Globale Ziele für nachhaltige Entwicklung

Einstieg in die SDG

12/2017 - Der Druck auf Unternehmen, über ihre Nachhaltigkeitsperformance zu berichten, steigt – auch durch gesetzliche Verpflichtungen. Die Initiative, über das Engagement zu den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung zu berichten, kommt aber nun von den Unternehmen selbst – weil es letzlich auch um ihre Zukunft geht.

Zum Thema:

Interview mit Roman Mesicek, IMC FH Krems

Die 17 Ziele – und: Wie Manager sie ranken Eine Umfrage von Frost & Sullivan and GlobeScan im Auftrag von CSR Europe zeigt, wo Unternehmen ihre größte Rolle für die Erreichung der SDG sehen.

Die Veröffentlichung von Nachhaltigkeitsleistungen ist in Europa für kapitalmarktorientierte Unternehmen und Finanzinstitute mit mehr als 500 Mitarbeitern ab dem Geschäftsjahr 2017 verpflichtend. Die EU-Kommission hat dazu eine Richtlinie erlassen, in Österreich wurde sie in Form des Nachhaltigkeits- und Diversitäts­verbesserungs­gesetzes, kurz NaDiVeG, umgesetzt. Die betroffenen Unternehmen sind dadurch angehalten, ihre Risiken, Strategien, Ergebnisse und nicht-finanziellen Leistungsindikatoren zu einer Reihe sozialer und ökologischer Themen offenzulegen.

Auf österreichische Unternehmen kommen hier noch Herausforderungen zu, wie zwei aktuelle Studien zeigen. So haben laut einer globalen Erhebung der KPMG, die heuer erstmals Österreich einschließt, bisher nur 62 Prozent der hundert größten heimischen Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsdaten publiziert, im Vergleich zu 73 Prozent auf europäischer Ebene. Von den 250 weltweit größten Unternehmen berichten 93 Prozent über ihre Nachhaltigkeitsperformance. Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien gemeinsam mit PwC Österreich brachte auf Basis von 50 untersuchten Berichten österreichischer Unternehmen zusätzlich ans Licht, dass kein einziges Unternehmen die gesetzlichen Anforderungen zur Gänze erfüllt. Zwar werde über Umwelt- und Arbeitnehmerbelange umfassend berichtet, Themen wie Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung fänden allerdings kaum Beachtung.

Neuer Trend Auch wenn es also noch Optimierungsbedarf gibt, zeigt sich gerade bei jenen Unternehmen, die Nachhaltigkeit ernst nehmen wollen, ein neuer Trend im Berichtswesen: nämlich die Bemühung darzustellen, welchen Beitrag die eigene unternehmerische Tätigkeit zu den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung, kurz SDG (Sustainable Development Goals), leistet. Die SDG verkörpern dabei jene Agenda für nachhaltige Entwicklung, welche die 193 Staaten der Vereinten Nationen 2015 mit einem Zeithorizont bis 2030 unterzeichnet haben, nachdem sie sich auf insgesamt 17 gemeinsame Ziele einigen konnten, die sich wiederum in 169 Unterziele aufspalten.


Michaela Kegel, KPMG Österreich, Assistant Managerin im Bereich Compliance and Sustainability Services

In Sachen Berichterstattung zu den SDG liegen österreichische Unternehmen mit 37 Prozent nur knapp hinter dem internationalen Durchschnitt von 39 Prozent, weiß Michaela Kegel von KPMG Österreich ein weiteres Ergebnis aus der genannten Erhebung zu berichten. Das offenbare doch ein bemerkenswertes Interesse. Dabei seien die SDG natürlich nicht in erster Linie ein Berichterstattungs­thema für Unternehmen, sagt Kegel, und fährt fort: „Da Unternehmen aber einen großen Einfluss auf die SDG haben können, ist es durchaus sinnvoll, diesen Beitrag über die Bericht­erstattung der Öffentlichkeit auch zu zeigen.“ Zudem werden die SDG von Unternehmen gerne angenommen, sagt Kegel: „Denn da die globalen Ziele eingängig und für jedermann verständlich sind, stellen sie ein Bindeglied zwischen den verschiedenen, oft sehr komplexen Berichterstattungs­standards dar, die es letztendlich für eine qualitativ hochwertige Berichterstattung aber auch braucht.“


Alfred Strigl, Plenum


Henriette Gupfinger, Denkstatt

Auch aus der Sicht einschlägiger Nachhaltigkeitsexperten ist die Integration der SDG in die Berichterstattung ein Schritt in die richtige Richtung. Henriette Gupfinger vom Nachhaltigkeits­berater Denkstatt sieht den größten Vorteil darin, dass Unternehmen dadurch die Möglichkeit gewinnen, ihr Engagement in einem globalen Kontext darzulegen. Alfred Strigl von der Nachhaltigkeits­beratung Plenum erklärt, er verstehe die SDG „nicht nur als Auftrag an die Staaten und Verwaltungen, sondern durchaus auch an Unternehmen und Bürger“. Dadurch ergibt sich eine neue, interessante Perspektive auch für die Unternehmen: Bisher isolierte Themen wie Umwelt- oder Arbeitnehmerschutz werden „durch den Bezug auf die SDG an eine gesamt­gesellschaftliche und globale Entwicklung angebunden und können hier einwirken“.


Carina Hauptmann, respACT

Carina Hauptmann, die im Rahmen der Unternehmensplattform respACT das Global Compact Netzwerk Österreich leitet, hält die Bezugnahme auf die SDG beim Reporten außerdem deshalb für sinnvoll, weil die SDG „den Unternehmen weltweit eine gemeinsame Sprache bieten und die Beiträge vergleichbar werden“. Dies liege im Interesse der Unternehmen, erklärt die Expertin, durch die Agenda 2030 selbst aber sei die explizite Ausrichtung der Berichterstattung an den SDG nicht gefordert. Laut dem SDG-Unterziel 12.6 werden zwar alle Regierungen aufgerufen, „die Unternehmen, insbesonders große und transnationale Unternehmen, dazu zu ermutigen, nachhaltig zu handeln und ihre nicht-finanzielle Informationen in ihre Berichterstattung zu integrieren“, die Referenz auf die SDG bleibt aber freiwillig.

Wie tun? Zur Einbindung der SDG in die Berichterstattung hat die Global Reporting Initiative GRI, die den auch in Österreich meist genützten Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung entwickelt hat, ein handliches Tool erstellt. „Für Unternehmen, die sich mit Nachhaltigkeit schon tiefergehend befasst haben, geht es nur darum, die Schleife noch etwas größer zu ziehen. Die Integration der SDG in den Nachhaltigkeitsbericht bedeutet darüber hinaus keinen großen Mehraufwand“, weiß Alfred Strigl aus der Praxis.

In der Frage, wie sich Unternehmen mit den SDG bis in die Tiefen der Unterziele hinein befassen sollen, um den eigenen Beitrag zu identifizieren, sprechen sich Gupfinger und Strigl eher für einen eklektischen Zugang aus. Sie empfehlen, sich auf jene Goals zu konzentrieren, die zum eigenen Unternehmen am besten passen. KPMG-Expertin Kegel spricht sich demgegenüber eher für eine umfassende Beschäftigung aus: „Die strategische Herangehensweise wäre, sich mit allen SDG auseinanderzusetzen, also eine Art SDG-Mapping zu machen und sich zu fragen: Was tragen wir schon heute bei und wie lässt sich durch unser Geschäftsmodell zukünftig noch mehr beitragen – eventuell auch in Zusammenarbeit mit anderen und möglicherwiese mit externer Unterstützung.“ Kegel begründet den breiten Zugang dabei mit der wichtigen Rolle der Unternehmen für die Erreichung der globalen Agenda und ihren Einfluss auf zahlreiche SDG entlang der Wertschöpfungskette: „Die Zielsetzung sollte es daher sein, dass die Unternehmen früher oder später alle SDG verfolgen.“

Hilfsmittel Als weiteres hilfreiches Tool erweist sich der SDG-Kompass – ein von UN Global Compact, GRI und dem Weltwirtschaftsrat für nachhaltige Entwicklung WBCSD herausgegebener Leitfaden, der auf Initiative der Unternehmensplattform respACT mittlerweile auch auf Deutsch verfügbar ist. Geboten wird ein Management-Ansatz in fünf Schritten, angefangen von „die SDG verstehen“ über „Prioritäten festlegen“, „Ziele setzen“ und „ins Unternehmen integrieren“ bis zu „Reporting und Kommunikation“. „Schritt zwei, die Priorisierung von Themen, wird von den meisten Unternehmen über die Wesentlichkeitsanalyse der GRI gemacht“, berichtet Gupfinger aus Erfahrung (siehe unten).

Sind weitere Tools vonnöten, die den Unternehmen helfen, ihr SDG-Reporting weiterzuentwickeln? Von Seiten des UN Global Compact, der die Aufgabe hat, die SDG bei Unternehmen bekannt zu machen und Tools und Infos bereitzustellen, wurde für 2018 neue Hilfestellung zum SDG-Reporting angekündigt. Für Strigl und Gupfinger gibt es vor allem Bedarf bei Indikatoren und Instrumenten zur Impactmessung.


Christine Jasch, IOEW

Für Christine Jasch vom Wiener Institut für ökologische Wirtschaftsforschung IOEW und Leiterin des ASRA-Preises für Nachhaltigkeitsberichterstattung sind bereits ausreichend viele und gute Leitfäden vorhanden. Bedarf ortet sie vielmehr bei „volkswirtschaftlichen Referenzsystemen, auf staatlicher, regionaler oder Gemeindeebene“. Denn: „Solche erleichtern es den Unternehmen, den Bezug zu den SDG zu finden und auf eine regionale oder städtische Ebene herunterzubrechen.“ Jasch hält die von der Statistik Austria mit einem eigenen Sonderkapitel zu den SDG vor wenigen Wochen herausgegebene Studie „Wie geht’s Österreich 2017“ hier für einen guten Ansatz. Die globale Perspektive, die die SDG kennzeichnet, sollte dadurch aber nicht zu kurz kommen.

Darüberhinaus ist Unterstützung durch die österreichische Politik dringend nötig. Hauptmann und Strigl fordern unisono ein offenes Bekenntnis zu den SDG sowie Rückhalt für die Unternehmen in Form von Rahmenbedingungen.

Blick nach außen richten Nachhaltigkeitsexperte Roman Mesicek von der IMC FH Krems (siehe Interview) ist unter anderem als Jurymitglied beim ASRA ebenfalls mit der Nachhaltigkeits­berichterstattung in Österreich vertraut. Um weiter voranzukommen, empfiehlt er, darauf zu achten, dass die Beschäftigung mit den SDG vor allem zu einer Horizonterweiterung führt, nicht zu einer Nabelschau. Gupfinger wird noch konkreter: „Der Innovationsaspekt der SDG ist ein ganz wichtiger.“ Auch könnten Unternehmen anhand der SDG Risikoanalysen erstellen und darauf aufbauend die eigene Zielsetzung prägnanter formulieren. Und darauf kommt es letzlich wohl an: Zu erkennen, welche Welt morgen gewünscht ist, und diese Welt als den Markt von morgen zu erkennen.

Inspirierende Business Cases dazu gibt es bereits viele. Die von KPMG in Zusammenarbeit mit dem UN Global Compact entwickelte SDG Industry Matrix etwa enthält reichlich Good Practice mit der Besonderheit, dass für sechs Branchen Geschäftschancen für alle 17 SDG durchdekliniert wurden. Und Hauptmann verweist auf die von CSR Europe herausgegebene aktuelle Studie „The Sustainable Development Goals: The Value for Europe“, die ebenfalls Anregungen und Beispiele enthält.

Wenn die Unternehmen hier einmal Feuer fangen – und sie sind auf dem besten Weg dazu – darf man in Zukunft nicht zuletzt auch sehr spannende Nachhaltigkeitsberichte erwarten.

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BEST PRACTICE

PIONIERE DES SDG-REPORTING

Einige österreichische Unternehmen haben sich in ihrem Nachhaltigkeitsbericht für 2016 erstmals an die SDG herangewagt.

Der Kranhersteller Palfinger stellt nach einer ersten Analyse und ausgehend von den „wesentlichen Themen“, deren Bestimmung nach GRI verlangt wird, fest, dass seine Tätigkeit entlang der Wertschöpfungskette Auswirkungen auf 14 SDG hat, wovon vier wiederum besonders betroffen sind (4, 8, 9, 12). Diese werden in wenigen Zeilen erläutert, darüber hinaus wird eine Berücksichtigung der vier Ziele in der strategischen Unternehmensplanung angekündigt.

Der Babyartikelhersteller MAM berichtet, in Kooperation mit der Fachhochschule Krems in mehreren Workshops daran gearbeitet zu haben, wie er die SDG im täglichen Handeln und im Innovationsprozess zukünftig aufgreifen kann. Was diesbezüglich bereits in den Berichtsjahren 2015/16 geschah, wird im Rahmen der Wesentlichkeitsmatrix ausgewiesen und entlang des Berichts durch Abdruck der jeweils passenden SDG Icons markiert. Zusätzlich kündigt MAM eine intensive Auseinandersetzung mit den SDG für 2017 an.

Die internationale Bankengruppe RBI berichtet, mit Unterstützung eines externen Beraters einen strukturierten Prozess aufgesetzt zu haben, im Zuge dessen unter anderem der „Impact“ der Gruppe auf die SDG, aber auch die „Attraktivität“ bzw. das Chancenpotenzial der verschiedenen Goals für die Gruppe analysiert wurde. Aus zehn als relevant identifizierten Zielen wurden fünf als wichtigste SDG ermittelt (8, 9, 13, 16, 5). Sie ergänzen aus Sicht der Bank die „wesentlichen Themen“ und sollen in den nächsten Jahren priorisiert behandelt werden. Zusätzlich finden sich entlang des Berichts via Icons zahlreiche Verweise auf jene SDG, die für die Geschäftstätigkeit oder die Nachhaltigkeitsstrategie als relevant erkannt wurden.

© corporAID Magazin Nr. 73
Text: Ursula Weber
Bilder: Aleksandra Pawloff sowie beigestellt

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