Neue Märkte

Im Maghreb ist einiges los

08/2017 - Etliche Austro-Unternehmen wissen die Business-Chancen im Maghreb zu nützen. So hat Hirschmann groß in Marokko und die OMV vor Jahren in Tunesien investiert. Fleischmann Consult führt ein stattliches Büro in Algier, Kora betreut hier ein Mega-Konferenzzentrum. Auch Zulieferer wie Kapsch und Doka sind solide im Geschäft.

Zum Thema:

Interview mit Christoph Plank, WD in Casablanca

Interview mit Markus Haas, WD in Algier

Handarbeit
Die Feinarbeit im marokkanischen Werk von Hirschmann Automotive wird vor allem von Frauen gemacht.

Das westliche Nordafrika ist eine der bevölkerungsreichsten und zugleich entwickeltsten Regionen des Kontinents. Doch trotz des Dachnamens Maghreb und zahlreicher Gemeinsamkeiten bilden Marokko, Algerien und Tunesien keine integrierte Region. Dabei spielen Zerwürfnisse, wovon die an der Grenze zwischen Marokko und Algerien unterbrochene Bahnstrecke und der dort entstehende Zaun zeugen, ebenso eine Rolle wie die unterschiedlichen Systeme: Das ressourcenarme Königreich Marokko ist wirtschaftsliberal und offen, das ölreiche Algerien will seine Wirtschaft mittels Protektionismus diversifizieren, und Tunesien hat zwar eine demokratische Regierung, ein aufgeblasener Staatsapparat behindert aber Investitionen. Im Ease of Doing Business-Index der Weltbank liegen Marokko mit Platz 68 und Tunesien mit Platz 77 im Mittelfeld, Algerien ist auf Platz 156 weit abgeschlagen. Dennoch sind in allen drei Staaten österreichische Unternehmen seit den 1970er Jahren erfolgreich im Geschäft.


Thomas Mayer,
CFO Hirschmann Automotive, kann Marokko nur empfehlen.

Automobilindustrie Oberstes Ziel der drei Regierungen ist die Schaffung von Arbeitsplätzen, ausländischen Investoren werden daher zunehmend bessere Bedingungen geboten. Dies zieht auch die Automobilindustrie in die Region, vor allem nach Marokko, das dabei ist, Tunesien im KFZ-Bereich zu überflügeln. Den Anfang machte 2012 Renault mit einer Produktion nahe der Hafenstadt Tanger – gerade wurde der millionste Dacia ausgeliefert – und nun folgt PSA Peugeot Citroën mit einem Werk in Kenitra.

Dort ist mit Hirschmann Automotive aus Rankweil seit 2011 auch ein österreichisches Unternehmen vor Ort. Hirschmann produziert Steck-, Kontaktierungs- und Sensorsysteme sowie Spezialkabellösungen, „die absolute Zuverlässigkeit unter extremsten Bedingungen und in hoch beanspruchten Bereichen im Fahrzeug gewährleisten müssen“, erklärt CFO Thomas Mayer, „und die teilweise handgefertigt werden.“ Für diese Handarbeit suchte der Weltmarktführer einen weiteren Standort. „Wir haben uns in Osteuropa und Nordafrika umgeschaut und sind schließlich in Marokko gelandet. Die Sicherheit sowie finanzielle Anreize, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und das attraktive Lohnniveau haben uns zu diesem Schritt bewogen“, so Mayer. Mittlerweile hat Hirschmann in Kenitra bereits zwei Fabriken errichtet und beschäftigt 1.500 lokale Arbeitskräfte. Die Loyalität der Mitarbeiter und die hohe Produktivität waren die größten positiven Überraschungen. Mayer: „Ich kann Marokko nur empfehlen.“


Österreich prominent im Geschäft Fleischmann-Mitarbeiter bei der Vermessung in Algerien.

Bauindustrie Der Infrastrukturausbau ist ein weiterer Bereich, der im Maghreb in großem Stil vorangetrieben wird, vor allem in Algerien und Marokko, meist mit Baufirmen aus Spanien, Frankreich, der Türkei und China. Es entstehen Häfen, Eisenbahnen, Autobahnen, Metro- und Straßenbahnlinien. Ein österreichisches Unternehmen, das bereits in zweiter Generation in diesem Sektor in Algerien arbeitet, ist das Vermessungsbüro Fleischmann Consult aus Salzburg. Geschäftsführer Gernot Fleischmann berichtet, sein Vater sei um 1980 als Teil eines österreichischen Konsortiums nach Algerien gegangen, um auf Basis eines bilateralen Kredits aus Österreich eine Eisenbahnstrecke zu planen. Die Bahnstrecke wurde realisiert, und Fleischmann Senior blieb, um das eine oder andere Kleinprojekt zu übernehmen. Als er nach dem algerischen Bürgerkrieg, Ende der 1990er Jahre, wieder einen Großauftrag an Land zog – die Vermessung einer 360 Kilometer langen Eisenbahnstrecke entlang der marokkanischen Grenze samt Ausführungsplanung – reichte er diesen an seinen Sohn weiter.

Heute beschäftigt Fleischmann in Algier 50 Techniker und Ingenieure. Aktuelle Projekte: das Autobahn-Mautsystem und neue U-Bahnlinien für die Hauptstadt. Dazu lagert er gelegentlich auch Aufträge aus Österreich an das Büro aus. Was die zukünftige Auftragslage in Algerien anlangt, ist Fleischmann wenig zuversichtlich: Er erwartet einen Rückgang der Bautätigkeit ab Ende 2017 und beobachtet, dass andere Büros bereits ihre Leute abziehen. Die Frage, ob für ihn Marokko auch ein interessanter Markt sein könnte, verneint Fleischmann: „Marokko braucht uns nicht. Die haben mit Unterstützung aus Frankreich den TGV gebaut. Auch Tunesien ist, was Ausbildung und Ressourcen betrifft, besser aufgestellt als Algerien. Spannender wären Mali, Mauretanien oder Libyen!“


Ein von Kapsch aufgestellter Funkturm in Algerien.

Über eine Akquisition im Jahr 2010 stieg auch Kapsch, der heimische Weltmarktführer bei Bahnkommunikationssystemen, in den algerischen Eisenbahnsektor ein. Ein Jahr später eröffnete Kapsch ein Zehn-Mann-Büro in Algier, um Nachfolgeaufträge im Bereich Zugfunk abzuwickeln. 2015 gründete Kapsch ein Joint Venture mit der algerischen Eisenbahngesellschaft. Ziel der Partnerschaft ist es, das algerische Bahnnetz nicht nur durch Ausrüstung, sondern auch durch Know-how-Transfer zukunftsfit zu machen. CEO Kari Kapsch sieht viel Arbeit auf sich zukommen: „Die Region Maghreb sowie viele Teile des Nahen Ostens haben sich in den vergangenen Jahren für uns zu einem wichtigen Zielmarkt entwickelt und stellen auch in Zukunft für unseren Sektor ein enormes Potenzial dar.“


Vorzeigeprojekte von Doka: die Bouregreg Brücke in Rabat und dem Minarett in Algier

Mit dem Schalungstechnikanbieter Doka aus Amstetten mischt ein weiteres, auf seinem Gebiet führendes, österreichisches Unternehmen im maghrebinischen Bausektor mit, und dies sowohl in Algerien als auch in Marokko. Harald Beutel, der die Niederlassung in Casablanca aufgebaut hat, berichtet, das Geschäft vor Ort werde heute vor allem mit lokalem Personal bestritten: „Man kann besser verkaufen, wenn man die Sprache beherrscht und die Kultur und den Markt kennt.“ Das Geschäft funktioniere in Marokko wie überall, allerdings sei der Markt sehr preissensitiv. „Die Leute haben nicht die Budgets, um in Schalung zu investieren, wie wir das von Europa oder Amerika gewohnt sind. Wir müssen daher den Mehrwert unserer Produkte und Serviceleistungen – Qualität, Langlebigkeit, Ergonomie, Innovation sowie Training und Beratung – hier noch viel mehr in den Fokus rücken.“ Das lokale Büro beschäftigt rund zwanzig Fachleute und kann auf prestigereiche Projekte verweisen, darunter die Bouregreg Brücke in Rabat, die schönste und spektakulärste Schrägseilbrücke Afrikas. Derzeit ist Doka am Bau des Casablanca Finance City Towers mitbeteiligt. Auch die Niederlassung in Algerien kann gute Referenzprojekte vorweisen: Sie wirkte etwa maßgeblich an der Errichtung des 260 Meter hohen Minaretts der Großen Moschee in Algier mit. Die Herausforderung in Algerien sind ausländische Baufirmen, die Produkte vorab einkaufen und ins Land mitbringen. „Wir haben dort Chancen“, sagt Beutel, „wo komplexe Lösungen gefragt sind.“


OMV Verarbeitungszentrale in Waha, Tunesien.


Großer Konferenzraum
im CIC Algier.

Rohstoffsektor Erdöl und Erdgas sind die wirtschaftliche Basis Algeriens und in einem geringeren Maß auch Tunesiens. Der kleine Nachbar hat frühzeitig diversifiziert und erwirtschaftet mit Elektronik und Bekleidung jeweils viermal mehr Devisen als mit fossilen Brennstoffen. Seit den frühen 1970er Jahren ist die OMV hier in der Öl- und Gasförderung tätig – für den österreichischen Mineralölkonzern war es die erste Auslandsinvestition dieser Art – und hat bereits alle Höhen und Tiefen erlebt. Über Akquisitionen erlangte die OMV eine wettbewerbsfähige breite Positionierung im Land, derzeit hält sie zwei Explorationslizenzen und 13 Produktionskonzessionen, zum Teil mit Betriebsführerschaft, und beschäftigt direkt 280 lokale Mitarbeiter.

„Seit April dieses Jahres kommt es im Süden Tunesiens wiederholt zu sozialen Unruhen und Blockaden von Energieversorgungsinfrastruktur“, heißt es aus dem Konzern. „Derzeit steht aufgrund einer Blockade von wichtigen Pipelines die Ölproduktion in unserer Anlage Waha still.“ Seitens des Konzerns wird das Umfeld in Tunesien als „anspruchsvoll“ beschrieben: „Die politische Übergangsphase, die schwierige wirtschaftliche Lage des Landes und insbesondere die hohe Arbeitslosigkeit stellen wesentliche Herausforderungen dar.“ Dennoch will die OMV an ihrem Engagement in Tunesien festhalten. Dazu sucht sie den Dialog mit den Entscheidungsträgern und entwickelt zielgerichtete CSR-Aktivitäten.


Alexander Gassauer
sorgt für eine Willkommenskultur mit Austro-Touch im CIC Algier.

Tourismus Der Fremdenverkehr ist ein weiterer wichtiger Sektor in Marokko und Tunesien, in Algerien fällt er statistisch nicht ins Gewicht. Trotzdem hat die Kora Hospitality Beratung aus Bad Gastein dort einen Großauftrag erhalten: das neu errichtete Centre International de Conférences CIC in Algier zu managen. Das von einem italienischen Stararchitekten entworfene Konferenzzentrum ist mit 270.000 Quadratmetern verbauter Fläche das größte Konferenzzentrum Afrikas. Kora Hospitality-Gründer Alexander Gassauer hatte in den späten 1990ern ein Hotel in Algier geführt – dessen halbstaatliche Besitzer baten ihn nun, das Konferenzzentrum zu übernehmen. „Wir machen alles selbst“, sagt Gassauer, „von der Simultanübersetzung über die Spitzenküche bis zur Eventgestaltung. Wir müssen Wasserreservoirs betreuen, Stromaggregate bedienen und haben sogar eine eigene Feuerwehr. Das ist für ein Kongresszentrum unüblich, normalerweise werden diese Services zugekauft.“ Er kann bereits auf erste erfolgreich abgewickelte Großereignisse zurückblicken: eine internationale Energiekonferenz mit OPEC-Treffen und eine Afrika Investment-Konferenz mit mehreren tausend Teilnehmern. Gassauer hat einen österreichischen Geschäftsführer vor Ort, ansonsten ist das Personal lokal. Bis Ende des Jahres will Gassauer 700 Leute einstellen. Junge Talente gibt es genug, sagt er: Unter anderem habe Algier eine hervorragende Tourismusuniversität. Er bildet auch selbst aus: Mit 15 Kochlehrlingen hat er begonnen, 30 sollen es dauerhaft werden.

Chancenregion Die Wirtschaftsdelegierten Christoph Plank (siehe Interview im Link) und Markus Haas (siehe Interview im Link) haben diese und andere Unternehmen in den Maghreb begleitet. Beim Außenwirtschafts-Forum „Reüssieren im Maghreb“ am 12. September in der WKO in Wien werden sie ihr Know-how über diese Märkte teilen und ihre Nachfolger Michael Berger und Franz Bachleitner vorstellen. In der Keynote wird ein Experte der auf den Maghreb spezialisierten Investmentgruppe TELL verraten, wo es im Maghreb Sinn macht zu investieren.

-----------------------------------------------------------------
DATEN UND FAKTEN

Drei Länder, drei Welten


Rabat: 0,6 Mio. Ew.


Algier: 2,1 Mio. Ew.


Tunis: 1 Mio. Ew.

Marokko
Bevölkerung 33,8 Mio.
Fläche 446.550 km2
BIP-Wachstum 4,4 Prozent ↑
BIP/Kopf 3.093 Dollar
Ö. Importe 149 Mio. Euro ↑
Ö. Exporte 114 Mio. Euro ↑


Algerien
Bevölkerung 40,7 Mio.
Fläche 2.381.740 km2
BIP-Wachstum 1,4 Prozent ↓
BIP/Kopf 4.188 Dollar
Ö. Importe 153 Mio. Euro ↓
Ö. Exporte 202 Mio. Euro ↓


Tunesien
Bevölkerung 11,2 Mio.
Fläche 163.610 km2
BIP-Wachstum 2,5 Prozent ↑
BIP/Kopf 3.908 Dollar
Ö. Importe 134 Mio. Euro ↓
Ö. Exporte 80 Mio. Euro

© corporAID Magazin Nr. 71
Text: Ursula Weber
Fotos: WKO, Hirschmann, Wikimedia, Pline, beigestellt

Suche:  
Aktuelle Artikel

Off-Grid-Energie: Die Sonne schickt keine Rechnung

Kurzmeldung: Österreichische Projekte im Entwicklungs-Business

Entwicklungsbank: Projekte fallen nicht vom Himmel

Termine

6.11.2017 corporAID Multilogue: Berufsbildung in Emerging Markets

23.11.2017 Wirtschaft und Entwicklung-Konferenz: Neue Partnerschaften für neue Perspektiven

22.11.2017 Präsentation: GRI Launch Event

Sie sind zurzeit nicht angemeldet.
» Anmelden » Registrieren » Passwort vergessen

Österreichische Unternehmen unterstützen corporAID
http://corporate.coke.at