Interview

Zeit für eine neue Strategie

12/2017 - Refugee Cities-Geschäftsführer Michael Castle Miller erklärt im Gespräch mit corporAID, wie Sonder-wirtschaftszonen neue Perspektiven für Geflüchtete und Unternehmen schaffen können.

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Michael Castle Miller Refugee Cities

corporAID:Sie empfehlen den Top-Aufnahmeländern von Flüchtlingen, ihre Flüchtlingspolitik neu aufzusetzen. Was sollte sich denn ändern?
Castle Miller: Länder wie Jordanien, Libanon, Pakistan, Türkei oder aktuell Bangladesch haben sehr viele Flüchtlinge aufgenommen. Oft bieten sie ihnen die Unterbringung in großen Flüchtlingslagern und versorgen sie mit dem Nötigsten. Sie werden von den Vereinten Nationen oder NGO unterstützt, dennoch belasten solche temporären Lösungen die öffentlichen Haushalte. Die Folge: Flüchtlinge werden als Bürde betrachtet. Für die Flüchtlinge selbst ist die Unterbringung in Camps perspektivlos, sie haben meist keine Möglichkeit, legal zu arbeiten. Viele von ihnen bleiben sehr lange, mitunter Jahrzehnte, auf der Flucht. Damit geht ein enormer Verlust an Potenzial einher. Ich plädiere für einen radikalen Paradigmenwechsel, indem man Flüchtlingen die Chance gibt, produktiv zu sein und Geld zu verdienen.

Wie kann das gelingen?
Castle Miller: Kaum ein Land setzt auf eine starke ökonomische Integration von Flüchtlingen. Uganda ist eine Ausnahme. Das kleine Land beherbergt mehr als eine Million Flüchtlinge, stellt ihnen Ackerland zur Verfügung, erlaubt ihnen Bewegungsfreiheit, lässt sie arbeiten und Unternehmen gründen. Daraus sind erfolgreiche Märkte entstanden, Wirtschaftsaufschwung, sogar Jobs für Einheimische. Regierungen sind in der Regel nicht bereit, Flüchtlingen solche Freiheiten zu gewähren. Statt ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verwehren, sollten sie Möglichkeiten eruieren, die für Gastland, Menschen und Wirtschaft vorteilhaft wären – wie durch Refugee Cities. Das sind Sonderwirtschafts-zonen SEZ, in denen Flüchtlinge arbeiten dürfen, aber auch Jobs für Einheimische entstehen und Unternehmen beste Bedingungen vorfinden. Hier erhöht sich der Nutzen für alle.

Sie möchten also Flüchtlingcamps in Sonderwirtschaftszonen umwandeln?
Castle Miller: Nicht unbedingt. Es wäre zwar grundsätzlich möglich, ein Flüchtlingscamp in eine SEZ umzuwandeln, aber viele Lager werden im Niemandsland gebaut und sind daher für die Wirtschaft kaum interessant. Viel besser wäre es, nahe einer wachsenden Stadt eine Refugee City einzurichten, dort Infrastruktur in einer vernünftigen Qualität zu bauen und Unternehmen anzusiedeln, die sonst nicht in dem Land aktiv wären. Auch sollte die Zone urbanen Charakter haben: mit Einzelhandel, Büros, Wohnraum, Grünflächen, Kunst. Also mehr Sonderentwicklungs- als reine Sonderwirtschaftszone.

Sie beraten Sonderwirtschaftszonen auf der ganzen Welt. Welche Erkenntnisse sind für Refugee Cities relevant?

Castle Miller: Die ersten SEZ entstanden in den 1960er Jahren und es gibt sie mittlerweile in vielen Varianten, wie Exporthandels- oder Freihandelszonen. Die meisten haben für ihr Land allerdings netto keinen ökonomischen Vorteil gebracht. Warum? Weil sie viel zu oft nur auf Steuerzuckerl und Zollbefreiungen gesetzt, aber tiefergehenden Reformen ausgewichen sind. So belohnt man jedoch nur Unternehmen, die ohnehin gekommen wären. Die anderen schrecken zurück, weil sie einen bürokratischen Alptraum erwarten, die Infrastruktur unzuverlässig ist oder die passenden Arbeitskräfte fehlen. SEZ, die sich hingegen als Inkubatoren für Rechtsstaatsprinzipien und verantwortungsvolles Regieren einsetzen und ihre Wirtschaft diversifizieren, sind erfolgreicher: Erfolgsbeispiele gibt es in China, Panama, Mauritius oder Südkorea. Auch hat sich ab den 1990er Jahren gezeigt, dass es privaten Betreibern eher gelingt als staatlichen, das unternehmerische Umfeld effizient zu verbessern. Refugee Cities sollten sich also durch wenig Bürokratie, viel Sicherheit, gute Infrastruktur und genaues Wissen über die Fähigkeiten der vorhandenen Arbeitskräfte auszeichnen.

Wie können Unternehmen aktiv werden?
Castle Miller: Viele Unternehmen wollen sich über Charity hinaus für die Gesellschaft engagieren. In einer Refugee City können sie profitorientiert einen sozialen Beitrag leisten, der sich auch vor Aktionären gut argumentieren lässt. Sie können in Grund und Boden investieren, Dienstleistungen anbieten, Fabriken eröffnen oder in lokale Unternehmer investieren, die Geschäfte eröffnen wollen. Flüchtlinge haben allein durch ihre Flucht gezeigt, dass sie einen enormen Willen haben. Hier finden Unternehmen unglaublich motivierte Arbeitskräfte vor.

Gibt es den politischen Willen für die Gründung von Refugee Cities?
Castle Miller: Das Thema Migration hat enorm an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen. Das Bewusstsein dafür, dass die Herausforderung künftig noch größer wird und dass Flüchtlingcamps keine Ideallösung sind, wächst. Ich sehe starkes Interesse der europäischen Regierungen, das Flüchtlings- und Migrationsthema näher am Ursprung zu lösen, sodass man nicht vor den eigenen Grenzen damit umgehen muss. Auch die Erstaufnahmeländer fragen sich zunehmend, wie ein nachhaltiges Hilfsmodell aussehen könnte. Jordaniens Vorstoß, Arbeitsvisa an Flüchtlinge zu vergeben, ist ermutigend. Die Rahmenbedingungen für eine neue Sichtweise sind gut!

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 73
Das Gespräch führte Katharina Kainz-Traxler

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