Interview

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12/2018 - Ludovit Garzik ist Geschäftsführer des Rates für Forschung und Technologieentwick-lung. Seiner Meinung nach sollte sich Österreich unbedingt auf frugale Innovationen einlassen, um im internationalen Innovationswettbewerb konkurrieren zu können.

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Ludovit Garzik
Geschäftsführer RFTE

corporAID: Was können wir aus der von Ihnen in Auftrag gegebenen Studie lernen?

Garzik: Die wesentliche Erkenntnis ist, dass frugale Innovation als Begriff in Österreich nicht bekannt ist. Natürlich gibt es Unternehmen und Organisationen, die sich damit beschäftigen, aber denen ist häufig nicht bewusst, dass es sich um das Konzept der frugalen Innovation handelt und vor allem, dass sie dieses Konzept auch auf andere Modelle übertragen können. Wir können aus der Studie aber auch lernen, dass frugale Innovationen in der Lage sind, unser ganzes System weiterzubringen. Dafür braucht es Awareness. Nicht nur weil frugale Innovation als Begriff unbekannt ist, sondern ganz konkret im Hinblick auf die Frage: Welche Hebel hat man mit frugalen Innovationen, um die eigene Institution, das Unternehmen, die Forschungseinrichtung oder NGO weiterzubringen? Für mich ist das eine Art der Kundenorientierung, die wir normalerweise nicht lernen, die in den Lehrbüchern nicht vorkommt. Vielmehr treibt uns der Egoismus des Technologiedenkens, der die Kunden in die Entwicklung nicht miteinbezieht. Wir entwickeln etwas, gehen damit auf den Markt und haben Glück, wenn es funktioniert. Aber das ist eher Zufall. Wir brauchen stattdessen eine Innovationskultur, die von Anfang an daran ausgerichtet ist, wie man Nutzer zufriedenstellt, und das gilt nicht nur für Start-ups.

Eine Innovationskultur zu verändern, geht nicht von heute auf morgen. Wo sollte zuerst angesetzt werden?

Garzik: Sowohl in Unternehmen als auch in der Politik und in Wissensinstitutionen. Dabei ist vor allem die Frage wichtig: Wo in diesen Institutionen muss ich beginnen, wenn ich etwas bewegen will? Es ist das Top-Management, wo das Mindset herkommt. Von dort aus muss es weiter nach unten gebracht werden. Wenn ich weiter unten anfange, erreiche ich immer nur einen eingeschränkten Bereich. Vom Top-Management aus schaffe ich es hingegen womöglich, die ganze Institution weiterzuentwickeln. Dort muss verstanden werden: Es ist ein Standortfaktor, ob wir uns auf frugale Innovationen einlassen und neue Märkte erobern. Oder wir ruhen uns auf dem Bisherigen aus. Doch die Welt dreht sich dann ohne uns weiter. Manchmal denke ich, die Krise war für uns zu klein, damit wir uns wirklich weiterentwickeln.

Muss es also erst einmal knallen, damit sich Innovationsparadigmen ändern?

Garzik: Krise kommt aus dem Griechischen und heißt Entscheidung. Eine Krise löst Entscheidungen aus, die man ohne die Krise nicht treffen würde, die aber womöglich notwendig sind. Deswegen sind Krisen manchmal heilsam, es wird ein Punkt erreicht, an dem man eine gewisse Richtungsentscheidung trifft. Dadurch findet letztlich eine Weiterentwicklung im System statt. Wir befinden uns gerade in keiner Krise, aber die österreichische Wettbewerbsfähigkeit sinkt seit sieben, acht Jahren.

Also könnte die nächste Krise auch eher schleichend kommen?

Garzik: Wie wird man bankrott? Es geht zuerst ganz langsam und dann plötzlich ganz schnell. Und so kann es auch einem ganzen Land gehen: eine langsame Abwärtsentwicklung, die man eigentlich nicht spürt. Und die, die es zuerst spüren, haben keine Stimme. Und die, die eine Stimme haben, spüren es noch nicht. Später sagen sie dann: Das haben wir nicht kommen sehen. Aber natürlich hat es auch vor 2007 genug Anzeichen für die Krise gegeben. Doch diese wurden ignoriert, auch aus Bequemlichkeit, die hierzulande ein weiteres großes Problem darstellt. Unser Humankapital wird zur Bequemlichkeit erzogen. Ein großer Teil geht in Branchen, die nicht zukunftsorientiert sind: Tourismus, Handel, Administration. Wenn ich keine jungen Menschen habe, die wirklich etwas Neues machen wollen, nicht nur Start-ups gründen, sondern auch in der etablierten Industrie etwas Neues voranbringen, dann sehe ich Österreich zurückfallen.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 79
Das Gespräch führte Frederik Schäfer.
Foto: RFTE

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