Expertenmeinung

Exportfinanzierung in schwierigen Zeiten

11/2008 - Welche Trends zeichnen sich bei der Exportfinanzierung ab? Wie sehr leiden Österreichs Exporteure unter der Finanzmarktkrise und wie kann ihnen geholfen werden?
corporAID hat in der österreichischen Wirtschaft nachgefragt.


Ferdinand Schipfer,
OeKB

Dichte Grenzen sind falscher Weg
Wir unterteilen etwas hochmütig Staaten in Entwicklungsländer, Emerging Markets und Industrieländer. Gleichzeitig werden die Nachrichten von Immobilienkrisen und Bankenrettungen in OECD-Ländern, von Kursstürzen an den Börsen und Verwerfungen im Weltfinanzsystem geprägt.

Bemerkenswert ist, dass nicht Rohstoffpreisschwankungen, sorglose Regierungen und politische Konflikte in der so genannten Zweiten oder Dritten Welt für diese Entwicklungen verantwortlich sind, sondern die Erste Welt selbst.

Vor diesem Hintergrund ist es unerheblich, wann und wie schwer die Krisen zum Beispiel Indien, Ägypten oder Russland erreichen – wichtig ist, dass wir gerade jetzt unsere Schotten nicht dicht machen. Die Geschäftspartner außerhalb der OECD-Länder werden die Sanierungslast ohnedies in Form von höheren Kreditzinsen, erschwertem Zugang zu Kapital und geringeren Absatzmöglichkeiten mittragen müssen. Es wäre ungerecht und gefährlich zugleich, die Verdienst- und Entwicklungschancen des Südens gerade jetzt durch prophylaktische Vorsicht und Vertrauensentzug quasi auf Verdacht zu schmälern.

Das Bundesministerium für Finanzen und die OeKB haben jetzt eine Reihe von garantiepolitischen Erleichterungen für den Handel mit den angeblich wenig entwickelten Partnerländern der österreichischen Außenwirtschaft beschlossen.



Florence Werdisheim,
Bank Austria

Schwierig, Risken einzuschätzen
Seit Beginn der Finanzmarktkrise ist eine stärkere Nachfrage nach Exportrisikoabsicherung zu bemerken. Denn die steigende Volatilität der Märkte macht eine Einschätzung der Risiken immer schwieriger, wodurch auch die Risikomargen steigen. Exporteure und Importeure werden vorsichtiger und verschieben Investitionsvorhaben.

Die Absicherung des Auslandsrisikos durch eine Exportkreditversicherung ist heutzutage essenzieller denn je. Die zukünftige Entwicklung für die Exportbranche wird vor allem davon abhängen, in welchem Ausmaß die Unternehmen im Ausland wie im Inland in diesem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld investieren. Eine der wichtigen Maßnahmen, die uns derzeit helfen kann, die Realwirtschaft zu stärken, ist die gezielte Förderung der Exporttätigkeit.

Konkret fordern wir ein Paket mit folgenden Maßnahmen: Höhere Deckungsquoten bei „corporate risk“- Absicherung, niedrigeres Anzahlungserfordernis, flexiblere Handhabung der Rückzahlungsbedingungen, Wiederaufnahme des Refinanzierungsverfahrens der Oesterreichischen Kontrollbank sowie großzügigere Gewährung von Hilfsfinanzierungen. Mit diesem Maßnahmenpaket wäre sowohl den ausländischen Käufern als auch den österreichischen Exporteuren enorm geholfen.



Stefan Tauchner,
Investkredit

Günstigere Konditionen
Der Trend bei Absicherungen und Finanzierungen im Exportgeschäft muss in Richtung Basel II-tauglichen Exportversicherungen, aber auch im Marktvergleich günstigeren Konditionen bei Finanzierungslinien gehen.

Hier müssen vor allem die KMU verstärkt in den Genuss von Bundesrisikoübernahmen kommen. Außerdem soll es für die KMU einen Bonus bei der Zinsgestaltung von Exportfondsrahmenkrediten geben. Versicherungsprodukte für den Ankauf von Exportgeschäften durch Banken und Factorgesellschaften sowie Rückhaftungen des Bundes für Bürgschaften runden das Maßnahmenpaket ab.

Der Haftungsrahmen des Bundes für bonitätsmäßig gute Kunden und wirtschaftlich vertretbare Exportgeschäfte steht allen Unternehmen offen, die diese Kriterien erfüllen. Bundesrisikoübernahmen werden jedoch überwiegend für Großunternehmen gewährt.

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen auf den Finanzmärkten und im Konnex mit dem Konjunkturbelebungspaket ist der Haftungsrahmen für Auslandsexpansionen massiv erhöht worden. Im Konditionenvergleich ab Mitte 2007 zeigen die Exportfinanzierungen gegenüber Kommerzfinanzierungen jedoch eine rückläufige Tendenz. Einige scheinbar krisenresistente Exportunternehmen nutzen weiterhin die aufgrund der Finanzmarktkrise eingeschränkten Exportfinanzierungen für Ihre Expansionsziele.



Ingeborg Bauer-Kunst,
RZB

Keine Zurückhaltung
Die klassische Exportfinanzierung ist gerade in solchen Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, notwendiger denn je. Wir spüren eine deutlich gestiegene Nachfrage, jetzt wo die Liquidität ein knappes Gut geworden ist. Die Finanzmarktkrise wird an der Wichtigkeit der Exportwirtschaft nichts ändern.

Zurzeit ist kaum Zurückhaltung im Markt zu spüren. Eher kann man davon sprechen, dass die österreichischen Exporteure jetzt mehr auf Sicherheit als auf den schnellen Gewinn schauen. Die klassische Exportfinanzierung ist ein über lange Jahre bewährtes Instrument. Die Spielregeln sind allen Beteiligten gut bekannt und haben sich auch international bewährt.

Die staatlichen Exportkreditversicherungen haben von ihren Regierungen den Auftrag bekommen, die Handelsströme und die Direktinvestitionen in Gang zu halten. Und das sollte ihnen auch gelingen.

Auch für die Kunden der österreichischen Exporteure ist die Finanzierung durch Banken enorm wichtig. War es früher üblich, dass der Exporteur die Geldmittel mitgebracht hat, so wenden sich heute die Abnehmer wegen der Finanzierung direkt an ausländische Banken.

Wichtig für die Exporteure sind auch Betriebsmittelfinanzierungen, die von der Oesterreichischen Kontrollbank im Wege der Kommerzbanken zur Verfügung gestellt werden.



Gerda Königstorfer,
Rosenbauer

Finanzierung immer relevant
Generell nimmt der Rosenbauer Konzern vor allem bei Lieferungen nach Asien und in den arabischen Raum die Instrumente der Oesterreichischen Kontrollbank in Anspruch. Für uns spielen wirtschaftliche Risiken eher eine untergeordnete Rolle.

Der Grund liegt darin, dass unsere Kunden zum wesentlichen Teil öffentliche Kunden sind und daher kaum ein wirtschaftliches Risiko haben. Für die Absicherung gegen politische Risiken ist die OeKB zuständig und zeigt sich auch immer sehr kooperativ.

Neben dem Versicherungsschutz sind auch die Soft Loans der OeKB für uns als Exporteur von Bedeutung. Das sind Sonderfinanzierungen in Form von vergünstigten langfristigen Krediten, die nur für Infrastrukturprojekte vergeben werden.

Die wesentliche Herausforderung der nächsten Jahre im Bereich der Exportfinanzierungen wird es sein, die unterschiedlichen beteiligten Projektpartner zu koordinieren, um Projekte rasch und effizient realisieren zu können. Dazu hat die OeKB bereits vor Jahren sowohl die Informationsbereitstellung als auch das Antragsprozedere für Exporteure wesentlich vereinfacht.

Exportfinanzierungen wird es immer geben, auch wenn sie durch die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten kurzfristig weniger in Anspruch genommen werden.



Carl de Colle,
AWO

Das magische Dreieck
In einem kleinen Land wie Österreich brauchen wir schlanke, aber dennoch seriöse und vernünftige Produkte und Instrumente für die Exportfinanzierung unserer Betriebe, wobei man hier sowohl die KMU als auch die Multis zu unseren Partnern und Kunden zählen kann.

Wir von der Wirtschaftskammer bilden gemeinsam mit der Oesterreichischen Kontrollbank und dem Bundesministerium für Finanzen eine Art magisches Dreieck für die Exportfinanzierung. Die OeKB hat das Know-how, das Finanzministerium das Geld und wir bilden die Netzwerke. Ein solches Service für die Exporteure ist in Zeiten wie diesen notwendiger denn je, denn wie man gerade sieht, sind politische und ökonomische Risiken für Lieferanten, aber auch für Investoren stets vorhanden.

Vor allem wer in Emerging Markets liefert oder investiert, muss stets mit einer besonders hohen Volatilität rechnen. In diesen aufstrebenden Märkten kann man mehr Geld verdienen als in den Industrieländern, weil das Risiko dort auch höher ist. In turbulenten Zeiten ist deshalb die Wahrscheinlichkeit eines Schadens besonders hoch. Es kann einem heimischen Exporteur jederzeit passieren, dass er ein Geschäft beginnt und sein Geschäftspartner insolvent wird. Deshalb ist Versicherungsschutz gegen solche Risiken gerade jetzt sehr wichtig.


© corporAID Magazin Nr. 21

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