3er Gespräch

Vom Forschungsinput zum Innovationsoutput

12/2017 - Welche Rolle Innovationsprozesse für eine erfolgreiche Internationalisierung spielen und ob Österreichs Unternehmen einen Innovationstypwechsel brauchen, diskutieren Michael Friedmann vom Feuerwehrtechnik-Hersteller Rosenbauer, Ludovit Garzik vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung und Klaus Schuch vom Zentrum für soziale Innovation.

Im Gespräch Ludovit Garzik, Klaus Schuch, und Michael Friedmann (v.l.n.r.)

corporAID: Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Innovation und Internationalisierung?

Friedmann: Für mich sind diese beiden Prozesse untrennbar miteinander verbunden, weil es einfach keine Innovationsinseln gibt. Wir brauchen eine starke globale Vernetzung, und wir müssen, wenn wir als Unternehmen innovieren wollen, permanent schauen, was sich in der Welt tut – sowohl an den Innovationshubs als auch logischerweise in unseren Zielmärkten selbst. Interessanterweise gibt es eine sehr einheitliche globale Dynamik zu Themen wie Green Economy, E-Mobility oder Urbanisierung.

„Die Herausforderung ist aber, auch Businessprozesse zu innovieren und Marktsegmentierungen zu antizipieren.“

K. Schuch
ZSI

Schuch: Innovation und Internationalisierung gehören sicherlich zusammen. Die Herausforderung ist aber, auch Businessprozesse zu innovieren und Marktsegmentierungen zu antizipieren. Weil Innovationen normalerweise auf einen bestimmten Markt oder eine bestimmte Zulieferkette ausgerichtet sind, ist schon die Frage, ob es uns gelingt, allein mit adaptierten Produkten den Eintritt in neue, schwierigere Märkte zu schaffen.

Garzik: Die Verbindung von Internationalisierung und Innovation erfordert auch andere Innovationstypen. Klassischerweise transferieren Unternehmen ihr Wissen in Innovationen, die für ihren Heimmarkt passen. Wenn die Unternehmen aber internationalisieren, müssen sie sich mit jenen Innovationstypen beschäftigen, die es für die Zielmärkte braucht. Das ist einerseits eine Chance, weil der Markt größer wird, andererseits aber gerade für Österreich eine Hürde, weil unsere Art der Innovation eher statisch ist. Insbesondere Entwicklungsländer sind hier spannend, weil man dort nicht lange nachdenkt, sondern neue Ideen schnell umsetzt. Firmen agieren dort viel stärker marktgetrieben, wie man am Beispiel von chinesischen Unternehmen sieht. In der Spieltheorie sind wir die Netten – wenn wir uns aber nicht mit anderen Innovationskulturen beschäftigen, haben wir im Innovationswettbewerb schlechtere Karten.

Schuch: Auch chinesische Unternehmen schauen sich an, wie Innovation in internationalen Märkten gemacht wird. In Österreich und Deutschland, den Hotspots, wo China stark in Forschung und Entwicklung investiert, ist das beispielsweise die Hochtechnologie. Was Sie sagen ist absolut richtig für die Emerging Markets, aber grundsätzlich sehe ich eher ein voneinander Lernen.

Friedmann: Die Entwicklungs- und Innovationsmentalität ist sicher unterschiedlich. Unsere Art zu entwickeln ist sehr geplant – klassisches deutsches Ingenieurtum. Das angloamerikanische Modell basiert eher auf dem Ausprobieren. Gott sei Dank lernen wir langsam auch in Österreich, uns dieses Ausprobieren zu trauen, etwa mit Design Thinking-Ansätzen. Aufgrund der steigenden Komplexität ist vieles ohnehin nicht mehr langfristig planbar. Auch Länder, die technologisch noch nicht so weit sind, setzen auf Ausprobieren. Während wir noch diskutieren, haben die schon längst angefangen, eine Beta Version am Markt zu testen. Und da können wir viel lernen.

Wie gelingt die Übersetzungsleistung von Innovation für Schwellen- und Entwicklungsländer?

„Aus meiner Branchenerfahrung kann ich sagen, dass viele Länder nicht Hochtechnologie, sondern Robustheit und Qualität wollen.“

M. Friedmann
Rosenbauer

Friedmann: Aus meiner Branchenerfahrung kann ich sagen, dass viele Länder bei Feuerwehrfahrzeugen nicht Hochtechnologie, sondern Robustheit und Qualität wollen. Für diese Kunden ist das Wichtigste, dass die Fahrzeuge unter allen Umständen funktionieren. Rosenbauer hat vor kurzem ein spezielles Fahrzeug für solche Märkte entworfen und mittlerweile auch erste Projekte in diesem Bereich laufen. Das Spannende dabei ist die Veränderung im Unternehmen. Jahrelang wollten wir ein Exportfahrzeug, das wir in Leonding einfach und günstig produzieren. Das entscheidende Umdenken war da, als wir basierend auf unserer Technologie und mit hochwertigen Komponenten ein Fahrzeug konstruiert haben, das überall auf der Welt mit einfacheren Fertigungsmethoden gebaut werden kann. Und das wir somit auch in Asien, dem Mittleren Osten oder Südamerika produzieren können. Aber das ist ein langfristiges Unterfangen und ein Geschäftsmodell, mit dem man nicht sofort die großen Margen erzielt.

Schuch: Dieser Ansatz wird auch in der Literatur stark betont, insbesondere wenn es um abgespeckte, aber robuste Produkte geht. Dass Teile der Entwicklung und die Produktion bereits in den Zielländern stattfinden, und von dort regionale Märkte bedient werden – ich halte das für den Königsweg. Es bedeutet aber auch, Entwicklungslabors und Produktionsstätten im Ausland aufzubauen, was wiederum mit klassischen Problemen wie Kapitaleinsatz und Länderrisiken verbunden ist.

Garzik: Wenn es um frugale Innovation geht, ist es wichtig zu sehen, dass viele der entsprechenden Märkte auf andere Bedürfnisse abstellen – die auf der Maslowschen Bedürfnis­pyramide weiter unten liegen. Es ist ein Risiko, mit einem Produkt auf Bedürfnisse abzuzielen, die in anderen Ländern noch gar kein Thema sind. Wir müssen daher lernen, diese lokalen Bedürfnis­levels in unserer Vermarktungsstrategie entsprechend zu berücksichtigen. Aus meiner Sicht ist hier unser Bildungssystem gefordert, denn dort geht es stark ums Ingenieurwesen, aber nicht darum, tatsächliche Bedürfnisse abzufragen.

Friedmann: Da stimme ich Ihnen zu. Wir werden in dieser Angelegenheit nur weiterkommen, wenn wir junge Ingenieure und Manager in die relevanten Märkte schicken, damit sie unmittelbar erfahren, wie dort entwickelt und verkauft wird. Man muss das wirklich mit eigenen Augen sehen. Sie haben vorhin die Bedürfnis­pyramide angesprochen: Meines Erachtens handelt es sich hier immer mehr um einen Doppelkegel. Der Prime Markt und der Markt für einfache Produkte werden größer, während das mittlere Segment schrumpft. Das ist die nächste Herausforderung.

Welche Rolle spielt frugale Innovation bei österreichischen Unternehmen?

Garzik: Die meisten österreichischen Unternehmen haben das Thema noch nicht auf der Agenda. Einfach weil es nur wenige Menschen gibt, die in diesen Bedürfnisketten denken können. Dazu kommt, dass wir derzeit noch gutes Geld verdienen mit dem bewährten Engineering und Management. Das wird sich aber in den nächsten fünf bis zehn Jahren ändern. Die traditionelle österreichische Industrie ist als Zulieferer oft weit weg vom Markt, weswegen sie ein wenig in der alten Kette des Engineerings und des Marktzugangs gefangen ist. Und das betrifft aus meiner Sicht einen relativ großen Teil der österreichischen Wirtschaft. Wenn wir es nicht schaffen, die in ein anderes Modell zu bringen, werden wir mittelfristig Probleme bekommen.

Schuch: Es ist sicher wichtig, dass die heimische Industrie sich auch in solchen Märkten ein Standbein aufbaut. Das heißt, sich an neue Leadmärkte anzuschließen, wobei viele Unternehmen, die sich relativ mittelständig in der Wertschöpfungs- und der Zulieferkette befinden, das oft versäumen. Wenn der Endkunde seinen Standort plötzlich aus Europa verlagert, schaut das dann nicht mehr gut aus. Wir sind hier aber auch in einer dialogischen Zwickmühle. Denn die Orientierung an diesen neuen Märkten bedeutet gleichzeitig auch eine Verlagerung von Produktionen in diese Länder. Sonst lässt sich die Kostenstruktur ja nicht darstellen. Weil Österreich eine Exportnation ist, wird man wohl oder übel massiv in diese Richtung gehen müssen. Das österreichische Forschungs­förderungs­system ist in seiner aktuellen Ausrichtung hier leider keine große Hilfe, weil es immer noch einer sehr traditionellen Marktlogik folgt.

Wie könnten durch Forschungsförderung günstigere Rahmen­bedingungen für marktgerechte Innovationen geschaffen werden?

„Österreich liegt in Europa bei den Forschungsinvestitionen auf Platz zwei, aber beim Output nur auf Platz zwölf.“

L. Garzik
RFTE

Garzik: Die österreichische Politik im Bereich Forschung und Entwicklung ist sehr pfadabhängig. Wir vergleichen uns zwar gerne mit der Schweiz oder skandinavischen Ländern, die von der volkswirtschaftlichen Größe ähnlich sind, die sich aber gerade im Forschungs­bereich völlig anders entwickelt haben. In diesen Ländern ist schon die Grundlagen­forschung viel kompetitiver als in Österreich, da gibt es ein ganz anderes Verhältnis zwischen Basisfinanzierung und kompetitiver Finanzierung. Unser Forschungs­förderungs­system ist eben ein Forschungs­förderungs­system und kein Innovations­förderungs­system. Das ist für mich der große Unterschied. Von Seiten der Politik wird seit vielen Jahren die F&E-Quote in den Vordergrund gerückt, was auch gut ist, weil die Unternehmen dadurch mehr investieren. Nur geht es dabei ausschließlich um den Input und nicht um den Output. Aktuelle Studien zeigen, dass sich die beiden Größen nicht parallel entwickeln. Österreich liegt in Europa bei den Forschungs­investitionen auf Platz zwei, aber beim Output nur auf Platz zwölf. Das heißt entweder, dass viele Länder deutlich effizienter sind als wir – oder dass wir den Output zurückhalten, um zukünftig die Welt eruptionsartig mit österreichischen Innovationen zu überfluten. Weil letzteres eher unwahrscheinlich ist, glaube ich, dass wir unser Forschungs­förderungs­system überdenken sollten.

Friedmann: Meines Erachtens spielt auch die Einstellung der Unternehmen eine große Rolle. Wir denken bei Forschung und Entwicklung an Langfristigkeit und Anlage, während amerikanische oder mittlerweile auch chinesische Unternehmen an Cash denken – also an einen Nutzen in den nächsten ein oder zwei Jahren. Daher werden die dafür nötigen Ressourcen auch ganz anders bewertet. Hier könnten österreichische Unternehmen ein Stück mutiger sein. Denn eine Idee ist natürlich erst dann eine Innovation, wenn sie am Markt erfolgreich ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

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ZU DEN GESPRÄCHSTEILNEHMERN:

Michael Friedmann ist Senior Vice President der Bereiche Group Strategy, Innovation und Marketing der Rosenbauer International AG.

Ludovit Garzik ist Geschäftsführer des Rates für Forschung und Technologieentwicklung, einem strategischen Beratungsorgan der österreichischen Bundesregierung.

Klaus Schuch ist wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Soziale Innovationen ZSI.

© corporAID Magazin Nr. 73
Fotos: Mihai M. Mitrea
Das Gespräch moderierte Bernhard Weber.

 

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