Entwicklungszusammenarbeit

Neue Impulse für globale Herausforderungen

10/2017 - Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft hat für die Entwicklungszusammenarbeit an Bedeutung gewonnen. Neben bewährten Instrumenten wie öffentlich-privaten Partnerschaften bahnen sich auch innovativere Kooperationsmodelle wie das deutsche Lab of Tomorrow ihren Weg.

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Interview mit Caroline Masabo

Gemeinsame Sache Beim ersten Lab of Tomorrow 2015 suchten die Teilnehmer nach Lösungen für die Fiskalbehörden in Sambia.

Sei es die treffsichere Besteuerung von kleinen und mittleren Unternehmen, der Zugang zu Medikamenten und medizinischer Diagnostik in ländlichen Gebieten oder die verlässliche und leistbare Energieversorgung der gesamten Bevölkerung – all diese Themen sind typische Herausforderungen in zahlreichen Schwellen- und Entwicklungsländern. Und es sind Herausforderungen, bei denen die Innovations- und Investitionskraft von lokalen wie global tätigen Unternehmen eine bedeutende Rolle spielen kann – dessen ist man sich auch in der Entwicklungszusammenarbeit bewusst und sucht immer wieder nach neuen Modellen, um die Wirtschaft für die Lösung globaler Probleme zu gewinnen.

In Deutschland ist ein solches seit knapp zwei Jahren am Laufen. Im Rahmen der Strategischen Partnerschaft für ein Digitales Afrika rief das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ vor zwei Jahren das Lab of Tomorrow ins Leben. Dieses soll zusammen mit der Privatwirtschaft nach neuen nachhaltigen Ideen zur Lösung entwicklungspolitischer Herausforderungen suchen. „Am Anfang stand der Anspruch, für diese Partnerschaft des BMZ ein entsprechendes Innovationstool für Unternehmen anzubieten“, weiß Caroline Masabo, die seit zwei Jahren Teil des vierköpfigen Teams bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ ist, die das Lab of Tomorrow im Auftrag des BMZ umsetzt (siehe Interview).

Nutzerorientierung Als Inspiration diente der heute in vielen Branchen breit angewandte Design Thinking-Ansatz, der darin besteht, dass Experten unterschiedlicher Disziplinen in einem strukturierten Kreativprozess zusammenarbeiten und nach Design-Prinzipien, also stets am Endnutzer orientiert, neue Konzepte entwickeln. Vorreiter bei der Verwendung dieses Ansatzes in der Entwicklungszusammenarbeit ist das US-amerikanische Global Development Lab, das unter Federführung der Entwicklungsagentur USAID seit 2014 auf diese Weise mit externen Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und NGO innovative Lösungen für spezifische globale Probleme sucht.

Mittlerweile befassen sich auch europäische Entwicklungsakteure mit Design Thinking. Das britische Entwicklungsministerium DFID etwa startete 2014 den Amplify Innovation Challenge Fund und damit eine Serie von Wettbewerben, bei denen kreative Lösungen für Probleme wie Lebensmittelverschwendung und Jugendarbeitslosigkeit in einem offenen Online-Prozess ausgearbeitet und in ihrer Testphase mit bis zu 100.000 Pfund gefördert werden. Auch Schweden und die Niederlande befassen sich in ihren Inclusive Business-Programmen unter anderem mit Design Thinking-Prozessen. In Österreich steckt das Thema noch in den Kinderschuhen, lediglich hier und da werden auf NGO-Initiative Workshops angeboten. Die Austrian Development Agency verfolge bestehende Design Thinking-Ansätze laut ADA-Programmmanager Lukas Hecke zwar mit großem Interesse, konkrete Überlegungen zu einer Umsetzung in Österreich gebe es aktuell jedoch nicht.


Versorgung von oben Wingcopter möchte mit seinen Drohnen Medikamente in ländliche Gebiete bringen.

Innovationshub In Deutschland wird das Lab of Tomorrow inzwischen gut angenommen. Ausgehend von thematisch und geografisch jeweils genau umrissenen Problemstellungen hat das Lab of Tomorrow bereits sechs so genannte Challenges ausgerufen. Nach einer eingehenden Research-Phase startet jede Challenge mit einem dreitägigen Design Thinking-Workshop. Dabei entwickeln Unternehmen gemeinsam mit Fachexperten, politischen Entscheidungsträgern, NGO-Vertretern und anderen relevanten Akteuren aus Europa und dem Partnerland neue Ideen und Geschäftsmodelle, um mit unternehmerischen Lösungen die jeweilige entwicklungspolitische Herausforderung zu meistern.
So befasste sich etwa das erste Lab im Dezember 2015 mit der Frage, wie man in Sambia die Besteuerung von kleinen und mittleren Unternehmen verbessern könnte, Lab Nummer drei im Mai 2016 suchte wiederum nach intelligenten Logistiklösungen für den verbesserten Zugang zu Medikamenten und medizinischer Diagnostik im ländlichen Kenia. Im Innovationszentrum des deutschen Chemie- und Pharmaunternehmens Merck in Darmstadt wurden zu letzterem Thema insgesamt zehn Konzepte entwickelt – von Lösungsvorschlägen für die lückenlose Kühlung von Medizin über Informationsplattformen zur Übermittlung wichtiger Daten bis hin zum Einsatz von Drohnen zur Lieferung lebensrettender Medikamente.

Der ursprüngliche enge Fokus auf die Förderung digitaler Geschäftsmodelle in afrikanischen Ländern steht beim Lab of Tomorrow heute nicht mehr im Vordergrund. „Das waren lediglich die ersten Anknüpfungspunkte. Heute dient das Lab of Tomorrow ganz im Sinne des Shared Value-Gedankens als allgemeines Instrument, um Investitionen europäischer Unternehmen in Schwellen- und Entwicklungsländern zu fördern und zugleich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vor Ort zu verbessern“, so GIZ-Mitarbeiterin Masabo.


Praxistest Mit welchen Schwierigkeiten haben Apotheken in Kenia zu kämpfen und welche Lösungen könnten helfen? Die Lab-Ideen werden vor Ort dem Realitätscheck unterzogen, bevor es an die Pilotierung geht.

Realitätscheck Mit dem Entwurf bahnbrechender Lösungen auf dem Papier ist es aber nicht getan. Ein wesentlicher Aspekt des Design Thinking-Ansatzes ist daher auch die stetige Rückkopplung zwischen Entwickler und potenziellen Anwendern einer Lösung. „Wir versuchen zwar so gut wie möglich, Stakeholder aus den Partnerländern für den dreitägigen Workshop nach Deutschland zu bringen und mit den Ergebnissen der vorhergehenden Research-Phase den Kontext so greifbar wie möglich zu machen. Dennoch ist man in diesem Workshop-Mikrokosmos noch relativ weit von der Realität entfernt“, gibt Masabo zu. Um dies auszugleichen, folgt nach dem Workshop eine Testphase von drei Monaten, in der das Geschäftsmodell mittels Kurzstudien und Befragungen vor Ort geprüft und eine anschließende Pilotphase so gut wie möglich vorbereitet wird. „Das ist ein wichtiger Reality Check: Sind wir noch zu weit von dem entfernt, was der Markt braucht oder sich leisten kann? Welche regulativen Anforderungen gilt es zu beachten?“, nennt Masabo typische Fragestellungen.

Aktuell befinden sich drei Geschäftsmodelle aus den Lab of Tomorrow-Prozessen in der finalen Pilotphase. Eines davon ist das Projekt DroneX, das mittels der speziellen Drohnentechnologie des Darmstädter Start-up Wingcopter und einer versiegelten Kühlbox die Lieferung von Medikamenten, Blutkonserven und Impfstoffen in entlegene ländliche Gebiete möglich machen will. Hier war die Testphase maßgeblich für die Möglichkeit einer Pilotierung: „Letztendlich musste das Projekt von Kenia nach Tansania wandern, da es sich in Kenia als zu schwierig erwies, die nötigen Fluglizenzen zu bekommen“, so Masabo. Noch heuer starten die ersten Testflüge. Auch soll bis März 2018 der Pilotversuch zum Food4Health-Programm abgeschlossen sein, ein innovatives Bonussystem, bei dem kenianische Konsumenten beim Lebensmitteleinkauf Punkte sammeln, die den Zugang zu Krankenversicherungsleistungen ermöglichen.

Commitment gefragt Anders als etwa beim US-amerikanischen Modell, das über eigene Finanzierungsmechanismen und Wagniskapital verfügt, müssen die Unternehmen im Rahmen des Lab of Tomorrow die Kosten für die Test- und Pilotphase großteils selbst tragen. „Wenn Firmen eine Idee weiterverfolgen wollen, sind wir als GIZ natürlich weiterhin beratend involviert und nutzen unser weltweites Netzwerk, um die Projekte weiterzubringen. Unser finanzieller Beitrag für diese Phase ist jedoch auf die Finanzierung einzelner Unterstützungsleistungen wie etwa weitere Datenerhebungen oder Nutzertests in unseren Partnerländern begrenzt“, betont Masabo. Umso wichtiger sei die Anschlussfähigkeit an andere Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit wie etwa das Förderprogramm develoPPP.de des BMZ oder die Kontaktanbahnung mit privaten und öffentlichen Investoren, die Risikokapital für die frühe Projektphase bereit stellen können.

Und dieser Anschluss gelingt auch schon vereinzelt: Zwei Mittelständler aus der ersten Lab-Challenge arbeiten heute im Rahmen einer develoPPP.de-Entwicklungspartnerschaft mit der sambischen Finanzbehörde an der Verbesserung des lokalen Fiskalsystems. Zwar benötigen gerade größere Unternehmen dank bestehender lokaler Strukturen mitunter gar keine weiteren Finanzierungen und verfolgen Ideen eigenständig weiter, bei vielen Projekten wird es nach der Pilotphase ohne öffentliche Gelder aber wohl trotzdem nicht funktionieren. Denn viele der im Lab entstandenen Geschäftsmodelle sind letzten Endes Produkte und Services, an denen entweder die Regierungen der Entwicklungsländer oder die Entwicklungszusammenarbeit selbst ein ureigenes Interesse haben.

© corporAID Magazin Nr. 72
Text: Melanie Pölzinger
Fotos: GIZ/Paul Hahn, Wingcopter, GIZ/Tristan Vostry

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