Leitartikel

Ganz nüchtern

06/2017 - von Christoph Eder


Christoph Eder
Chefredakteur

Österreich wird im Oktober neu wählen. Auch die Entwicklungszusammenarbeit erfährt so mehr mediale Aufmerksamkeit als sonst – der Wahlkampf macht ja bekanntlich vor keinem Thema Halt. Das ist grundsätzlich positiv und nicht unverdient, denn die Frage nach Österreichs Beitrag zur globalen Entwicklung gewinnt an Bedeutung. Nicht nur durch die Flüchtlings- und Migrationsthematik ist die weltweite Vernetzung hierzulande greifbarer geworden, auch die fortschreitende Internationalisierung und Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft haben dazu beigetragen. Österreich hat hier ja auch tatsächlich handfeste Interessen: an Stabilität und Sicherheit, am Erhalt globaler Güter und an weltweitem Wohlstand ebenso wie an neuen Märkten.

Leider führt der beginnende Wahlkampf nicht zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den eigenen Interessen und der Frage, wie diese bestmöglich erreicht werden können, sondern zu einem Rückfall in alte Muster. Wo in anderen Politikfeldern auch mit dem Florett agiert wird, greift man bei der Entwicklungszusammenarbeit – zumeist mangels Kenntnis einschlägiger Techniken – gleich zur rhetorischen Keule: Die einen kritisieren Entwicklungs-NGO als Helfershelfer von Schleppern, die anderen die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft als Quasi-Veruntreuung von Fördergeldern. Abseits der jeweils Angesprochenen ist die Empörung enden wollend.

Denn obwohl mit Anti-NGO- und Wirtschaft-ist-pfui-Polemik versucht wird, Entwicklungshilfe wahlkampftauglich zu machen, entzieht sich der globale Beitrag Österreichs mangels Klientel weitgehend dem üblichen Diskurs der heimischen Politik: In Österreich gibt es schlichtweg nicht viel zu verteilen. Es zeigt sich deutlich, dass das Thema Entwicklungszusammenarbeit auch im Jahr 2017 immer noch nicht zwanglos in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Das ist nicht nur schade, sondern hat auch praktische Auswirkungen: Österreichs Politiker haben nur eine überschaubare Vorstellung von moderner Entwicklungszusammenarbeit. Hier geht es nämlich nicht primär darum, überall dabei zu sein, sondern darum, Schwerpunkte zu setzen und diese gemeinsam mit den passenden Partnern zielgerichtet zu verfolgen. Das ist umso wichtiger, je mehr Geld im Spiel ist. Heute beteiligt sich Österreich beispielsweise an mehr als 50 Programmen internationaler Organisationen mit weniger als 100.000 Euro im Jahr – an fast 20 davon werden weniger als 10.000 Euro überwiesen.

Die Wahl wäre eine passende Gelegenheit, ganz nüchtern zu diskutieren, wie Österreichs Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung künftig aussehen soll. Und mit welchen Partnern welche Ziele am besten erreicht werden können – ganz unabhängig davon, ob es sich um NGO, Unternehmen, Universitäten oder internationale Organisationen handelt.


© corporAID Magazin Nr. 70

 

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