Gütesiegel

Flurbereinigung

08/2018 - In Ländern, wo Gesetze fehlen oder nicht greifen, können Bauern zur Gewährleistung nachhaltiger Produktion auf eine Vielzahl freiwilliger Gütesiegel zurückgreifen. Mit ihrem Merger leisten die Top-Labels Rainforest Alliance und Utz nun einen Beitrag zur Abschaffung von Doppel­gleisigkeiten und zur Klärung der Gütesiegelszene. Nestlé und Co nutzen für die Sicherung nachhaltiger Lieferketten eigene übergreifende Tools.

Zum Thema:

Interview mit Fritz Kaltenegger, Cafe+Co






Die Ölpalme: flächenmäßig der meist zertifizierte agrarische Rohstoff

Es ging wie ein Lauffeuer durch die Branche, als Rainforest Alliance und Utz, zwei der größten Akteure unter den freiwilligen Gütesiegeln für landwirtschaftliche Produktion, im Juni 2017 ihre Fusion bekannt gaben. „Wir blicken auf eine Geschichte kontinuierlichen Wachstums und starker Partnerschaften zurück“, sagt Han de Groot, der bisher Utz und nunmehr die fusionierte Organisation leitet, „der Zusammenschluss wird unsere Reichweite vergrößern, unsere Stimme stärken und uns der Erreichung unserer Sendung – einer Welt, in der nachhaltige Landwirtschaft die Regel ist – einen Schritt näherbringen.“ Die Fusion sei eine Antwort auf globale Herausforderungen wie Entwaldung, Klimawandel, globale Armut und soziale Ungleichheit, so de Groot. Diesen wolle man sich mit vereinten Kräften stellen.

Stärken bündeln Rainforest Alliance und Utz schreiben sich dasselbe Ziel auf die Fahnen, nämlich die Förderung umwelt- und sozialverträglicher landwirtschaftlicher Produktion, und bearbeiten vielfach dasselbe Feld: Beide sind in Afrika sehr präsent und außerdem stark (Rainforest Alliance) oder ausschließlich (Utz) im Kakao-, Kaffee- und Teesektor tätig. Rainforest Alliance ist breiter aufgestellt und zertifiziert auch Bananen, Palmöl, Ananas und andere Rohstoffe.

Die Schlagkraft der neuen Organisation soll aber gerade aus der Bündelung der Unterschiede kommen: So engagiert sich die in New York angesiedelte Rainforest Alliance seit 32 Jahren vorrangig im kleinbäuerlichen Bereich und setzt sich für Landschaftsbewahrung ein. Die vor 16 Jahren in Amsterdam gegründete Utz-Stiftung hingegen arbeitet primär mit Großbetrieben, bietet ein breites Fortbildungsprogramm und verfügt über anerkannte Kompetenz im Bereich Rückverfolgbarkeit von Produkten. Beibehalten wird der Name der älteren und größeren Organisation, die Marke Utz wird möglicherweise ganz verschwinden.

Anfang dieses Jahres wurde der Merger erfolgreich abgeschlossen. Seither arbeiten die Partner am neuen gemeinsamen Zertifizierungsprogramm. Prozesse sollen vereinfacht, der Fokus auf die Lebensbedingungen der Produzenten verstärkt und, ganz neu, eine Lieferkettenzertifizierung angeboten werden. Die Ergebnisse will man Ende 2019 präsentieren.

Mehrfachzertifizierung Die peruanische Kakao-Kooperative Acopagro mit rund 2.000 Mitgliedern stellt stolz ihre Siegel zur Schau. Noch ist sie sowohl Rainforest Alliance- als auch Utz-zertifiziert. Diese Doppelbelastung wird bald nicht mehr nötig sein.

Entlastung Die Fusion der zwei Nachhaltigkeitsstandards wurde von allen Seiten begrüßt. Eine gute Nachricht war es insbesondere für jene 180.000 Bauern, die derzeit noch nach beiden Standards zertifiziert sind, wie der Präsident des kolumbianischen Kaffeebauernverbands Roberto Vélez betont. Er empfiehlt den Bauern schon jetzt, die Kostenersparnisse, die durch die Fusion der beiden Labels zu erwarten sind, effektiv in nachhaltige Produktion und damit in höhere Gewinne zu investieren.

Vélez lässt damit ein wachsendes Problem anklingen, das Andre de Freitas, CEO des Netzwerks Nachhaltige Landwirtschaft (SAN) – aus dem die Rainforest Alliance hervorging –, vor kurzem ebenfalls angesprochen hat: dass nämlich Landwirte in Enwicklungsländern heute bis zu 15 Zertifizierungen nachweisen können, oft aber mehr Zeit mit Audits als mit der Verbesserung ihrer Produktion verbringen. Die Ursache ist beim Markt zu suchen, wo einerseits Endverbraucher nach Produktzertifizierungen wie Rainforest Alliance, Fairtrade oder Bio Ausschau halten und andererseits die Industrie den Nachweis so genannter Business-to-Business-Labels einfordert. Unter diesen zählen Global G.A.P., Bonsucro oder der Roundtable on Sustainable Palm Oil RSPO zu den bekannteren.

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Rohstoffe: Zertifizierungen boomen

Nachhaltigkeits­zertifizierte Flächen nehmen zu, geradezu rasant stiegen sie zuletzt bei Bananen, Tee und Kakao. Die zertifizierte Fläche erreicht bereits mehr als 11,6 Mio. Hektar.


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Angesichts des Booms von zertifizierten Produkten (siehe Grafik) mit dem entsprechend wachsenden Aufwand steht das Thema Harmonisierung immer öfter im Raum. Dabei werden Fusionen wie die von Rainforest Alliance und Utz mangels ausreichender Überschneidungen Einzelfälle bleiben, konstatiert ein 2017 erschienener Bericht des Internationalen Handelszentrums (ITC) unter dem Titel „Von der Fragmentierung zur Koordination“. Effizienzsteigerungen, die schließlich auch den Bauern zugute kommen, lassen sich aber auch durch andere Formen der Kooperation erreichen. Der Beschluss der zwei wichtigsten Standards für nachhaltiges Soja, ProTerra und Round Table for Responsible Soy RTRS, bei Audits künftig zu kooperieren, wird in diesem Sinn ebenfalls positiv erwähnt.

Orientierung Auch für den Konsumenten, der im viel zitierten Label-Dschungel kaum den Überblick bewahren kann, ist die Labeleinsparung von Vorteil – der Einkaufsratgeber bewusstkaufen.at des österreichischen Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus listet allein für den Bereich Essen und Trinken an die hundert Labels und Gütezeichen.

Die für den Konsumenten entscheidende Frage, ob die Labels auch halten, was sie versprechen, ist, was internationale Labels betrifft, allerdings nicht leicht zu beantworten. Denn eben weil die Produzenten zumeist mehrfach zertifiziert sind, lässt sich die Wirkung einzelner Zertifizierungen kaum isolieren und bewerten, wie der ITC-Bericht über die Lage nachhaltiger Märkte festhält. Der Konsument geht laut Cafe+Co-Geschäftsführer Fritz Kaltenegger die Frage nun aber pragmatisch an: Er habe ein Grundvertrauen in Handel und Industrie entwickelt, dass die entsprechenden Standards mittlerweile erreicht seien (siehe Interview).

Integration In der Tat „können und wollen große Firmen sich keine Fehltritte leisten“, wie Daniela Bogner, Sales und Marketing-Managerin des österreichischen Frucht-, Stärke- und Zuckerkonzerns Agrana, sagt, und legen daher bei Produktsicherheit, die im Dienst der Gesundheit des Konsumenten steht, aber ebenso bei Nachhaltigkeit entlang der Lieferkette die Latte hoch. Die Initiative für nachhaltige Landwirtschaft (SAI), eine 2002 von Nestlé, Unilever und Danone gegründete Plattform für den Austausch und die Förderung von Entwicklung und nachhaltiger landwirtschaftlicher Praxis, hat der verarbeitenden Industrie im Jahr 2010 dazu ein praktikables Instrument in die Hand gegeben: die Nachhaltigkeitsbewertung für den landwirtschaftlichen Betrieb (Farm Sustainability Assessment FSA), die 2016 mit Unterstützung durch ITC digitalisiert und für den Austausch im Netz fit gemacht wurde.

Das Gratis-Tool eignet sich für jedes Produkt und beruht auf der Selbstbeurteilung des Bauern nach standardisierten Fragen zu allen relevanten Nachhaltigkeitsthemen wie Betriebsführung, Arbeitsbedingungen, Boden- und Nährstoffmanagement oder Pflanzenschutz. Bei Erfüllung der Voraussetzungen kann der Bauer über eine externe Verifizierung einen FSA-Gold-, Silber-, oder Bronzestatus erlangen. „Damit kann ein Produzent als nachhaltiger Betrieb bei der Industrie vorstellig werden“, erklärt Bogner.
Der Clue an FSA ist, dass es den Bauern Zertifizierungen, die sie nutzen, positiv anrechnet, sofern sich die jeweiligen Labels einem FSA-Benchmarking unterzogen haben, d. h. sich beurteilen und vergleichen ließen. Bei Agrana, wo seit 2015 FSA genutzt wird, wird gerade dieser Service geschätzt. „FSA ist für uns eine Hilfe bei der Evaluierung und Dokumentation der Einhaltung von Umwelt- und Sozialkriterien in der agrarischen Lieferkette und beim Vergleich der Wertigkeit unterschiedlicher Zertifizierungen“, sagt Bogner. Sie erklärt zugleich: „Der FSA-Status kann aber zum Beispiel nicht auf die Schokoladenverpackung gedruckt werden, da er keine Systematik für Endkunden ist. Die klassischen Labels bleiben daher auch in Zukunft von Bedeutung.“

Diese stellen sich nun beim FSA-Benchmarking an und freuen sich über ein gutes Ergebnis. Damit können sie ihren Lizenznehmern doppelt nützlich sein: bei der Kommunikation mit dem Endkonsumenten wie mit der Industrie. Erst vor wenigen Wochen verbreitete das Kaffeelabel 4C stolz, einem FSA-Silber-Äquivalent zu entsprechen. Auch mit einer Rainforest Alliance Zertifizierung erlangt der Produzent direkt den FSA-Silberstatus – und Utz macht auf Anhieb sogar Gold möglich.

© corporAID Magazin Nr. 77
Text: Ursula Weber
Fotos: Conservation, Benjamin Drummond, SustainAbility

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