Sozialunternehmen

Weniger Plastik im Meer

02/2018 - Ein kanadisches Start-up hat den Kampf gegen Plastik im Meer aufgenommen und sich zugleich der Armutsbekämpfung verschrieben. In Haiti und auf den Philippinen ist die Plastic Bank bereits aktiv, Ziel ist ein globales Roll-out. Die Idee findet weltweit Beachtung, Partnerschaften mit Unternehmen geben dem Vorhaben Rückenwind.

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Interview mit Stefan Grafenhorst, Greiner Gruppe

Die zunehmende Vermüllung der Ozeane mit Kunststoff – jedes Jahr landen mehr als acht Millionen Tonnen Plastik im Meer – bereitet weltweit Sorge. Denn was heute noch an der Oberfläche schwimmt, wird morgen zersetzt, von Fischen verschluckt und findet sich übermorgen als Mikroplastik auf dem Teller wieder. Was also tun?

Die zwei Kanadier David Katz und Shaun Frankson – der eine Gründer eines Flotten-Tracking-Unternehmens und weitgereister Hobbytaucher, der andere einst Rockmusiker und später kongenialer Mitarbeiter in Katz‘ Unternehmen – traten 2013 mit einem Lösungsansatz an die Öffentlichkeit, der in seiner Einfachheit verblüfft: Wenn es gelingt, ausgehend von Plastik, das in meeresnahen Gegenden – an Stränden, in Kanälen und Flussmündungen – herumliegt, Wertschöpfungsketten aufzubauen, indem man es sammelt, aufbereitet und in den Plastikkreislauf rückführt, sollte langfristig weniger Plastik im Meer landen. Und wenn noch dazu arme Menschen als Sammler des nunmehrigen Wertstoffs Plastik an diesen Wertschöpfungsketten beteiligt werden, trägt der Ansatz auch noch zur globalen Armutsbekämpfung bei.

Das Sammeln und Aufbereiten von Kunststoffabfall ist der wirksamste, wenn auch nicht verbreitetste Weg zur Lösung des globalen Plastikproblems: 2015 lag die Recyclingquote der weltweit 6,3 Mio. Tonnen Plastikabfall bei nur neun Prozent, zwölf Prozent wurden verbrannt, der Rest landete auf Müllhalden oder schlichtweg in der freien Natur.

Erste Schritte, erste Lehren Die Idee zur Plastikbank kam Katz bei einer Konferenz zu globalen Herausforderungen im Silicon Valley 2013, gemeinsam mit Frankson baute er sie zum Geschäftsmodell aus. Für dessen Umsetzung hängten beide ihre früheren beruflichen Karrieren an den Nagel. Die Basis für das Vorhaben war rasch gelegt: Katz und Frankson gründeten The Plastic Bank TPB, nannten ihr Produkt – das zu Flocken verarbeitete Altplastik – Social Plastic und ließen den Namen als Marke schützen.

Aus ersten Pilotversuchen in Kolumbien und Peru konnten die Partner laut Frankson wichtige Lehren ziehen: Um mit Plastiksammlern langfristig im Geschäft zu bleiben, war es wichtig, die Preise unabhängig von Weltmarktpreisschwankungen stabil zu halten. Außerdem war es nötig, die Sammler beruflich aufzuwerten, etwa indem man sie als Plastikrecycler bezeichnete, mit Uniformen ausstattete oder besondere Leistungen honorierte. „Die Sammler wollen von ihrem Umfeld als Unternehmer und Gewinner gesehen werden“, so Frankson.


In den Filialen der Plastikbank können die Kunden ihr gesammeltes Gut gegen Cash, häufig aber auch gegen Lebensmittel, Brennstoff, eine Handyaufladung oder Internetzugang tauschen.

Die Plastic Bank setzte ihre Tätigkeiten in Kolumbien und Peru nicht weiter fort, sondern installierte ihr erstes Sammelsystem 2015 in Haiti, ein Jahr später fasste sie auf den Philippinen Fuß. Die Expansion soll nun an Tempo gewinnen. „Im Grunde gehen wir dorthin“, sagt Plastikbank-Stratege Frankson zur Standortwahl, „wo es zuhauf Plastikmüll und Armut in Kombination mit einer Aussicht auf gute Partner gibt.“ Letztere sind es schließlich, welche die Arbeit vor Ort voranbringen: den Aufbau von Filialen, das Training und die Unterstützung aller Beteiligten. Hierbei hat sich die Kooperation mit internationalen NGO bewährt, vor allem wenn diese einen verwandten Fokus haben, etwa auf Gesundheit und Hygiene. „Wenn wir unser Social Plastic-Ökosystem auf eine bereits existierende Struktur aufbauen können, ist der Start relativ einfach“, hält Frankson fest.

Die Verarbeitung des Materials zu Social Plastic findet soweit wie möglich durch Unternehmen vor Ort statt. „Viele Menschen denken an Plastikberge, die erst einmal auseinandergeklaubt werden müssten“, so Frankson. Weil die Plastic Bank für unterschiedliche Kunststoffsorten unterschiedliche Preise bezahlt, wird das Plastik schon von den Sammlern selbst sortiert. „Die Handsortierung ist bei Kunststoffen erwiesenermaßen die beste Methode“, sagt er. Sicherheitshalber finde darüber hinaus im Verarbeitungsbetrieb eine Kontrolle statt. Bisher wurden 4.500 Tonnen Kunststoffrezyklate hergestellt. Sogar für die schwierig zu recycelnden Trinkwasserbeutel aus Haiti konnte ein Käufer gefunden werden.


Vielfach prämiert: Plastic Bank-CEO David Katz (r.) und Co-Gründer Shaun Frankson

Kooperationen Für den geplanten Sprung nach Brasilien, Indonesien, Äthiopien und Panama ist die Plastic Bank aber weiter auf Spenden angewiesen. Und da die Plastiksammler über den reinen Materialwert hinaus bezahlt werden müssen, ist auch der laufende Betrieb derzeit ein Zuschussgeschäft, das aus Spenden finanziert wird. Durch professionelle Medienarbeit, weltweite Fernsehauftritte sowie zahlreiche Auszeichnungen haben Katz und Frankson ein erfolgreiches Fundraising aufgezogen: Vor allem unter jungen Menschen konnten sie eine beachtliche Fangemeinde aufbauen, die die Plastic Bank etwa durch den Kauf von gebrandeten T-Shirts unterstützt.


Neue Sichtweise Was bisher wertloser Müll war, ist nun kostbarer Rohstoff.

Entscheidend für den langfristigen Erfolg der Plastic Bank ist sicherlich die Nachfrage nach Kunststoffrezyklat, aber auch die Frage, ob Unternehmen bereit sind, einen Mehrpreis für einen Beitrag zu saubereren Meeren zu zahlen. Dass sich immer mehr Unternehmen verpflichten, Rezyklate in ihre Produkte zu integrieren, selbst wenn durch niedrige Ölpreise die Herstellung von neuem Kunststoff immer wieder billiger ist als die Wiederverwertung von altem, kommt dem Geschäftsmodell entgegen. So konnte die Plastic Bank bereits mit einigen Großunternehmen Kooperationen vereinbaren.

Dazu gehören der Handelsriese Marks and Spencer, das Modeunternehmen Norton Point und der Kosmetikhersteller Lush. Mit Shell, Henkel und IBM sind drei Weltkonzerne an Bord, welche die Idee entscheidend pushen können. Shell kommt derzeit mit dem Verkauf von wiederverwertbaren Wasserflaschen aus Social Plastic für die Premiumpreise der Sammler in Haiti auf. Henkel wird dort neue Sammelzentren finanzieren und Social Plastic bei Verpackungen einsetzen. IBM arbeitet an einer maßgeschneiderten Applikation zur besseren Nachverfolgbarkeit und Steuerung der Aktivitäten. Frankson: „Mit der App werden wir die Expansion besser vorantreiben können.“

In Europa sind die beiden Geschäftspartner mit etlichen Firmen in Vorgesprächen, so Frankson, das Interesse sei überwältigend. Mit der Greiner Gruppe könnte bald auch ein österreichischer Kunststoffkonzern die Plastic Bank unterstützen (siehe Interview). „Unternehmen, die auf Social Plastic setzen, profitieren davon, dass sie Teil einer Initiative sind, die Ozeanplastik stoppt und das Leben von Armen verbessert“, rührt Frankson die Werbetrommel.

David Katz und Shaun Frankson meinen es ernst, wenn sie sagen, dass sie in jeder Region der Welt eine Niederlassung und dazu voraussichtlich eine Milliarde verschiedener Unterstützer brauchen, um Ozeanplastik zu stoppen. Für sich selbst haben sie einen unbescheidenen Wunsch: Sie wollen einmal der entscheidende Grund dafür gewesen sein, dass Plastik so wertvoll geworden ist, dass es den Weg ins Meer nicht mehr findet. Und was soll dann aus der Plastikbank werden? „Wir werden das größte Recyclingunternehmen der Welt sein“, lächelt Shaun Frankson.

© corporAID Magazin Nr. 74
Text: Ursula Weber
Fotos: Plastic Bank

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