Großes Interview

Mittelständler unter Strom

02/2018 - Christian Knill, Miteigentümer der Knill Gruppe, sieht sein Unternehmen dank Globalisierung und der Dynamik im Ausbau von Energieversorgung ständig in Bewegung. Dabei setzt der steirische Mittelständler nicht vorwiegend auf bahnbrechende Innovationen, sondern auf die gezielte Erfüllung von Kundenwünschen.



Christian Knill ist seit 2002 CEO der Energie-sparte der Knill Gruppe.

corporAID: Welche Schlagworte verbinden Sie mit Globalisierung?

Knill: Globalisierung hat für mich persönlich vor allem den Touch der Freiheit. Aus wirtschaftlicher Sicht bedeutet Globalisierung neue Möglichkeiten durch die Öffnung von Märkten. Für die meisten Mittelständler war früher Österreich der Markt, dann ist Europa dazu gekommen, dann Asien und heute ist praktisch die ganze Welt ein potenzieller Markt. Dabei wird natürlich auch der Wettbewerb immer härter: Sowohl im Absatz als auch in der Beschaffung und selbst im Personalbereich bewegen wir uns heute auf globaler Ebene.

Der Begriff Globalisierung ist oft negativ besetzt. Wie erklären Sie sich das?

„Wenn wir auch in 50 Jahren noch auf Top-Niveau sein wollen, dürfen wir nicht den Status Quo einzementieren.“

Christian Knill

Knill: Österreich gehört zu den größten Profiteuren der Globalisierung – das zeigt beispielsweise der Globalisierungsindex der ETH Zürich, wo wir an vierter Stelle liegen. Gleichzeitig gibt es einfach sehr viele Menschen, die sehr gerne in geordneten und immer gleichen Verhältnissen leben. Globalisierung bedeutet aber Veränderung, ich muss etwa plötzlich im Unternehmen Englisch sprechen, mit chinesischen Lieferanten verhandeln, mich mit anderen Kulturen auseinandersetzen. Das heißt, man muss anders arbeiten, und der Mensch ist leider einfach nicht sehr veränderungswillig. Dazu kommt vor allem in Europa die verbreitete Angst der Menschen, dass ihnen jemand etwas wegnimmt.

Ist Österreich ein guter Standort für international tätige Unternehmen?

Knill: Für die Beantwortung dieser Frage spielen drei Themen eine wichtige Rolle: Die Standortkosten, die Infrastruktur und das Bildungsniveau. Bei den Standortkosten liegen wir im Grunde gar nicht schlecht. Manche energieintensive Industrien beklagen zwar die im Vergleich zu anderen Ländern hohen Energiekosten, für die große Masse der Unternehmen ist das aber praktisch wenig relevant. Hinzu kommt, dass wir schon ein sehr verwaltetes Land sind. Hier gibt es einiges an Verbesserungspotenzial. Was die Infrastruktur betrifft: Österreich ist nun einmal ein Binnenland und damit vom LKW- und Eisenbahntransport abhängig. Das ist kostenseitig kein großes Thema – anders als die Erreichbarkeit von manchen Standorten in den Regionen. Wenn man unser Verkehrsnetz mit dem der Schweiz vergleicht, sind wir fast ein Entwicklungsland. Und beim Bildungsniveau ist es einfach so, dass Österreich mit seinem teilweise immer noch theresianischen Schulsystem aus dem 18. Jahrhundert bei Digitalisierung und der Nutzung von neuen Technologien nicht mithalten kann. Wir müssen verstärkt auf jene zukunftsträchtigen Skills setzen, die unser Nachwuchs benötigt. Leider ist das Bildungssystem hier sehr träge. Im Großen und Ganzen sind aber gerade unsere Facharbeiter ein großes Asset – unser duales Ausbildungssystem ist einzigartig auf der ganzen Welt. Wenn wir auch in 50 Jahren noch auf Top-Niveau sein wollen, dürfen wir aber nicht den Status Quo einzementieren.

In welchen Regionen liegen Ihre Wachstumsmärkte?

Knill: Wir sind schon seit einigen Jahren erfolgreich in Indien tätig. Auch Südostasien und Australien sind für uns interessante Wachstumsmärkte. Ein Zielmarkt, in dem wir bisher noch nicht aktiv waren, sind nach wie vor die USA. Hier ist die Herausforderung, dass wir dafür erst einmal unser gesamtes Produktspektrum an die dortigen Standards anpassen und eine breite Vertriebsstruktur aufbauen müssten. Auch Lateinamerika ist nicht uninteressant, hier verfügen wir über ein laufendes Geschäft, haben aber nicht vor, in nächster Zukunft zu investieren.

Wie sieht es mit Afrika aus?

„Das Denken, dass wir Europäer die Gescheitesten sind und die anderen alles so machen müssen wie wir – das haben wir schon lange ad acta gelegt.“

Christian Knill

Knill: Den afrikanischen Markt bearbeiten wir indirekt über unser indisches Joint-Venture, von dem uns 74 Prozent gehören. Wir haben in Indien selbst eine starke Marktposition und gehen mit indischen Baufirmen auch nach Subsahara-Afrika. Unser Markt funktioniert nämlich so, dass Energieversorger Neubauten international ausschreiben, und die Baufirma, die den Auftrag erhält, bestellt die entsprechende Technik bei Sublieferanten – unter anderem bei uns, weil indische Unternehmen eben primär indische Lieferanten suchen. Da sind wir gut im Geschäft, weil wir die günstigere Fertigung in Indien nützen und den afrikanischen Markt mit diesen Produkten bedienen. Außerdem kenne ich keine österreichische Baufirma, die im Energiebereich in Afrika nennenswert tätig wäre.

Afrika liegt allgemein nicht am Radar heimischer Unternehmen. Warum ist das so?

Knill: Ich kann Ihnen sagen, warum wir in Afrika nicht viel machen: Ich habe dort keine Rechtssicherheit. Und in vielen Ländern wie beispielsweise Nigeria ist Korruption so verbreitet, dass ich kein Interesse habe, mir dort die Finger zu verbrennen. Gerade im Energiebereich ist Afrika auch ein Finanzierungsthema. Zwar gibt es einen großen Bedarf, aber der entsprechende Ausbau passiert bei Weitem nicht – nachvollziehbarer Weise: Denn wer dort Geld in die Errichtung von Leitungen investiert, muss sich schon sehr sicher sein, dass deren Nutzung dann wirklich abgegolten wird und er sein Geld auch wieder herausbekommt.

Wie handhaben Sie die Integration von Firmen in Emerging Markets in die Unternehmensgruppe?

Knill: Bei grundlegenden Management-Tools setzen wir auf einheitliche Standards. Aber die Fertigungsmethoden, Arbeitspläne und so weiter wollen wir nicht eins zu eins kopieren. Mittlerweile gibt es ein gegenseitiges Lernen und einen Austausch bei Prozessen und Abläufen. Das Denken, dass wir Europäer die Gescheitesten sind und die anderen alles so machen müssen wie wir – das haben wir schon lange ad acta gelegt. Unsere indische Firma kann genauso gut auf Kundenwünsche eingehen wie wir – und schafft es teilweise wesentlich schneller. Gerade bei nicht-automatisierten Lösungen gibt es hier sehr gute Ideen, auf die wir in Österreich so gar nicht kommen würden, weil wir viel zu kompliziert denken.

Welche Bedeutung hat Innovation für die Knill Gruppe?

Knill: Natürlich ist Innovation für die Knill Gruppe wichtig: Wir investieren im Bereich Maschinenbau mehr als zehn Prozent unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung, im Energiebereich sind es knapp fünf Prozent. Nur ist das mit dem Begriff Innovation so eine Sache. Wir machen keine Grundlagenforschung und suchen auch nicht primär nach komplett neuen Produkten, sondern schauen vor allem, was der Kunde braucht – das ist zu 80 Prozent eine Adaptierung von Bestehendem. Nur: Ist das dann Innovation? Für mich ist das einfach Kundenbedarfserfüllung. Um ein Beispiel zu nennen: Der limitierende Faktor bei der Energieübertragung ist letztlich die Erwärmung der Leitung – je mehr Strom fließt, desto wärmer wird sie. Idealerweise wird die Leitung knapp unterhalb der zulässigen Höchsttemperatur betrieben. Unser Innovationsthema ist nun, wie man über Sensoren die Temperatur verschiedener Leitungs-abschnitte sowie externe Einflussfaktoren – das ist bei Freileitung vor allem die Kühlung durch Wind – messen und voraussagen kann, um die durchgeleitete Strommenge präzise zu steuern. Dank eines solchen Line Monitorings, das wir bald anbieten werden, können Energieversorger in manchen Situationen mehr Strom als technisch berechnet durchleiten und damit mehr Umsatz machen.

Hat der Ausbau von erneuerbarer Energie Auswirkungen auf Ihr Unternehmen?

„Wachstum hat auch mit Nachhaltigkeit zu tun, weil es langfristig den Erfolg und das Fortbestehen des Unternehmens sichert.“

Christian Knill

Knill: Für unser Unternehmen ist die Stromübertragung ein zentrales Geschäftsfeld, weshalb natürlich jede Veränderung im Energiesektor Auswirkungen auf uns hat. Ich mache mir aber keine Sorgen, dass die Übertragung nicht mehr gebraucht werden könnte, selbst wenn jeder seinen Strom selbst erzeugt – was grundsätzlich technisch möglich ist. Vernetzte Stromsysteme sind ökonomisch immer sinnvoller, zudem bieten sie ein Sicherheitsnetz. Wir sehen ja in Europa, dass die Übertragungs-leitungen eine entscheidende Rolle beim Ausbau der erneuerbaren Energie spielen. Das ist aber auch in den meisten Entwicklungs-ländern so, die ja an sich sehr gute Voraussetzungen für die Nutzung von erneuerbarer Energie und auch für autonome oder kleinteilige Systeme haben. Meiner Meinung nach wäre es daher sowieso sinnvoller, würden wir einen Teil unserer Aufwendungen für den Klimaschutz direkt in Entwicklungsländern tätigen. Dort Technologien und Projektfinanzierungen bereitzustellen würde wesentlich mehr Sinn machen.

Können Unternehmen wachsen und gleichzeitig nachhaltig sein?

Knill: Selbstverständlich, denn Wachstum hat auch mit Nachhaltigkeit zu tun, weil es langfristig den Erfolg und das Fortbestehen des Unternehmens sichert. Diese Langfristigkeit ist Teil unserer 300-jährigen Unternehmensgeschichte. Ohne Wachstum bleibt ein Unternehmen stehen und verliert sukzessive an Wettbewerbsfähigkeit und an Marktanteilen. Aber wir müssen nicht um jeden Preis wachsen. Wir wachsen moderat – teilweise organisch, teilweise durch Zukäufe. Bei Nachhaltigkeit geht es nicht nur um die ökonomische, sondern auch um die ökologische und soziale Dimension. Hier haben wir den Anspruch, auch an Standorten in Indien oder Thailand Ressourcen zu schonen und grundsätzlich ähnliche Arbeitsbedingungen wie in Österreich zu schaffen. Ein weiterer wichtiger Aspekt von Nachhaltigkeit ist die Langlebigkeit unserer Produkte: Diese sind auf einen Einsatz von 40 Jahren und mehr ausgelegt, und zwar unabhängig davon, ob sie in Österreich oder in Indien hergestellt wurden. Dass ich in Indien billiger produziere darf nicht auf Kosten der Qualität gehen – darauf legen wir hohen Wert.

Wie gehen Sie an Ihren Auslandsstandorten mit Themen wie Werten und Nachhaltigkeit um?

Knill: Es geht hier stark um die Einstellung der Menschen. Es ist nämlich nicht ganz einfach, beispielsweise in Indien oder Thailand die Leute zu überzeugen, dass Umweltschutz wichtig ist. Das war und ist auch in unseren Unternehmen ein mühsamer Prozess – gerade weil wir vor Ort meist nicht mit Expats, sondern mit lokalen Managern arbeiten. Ich bin offen dafür, wenn mir jemand sagen kann, wie es einfach geht, die Werte, die in Weiz gelebt werden, auf das gesamte Unternehmen auszurollen – ohne einen Österreicher als Aufpasser hinzuschicken.

Wie stehen Sie zur Kooperation der Entwicklungszusammenarbeit mit österreichischen Unternehmen?

Knill: Ich muss vorweg sagen, dass ich grundsätzlich kein Freund von Förderungen bin. Gleichzeitig schrecken aber doch genug Unternehmen davor zurück, an Standorten in Entwicklungsländern langfristig Standards weit über das gesetzlich notwendige Maß zu verbessern – was an sich auch ihr gutes Recht ist. Wenn eine gewisse Unterstützung hier helfen kann, diese Schwelle zu überschreiten, ist das kein schlechter Ansatz.


Vielen Dank für das Gespräch!



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ZUR PERSON

Christian Knill ist seit 2002 CEO der Energiesparte der Knill Gruppe, die er gemeinsam mit seinem Bruder Georg in zwölfter Generation leitet. Der 48-jährige Steirer studierte Betriebswirtschaft in Graz und sammelte früh Erfahrung im familien-eigenen Betrieb. Knill ist heute zudem Obmann des Fachverbands Metalltechnische Industrie.


ZUM UNTERNEHMEN


Mosdorfer Das Stammunternehmen der Knill Gruppe am Standort Weiz

Steirischer Traditionsbetrieb
Die Knill Gruppe mit Sitz in Weiz wurde 1712 gegründet und hat sich während ihres 300-jährigen Bestehens von einer einfachen Klingenschmiede zu einem diversifizierten Mischkonzern entwickelt. Die Energiesparte Knill Energy produziert Komponenten und Systeme für die weltweite Energieindustrie mit Schwerpunkt auf Stromübertragung und -verteilung sowie Schrank- und Erwärmungssysteme für technische Spezialanwendungen.
Knill Technology stellt Maschinen und Fertigungslösungen für die Batterie-, Draht-, Kabel- und Glasfaserindustrie her.
Mit 28 Unternehmen in 16 Ländern – darunter etwa Indien, Thailand, China und Russland – und mehr als 2.000 Beschäftigten weltweit setzt die Knill Gruppe jährlich rund 300 Mio. Euro um.






© corporAID Magazin Nr. 74
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Mihai M. Mitrea, Knill

 

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