Globale Ernährung

Die Welt hat Appetit

08/2017 - Aufstrebende Mittelschichten, Lust auf Neues und ein immer breiteres Angebot sorgen für einen Wandel in den Küchen rund um den Globus. Vor allem Haushalte mit steigenden mittleren Einkommen satteln von pflanzlicher Nahrung nach und nach auf tierische um. Diese neuen Vorlieben sowie die stetig wachsende Weltbevölkerung werden die globale Landwirtschaft künftig stark fordern.

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Ernährungstrends Milch-, Fisch- und Huhn-Boom

Freundliche Äuglein, Schlappohren, ein sanftes Wesen: Okja, eine Kreatur mit Kuscheltiercharme, ist Hauptdarsteller des gleichnamigen, im Sommer veröffentlichten Netflix-Films. Darin erzählt Regisseur Bong Joon-ho eine skurrile Abenteuergeschichte rund um die Rettung eines riesigen Superschweins, das von einem Biotech-Unternehmen geschaffen wurde und auf der Schlachtbank landen soll.


Viel Fleisch In der neuen Netflix-Produktion Okja wird das Thema Ernährungssicherheit angeschnitten. Ein elefantengroßes Superschwein soll darin helfen, den globalen Fleischappetit zu stillen.

Die heuer auf den Filmfestspielen in Cannes präsentierte Produktion schnitt damit ein aktuelles Thema an: Was wird sich die Lebensmittelindustrie einfallen lassen, um die Menschheit künftig zu ernähren? Ob eines Tages tatsächlich elefantengroße Schweine gezüchtet werden und ob diese Vorteile gegenüber herkömmlichen Tieren hätten, bleibt abzuwarten. Eines scheint sicher: Der globale Bedarf an Fleisch wird weiter wachsen, wenn auch nicht ganz so dynamisch wie in den vergangenen Jahren. Menschen rund um den Globus finden jedenfalls Gefallen daran, ihre Teller mit tierischen Produkten zu füllen (siehe Infografik). In Emerging Markets ist es vor allem die städtische Mittelschicht, die sich westlichen Ernährungsvorlieben annähert und mehr Fleisch, Milch und Joghurt, aber auch Weizenprodukte und Convenience Food verlangt. Und diese Konsumentenschicht wächst: Allein in der Asien-Pazifik-Region soll sich, so eine PwC-Studie, die Mittelklasse von 525 Millionen Menschen im Jahr 2009 auf 3,2 Milliarden Menschen 2030 versechsfachen.

Mit Beigeschmack Eindrucksvolle Zahlen für den steigenden Appetit auf tierische Produkte liefert China: Dort hat sich der Milchkonsum von rund neun Litern pro Kopf im Jahr 2009 in nur fünf Jahren verdoppelt. Und während jeder Chinese im Jahr 1982 lediglich 13 Kilo Fleisch verzehrte, sind es heute bereits 63 Kilo. Auch in Indien ist trotz traditionell hoher Affinität zum Vegetarismus ein Wandel zu beobachten. Während der Konsum von Getreide zurückgeht, werden mehr Speiseöl, Milch, Fleisch und Eier konsumiert. Lag etwa der jährliche Eier-Verbrauch pro Inder in den 1980er Jahren noch bei 15 Stück, sind es heute 62 Stück – ein Österreicher verzehrt sogar 235 Eier im Jahr.

Selbst in Slums oder in Dörfern von Lateinamerika bis Afrika ersetzen oder ergänzen heute Toastbrot, Snacks und Joghurt herkömmliche Speisen. Internationale Markenartikler erreichen ihre neue Zielgruppe der Niedrigstverdiener, indem sie ihre Produkte in Kleinpackungen anbieten. Mit ein paar Cent für einen Suppenwürfel mit Fleischgeschmack ist man so bereits dabei. Gerade in Lateinamerika, Afrika und im Pazifikraum gelten Snacks und Fertiggerichte als Zeichen von Wohlstand und Erfolg, erklärt Temo Waqanivalu, Experte der Weltgesundheitsorganisation WHO, die zunehmende Attraktivität industriell gefertigter Speisen.

Dieser Trend hat allerdings einen Beigeschmack, denn er trägt erheblich zu einer globalen Epidemie bei: Bereits 2,2 Milliarden Menschen sind laut einer im Juli publizierten Studie eines internationalen Forscherteams übergewichtig, ein Drittel von ihnen sogar adipös. Damit liegt die Zahl der überernährten Menschen heute deutlich über der Zahl der Unterernährten – letztere wird auf rund 800 Millionen geschätzt, Tendenz sinkend.

Und nicht nur die Ernährungsvorlieben wandeln sich. Die Weltbevölkerung wächst, von derzeit 7,5 Milliarden Menschen auf bis zu 9,7 Milliarden im Jahr 2050, so Schätzungen der Vereinten Nationen. Auf die Landwirtschaft kommen damit große Herausforderungen zu. Experten des World Resource Institute gehen davon aus, dass der Bedarf an Nahrung bis 2050 um etwa 70 Prozent steigen wird. In Zukunft, so der aktuelle Agrarausblick – erstellt von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD – werde der Agrarsektor noch mehr auf Größe setzen: Demnach wird die Zahl an Fleisch- und Milchproduzenten nicht mehr wesentlich steigen, dafür werden die einzelnen Betriebe jedoch mehr Tiere halten und der Ertrag pro Tier zunehmen. In der Fischproduktion werde wiederum Zuchtfisch den Wildfang überholen und stärker wachsen als alle anderen Bereiche der tierischen Nahrungsproduktion. Steigende Getreidemengen soll es vor allem durch höhere Ernteerträge geben und kaum über neue Ackerflächen – nur die Flächen für Soja sollen wachsen, um Öl sowie Futtermittel für die Fleischerzeugung zu gewinnen (siehe Agrarausblick-Trends).

Tierisches Eiweiß
ist gefragt

Die Pro-Kopf-Nachfrage nach tierischen Proteinen aus Rind- und Schweinefleisch, Milchprodukten, Huhn, Eiern und Fisch
steigt vor allem in Schwellenländern.


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China ernähren Höhere Produktivität und Ernährungssicherheit sind gerade für China zentrale Herausforderungen – und wie Staatschef Xi Jinping einmal anmerkte, „immerwährendes Thema“. Das bevölkerungsreichste Land der Welt schafft es trotz seiner enormen Fläche nicht, den Appetit der fast 1,4 Milliarden Einwohner aus eigener Kraft zu stillen. Die Bauern altern, die Ernteerträge sind niedrig, die Böden laugen zunehmend aus oder sind kontaminiert. Gleichzeitig verbraucht die Volksrepublik bereits rund die Hälfte des weltweiten Schweinefleisches und Vollmilchpulvers und etwa ein Drittel von Soja und Reis, berechnete Bloomberg. Das Land kauft weltweit ein, zu den neueren Vereinbarungen zählt etwa der Import von US-amerikanischem Reis und indischem Rindfleisch – Indien, im übrigen, ist trotz Nationalverehrung der Kuh nach Brasilien und Australien drittgrößter Rindfleischexporteur, vor allem von Wasserbüffelfleisch, das von Entwicklungsregionen gekauft wird.

Die chinesische Regierung begrüßt auch Investitionen ins globale Agrobusiness, von der Produktion und Verarbeitung bis zur Lagerung und Logistik. Im vergangenen Jahrzehnt haben chinesische Unternehmen fast 300 ausländische Agro-Firmen um insgesamt 91 Mrd. Dollar gekauft, ermittelte Finanzberater Dealogic. Das bisher kostspieligste Investment – und größter chinesischer Takeover überhaupt – fand erst heuer statt und steht exemplarisch für Chinas Versorgungsstrategie. Um 43 Mrd. Dollar übernahm die staatsnahe ChemChina den Schweizer Agrochemieriesen Syngenta, der auf Saatgut und Pflanzenschutzmittel spezialisiert ist. Syngenta-Chef Erik Fyrwald erklärte, dass China mithilfe des zugekauften Know-how Ernährungssicherheit auf zwei Ebenen erreichen will: National durch die Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft und der Qualität der Lebensmittel und global, indem durch Entwicklung neuer Technologien die Agrarwirtschaft insgesamt leistungsfähiger werden soll. Fyrwald: „Selbst wenn es in China eine große Dürre oder Flut gibt, soll sicher gestellt sein, dass es genügend Nahrung für den Import gibt.“

Der Syngenta-Deal könnte auch einen Schritt zu mehr Gentechnik bedeuten. Während Nord- und Südamerika im großen Stil gentechnisch veränderte Nutzpflanzen wie Soja, Raps und Mais anbauen, beschränkt China den Einsatz von Gentechnik innerhalb der eigenen Landesgrenzen bislang weitgehend auf die Kulturpflanze Baumwolle. Gegenüber genveränderter Nahrung herrscht nämlich Misstrauen in der Bevölkerung, darüber hinaus will sich die Regierung auch nicht von ausländischem Saatgut abhängig machen. Mit dem Zukauf eines führenden Saatgut-Produzenten ist jedenfalls schon einmal eine Hürde genommen.

Agrobusiness In Afrika ist der kommerzielle Anbau von genverändertem Saatgut nur in wenigen Ländern erlaubt. Die Frage, auf welche Weise sich Agrarerträge steigern lassen, beschäftigt aber viele Regierungen Afrikas – schließlich soll sich die Bevölkerung bis 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Potenzial ist da: In Afrika finden sich 65 Prozent des weltweit nicht genutzten Ackerlands sowie ausreichend Arbeitskräfte, da allein bis 2035 an die 300 Millionen Menschen neu auf den Arbeitsmarkt kommen sollen.

Südafrika mit seinen kommerziellen und exportorientierten Farmen zeigt einen Weg auf, den sich etwa die Afrikanische Entwicklungsbank AfDB auch für andere Länder wünscht. Sie pumpt im Rahmen der „Feed Africa“-Strategie in den kommenden zehn Jahren 24 Mrd. Dollar in die Industrialisierung der Landwirtschaft – in die Verbreitung neuer Agrartechnologien sowie in Nahrungsmittelproduktion und -logistik. Viel Potenzial sieht die AfDB auch beim Thema Nahrungsmittelverluste – doch das gilt nicht nur für Afrika: Laut FAO wird ein Drittel der für den menschlichen Verzehr produzierten Nahrungsmittel nämlich nie gegessen, sondern geht irgendwo zwischen Ernte und Teller verloren.

Neue Strategien zur Verringerung dieser enormen Mengen wird es geben müssen – wie auch sonst die Herausforderung der Welternährung neue Türen öffnen könnte: Von der Frage der weltweiten Akzeptanz von Gentechnik in der Landwirtschaft über die Bereitschaft von Konsumenten, etwa ökofreundliches Insektenfleisch als Proteinquelle anzunehmen, bis hin zu ganz neuen Ansätzen, wie beispielsweise die heute technisch bereits machbare, künstliche Fleischproduktion durch Stammzellenvermehrung aufzeigt. Okja, das Superschwein, würde sich über letztere Option wohl besonders freuen.

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Superfood Chia wird von immer mehr afrikanischen Bauern angebaut.

Trendige Superfoods
Goji, Yacón, Maca, Açai, Quinoa, neuerdings Moringa oleifera: Regelmäßig tauchen exotische Lebensmittel und Nahrungsergänzungen in Reformhäusern und Supermärkten auf. Als nährstoffreiche „Superfoods“ sollen sie der Gesundheit besonders dienlich sein. Meist kommen sie aus Entwicklungsregionen, wo sich aufgrund der steigenden Nachfrage in Europa und den USA neue Absatzchancen auftun. Chia, ursprünglich aus Zentral- und Südamerika, ist eine solche Boom-Pflanze: Die traditionellen Exportländer können den globalen Bedarf nach Chia-Samen kaum mehr decken. Nun wird die Pflanze auch in Afrika angebaut. Immer mehr Kleinbauern in Ruanda, Uganda und Kenia steigen von traditionellen Getreidesorten auf das lukrativere Chia um.


So könnte es klappen: Insekten werden zu „neutralen“ Produkten wie Nudeln, Keksen oder Chips verarbeitet. Im Bild: Fussili mit Grillenmehl.

Neue Leckerbissen
Noch sind sie ein Nischenthema auf unseren Tellern: Heuschrecken, Grillen, Raupen und Co. Dabei spricht viel für das kleine Getier: Das Fleisch von Insekten hat wenig Fett, viel Protein, enthält ungesättigte Fettsäuren und essenzielle Aminosäuren. Bei rund zwei Milliarden Menschen, vor allem in Asien und Afrika, stehen Insekten und Würmer traditionell auf dem Speiseplan. Und weil Insekten wenig Platz und Wasser brauchen, lassen sie sich deutlich nachhaltiger züchten als andere Proteinquellen und bergen daher viel Potenzial für die globale Ernährungssicherheit. Wäre da nicht ihr Imageproblem. Doch die Lebensmittelbranche erweist sich als findig: Die Schweizer Supermarktkette Coop bietet seit August Burger-Laibchen aus Mehlwürmern an. Auch in Pasta, Keksen und Tortillas lässt sich das Kleingetier nahezu verborgen genießen.


© corporAID Magazin Nr. 71

Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: Lau Rey/Flickr, Netflix, Bugsolutely, Stacy Spensley/Flickr

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