ADA-Wirtschaftspartnerschaft

Kampf der Naturgewalt

12/2017 - Schutzbauten gegen alpine Gefahren sind in Entwicklungsländern so gut wie unbekannt. Die Salzburger Firma Trumer Schutzbauten hat in Nepal nun einen Partner gefunden, der das Geschäft aufrollen kann.





Test bestanden Das Netz konnte das Geröll, das sich während des Monsunregens löste, halten.


Siddhartha Highway Steinschlag und Erdrutsche machen die Fernstraße zwischen lndien und Nepal immer wieder unbefahrbar.

Nach dem schweren Ghorki-Erdbeben im April 2015 zeigte sich Nepals Regierung erstmals bereit, in moderne Schutzmaßnahmen gegen Felsstürze und Erdrutsche zu investieren: Bereits im September kündigte Nepals Straßenverwaltung an, den vielbefahrenen Siddhartha Highway abzusichern. Die wichtige Verkehrsverbindung zwischen Indien und Zentralnepal führt durch eine Steinschlagzone, weshalb es hier häufig zu Unfällen und Verkehrsbehinderungen durch Geröll auf der Fahrbahn kommt. Für’s Erste sollte einer der zehn gefährlichsten Abschnitte der Fernstraße befestigt werden.

Mitte 2016 sind von der Salzburger Firma Trumer Schutzbauten nun eine Steinschlagschutzbarriere und eine Böschungssicherung am Highway errichtet worden. Es ist Trumers Erstlingsprojekt in Nepal und der erste moderne Schutzbau am Himalaya überhaupt, weiß Markus Haidn, Experte für alpine Naturgefahren und bei Trumer zuständig für den asiatischen Markt. „Die Herausforderung war gerade, dass diese Systeme in Nepal noch nie gesehen, geschweige denn installiert wurden und es vor Ort keine Baufirma gab, die die Arbeiten hätte durchführen können“, erklärt Haidn. Anders als etwa in Österreich, wo Kunden wie ÖBB oder Asfinag die Montage erfahrenen Baufirmen überlassen, musste Trumer seinen Kunden in Nepal nicht nur Stahlnetze und Pfeiler, sondern auch Design und Engineering liefern.

Markteintritt Die Salzburger konnten den Einstieg in Nepal aus mehreren Gründen wagen. Zum einen hatten sie mit Geotech Solutions International GSI, einem Spin-off der Universität Kathmandu, einen patenten Partner vor Ort an der Hand. Das renommierte Ingenieursbüro trug entscheidend dazu bei, dass das Pilotprojekt am Siddhartha Highway auf die politische Agenda kam, und war zudem lebhaft interessiert, den lokalen Vertrieb für Trumer zu übernehmen. Zum anderen standen die Salzburger auch finanziell auf gutem Boden, da sie die Austrian Development Agency ADA im Rahmen einer Wirtschaftspartnerschaft für den Einstieg in Nepal gewinnen konnten. Über die Fördermotive gibt ADA-Programmmanagerin Susanne Thiard-Laforet Auskunft: „Der Aufbau eines Marktes für nachhaltige Schutzbauten in einer der größten Bergregionen der Welt bedeutet sowohl einen Meilenstein für das österreichische Unternehmen als auch einen relevanten Beitrag zur Entwicklung Nepals.“


Verlässliche Stahlnetze Das Wasserkraftwerk Bhotekoshi wurde mit Technologie aus Österreich geschützt.

Großauftrag Der Aufbau von Kapazitäten und Know-how beim lokalen Partner GSI – ein Herzstück der Wirtschaftspartnerschaft – erfolgte im Zuge der Projektabwicklung in Nepal selbst, dazu kamen zwei Schulungen in Österreich mit Besuchen bei Trumer-Kunden, Besichtigungen verschiedener Schutzbauten und einem Austausch mit Behörden. Außerdem machte GSI eine Schulung bei einer österreichischen Baufirma – nachdem GSI auch noch diesen Part in sein Portfolio aufgenommen hatte. „Die Verankerung der Schutzsysteme ist kompliziert und erfordert eine entsprechende Ausrüstung“, sagt Haidn. „Unser Anspruch war, dass die GSI-Mitarbeiter effizient, sicher und nach europäischen Qualitätsstandards montieren können. Denn letztlich ist jedes System so gut wie sein Fundament.“ Mittlerweile ist GSI rundum kompetent, kann Kundengepräche führen, Projekte berechnen und designen, bestellen und montieren. Trumer steht im Hintergrund jederzeit auch als Berater und Gutachter bereit.

Dass GSI sein Personal mittlerweile von fünf auf knapp vierzig Ingenieure aufgestockt hat, zeigt das Engagement des Partners. Der Bedarf ergab sich aber auch durch einen ersten Großauftrag, den GSI fast zeitgleich mit dem Pilotprojekt an Land zog: Das Wasserkraftwerk Bhotekoshi ist stark steinschlaggefährdet und brauchte ein Schutzsystem, das mehrere hundert Quadratmeter Stahlnetz umfasst. Die Herausforderungen des Projekts gingen weit über das Gewohnte hinaus, sagt Haidn: Vor allem war es nötig, das Material, das per Schiffscontainer in Indien ankam, im letzten Abschnitt auf kleine geländegängige LKW umzuladen. Dazu mussten in einem umständlichen Verfahren die Transporthubschrauber der Armee angefordert werden, um die tonnenschweren Stützen an der Felswand abzusetzen.

Perspektive Das Bhotekoshi-Projekt wurde im Sommer 2017 abgeschlossen, zeitweise waren bis zu hundert Personen beschäftigt. Die Wertschöpfung bleibt laut Haidn mindestens zur Hälfte vor Ort. Bei einer asienweiten Geologenkonferenz, die GSI demnächst in Kathmandu abhalten wird, ist auch eine Exkursion zu diesem Projekt vorgesehen.

„Wir hoffen auf eine wachsende Nachfrage aus Asien, Lateinamerika und später dann auch Afrika“, sagt Haidn. Er stellt fest, dass alpine Naturgefahren gerade auch von Entwicklungsbanken bisher noch viel zu wenig ernst genommen wurden. Und das nicht ohne Folgen: „Da werden Straßen gebaut, die nach einem Jahr von einer Lawine erfasst und weggerissen werden.“ Zudem sei der Schaden vieler Infrastrukturprojekte bei Verzicht auf Schutzmaßnahmen höher als der Nutzen: „Da wird nicht nur Geld in den Sand gesetzt, sondern auch noch neues Risiko geschaffen.“

Markus Haidn hat gelernt, dass in Nepal internationale Referenzen wenig gelten: „Die Leute wollen immer wissen, ob das in ihrem Land unter ihren Bedingungen auch funktioniert.“ Nun hat er bereits zwei lokale Erfolgsprojekte vorzuweisen – und erwartet, demnächst den Auftrag für die Sicherung der anderen neun Gefahrenstellen am Siddhartha Highway hereinzubekommen.


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DAS UNTERNEHMEN


Projektleiter Markus Haidn von Trumer mit GSI Experten.

Spezialist für Prävention
Die Trumer Schutzbauten GmbH entwickelt und produziert Systeme zur Abwehr von Naturgefahren – Steinschlag, Lawinen und Muren – und zählt in ihrem Fach weltweit zu den Top 3. Der 1991 von Partnern gegründete und seit 2002 von Franz Oichtner als Alleineigentümer geführte Nischenanbieter mit Sitz in Oberndorf bei Salzburg produziert im Nachbarort Obertrum, am steirischen Erzberg betreibt Trumer ein Zentrum für Forschung und Entwicklung sowie ein Testlabor. Trumer hat Niederlassungen in Kanada und den USA. Die Belegschaft umfasst rund 25 Personen.

© corporAID Magazin Nr. 73
Text: Ursula Weber
Fotos: Sundar 1, Trumer

 

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