Interview

Unterschätztes Risiko

12/2017 - Bernard Leroy, Direktor des Internationalen Forschungsinstituts gegen Medikamentenfälschungen IRACM mit Sitz in Paris, über den Kampf gegen eine globale Problematik.


Bernard Leroy IRACM

corporAID:Wie groß ist das Problem der illegalen Medikamente?
Leroy: Viele Menschen denken hier wohl nur an gefälschte Viagra-Pillen. Das Ausmaß ist aber viel größer, es handelt sich um ein globales Milliardenbusiness mit jährlich hunderttausenden Todesopfern. Gefälscht wird heute jedes gängige Medikament – kreative Kriminelle haben sogar vermeintliche Heilmittel gegen Ebola und Vogelgrippe wenige Wochen nach Erstausbruch in den Internethandel gebracht. In gefälschten Arzneien kann alles drin stecken: der richtige Wirkstoff in falscher Dosierung, gar kein Wirkstoff oder sogar Gift. Aber auch das Geschäft mit Originalpräparaten kann kriminell ablaufen: beispielsweise, wenn Medikamente in einem Land ohne die notwendige Zulassung verkauft werden oder gestohlene Arzneien durch internationale Firmengeflechte und Parallelimporte wieder verkauft werden. Letzteres passiert in Europa. Sorgen macht uns auch, wenn abgelaufene Arzneien neu verpackt und mit neuem Ablaufdatum wieder in den Handel gebracht werden oder minderwertige Produkte in den Handel kommen, etwa wenn temperatursensible Impfstoffe in der Hitze eines afrikanischen Hafens gelagert und damit letztendlich zu Gift werden. Das wahre Ausmaß des Problems ist schwer zu erfassen, weil sehr viel über das Internet läuft und das Thema auch noch relativ jung und unerforscht ist.

Was kann ein einzelnes Land gegen dieses globale Phänomen ausrichten?
Leroy: Der Medikamentenhandel ist von Natur aus transnational, und die nationalen Justizsysteme haben auf internationaler Ebene Schwierigkeiten, Maßnahmen zu ergreifen. Wichtig ist es, eine nationale Strategie aufzusetzen und Gesetze mit einer wirklich abschreckenden Wirkung einzuführen. In vielen Ländern droht den Kriminellen nur ein Strafrahmen von sechs bis 60 Tagen, obwohl sie die öffentliche Gesundheit massiv gefährden. Daneben braucht es die technische Expertise und auch die Bereitschaft, Medikamentenfälschungen aufzugreifen. Man kann noch so gute Sicherheitsmerkmale auf einer Verpackung haben – wenn der zuständige Beamte korrupt ist, nutzt es nichts. Und natürlich muss die Bevölkerung durch Kampagnen auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden. Einige Länder zeigen hier Fortschritte. In Nigeria gibt es bereits strenge Gesetze und eine starke Spezialeinheit. Auch in Kamerun, Cote d‘Ivoire, Kambodscha und Thailand sehe ich echtes Engagement, das Problem anzugehen.

Was trägt Ihr Institut bei?
Leroy: Wir arbeiten in verschiedenen Bereichen. Beispielsweise waren wir bereits mit allen afrikanischen Präsidenten im Gespräch, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Auch entwickeln wir Gesetzesvorschläge, die an den nationalen Kontext angepasst sind und unterstützen den internationalen Austausch der Justiz. Aktuell vernetzen wir afrikanische und chinesische Staatsanwälte, denn nur durch enge Kooperation lassen sich global agierende Netzwerke ausheben. Wir bieten außerdem Trainingsprogramme für Zollbeamte und Juristen und machen Aufklärungskampagnen sowohl auf der Straße als auch bei Vertretern des Gesundheitssektors. Zudem führen wir Pharmaunternehmen zusammen, denen zunehmend bewusst wird, dass gefälschte Medikamente nicht nur Einkommensverluste bedeuten, sondern auch ein hohes Reputationsrisiko sind. Und wir kooperieren mit Medien, sodass beispielsweise Konsumenten bewusst wird, dass die Hälfte der im Internet angebotenen medizinischen Produkte gefälscht ist.

Wird man das Problem je in den Griff bekommen?
Leroy: Es ist vor allem ein ökonomisches Thema und daher schwer zu lösen. Solange Menschen ohne Krankenversicherung Medizin selbst kaufen müssen, wird es das geben. Dennoch bin ich optimistisch, denn immer mehr Regierungen und Organisationen scheinen die große Gefahr der illegalen Medikamente zu erkennen.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 73
Das Gespräch führte Katharina Kainz-Traxler

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