Interview

Agbogbloshie upgraden

04/2018 - Der Oberösterreicher Markus Spitzbart hat mehr als fünf Jahre das Demontage- und Recycling-Zentrum DRZ in Wien geleitet, nun will er für die staatliche deutsche Entwicklungsagentur GIZ das Elektrorecycling in Ghana auf Vordermann bringen.


Markus Spitzbart
GIZ

corporAID: Die Elektroschrottdeponie in Agbogbloshie ist einer der verseuchtesten Orte der Welt. Auf der anderen Seite hängen tausende Menschen von ihrem Einkommen dort ab. Wo fängt man da an, wenn man Veränderung bewirken will?

Spitzbart: Bei der Akzeptanz. Die GIZ ist sehr präsent auf der Deponie, damit die Arbeiter sehen: Die meinen es ernst, arbeiten mit uns gemeinsam, entscheiden nichts über uns hinweg. Und neben einer monatelangen Analyse der Recyclingprozesse, die wir durchgeführt haben, sind wir stets mit den Arbeitern im Gespräch über ihre Bedürfnisse. Darauf aufbauend errichten wir gerade einen Gesundheitsposten und eine Trainingswerkstatt. Dort geben wir Kurse zum korrekten Demontieren alter Elektronikgeräte und zu Arbeitsschutzmaßnahmen.

Wie sehen die genannten Prozesse aus?

Spitzbart: Früher habe ich geglaubt, da sitzt einer und zerlegt den PC, bis alle Wertstoffe draußen sind. Aber das stimmt nicht. Im ersten Schritt werden nur die Grobteile herausgenommen, dann werden diese auf der Deponie weiterverkauft, an verschiedene, spezialisierte Stellen, die sie bearbeiten. Von der betriebswirtschaftlichen Organisierung ist die Elektroschrottdeponie ein faszinierendes System, das sich sehr schnell auf neuen Bedarf einstellt. Diese organisierte Wertschöpfungskette birgt viel Potenzial.

Lässt sich der informelle Sektor, der auf der Deponie herrscht, in eine formelle Recyclingwirtschaft überführen?

Spitzbart: Ja, aber nur Schritt für Schritt. Man muss klare Schnittstellen ausmachen: Wo können weiterhin informelle Tätigkeiten ausgeführt und was muss in einem formellen, angemeldeten Kontext geleistet werden? Die manuelle Demontage eines Laptops oder anderer kleiner Haushaltsgeräte kann auch ohne Weiteres ein kleiner Recycler mit ein paar Mann durchführen. Wenn es aber um die Behandlung von gesammelten Kühlgeräten geht, ist es wirklich wichtig, dass das im organisierten Rahmen stattfindet. Im kleinen Recyclingmaßstab lassen sich diese nicht umwelt- und gesundheitsgerecht verwerten.

Spielen österreichische Unternehmen dabei eine Rolle?

Spitzbart: Wir haben einige Dienstleistungen ausgeschrieben: Recyclingoptionen für Ghana herauszufinden und zu konkretisieren oder auch die Trainingskurse für die Arbeiter auf der Deponie durchzuführen. Da hat sich ein Konsortium herausgebildet, in dem die Amstettner Firma Müller-Guttenbrunn und das Wiener DRZ als Projektpartner beteiligt sind. Ansonsten ist es ein klares Ziel des Projekts, ghanaische Akteure im Recyclingsektor mit europäischen mittelständischen Unternehmen zusammenzubringen und zu schauen, ob hier durch Joint Ventures Separationstechnologien wie Kabelaufbereitungsanlagen nach Ghana gebracht werden können.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 75
Das Gespräch führte Frederik Schäfer.
Foto: GIZ

Suche:  
Aktuelle Artikel

Krise in Venezuela: Die Revolution frisst ihre Kinder

Die aktuelle Zahl: Papier im Gepäck

Flucht und Migration: Lieber vor Ort

Termine

18.12. High-Level Forum Africa-Europe: Taking Cooperation to the Digital Age

6.11.2018 Konferenz: Urban Development Markets

27.11.2018 Multilogue: Africa's Path to Prosperity

Österreichische Unternehmen unterstützen corporAID
http://corporate.coke.at