Interview

Ohne Rendite keine Glaubwürdigkeit

02/2018 - Für Nanno Kleiterp, Vorsitzender des Dachverbands der europäischen Entwicklungsfinanzierer EDFI, sind Entwicklungsbanken wichtige Brückenbauer zwischen der öffentlichen Hand und Unternehmen. Die richtige Balance zwischen Additionalität und Rendite ist dabei der Schlüssel zum Erfolg.


Nanno Kleiterp war 30 Jahre lang für die niederländische Entwicklungsbank FMO tätig, zuletzt als Vorstandsvorsitzender von 2008 bis 2016. Aktuell ist Kleiterp unter anderem Vorsitzender des Dachverbands der europäischen Entwicklungs­finanzierungs­institutionen EDFI.

corporAID: Wie sehen Sie das Zusammenspiel von Staat und Wirtschaft für globale Entwicklung?

Kleiterp: Entscheidend ist, dass jeder seine entsprechende Rolle einnimmt. Ich habe mich in meiner Karriere hauptsächlich mit der Rolle und der Förderung des Privatsektors befasst. Denn ich glaube an die freie Marktwirtschaft und daran, dass erfolgreiche Unternehmen die Basis für Arbeitsplätze und Einkommen sind. Ich gebe zu: Das war nicht immer so. Ich habe aber in den 1980er Jahren in Nicaragua mit eigenen Augen gesehen, dass eine zentralistische Planwirtschaft schlichtweg nicht funktioniert. Natürlich hat auch die freie Marktwirtschaft ihre Tücken, beispielsweise kann sie zu Ungleichheit in und zwischen Ländern führen, weil nicht alle Menschen vom Marktsystem profitieren. Daher braucht es Regierungen, die bestimmte Freiheiten des Marktes abfedern oder einschränken. Aber Fakt ist und bleibt: Die freie Marktwirtschaft ist in jedem Fall das am wenigsten schlechte System, das wir haben.

Wird die Rolle der Wirtschaft als Partner für Entwicklung anerkannt?

Kleiterp: Ich denke schon, aber noch nicht ausreichend. Vor 30 Jahren war man noch davon überzeugt, dass der primäre Weg zu Entwicklung über die direkte finanzielle Unterstützung von Regierungen in Entwicklungsländern führt – die Wirtschaft spielte kaum eine Rolle. Hier gab es einen bedeutenden Paradigmenwechsel. Besonders zu spüren war das bei der Financing for Development-Konferenz 2015 in Addis Abeba – ich habe dort Regierungen das erste Mal sagen hören: Wir brauchen die Wirtschaft, weil wir es allein nicht können! Aber auch bei den Unternehmen hat ein Umdenken in Richtung Verantwortung für die Gesellschaft stattgefunden. Beispielsweise beim Klimawandel: Viele multinationale, aber auch Klein- und Mittelunternehmen haben erkannt, dass sie die Verantwortung für ihren CO2-Ausstoß nicht auf andere abschieben können, sondern selbst Lösungen finden müssen. Und zwar nicht aus einem Wohlfahrtsgedanken heraus, sondern im Rahmen des Kerngeschäfts. Durch dieses beidseitige Umdenken können Regierungen heute Unternehmen dabei unterstützen, ihre wichtige Rolle für Entwicklung auch wahrzunehmen.

Mit welchen Ansätzen und Instrumenten funktioniert das am besten?

Kleiterp: Es ist nach wie vor eine Herausforderung. Der private und der öffentliche Sektor sprechen unterschiedliche Sprachen, das gegenseitige Vertrauen ist überschaubar. Hier braucht es Brücken, und die Entwicklungsbanken haben mehr als 50 Jahre Erfahrung darin, solche Brücken zu bauen. Die Entwicklungsbanken sind in den vergangenen 25 Jahren jährlich um zehn Prozent gewachsen und haben gezeigt, dass man Renditen erzielen, gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen und die Umwelt und Menschenrechte achten kann. Allein die europäischen Entwicklungsbanken haben heute ein Portfolio von rund 50 Mrd. Euro, das ist eine bedeutende Kraft für globale Entwicklung. Regierungen wissen oft gar nicht, was sie mit diesen Institutionen aufgebaut und welche Fähigkeiten diese Institutionen haben.

Wo liegt in der Entwicklungsfinanzierung die richtige Balance zwischen Risiko und Rendite?

Kleiterp: Additionalität ist ein wichtiges Stichwort für Entwicklungsbanken – man will schließlich dort Finanzierungen bereitstellen, wo kommerzielle Banken noch nicht tätig sind. Dabei ist es nicht einfach, ein Gespür für die Balance zwischen Risiko, Additionalität und dem “Crowding-in“ von privaten Investitionen zu finden. Jede Entwicklungsbank hat in ihrem Portfolio eher additionale Projekte, die kommerzielle Banken nie antasten würden, weil das Umfeld zu riskant oder der Markt zu neu ist. Gleichzeitig gibt es in jedem Portfolio Projekte, bei denen nur etwas Risiko abgefedert wird, damit kommerzielle Investoren einsteigen. Dazu kommt, dass sich die Additionalität eines Projekts im Laufe der Zeit ändert. In den 1990er Jahren haben wir etwa in Mobilfunkunternehmen in Kamerun, Tschad oder Ruanda investiert – damals wollte sich dort keine kommerzielle Bank die Finger verbrennen. Zehn Jahre später waren Unternehmen wie CelTel so profitabel, dass sie an andere Mobilfunkbetreiber verkauft wurden. Rückblickend sieht das nach einem einfachen Investment aus, zum damaligen Zeitpunkt war es das aber ganz und gar nicht.

Gibt es für Entwicklungsbanken überhaupt die richtige Rendite?

Kleiterp: In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Rendite einer Entwicklungsbank, die ja mit Steuergeld agiert, immer zu hoch oder zu niedrig sein. Absurderweise werden Entwicklungsbanken, die erhebliche Gewinne machen, dafür kritisiert, zu wenig Risiko einzugehen. Dabei ist die Faustregel ja genau umgekehrt: Je höher das Risiko, desto höher der Gewinn. Für mich sind sechs Prozent eine angemessene Rendite im Zeitverlauf. Unterm Strich gilt es ja zu zeigen, dass es möglich ist, in den Privatsektor in Entwicklungsländern zu investieren und damit Gewinne zu erzielen. Eine Entwicklungsbank, die regelmäßig Verluste macht, verliert an Glaubwürdigkeit in ihrer Mission, andere Investoren an Bord zu holen.

Allein in Europa gibt es 15 bilaterale Entwicklungsbanken – worin unterscheiden sich diese?

Kleiterp:Die Welt verändert sich ebenso wie die Märkte und die öffentliche Wahrnehmung – hier müssen Entwicklungsbanken als Unternehmen im staatlichen Auftrag mitziehen. Die europäischen Institutionen teilen zwar die Mission, zu einer besseren Welt beizutragen, indem sie finanzielle mit sozialen und ökologischen Renditen verbinden. In der Umsetzung gibt es aber Unterschiede: Manche konzentrieren sich auf Beteiligungen, andere arbeiten hauptsächlich mit Garantieinstrumenten, manche sind nur in den ärmsten, andere in allen Entwicklungsländern tätig. Kleinere Entwicklungsbanken fokussieren häufig auf einzelne Sektoren wie Landwirtschaft oder KMU-Förderung. Weil dadurch jede Institution ihre eigene Expertise entwickelt, können sie sich gut ergänzen und voneinander lernen.

Von den Entwicklungsbanken wird erwartet, dass sie verstärkt mit heimischen Unternehmen zusammenarbeiten. Ist das sinnvoll?

Kleiterp:Ich halte das grundsätzlich für einen logischen Schritt. In den Niederlanden verfügen wir über viel Wissen im Bereich Wassermanagement, daher gibt es auch viele Unternehmen mit entsprechenden Technologien und Dienstleistungen. Leider gibt es aber nicht viele, die über den Export hinaus vor Ort investieren. Genau solche Unternehmen suchen aber die Entwicklungsbanken. In der Theorie ist es Teil unseres Auftrags, nationale Unternehmen bei ihrem Schritt in schwierige Märkte zu unterstützen. Ich halte es aber für einen Irrglauben, dass viele Unternehmen nur deshalb nicht in schwierigen Märkten investieren, weil die bösen Banken ihnen kein Geld dafür geben. In der Praxis zeigt sich, dass es oft schwierig ist, geeignete Unternehmen zu finden, die erfolgreich in solche Märkte gehen wollen und können. Hier kann man über Geschäftschancen informieren, aber man soll Unternehmen nicht zwingen, etwas zu tun, das nicht ihrer Geschäftsstrategie entspricht.

Gerade KMU klagen aber oft über fehlende Finanzierungsangebote.

Kleiterp: Es gibt sowohl in Entwicklungsländern als auch in Europa eine Lücke bei der Finanzierung von KMU. Leider hat noch niemand einen Weg gefunden, diese auf eine profitable Art und Weise darzustellen. Bei Beträgen unter einer Million Euro sind die relativen Transaktionskosten einfach zu hoch. Zudem ist bei kleineren Unternehmen das Risiko ungleich höher, da sie normalerweise Familienunternehmen sind und über weniger Managementkapazität und Transparenz verfügen. Daher braucht es für dieses Segment im Endeffekt öffentliche Subventionen, sonst muss man hohe Zinssätze verlangen, die niemand bereit ist zu zahlen. Und dann steht man wiederum vor der Frage: Welcher Entwicklungsimpact rechtfertigt welche Subventionen?

Danke für das Gespräch!

© corproAID Magazin Nr. 74
Das Gespräch führte Melanie Pölzinger.
Foto: Christoph Eder

 

Kommentare

 
 

 
Suche:  
Aktuelle Artikel

Interview: Besser vor Ort

Post-Paris-Navigator: Klima-Actionhelden

Erfolgsfaktoren in Afrika: Weltmeisterliche Möglichkeiten

Termine

24.7.2018 Multilogue: Challenging Development

5.9.2018 Forum: Geschäftsmodelle mit Impact

corporAID Newsletter: Abonnieren

Österreichische Unternehmen unterstützen corporAID
http://corporate.coke.at