Interview

Mindset-Leapfrogging

06/2018 - Hans Stoisser, Unternehmer und Afrika-Experte, beobachtet auf dem Nachbarkontinent eine digitale Dynamik, von der Europa lernen kann – und die ganz Afrika die Chance zu großen Entwicklungssprüngen bietet.

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Innovative Projekte in Entwicklungsländern


Hans Stoisser
Gründer von Ecotec

corporAID: Im Jänner haben Sie Ihre erste „Learning Journey ins Silicon Savannah“ nach Nairobi veranstaltet. Welche Lernerfolge haben Sie dabei erzielt?

Stoisser: Die digitale Transformation läuft in Afrika parallel zur Transformation in Europa, aber in Afrika sind die unternehmerischen Neuentdeckungen näher an den Bedürfnissen der Menschen. Mobile Money konnte bei uns nicht entstehen, aber in Afrika ist es möglich und nötig gewesen.

Schlagwort Leapfrogging, also das Überspringen einzelner Entwicklungsstufen?

Stoisser: Ja, und agiles Denken. Im Management gibt es derzeit den Paradigmenwechsel zum agilen Denken. Die Einbeziehung des Kunden steht an erster Stelle. Hierarchien werden zurückgenommen, es wird horizontal kommuniziert. In kleinen Schritten vorgehen, mit eingebauten Feedbackzyklen. „Test and Learn“ statt „Plan and Implement“. In Afrika passiert genau das alles schon längst. Dieses für uns neue Mindset ist dort ohnehin schon da, weil es immer schon schwierige Rahmenbedingungen gab. Wir sehen Leapfrogging also nicht nur bei Technologien – das Festnetztelefon wurde übersprungen –, sondern auch im Mindset.

Daher auch die „Learning Journey“?

Stoisser: Die Differenz zwischen dem bei uns vorherrschenden Afrikabild – Katastrophen, Krisen, Entwicklungshilfe – und der neuen dynamischen Welt, die in den afrikanischen Ländern durch die digitale Transformation entsteht, hat zu der Idee geführt. Heute sind 300 bis 400 Millionen Afrikaner in der Lage, ihr Leben deutlich anders zu gestalten als die Elterngeneration. Und diese Anzahl wird sich verdoppeln bis verdreifachen. Da liegen viele Chancen für europäische Unternehmen. Zum Beispiel sind wir gute drei Stunden bei M-Pesa mit dem CEO zusammen gesessen und haben versucht, dahinter zu kommen, warum gerade dieses Produkt so gut gegriffen hat. Was wir gelernt haben: Es geht um die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Gerade die unteren Einkommensschichten, die weniger davon haben, müssen ihr Geld schneller in den Kreislauf bringen.

Hätten Sie vor 20 Jahren eine derartige Entwicklung erwartet?

Stoisser: Vor 20 Jahren haben wir viele Pläne gemacht. Wie kann man Mosambik, Kapverde, Uganda, Äthiopien und Simbabwe entwickeln? Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass die Mobiltelefonie, die es damals bei uns schon in Grundzügen gegeben hat, eine große Rolle spielen wird. An Leapfrogging haben wir damals nicht gedacht. Was uns das zeigt: Man kann Entwicklung nicht planen. Hunderttausende Experten haben sich Millionen von Stunden über die Entwicklung Afrikas die Köpfe zerbrochen – und das völlig umsonst. Mobile Money ist aus einem Zusammenspiel vieler unternehmerischer Faktoren entstanden.

In Kenia spielten auch die günstigen politischen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. Was hilft digitale Entwicklung, wenn die Politik, das Analoge, sich quer stellt?

Stoisser: Das stimmt. Aber eine florierende Wirtschaft macht Druck auf die Politik. Dezentrale Strukturen setzen sich gegen die einzelnen großen Machtzentren, wie es sie bis vor Kurzem etwa in Simbabwe noch gegeben hat, durch. Aber natürlich muss sich der Staat auch weiterentwickeln, damit es funktioniert.

Wie schätzen Sie die Gefahr einer digitalen Spaltung Afrikas ein?

Stoisser: Nicht nur in den Städten, auch im ländlichen Afrika gibt es überall Handys, auch wenn noch nicht jeder eins besitzt. Und genau dort am Land werden die Technologien gebraucht. Die Fischverkäuferin muss wissen, wo und wann der Fisch rein kommt. Und wenn die Krankenstation mit dem Spital in der Hauptstadt verbunden ist, gibt es natürlich ganz andere Möglichkeiten, Patienten zu behandeln. Dabei entsteht wie bei jeder dynamischen Entwicklung zwar eine Kluft, trotzdem bin ich der Meinung, dass die Digitalisierung in Afrika der breiten Masse zugute kommt.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 76
Das Gespräch führte Frederik Schäfer.
Foto: Sebastian Judtmann

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