Interview

Lektionen aus Kapstadt

08/2018 - Katrin Brübach, Wasserexpertin bei 100 Resilient Cities, berät Städte wie Kapstadt, Jakarta und Honolulu dabei, Wasserkrisen zu verhindern oder zu bewältigen.

Katrin Brübach 100 Resilient Cities

corporAID:Kapstadts Wasserkrise hat heuer für viele Schlagzeilen gesorgt. Sie beraten die Stadt seit Beginn der Krise – ist diese nun abgewendet?

Brübach: Kapstadt hat Tolles geleistet und ist aktuell sehr zuversichtlich, den „Day Zero“ abwenden zu können – der Tag, an dem die Stadt Wasser nur noch in 25-Liter-Tagesrationen an die Bevölkerung ausgeben könnte. Dass es nicht doch dazu kommt, ist von zwei Variablen abhängig: Erstens, dass ausreichend Regen fällt, um die Wasserstände in den Dämmen aufzufüllen und zweitens, dass die Menschen weiterhin Wasser sparen, auch wenn sich die Situation zunehmend entspannt.

Was können andere Städte aus dieser Wasserkrise lernen?

Brübach: Kapstadt hat sich bei der Wasserversorgung bisher hauptsächlich auf die Regenfälle im Winter verlassen. Die Nationalregierung managt diese Wasserressource und teilt sie der Stadt, aber auch den wirtschaftlich so wichtigen Wein- und Obstanbauregionen zu. Diese Abhängigkeit von einer einzigen Wasserressource, die klimabedingt stark schwanken kann und die noch dazu außerhalb des eigenen Zuständigkeitsbereichs liegt, macht besonders krisenanfällig. Solche Risiken haben auch andere Städte. Sie müssen Wege finden, um mit konkurrierenden Wasserverbrauchern gut zu kooperieren und um auf wirtschaftlich vernünftige Weise ihre Wasserressourcen breiter aufzustellen.

Wie kann so ein Wassermix aussehen?

Brübach: Sydney, Melbourne und Singapur haben es vorgemacht und ihre Wasserversorgung stark diversifiziert, und das geschieht nun auch in Kapstadt: Die Stadt setzt neben Oberflächenwasser nun auch auf Grundwasserentnahmen, auf recyceltes Abwasser und zumindest temporär auf Meerwasserentsalzung. Und sie sucht Incentives, um Haushalte und auch Unternehmen zu mehr Eigenverantwortung zu motivieren – damit Wasser je nach Qualität unterschiedlich eingesetzt wird Arme Haushalte machen das ja seit jeher: Sie nutzen Trinkwasser nur zum Trinken und Kochen, und Fluss- oder Regenwasser zum Bewässern und Waschen. Gerade in wasserknappen Städten braucht es ja kein Trinkwasser für das WC.

In Kapstadt haben viele Hausbesitzer Grundwasserpumpen installiert. Ein guter Schritt zu mehr Eigenverantwortung?

Brübach: Im Gegenteil, individuelle Grundwasserentnahmen bergen große Risiken. Zum einen für die Gesundheit, denn auch optisch sauberes Grundwasser kann bakteriell stark verschmutzt sein. Zum anderen können unkontrollierte Entnahmen zum Absinken der Böden führen. Jakarta etwa senkt sich jedes Jahr um mehrere Zentimeter, gleichzeitig steigt der Meeresspiegel – die Folge sind verheerende Überschwemmungen.

Was ist noch wichtig für eine starke, wasserresiliente Stadt?

Brübach: Ich glaube fest daran, dass die Versorgung mit Trinkwasser in der öffentlichen Hand sein sollte, um Wasserqualität sicherzustellen, Ökosysteme zu schützen, Größenvorteile zu realisieren und um alle Bevölkerungsschichten zu erreichen. Die große Herausforderung für resiliente Wassersysteme ist Kostendeckung. Speziell in Entwicklungsländern braucht es ja einerseits armutsorientierte Wassertarife, damit sich jeder Wasser leisten kann, anderseits muss der Versorger auf finanziell gesunden Beinen stehen, um den Betrieb ordentlich managen zu können. Ich habe 15 Jahre lang mit Städten in Afrika und im Nahen Osten gearbeitet, im Schnitt gehen dort fünfzig Prozent des Wassers durch marode Leitungen und illegale Anschlüsse verloren. Alles, was über 25 Prozent Verlust geht, ist wirklich schlecht. Doch vielen Städten fehlt es an Geld und Know-how, um das zu beheben. Die Balance zwischen Kundenorientierung und Kostendeckung ist eben sehr schwierig. Nicht nur für Stadtverwaltungen in ärmeren Regionen. In London ist Trinkwasser vergleichsweise billig, dafür gehen durch Lecks im Netz rund 25 Prozent des Wassers verloren. Auch London wird vielleicht einmal eine Wasserkrise erleben.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 77
Das Gespräch führte Katharina Kainz-Traxler

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