Interview

Besser entscheiden

08/2017 - Die Bilanz der Entwicklungszusammenarbeit ist global gesehen durchwachsen, angesichts komplexer Herausforderungen stößt sie mit ihren traditionellen Ansätzen immer öfter an Grenzen. Für Verhaltensökonom Martin Kocher, Leiter des Instituts für Höhere Studien, liegt die Lösung im systematischen Experimentieren.

corporAID: Wie trägt die Verhaltensökonomie zu besserer Politik bei?

Kocher: Wir wollen verstehen, wie Menschen ihre Entscheidungen treffen, welche Fehler sie dabei machen und inwieweit sie vom Bild des Homo Oeconomicus abweichen – also irrational und altruistisch handeln. Wir wissen, dass Menschen systematische Fehler machen. Bei langfristigen Entscheidungen werden beispielsweise die kurzfristigen Kosten überschätzt: Man spart zu wenig für die Pension oder investiert zu wenig in Gesundheit. Die Verhaltensökonomie versucht, Anreize zu entwickeln, damit Menschen bessere Entscheidungen treffen, und setzt dabei sehr häufig auf evidenzbasierte Methoden. Ein solches Impact Assessment wäre für viele Bereiche wichtig, damit man versteht, wie sich etwa Eingriffe durch den Staat auswirken. Dazu muss man natürlich sagen, dass in vielen Fällen auch wir Verhaltensökonomen nicht präzise vorhersagen können, wie sich Personen oder Personengruppen in gewissen Situationen verhalten werden. Aber wenn man systematisch experimentiert, kann man daraus lernen – und da gibt es sicher Aufholbedarf in Österreich. Auf eine gewisse Weise ist das ja auch nachvollziehbar. Denn wenn sich herausstellt, dass ein Instrument, von dem man aus welchen Gründen auch immer sehr überzeugt war, in der Praxis doch nicht ganz so effizient ist, dann ist es natürlich unangenehm für diejenigen, die sich dahinter gestellt haben – das ist in Unternehmen aber nicht anders als in der Politik.

Wo setzt man bereits heute auf evidenzbasierte Politik?

Kocher: Die ersten Länder waren die USA und Großbritannien, die eher als wirtschaftsliberal gelten. Etatistischere Staaten sind hier zögerlicher, möglicherweise weil sie sich zu manchen Fragen im Besitz der Wahrheit wähnen. In der Wissenschaft hat sich das in den vergangenen zwanzig Jahren geändert, es gab hier ja früher auch Strömungen, die quasi von Wahrheiten ausgegangen sind. Moderne Ökonomen arbeiten größtenteils evidenzbasiert und empirisch, denn das Zusammenspiel von Kultur, Institutionen und dem Verhalten von Menschen ist zumeist komplexer als jede Theorie. Daher beschäftigen sich immer mehr Institutionen mit Verhaltensökonomie, auch wir am IHS bauen dazu einen Schwerpunkt auf. In der praktischen Anwendung für Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik ist Verhaltensökonomie aber noch ein relativ neues Feld.

Wie erklärt sich der Verhaltensökonom das mehr oder weniger gute Funktionieren von Entwicklungszusammenarbeit?

Kocher Für den durchwachsenen Erfolg gibt es vor allem ganz klassische Gründe: Etwa dass Entwicklungspolitik sehr häufig nicht darauf ausgerichtet war, erfolgreich zu sein, sondern eher darauf, den eigenen Absatzmarkt aufzubereiten. In der Realität gibt es meines Erachtens zwei Faktoren, die Entwicklung wirklich voranbringen: Zum einen sind das funktionierende Institutionen und die Durchsetzung von Recht. Zum anderen geht es um die Frage, wie ich Menschen dazu bringe, bessere Bedingungen für sich selbst zu schaffen – und hier ist der Verhaltensökonom stärker gefragt. Entwicklungszusammenarbeit hat bisher zum Teil bei den falschen Themen angesetzt. Denn für langfristige Verbesserungen muss man versuchen, die Menschen aus diesem Zyklus herauszubringen, systematisch zu wenig in die Zukunft zu investieren – das betrifft Bildung und Gesundheit, aber klarerweise auch den betrieblichen Bereich. Kleinunternehmer in Entwicklungsländern handeln beispielsweise oft sehr kurzfristig und sammeln nicht das Kapital an, das sie für Investitionen brauchen. Hinzu kommt, dass die Entwicklungszusammenarbeit mitunter Projekte unterstützt, die zwar für sich genommen Sinn machen, die aber ohne Berücksichtigung der Rahmenbedingungen und menschlichen Entscheidungen umgesetzt werden, was dazu führt, dass sie in gewissen Bereichen vielleicht funktionieren, in anderen aber überhaupt nicht.

Wie sieht das beim aktuellen Thema Migration aus?

Kocher: Ich glaube nicht, dass man mit verhaltensökonomischen Methoden Fluchtursachen bekämpfen kann, weil die wirtschaftlichen Interessen oder auch die Auswirkungen von Krieg und Konflikten so stark sind, dass mit ökonomischen Methoden wenig auszurichten ist. Wo verhaltensökonomische Methoden sehr wohl greifen können, ist bei der Integration, denn da geht es um Fragen wie: Wie entstehen Identitäten? Welche Identitäten kann man parallel haben? Wie nehmen Menschen andere Kulturen an?

Inwieweit kann die Verhaltensökonomie als Grundlage für eine effektivere Entwicklungszusammenarbeit dienen?

Kocher: Es gibt zwei Anknüpfungspunkte: Dass man versucht, aus einer Bandbreite von Maßnahmen die geeignetste auszuwählen, und dass man diese standardmäßig auf ihre Wirkung testet. Ein Beispiel: Malaria ist ein großes Problem in vielen Staaten – nicht nur gesundheitlich, sondern auch wirtschaftlich. Man hat herausgefunden, dass viele Menschen gratis zur Verfügung gestellte Moskitonetze einfach nicht verwenden. Hier gilt es, verschiedene Methoden auszuprobieren und jene zu identifizieren, die im Kosten-Nutzen-Vergleich am besten abschneidet. Erschwerend kommt hinzu, dass es selbst innerhalb von Kulturen unterschiedliche Verhaltensmuster gibt. Den Erfolg von Maßnahmen bestimmen letztlich oft Kleinigkeiten – da ist sehr viel Finetuning vonnöten. Aber wenn man einmal verstanden hat, warum eine Maßnahme funktioniert, dann kann man sie sehr gut ausrollen.

Wie sehen Sie das Spannungsfeld zwischen makroökonomischen Zielen und individuellen Entscheidungen?

Kocher: Meist ist die Summe der individuellen Entscheidungen auch optimal, wenn diese individuell optimal sind. Die langfristigen Wirkungen sind jedoch schwer abzuschätzen. Bei Kleingruppen geht das noch vergleichsweise gut, bei größeren Gruppen mit einer komplizierten sozialen Struktur ist das jedoch sehr schwierig. Oft ist auch nicht abschätzbar, inwieweit gewisse Maßnahmen eins zu eins auf einen anderen Kontext übertragbar sind – der Mix aus Kultur, Identität und Institutionen kann den Menschen zu völlig anderen Entscheidungen führen. Das darf man aber nicht unabhängig von der Makroebene betrachten: Es ist schwierig, in einem nicht funktionierenden Gemeinwesen durch individuelle Entscheidungen strukturelle Verbesserungen zu erreichen. Andererseits wirkt es sich langfristig auch positiv auf das politische System aus, wenn wir Einzelnen mehr Bildung ermöglichen, sie gesünder und wirtschaftlich stärker machen.

Wie könnte die Entwicklungszusammenarbeit allgemein evidenzbasierter gestaltet werden?

Kocher: Der entscheidende Weg ist, offen zu sein und Experimente zuzulassen. Diesen Ansatz haben auch zahlreiche Universitäten gewählt, am bekanntesten ist das Forschungszentrum J-Pal am Massachusetts Institute of Technology MIT: Die machen zum Thema Armutsbekämpfung Experimente mit hunderten im Detail variierten Maßnahmen und verstehen dadurch immer besser, welche Ansätze wirken und warum sie das tun. Das Argument für die Politik lautet Value for Money. In Relation dazu, wie wenig der Erfolg und die Wirklogik geprüft wird, geben Staaten aber relativ viel Geld für Entwicklungszusammenarbeit aus. Impact Assessments kosten einen Bruchteil der Gesamtaufwendungen und würden uns langfristig sicherlich eine bessere Entwicklungspolitik bescheren. Österreich mit seinen begrenzten Möglichkeiten könnte das im kleinen Rahmen auch tun. Am besten wäre es, wenn man sich dazu in der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit nicht nur auf Länder, sondern auf spezifische Themen konzentrierte, weil man so langfristig viel besser Know-how aufbauen kann als wenn man auf einen breiten Strauß an Themen setzt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Martin Kocher ist seit September 2016 Leiter des Instituts für Höhere Studien in Wien. Der Ökonom ist zudem seit 2011 ordentlicher Professor für Verhaltens-ökonomie und experimentelle Wirtschaftsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.



© corporAID Magazin Nr. 71
Das Gespräch führte Melanie Pölzinger
Foto: Christoph Eder

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