3-er Gespräch

SDG: Unternehmen sind zentrale Partner

08/2017 - Über die geteilte Verpflichtung und Möglichkeiten gemeinsamen Handelns zur Erreichung der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung diskutiert Norbert Feldhofer, Bundeskanzleramt mit den Nachhaltigkeitsmanagern Nadja Noormofidi, AT&S, und Peter Bartsch, Lenzing.



Im Gespräch: Norbert Feldhofer, Nadja Noormofidi und Peter Bartsch (v. l. n. r.)

corporAID: Welche Relevanz haben die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung, kurz SDG?

„Da viele Kunden ebenfalls ihre Aktivitäten mit den Zielsetzungen der SDG abgleichen, entwickelt sich Schritt für Schritt eine gemeinsame Sichtweise.“

Peter Bartsch
Lenzing

Bartsch: Die SDG sind gerade für Unternehmen ein relativ neues Thema und geben einen globalen Rahmen vor, in dem die wesentlichen Herausforderungen der Gesellschaft adressiert werden. Aber es ist ja nicht so, dass sich Unternehmen nicht schon längst mit diesen Themen beschäftigt und diese nicht auch aufgegriffen hätten. Wir bei Lenzing haben speziell im Nachhaltigkeitsbereich unsere Herausforderungen identifiziert und festgelegt, wo wir fokussiert Aktivitäten setzen und Ziele definieren. Nun müssen wir uns anschauen, welche Berührungspunkte es zu den SDG gibt. Da viele unserer Kunden ebenfalls ihre Aktivitäten mit den Zielsetzungen der SDG abgleichen und relevante Themen identifizieren, entwickelt sich Schritt für Schritt eine gemeinsame Sichtweise. Gerade für weltweit agierende Unternehmen ist zudem der globale Aspekt der SDG ein zentraler Anknüpfungspunkt, um in jedem Land wirtschaftliches Wachstum mit sozialen und ökologischen Aspekten in Balance zu bringen. Das ist eine große Herausforderung und bedarf der Zusammenarbeit aller Stakeholder.

Noormofidi: Auch bei AT&S hat sich das Nachhaltigkeitsmanagement angesehen, welche der SDG-Themen für uns am relevantesten sind. Es gibt auch tatsächlich eine gewisse Schnittmenge zwischen den Bereichen, die wir im Rahmen einer Wesentlichkeitsanalyse mit unseren Stakeholdern identifiziert haben, und jenen, wo die Vereinten Nationen Handlungsbedarf sehen. Viele Unternehmen legen schließlich einen Schwerpunkt auf das Thema Ressourcen, also Energieeffizienz, Klimawandel, Wasserverbrauch und dergleichen, während die SDG einen stärkeren Fokus auf die soziale Säule der Nachhaltigkeit legen.

Feldhofer: Ich sehe die SDG als umfassendes Konzept, das alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit inkludiert und – anders als das bei den Millenniumsentwicklungszielen der Fall war – nicht nur eine Agenda für die Entwicklungsländer ist, sondern auch für Österreich auf nationaler Ebene Relevanz hat. Auf staatlicher Ebene gleichen wir daher unsere bestehenden Zielsetzungen mit den SDG ab: Die österreichische Regierungspolitik verfügt ja über viele Bereiche mit komplementären Zielen.

Dass ein solcher Abgleich nicht immer einfach ist, haben die Erfahrungen mit Nachhaltigkeitsstrategien in den 2000er Jahren gezeigt. Wir setzen daher auf Mainstreaming, um die SDG in alle bestehenden Politikbereiche einfließen zu lassen. Das bedeutet, dass bei Gesetzesbeschlüssen künftig berücksichtigt wird, inwieweit sich die neue Norm auf die SDG auswirkt oder sogar zu deren Erreichung beiträgt. Wobei man natürlich eingestehen muss, dass es nicht immer einfach ist, hier eine klare Wirkungsanalyse durchzuführen. Es wird zudem richtigerweise die wichtige Rolle der Unternehmen betont. Beispielsweise ist das Pariser Klimaschutzabkommen ein integraler Bestandteil der SDG-Agenda, und da würde es ohne entsprechende Beteiligung der Unternehmen sehr schwierig, den CO2-Ausstoß in den kommenden 20 bis 30 Jahren so weit zu senken, dass wir der globalen Erwärmung entgegen wirken.

Wie sehen Sie das Wechselspiel der Verantwortung von Wirtschaft und Politik?

Bartsch: Es ist davon auszugehen, dass die staatlichen Bemühungen zur Erreichung der SDG mittelfristig zu entsprechenden Gesetzen führen werden. Wenn Unternehmen sich rechtzeitig mit den SDG beschäftigen, sind sie für diese Fälle gut gerüstet. Das heißt nicht, dass Unternehmen still abwarten sollten. Vielmehr geht es darum, nachhaltiges Denken in alle Funktionen und strategischen Entscheidungen zu integrieren und davon ausgehend auch gesamtgesellschaftlich relevante Impulse zu geben. So kämpft der Textilbereich weltweit mit gewissen Schwierigkeiten bei Menschenrechtsthemen ebenso wie im Umweltbereich. Und hier hat man vor ein paar Jahren erkannt: Weil auch ein sehr nachhaltiges Unternehmen diese strukturellen Probleme nicht allein lösen kann, muss sich die Branche zusammenschließen. Aus diesem Gedanken heraus entstand beispielsweise das Bündnis für nachhaltige Textilien, in dem heute die führenden deutschen Unternehmen zusammenarbeiten, um mit Regierungen gemeinsam neue Ansätze zu entwickeln und die Branche insgesamt zu verbessern. Hier geht es darum, dass Unternehmen, die in Bangladesch Geschäfte machen oder dort produzieren lassen, das nicht auf Kosten des Landes tun, sondern die gleichen Standards anwenden wie in Deutschland.

Noormofidi: Die Agenda 2030 ist eine Vereinbarung auf staatlicher Ebene, und trotzdem ist klar, dass die Industrie einen großen Hebel zur Erreichung dieser Ziele hat. Meines Erachtens gibt es einzelne Ziele, bei denen die Unternehmen ganz klar gefordert sind, Eigeninitiativen zu starten. Das SDG Nummer neun – Industrie, Innovation und Infrastruktur – ist beispielsweise ein sehr zentrales für die Unternehmen, zu dem sie einen wesentlichen Beitrag leisten können. Auf der anderen Seite gibt es Ziele, wo vordergründig die Politik in der Pflicht ist. Es wäre daher für die Wirtschaft zu einfach, sich zurück zu lehnen und von der Politik zu verlangen, den ersten Schritt zu setzen – ganz nach dem Motto: „Jetzt tut ihr einmal, und dann kommen wir.“ Es braucht eine Mischung: Die Politik ist in der Pflicht, den entsprechenden Rahmen zu setzen, während es sowohl innerhalb des unternehmerischen Mikrokosmos als auch auf der Ebene des Einzelnen ein Umdenken braucht – es muss letztlich allen klar sein, dass jeder dazu beitragen muss, wenn wir die SDG erreichen wollen. Da gibt es viele unterschiedliche Hebel in der Wirtschaft, Politik und der Wissenschaft – werden alle zusammen betätigt, hat das den größten Effekt.

Feldhofer: Wir sehen in anderen Ländern, wie die Wirtschaft in Selbstorganisation zur SDG-Umsetzung beitragen kann. Beispielsweise ist die finnische Fleischindustrie eine Selbstverpflichtung eingegangen, bis 2020 nur mehr biologisch angebautes Soja zu verfüttern. Oder nehmen Sie die Initiative Swedish Leadership for Sustainable Development – ein Zusammenschluss der 20 größten schwedischen Unternehmen, die im Bereich nachhaltige Entwicklung etwas weiterbringen wollen. In Österreich sind solche Kooperationen nicht wirklich üblich, hier kann und sollte man nachbessern. Meine Botschaft ist: Wir sollten gemeinsam mit den Unternehmen darüber nachdenken, wie man die SDG voranbringen kann.

Bartsch: In anderen europäischen Ländern sind Regierung, Industrie und Forschung besser verzahnt und haben zu solchen Themen schon in der Vergangenheit gemeinsam Projekte aufgesetzt – beispielsweise die skandinavischen Länder im Textilbereich. In Asien sehe ich das weniger: In China wird Nachhaltigkeit durch die Gesetzgebung vorangetrieben, überall anders vor allem durch die global agierenden großen Textilketten, wobei die lokale Industrie sich wenig um das Thema kümmert, so lange sie nur für den lokalen Markt produziert. Weil die Herausforderungen relativ komplex sind, ist aber ein Dialog mit der gesamten Wertschöpfungskette notwendig. Zudem sind in diesen Bereichen oft komplett neue Lösungen gefragt, weil man beim Optimieren schnell an die Grenze stößt, ab der die Kosten ins Unendliche steigen. Gerade kleinere Unternehmen haben Schwierigkeiten, dafür die Ressourcen aufzutreiben und benötigen die Unterstützung der Politik.

Feldhofer: Ich kann heute kein großes Förderpaket ankündigen, das sich an Unternehmen richtet, die zur Erreichung der SDG beitragen – aber dieser Ansatz wird in vielen Bereichen mitgedacht. Der Fachbereich Wissenschaft und Forschung des BMWFW beabsichtigt etwa, die Leistungsvereinbarung mit den Universitäten zu nützen, um in den kommenden Jahren einen stärkeren Fokus auf den Bereich der Umsetzung der SDG zu legen. Vorreiter sind die Universität für Bodenkultur und die Wirtschaftsuniversität Wien, aber auch die technischen Universitäten sollen künftig stärker entsprechende Fragestellungen behandeln und beforschen. Ich sehe hier auch einen interessanten Anknüpfungspunkt für Kooperationen mit Unternehmen.

„Damit aus den SDG keine Schönwettergeschichte wird, ist die Politik gefordert.“

Nadja Noormofidi
AT&S

Noormofidi: Der Dialog zwischen Politik und Wirtschaft ist in jedem Fall sehr wichtig. Natürlich gibt es auf der einen Seite öffentliche Regulierung und Anreize, auf der anderen Seite die Strategien der Unternehmen – aber gemeinsam an einem Strang ziehen, um globale Ziele zu erreichen, das sollte man verstärken! In Bezug auf die Rahmenbedingungen verhält es sich ähnlich wie bei der Nachhaltigkeit. Denn obwohl die Bedeutung von Nachhaltigkeit an sich unbestritten ist, wurde sie in der Vergangenheit eher als Wohlfühlthema behandelt. Mittlerweile haben viele dazugelernt, dass das so nicht funktioniert. Heute gibt es europäische Richtlinien und mit dem Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungsgesetz auch nationale gesetzliche Rahmenbedingungen, die entsprechende Commitments von den Unternehmen einfordern. Damit aus den SDG nicht ebenso eine Schönwettergeschichte wird und wir diese Ziele bis 2030 auch erreichen können, ist die Politik gefordert, einen klaren Rahmen zu setzen, auf den die Unternehmen mit einer entsprechenden Vorlaufzeit reagieren müssen.

Wie kann das gelingen?

„Regierungsprogramme für zukünftige Legislaturperioden sollten einen Fokus auf die Umsetzung der SDG in Österreich legen.“

Norbert Feldhofer
Bundeskanzleramt

Feldhofer: Für die staatliche Ebene sind die SDG ein 15-Jahres-Projekt, das auf die Regierungsprogrammzyklen heruntergebrochen werden muss. Hier ist es oft nicht einfach, die SDG auch in die Köpfe der Politiker und der öffentlichen Verwaltung hineinzubringen. Regierungsprogramme für zukünftige Legislaturperioden sollten einen Fokus auf die Umsetzung der SDG in Österreich legen. Aber auch auf internationaler Ebene haben wir gerade in Kooperation mit der weltweit tätigen heimischen Wirtschaft die Chance, mehr zur Erreichung der SDG beizutragen. Darum hoffe ich, dass man im Laufe des nächsten Jahres vor allem seitens des Wirtschaftsministeriums die Kooperation mit den Unternehmen verstärken wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

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DIE GESPRÄCHSTEILNEHMER:

Norbert Feldhofer ist Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt und betreut seit 2016 die Arbeitsgruppe zur Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung.

Nadja Noormofidi leitet seit Ende 2016 die Abteilung Corporate Sustainability bei AT&S.

Peter Bartsch ist seit 2014 Head of Corporate Sustainability beim Faserhersteller Lenzing.

© corporAID Magazin 71
Das Gespräch moderierte Bernhard Weber.

 

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