Kunst aus Afrika

Masken waren gestern

08/2017 - Zeitgenössische afrikanische Kunst rückt zunehmend in den Fokus von Sammlern und Kunstlieb-habern: Sotheby‘s und Co. setzen bereits auf das Thema.
Ein neues Museum dürfte weiteren Auftrieb bringen.

Zum Thema:

Interview mit Hannah O'Leary, Sotheby's

Prunkstücke bei der ersten Afrika-Auktion von Sotheby‘s im Mai 2017 waren „Crash Billy“ vom britisch-nigerianischen Künstler Yinka Shonibare (Vordergrund) und „Earth developing more roots“ vom ghanaisch-nigerianischen Künstler El Anatsui (links an der Wand)

Am 16. Mai dieses Jahres feierte Sotheby‘s in London unter großer medialer Aufmerksamkeit eine Premiere: Das führende Kunstauktionshaus lud zu seiner ersten Exklusivversteigerung für afrikanische Gegenwartskunst. Schon seit 2008 hält das ebenfalls in London ansässige Auktionshaus Bonham’s unter dem Titel „Africa Now“ regelmäßig, mittlerweile zweimal jährlich, eine Auktion für zeitgenössische afrikanische Kunst ab. „Das Thema zieht“, betont Hannah O‘Leary. Die Kunstexpertin hat die Afrika-Abteilung bei Bonham‘s von der ersten Stunde an betreut und einen solchen Schwerpunkt nun auch bei Sotheby‘s, zu dem sie im Vorjahr wechselte, eingeführt.

O‘Leary stellt einen rasanten Anstieg interessierter Sammler aus Afrika und der afrikanischen Diaspora in den vergangenen zehn Jahren fest, ebenso von Sammlern internationaler Kunst, die afrikanische Kunstwerke mit offenen Armen begrüßten, weil sie „aufregend, innovativ und relevant“ sind. Sotheby‘s Eintritt in diesen Markt sei eine direkte Antwort auf die bereits bestehende Dynamik und das noch größere Potenzial, erklärt sie. Die Tatsache, dass sich nun zwei Auktionshäuser diesem Markt widmen, hält O‘Leary für wünschenswert und notwendig. Denn „es ist noch ein weiter Weg zurückzulegen, bis die Unterrepräsentation afrikanischer Künstler am internationalen Kunstmarkt korrigiert ist.“ Es brauche vereinte Kräfte: „Gemeinsam wird es möglich sein, dieses enorme Potenzial zu heben“, sagt sie. Sotheby‘s will dabei vor allem jenen Kunstsammlern und -liebhabern eine frische Plattform bieten, die diesen Bereich noch nicht für sich entdeckt haben.


Künstlergespräche Sotheby‘s bereitete die Auktion afrikanischer Gegenwartskunst im Mai 2017 sorgfältig vor.

O‘Leary bereitete die erste Auktion afrikanischer Kunst bei Sotheby‘s mit großem Aufwand vor, sie veranstaltete Ausstellungen in mehreren Städten – Paris, Kapstadt, New York, London – und Künstlergespräche. Die Auktion am 16. Mai lockte schließlich Kaufinteressenten aus 29 Ländern nach London, das Ergebnis blieb jedoch hinter den Erwartungen. Mit umgerechnet drei Mio. Euro wurde knapp mehr als der niedrigste Schätzwert erreicht, wobei der Hauptgrund darin liegt, dass etliche Lose keine Käufer fanden. O‘Leary spricht dennoch von einem historischen Ereignis, einem „Meilenstein“ für Afrikas Kunstmarkt (siehe Interview rechts). Was sicherlich freut, ist, dass einige Künstler neue Rekordpreise erzielten, andere weit besser performten als erwartet und wieder andere zu gemäßigten Preisen zu haben waren. Dass afrikanische Kunst bis auf weiteres erschwinglich ist, macht sie gerade für viele Sammler attraktiv.


Hannah O'Leary leitet die Abteilung afrikanische Gegenwartskunst bei Sotheby's.

Erwartungen O‘Leary ist überzeugt, dass zeitgenössische afrikanische Kunst einen ähnlichen Aufschwung nehmen wird, wie es bei der lateinamerikanischen und asiatischen Kunst der Fall war. Der Anteil der modernen und zeitgenössischen afrikanischen Kunst am Sekundärmarkt, also am Erlös aus Kunstauktionen, lag zuletzt bei 0,1 Prozent. In absoluten Zahlen heißt das: 2016 waren in diesem Segment 26 Mio. Dollar geboten worden. Im gleichen Jahr wurden sowohl für zeitgenössische chinesische als auch lateinamerikanische Kunst durch Auktionen in Summe je knapp 90 Mio. Dollar eingenommen. O‘Leary ist optimistisch: „Moderne lateinamerikanische Kunst kam bei Sotheby‘s bereits 1977 erstmals unter den Hammer, asiatische Kunst 2004. Nach unserer Premiere mit moderner und zeitgenössischer afrikanischer Kunst im Mai 2017 schaue ich nun auf diese Märkte, um zu wissen, wo afrikanische Kunst in zehn Jahren angekommen sein dürfte.“

Ein signifikantes Interesse an afrikanischer Gegenwartskunst zeigen dabei große Museen, sagt sie. So seien etwa das Brooklyn Museum in New York und das Smithsonian in Washington stolz auf ihre großen Sammlungen afrikanischer Gegenwartskunst, vor fünf Jahren habe auch das Tate Museum in London einen eigenen Afrika-Akquisitionsausschuss eingerichtet. Am afrikanischen Kontinent kennt O‘Leary zudem „einige wunderbare städtische Sammlungen“, öffentliche Mittel seien aber leider oft begrenzt. Damit der Markt in Schwung kommt, rechnet die Kunstexpertin in erster Linie mit dem vermehrten Engagement von Sammlern in Afrika. „Diese haben den Markt für moderne und zeitgenössische afrikanische Kunst schon bisher vorangetrieben“, sagt sie, was in wohlhabenderen Ländern, vor allem in Südafrika, Marokko und Nigeria, zur Entstehung strukturierter Kunstmärkte geführt habe, also zum Zusammenspiel einer Vielzahl von Akteuren: Künstler und Kunsthochschulen, Galerien und Kunsthändler, Sammler und Museen, Auktionshäuser und Messen, dazu Kunstvereine, -berater, -experten und nicht zuletzt -kritiker.


Die Joburg Art Fair feiert vom 7. bis 10. September ihr zehnjähriges Jubiläum.

Vorreiter Südafrika stellt eine Anomalie am Kontinent dar, sagt O‘Leary, da es schon im 20. Jahrhundert fast durchgehend über einen gut entwickelten Kunstmarkt verfügte. Die Goodman Gallery etwa, bis heute eine Top-Galerie in Kapstadt, besteht bereits seit 1966, zahlreiche Auktionshäuser tragen seit Jahrzehnten zur Wertsteigerung bei, und ebenso lange betätigen sich Banken, Telekommunikationsunternehmen und Versicherungen als Mäzene und ermöglichen damit künstlerisches Schaffen. Mit der Joburg Art Fair wurde 2008 eine erste, auf zeitgenössische afrikanische Kunst spezialisierte Messe in Johannesburg eröffnet.

Die Kunstszene in Nigeria hat sich hingegen erst in viel jüngerer Zeit entwickelt, mit kommerziellen Galerien und Auktionshäusern, die in den vergangenen zehn Jahren eröffnet wurden. 2016 besuchte O‘Leary die erste zeitgenössische Kunstmesse in Nigeria, Art X Lagos, und dieses Jahr den ersten nigerianischen Pavillon auf der Biennale von Venedig. „Die Dinge ändern sich also rasch“, freut sie sich. Dennoch hält sie fest, dass Künstler in vielen afrikanischen Ländern bis heute Hindernissen und Herausforderungen gegenüberstehen, die europäische Künstler so nicht kennen: vom fehlenden Zugang zu Material und mangelnder lokaler Unterstützung bis zu zivilen Unruhen und begrenzter Reisefreiheit. Das hindere Künstler daran, die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt zu erlangen.

Neues Weltbild Was afrikanische Gegenwartskunst ausmacht, ist letztlich gerade die Auseinandersetzung mit dem komplexen Erbe dieses dynamischen Kontinents vor dem Hintergrund verschiedener Kulturen. O‘Leary betont: „Zu meinen, Künstler aus Marokko und Südafrika hätten eine gemeinsame Kunstgeschichte, ist falsch.“ Von der Vielfalt des Schaffens gibt bis 4. September eine groß angelegte, sorgsam zusammengestellte Schau der Fondation Louis Vuitton in Paris einen Eindruck, unter dem Titel „Art/Afrique“ sind Werke von 35 zeitgenössischen Künstlern aus zwölf Ländern ausgestellt.

Auf Liebhaber afrikanischer Gegenwartskunst warten im Herbst noch zwei wichtige Termine. Höhepunkt wird die Eröffnung des Zeitz Museums für zeitgenössische afrikanische Kunst MOCAA am 22. September in Kapstadt. Das Privatmuseum wird das größte Museum für afrikanische Gegenwartskunst sein, in der Top-Liga der Museen für moderne Kunst mitspielen und allein durch Architektur und Lage zum Tourismusmagneten werden. Das Museum beruht im Wesentlichen auf der Privatsammlung von Ex-Puma-Chef Jochen Zeitz. „Ich möchte Afrika durch die Kunst zugänglicher machen und zu einer Weltbildveränderung beitragen“, so Zeitz über das Ziel, das er mit dem Museumsprojekt verfolgt. Der Deutsche ortet viel Aufklärungsbedarf über zeitgenössische Kunst in Afrika, er bedauert, dass viele immer noch Stammeskunst wie Masken und Holztiere damit verbinden.


1:54 in London Hier trifft sich eine neue Generation von Kunstliebhabern.

Vom 5. bis 8. Oktober sei Kaufinteressierten die 1:54 Contemporary African Art Fair in London empfohlen, eine Initiative, die von der in London lebenden Marokkanerin und Künstlertochter Touria El Glaoui vor vier Jahren ins Leben gerufen wurde. An der Messe werden 42 führende Galerien aus Europa, Afrika, Vorderasien und den USA teilnehmen und insgesamt 130 zeitgenössische afrikanische Künstler aus 32 Ländern präsentieren. Von 1:54 – 1 Kontinent, 54 Staaten – gibt es bereits einen Ableger in New York, 2018 soll die Messe erstmals auch in Marokko stattfinden.

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ZWEI TOP-KÜNSTLER AUS AFRIKA


El Anatsui hat immer in Afrika gelebt, die meiste Zeit in Nigeria.

Doyen aus Ghana
El Anatsui, Jahrgang 1944, gilt als einer der populärsten bildenden Künstler Afrikas, seine Arbeiten sind in Museen weltweit zu sehen, er wurde mit zahlreichen Preisen und Ehrendoktoraten gewürdigt. Anatsui studierte in seiner Heimat Ghana Kunst, lebte dann aber als Künstler und Universitätsdozent in Nigeria. War anfangs Holz sein präferiertes Material, sind es heute metallische Flaschenverschlüsse. Aus ihnen macht er mit seinem Team prachtvolle Wandteppiche in allen Größen. In den Flaschenkappen verbinden sich für ihn Afrika, Europa und USA. Das Werk „Erde, die mehr Wurzeln schlägt“ war von der Sakshi Galerie in Mumbai zum Verkauf freigegeben worden. Sotheby‘s brachte es um 800.000 Euro an einen Interessenten.


Njideka
Akunyili Crosby

Die nigerianische Starkünstlerin lebt in den USA.

Bürgerin zweier Welten
Njideka Akunyili Crosby, Jahrgang 1983, zählt zu den bekanntesten Künstlerinnen Afrikas. Sie stammt aus Nigeria, hatte aber bereits als 16-Jährige die Chance, zum Studium in die USA zu gehen, wo sie das Kunstfach erst nachträglich für sich entdeckte. Crosby ist vielfache Preisträgerin und eine gefragte Referentin auf Hochschulen und in Museen weltweit. Sie wohnt heute mit ihrer Familie in Los Angeles, den Verkauf ihrer Arbeiten hat sie der Victoria Miro Gallery in London anvertraut. Ein Bild kam bei Sotheby‘s bereits um mehr als eine Mio. Dollar unter den Hammer. Crosby sieht sich als Nigerianerin und Amerikanerin. Sie schöpft aus beiden Kulturen und verquickt beide Welten. „Meine Bilder haben Schichten wie mein Leben“, sagt sie. Ihr Lieblingsmotiv ist der Alltag: das Familienleben, der Mensch, die eigenen vier Wände.

© corporAID Magzin Nr. 71
Text: Ursula Weber
Fotos: Sotheby's, Artlogic, V. Raison, Privat

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