Seidenstraße

Chinas Angebot

10/2017 - Vor vier Jahren präsentierte China die Idee, zwischen dem Reich der Mitte und Europa eine neue Seidenstraße zu errichten: einen breiten Wirtschaftsgürtel, zum Vorteil aller Beteiligten. Der Vorstoß weckte Hoffnungen und Ängste zugleich, doch Chinas Motoren sind bereits warmgelaufen.

Zum Thema:

Entwicklung á la chinoise Beispiele und Eigenheiten

Termin: 21.11.2017 Event zur Seidenstraße in der WKW

Pakistans Hafen Gwadar, mit Mitteln aus China modernisiert und nun von einer China Company geführt.

Jahrelang war an Pakistans drittgrößtem Hafen Gwadar in Balutschistan, einer armen und instabilen Region, trotz günstiger Lage am Arabischen Meer und Nähe zu den Märkten des Nahen Ostens, kaum Betrieb. 2013 übernahm die staatliche China Overseas Port Holding Company den Hafen, modernisierte und erweiterte ihn und erhielt das Recht, ihn vierzig Jahre lang pachtfrei zu betreiben. Hier sollen vor allem Öl und Gas aus den arabischen Ländern und Mineralien aus Afrika importiert werden, der erwartete Jahresumschlag liegt bei einer Million Tonnen an Gütern.

Der Hafen gilt als Game Changer in der Region und ist Teil des China-Pakistan-Wirtschafts­korridors CPEC, eines größeren Vorhabens, das 2013 über eine bilaterale Regierungs­vereinbarung besiegelt wurde. Die Finanzierung für die mit 46 Mrd. Dollar veranschlagten Gesamtkosten übernahmen Chinas Staatsbanken. Eine CPEC-Webseite informiert über den Fortschritt der Teilprojekte. Neben dem Hafen Gwadar ist das vor allem der Ausbau von Pakistans Nord-Südverbindung durch die Errichtung einer Autobahn und eines Schnellzuges bis über die Grenze nach China, um der unruhigen und wenig entwickelten autonomen chinesischen Region Xinjiang eine günstige Anbindung an den Seeweg zu bieten – auch Russland und Afghanistan haben schon Interesse bekundet, den Highway inklusive Hafen nützen zu wollen.

Außerdem wird Pakistan mit insgesamt 15 Kohle-, Wasser-, Wind- und Solarkraftwerken sowie Stromnetzen ausgestattet und wird zudem mehrere Sonderwirtschaftszonen errichten, um produktionsintensive Unternehmen anzuziehen. Der Hafen ist das erste Projekt, das im Rahmen des China-Pakistan-Wirtschaftskorridors fertiggestellt wurde, für das gesamte Vorhaben rechnet CPEC mit einem Zeitrahmen von 15 Jahren.


Präsident Xi Jinping treibt die Seidenstraßen-Initiative mit Elan voran.

MegaplanDer China-Pakistan-Wirtschaftskorridor gibt einen Vorgeschmack darauf, wie China unter dem Stichwort „Neue Seidenstraße“ – oder auch „Ein Gürtel, eine Straße“ – Asien und Afrika auf Vordermann bringen will, zum Vorteil aller Beteiligten. Das Jahrhundertprojekt hatte Chinas Präsident Xi Jinping im Jahr 2013 in zwei Schritten vorgestellt. Konkret sprach Xi in Kasachstan erstmals über den „Gürtel“, das heißt über die Errichtung von insgesamt sechs Wirtschaftskorridoren, die China, Zentralasien und Europa auf dem Landweg verbinden sollen. Einen Monat später brachte er in Indonesien mit der „Straße“ die Errichtung einer Seeroute aufs Tapet. Kurz darauf stimmte Xi das Zentralkommittee der Kommunistischen Partei Chinas auf eine intensivere Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten ein.

Das Projekt Chinas Seidenstraße nach einem Plan aus dem Jahr 2015.


Zum Vergrößern hier klicken

Was hat China vor? Die neue Seidenstraßeninitiative sei nicht über Nacht entstanden, erklärt Cai E-Sheng, Vorsitzender des Finanzzentrums für Süd-Süd-Zusammenarbeit FCSSC in Hongkong. China habe schon früher Wirtschaftskorridore in die Nachbarländer angestoßen, nicht nur nach Pakistan, auch in die Mongolei und nach Russland, Bangladesch und Myanmar, Tadschikistan, Kasachstan und Kirgistan. „Ab einer gewissen Reife gehen Wirtschaften internationale Kooperationen ein“, sagt Cai. Er zieht Parallelen zum Marshall-Plan, mit dem die USA nach dem Zweiten Weltkrieg Europa auf die Sprünge halfen, zwanzig Jahre später wirkte Europa über seine Industrie beim wirtschaftlichen Aufschwung der vier asiatischen Tigerstaaten mit, dank derer Jahre danach wiederum China wuchs. Und nun sei China in der Lage, weniger entwickelte Länder an seinem Fortschritt teilhaben zu lassen. Selbstverständlich erwarte China vom Aufschwung der Partnerstaaten auch eine neue Wirtschaftsdynamik im eigenen Land, so Cai.

Auf Schiene Anfang 2015 gaben die zuständigen Organe in Peking die Leitlinie für das Vorhaben heraus. Das offizielle Dokument „über die gemeinsame Vision und Umsetzung der Seidenstraßen­initiative des 21. Jahrhunderts“ enthält unter anderem Prinzipien und Tätigkeits­ -schwerpunkte (siehe unten) sowie einige Kernpunkte, die China in den eigenen Regionen umsetzen will. Für die Finanzierung des Projekts hatte Xi schon im Jahr davor gesorgt: 2014 wurden der Seiden­straßen-Infrastruktur­fonds (aktuell 55 Mrd. Dollar), die Neue Entwicklungsbank – auch als BRICS-Bank bezeichnet – und die multilaterale Asiatische Infrastruktur­investitionsbank AIIB aus der Taufe gehoben. Die AIIB hat heute 57 regionale und nicht-regionale Mitglieder, darunter auch Österreich. Das Stammkapital liegt bei 100 Mrd. Dollar.


Forum in Peking mit 29 Staats­ober­häuptern, darunter Putin und Erdogan.

Xi nützte nun jede Reise, um für die Seidenstraße zu werben. Binnen kurzer Zeit kamen mehr als zwanzig Regierungs­vereinbarungen – unter anderem mit der Mongolei, Pakistan, Nepal, Myanmar, Malaysia, Singapur und einzelnen Balkanländern – zustande, dazu insgesamt 270 Projekt-, Handels- und Kooperations­vereinbarungen. Zum ersten „Belt and Road“-Forum im Mai 2017 reisten 29 Staatsoberhäupter – unter anderem aus Russland, der Türkei und sogar Chile –, Spitzenvertreter der Vereinten Nationen, der Weltbank und des Internationalen Währungs­fonds sowie 1.500 Delegierte nach Peking.


Golden Bridge Die symbolreiche Installation leuchtete Tag und Nacht für die Gäste des Gürtel- und Straßenforums in Peking.

Erste Projekte Die Gäste des Forums konnten sich auch über laufende Projekte informieren. Gut entwickelt sich etwa die von der China-Weißrussland Industriepark­entwicklungs­gesellschaft nahe der Hauptstadt Minsk errichtete Freihandelszone. Sie genießt eine strategische Lage zwischen Asien und Europa und ist mit 91 Quadratkilometern der bisher größte Park, der unter chinesischer Ägide entstand. Mittlerweile zieht die Zone auch Hightech-Firmen aus Europa an, auch ein österreichisches Unternehmen hat sich niedergelassen. 80 solcher Zonen will China aufbauen, unter anderem am Hafen Gwadar.

Weiters sind Projekte wie der China-Bahnexpress nach Europa, die China-Laos-Bahn, die China-Thailand-Bahn, aber auch Binnenbahnen in Indonesien und Kenia in Umsetzung, in Äthiopien wird eine Schnellstraße errichtet. Die Vorhaben wurden gemeinsam mit den Regierungen entwickelt und beruhen auf bilateralen Vereinbarungen. Wie die Finanzierung erfolgt auch die Umsetzung in der Regel durch chinesische Unternehmen, die wiederum meist mit eigenem Personal anreisen und die Projekte zum kaum zu unterbietenden „China-Preis“ umsetzen – das ist „part of the game“. Für den Süd-Süd-Kooperations­experten Cai E-Sheng haben sich gerade Infrastruktur und Industrieparks als Entwicklungsinstrumente sehr bewährt. Ein neuer Trend sei, dass China seine Unternehmen ermuntere, sich auch in Niedriglohnländer zu wagen. Das bringe ebenfalls Entwicklung in Gang.

Dass Chinas Entwicklungsansatz zu funktionieren scheint, offenbart eine Studie des deutschen Entwicklungsökonomen Axel Dreher, die Chinas Entwicklungshilfe in afrikanischen Ländern ein Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent binnen zwei Jahren zuschreibt. Vor allem im Vergleich zur Weltbank, die ebenfalls schwerpunktmäßig größere Infrastruktur finanziert, schneidet China gut ab, so die Studienautoren, die mehr als 4.300 chinesische Entwicklungs­projekte aus den Jahren 2000 bis 2014 mit einem Volumen von rund 350 Mrd. Dollar untersucht haben.

Reaktionen Etliche Staaten sehen in der neuen Seidenstraße eine Chance. Kasachstan sieht sich etwa als „Schnalle“ des Gürtels. Man sei sich bewusst, dass keine Geldgeschenke zu erwarten sind, sagt ein Banker, und habe ein Auge darauf, sich bei den Projekten nicht zu übernehmen. Kasachstan habe zusätzlich begonnen, sich institutionell besser aufzustellen. Auch Pakistan steht der Initiative positiv gegenüber. Man sehe nur in den unterschiedlichen Entwicklungsniveaus der teilnehmenden Länder ein Risiko für die Initiative, sagt ein Regierungsvertreter. Auf offenen Widerstand stößt Chinas Vorstoß nur bei Indien, das sich überfahren fühlt.

Seitens der großen Entwicklungsbanken herrscht Zuspruch und Ratlosigkeit zugleich. Bei einem vom US-Think-Tank Center for Global Development in Washington organisierten Treffen äußerten die Banken etwa Bedarf bei der Koordination der Player, bei der Einigung auf gemeinsame Qualitäts- und Nachhaltigkeitskriterien oder bei der Preisgestaltung. Suma Chakrabarti, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD, sieht vor allem Chinas Nichteinmischungspolitik kritisch: „Bei der internationalen Zusammenarbeit muss es immer auch um Politikreformen gehen.“ Dass China gute Ratschläge zu politischen Fragen nicht schätzt, verwundert aber nicht wirklich.

----------------------------------------------------
Hintergrund

DIE VORGABEN

Ein zwölfseitiges Dokument, Anfang 2015 von Chinas Entwicklungs- und Reformkommission herausgegeben, gibt die Richtung für Chinas Seidenstraßeninitiative vor.

Die Initiative
… ist der Charta der Vereinten Nationen verpflichtet;
… setzt auf friedliche Koexistenz, das heißt Souveränität und territoriale Integrität, Nichtangriffspolitik, Nichteinmischung in nationale Angelegenheiten, Gleichheit und gegenseitiger Vorteil;
… ist offen für Kooperationen mit Ländern, Regionen und Organisationen über die Zielregion hinaus;
… ist friedlich und inklusiv, setzt sich für Toleranz unter den Völkern ein und achtet die verschiedenen Entwicklungspfade;
… achtet internationale Vereinbarungen und die Regeln des Markts.

Die Tätigkeitsschwerpunkte:
… politische Abstimmung und Zusammenarbeit
… Anbindung durch Transport-, Energie- und Telekommunikationsinfrastruktur
… Erleichterungen für Handel und Investitionen
… finanzwirtschaftliche Zusammenarbeit
… kultureller, technischer und wissenschaftlicher Austausch

© corporAID Magazin Nr. 72
Redaktion: Ursula Weber
Fotos: BRI, Flickr/Moign, CG, Grafik auf Basis von MERICS

Suche:  
Aktuelle Artikel

Entwicklungszusammenarbeit: Neue Impulse für globale Herausforderungen

Die aktuelle Zahl: Verdiener statt Diener

Seidenstraße: Chinas Angebot

Termine

6.11.2017 corporAID Multilogue: Berufsbildung in Emerging Markets

23.11.2017 Wirtschaft und Entwicklung-Konferenz: Neue Partnerschaften für neue Perspektiven

21.11.2017 WK: Seidenstraße im Fokus

Sie sind zurzeit nicht angemeldet.
» Anmelden » Registrieren » Passwort vergessen

Österreichische Unternehmen unterstützen corporAID
http://corporate.coke.at