller und besser als Mitbewerber zu nützen, ist gemeinsames Anliegen aller außenwirtschaftlichen Akteure. Unsere Ambition ist daher ein konsequentes Eintreten für gelebte gesellschaftliche Verantwortung – als USP der österreichischen Wirtschaft: im Binnenmarkt und auf den Exportmärkten.



Karl Aiginger,
WIFO-Leiter

Globalisierung erhöht den Bedarf einer Politik in Richtung mehr sozialer Ausgleich
Globalisierung ist die Ausweitung des Horizonts von wirtschaftlichen, aber auch kulturellen und touristischen Aktivitäten. Zwei Eigenschaften sind typisch für Globalisierung: größere Entfernung und große Unterschiede z. B. in Lohnhöhe und sozialen Normen. Die Außenwirtschaft ermöglicht, aus den Differenzen Vorteile zu ziehen: Unterschiede in Kosten werden genutzt, die Vielfalt bei Preisen und Qualität steigt. Ökonomische Nachhaltigkeit entsteht nicht von selbst; im Gegenteil, es fallen zunächst größere Transportkosten an. Allerdings führt Globalisierung auch dazu, dass nachhaltige Techniken nicht in jedem Land erfunden werden müssen, beste Lösungen werden – einmal bekannt – breit angewandt, z. B. sparsame Nutzung von Rohstoffen, kleinere Handys und Computer. Allerdings müssen die Gedanken der Nachhaltigkeit durch bewusste Politik, durch Firmen und Konsumenten durchgesetzt werden. Globalisierung senkt nicht den Politikbedarf, sondern öffnet Optionen: Sie erfordert begleitende Politik in Richtung sozialer Ausgleich und ökologische Nachhaltigkeit.



Rudolf Hundstorfer,
ÖGB-Präsident

Spielregeln zur sozialen Gestaltung von Globalisierung
In der Außenhandelspolitik gibt es keine verbindlichen sozialen Regeln; eine Liberalisierung des Handels schafft zudem nicht automatisch eine nachhaltige soziale Entwicklung. Globalisierung muss daher sozial gestaltet werden, um eine faire Verteilung der erzielten Wohlstandsgewinne zu gewährleisten. Weltweit gesehen haben sich die Unterschiede zwischen Arm und Reich enorm vergrößert. Es braucht daher Spielregeln, an die sich alle halten.

Die Gewerkschaften fordern die Verankerung elementarer ArbeitnehmerInnenrechte der Internationalen Arbeitsorganisation in das WTO-Abkommen, damit sie verbindlich eingehalten werden müssen. Soziale Standards stellen keineswegs einen Protektionismus dar. Eine weltweite Einhaltung dient in erster Linie den Entwicklungsländern und soll sie untereinander vor einem Senkungswettlauf schützen. Durch das Verbot von Vereinigungsfreiheit und Kollektivvertragsverhandlungen werden ArbeiterInnen um bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Löhne gebracht. Es wird für viele Menschen erst dann bergauf gehen, wenn Löhne ihren Lebensunterhalt sichern und Kinder statt zur Arbeit in die Schule gehen können.



Christoph Leitl,
WKO-Präsident

Nachhaltiges Agieren ist eine Herausforderung für den Export
Eine starke Exportwirtschaft, die international wettbewerbsfähig ist, kann auch zu einer nachhaltigen Entwicklung in neuen Märkten – den so genannten Emerging Markets - beitragen. Dabei müssen die drei Nachhaltigkeitssäulen, die ökonomische, die ökologische und die soziale stets beachtet werden - gemäß unserem sozialpartnerschaftlich erarbeiteten Außenwirtschaftsleitbild. Wenn es gelingt, Nachhaltigkeit im Export mehr zu betonen, werden sich unsere Exporteure im globalen Wettbewerb noch stärker präsentieren. Bisher gehen 80 Prozent unserer Ausfuhren in die EU, wo Nachhaltigkeit im Export schon weitgehend gelebt wird. In bedeutenden Märkten mit hohem Wachstumspotenzial, wie z. B. in Südost- und Osteuropa, gibt es diesbezüglich aber noch große Herausforderungen. In noch stärkerem Ausmaß gilt das für die Emerging Markets in Südostund Zentralasien, Lateinamerika oder Afrika, die für die österreichische Exportwirtschaft immer bedeutender werden. Nachhaltigkeitsbemühungen, die Konsumenten, regionale Stakeholder, Politik und Unternehmen einbinden, werden künftig an Bedeutung gewinnen – nur so ist es auch möglich, internationale Wohlfahrts-, Wirtschafts- und Umweltziele zu erreichen.


@ corporAID Magazin Nr. 19

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