Großes Interview

Letztlich wird alles digitalisiert

06/2017 - Für Telekom Austria Group-CEO Alejandro Plater stehen bei der Digitalisierung die Chancen für Menschen, Unternehmen und Umwelt im Vordergrund. Doch starre Regulierungen machen es konvergenten Telekommunikationsanbietern nicht leicht, mit Onlineunternehmen mitzuhalten. Der gebürtige Argentinier steht zudem vor der Herausforderung, aus einer Gruppe von Landesgesellschaften einen Konzern mit einheitlicher Kultur zu formen.




Alejandro Plater
seit 2015 CEO der Telekom Austria Group.

„Ohne Globalisierung wären das Wachstum und der weltweite Erfolg von österreichischen Nischenplayern nicht möglich
gewesen.“

Alejandro Plater

corporAID: Was verbinden Sie mit Globalisierung?

Plater: Österreich zählt wie viele andere europäische Länder zu den großen Gewinnern der Globalisierung. Das kann man gar nicht oft genug betonen – gerade weil es zu diesem Thema verbreitete Ängste gibt. Dabei ist die österreichische Wirtschaft mit ihrer starken industriellen Basis und den zahlreichen mittelständischen Unternehmen wirklich gut aufgestellt. Diese Firmen sind hochspezialisiert und gehören in ihren jeweiligen Segmenten zur Weltspitze, sei es bei Spezialausrüstung für die Luft- und Raumfahrt oder als Zulieferer für die Automobilindustrie. Ohne Globalisierung wären das Wachstum und der weltweite Erfolg von österreichischen Nischenplayern nicht möglich gewesen. Eine zentrale Herausforderung sehe ich im Bereich Bildung, diese ist in der globalisierten Welt ein wichtiges Asset. Das gilt für den Einzelnen, der sich dadurch positionieren und orientieren kann, ebenso wie für Gesellschaften insgesamt. Wenn wir es wirtschaftlich betrachten, gibt es im Prinzip immer noch das gleiche Bildungsangebot wie vor 50 Jahren, obwohl sich die Anforderungen durch die Globalisierung drastisch verändert haben. Hier neue Impulse zu setzen, ist für die Zukunftsfähigkeit eines jeden Landes entscheidend.

Wie beurteilen Sie Österreich als Wirtschaftsstandort?

Plater: Für Österreich sprechen zum einen seine zentrale Lage in der Mitte Europas, zum anderen die Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Fachkräften. Für ein Technologieunternehmen wie die Telekom Austria Group geht es nicht primär um Lohnkosten – das ist die Old Economy. In der New Economy zählt vor allem die Verfügbarkeit der richtigen Menschen mit den passenden Kompetenzen. Ein dritter Pluspunkt des Standorts Österreich ist die Wachstumsperspektive in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Dabei geht‘s nicht darum, dieses schöne Land zu verlassen, sondern von hier aus in die Nachbarregion zu schauen.

Welche aktuellen Herausforderungen sehen Sie am Telekommunikationsmarkt?

Plater: Wir sind von einem Konvolut an Regulierungen umgeben, das vor 20 Jahren für eine völlig andere Branche geschaffen wurde: Das Festnetz ist stark reguliert, wobei viele Menschen heute gar keinen Festnetzanschluss mehr nutzen. Hinzu kommt, dass sich in der IKT-Branche Wertschöpfung immer mehr in Richtung Online-Geschäftsmodelle verlagert. Und dieses Segment ist praktisch überhaupt nicht reguliert. Für uns als konvergentes Telekommunikationsunternehmen stellt das im Vergleich zu Firmen wie Amazon oder Spotify einen großen Wettbewerbsnachteil dar. Wir haben unseren Unternehmenssitz in Österreich, zahlen hier Steuern und halten uns an Arbeits- und Umweltgesetze. Mein Mitbewerb sitzt in Irland, wo er fast keine Steuern zahlt – das ist ausgesprochen unfair und für uns als Unternehmen die größte Herausforderung. Ohne Level-Playing-Field kann es keinen Wettbewerb auf Augenhöhe geben! Die zweite große Herausforderung ist die Erwartungshaltung, dass in der Telekommunikation alles immer günstiger wird. Wir müssen Konsumenten und Regierungen klarmachen, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Preisniveau und unseren Umsätzen auf der einen und unseren Möglichkeiten für Infrastrukturinvestitionen auf der anderen Seite gibt. Und dass zu niedrige Investitionen in eine moderne Telekommunikationsinfrastruktur langfristig schlecht für ein Land sind.

Wie sieht in diesem schwierigen Wettbewerbsumfeld die Wachstumsstrategie der Telekom Austria Group aus?

Plater: Auch unser Wachstum wird zukünftig vor allem online stattfinden. Für uns geht es dabei stark um die Entkoppelung von physischer und virtueller Infrastruktur insbesondere durch Cloud-basierte Services. Das zweite Thema sind Zukäufe, wobei wir aktuell in Europa keinen großen Appetit nach Konsolidierung wahrnehmen. Dabei gibt es immer noch zu viele Player, weshalb in dem derzeitigen hochkompetitiven Umfeld wie erwähnt zu wenig Raum für Infrastrukturinvestitionen bleibt. Unsere dritte Wachstumsstrategie setzt darauf, die steigenden Datenvolumina angemessen zu monetarisieren. Dazu haben wir Anfang des Jahres mit A1 Digital eine Tochtergesellschaft gegründet, die hier neue Geschäftsfelder identifizieren und entsprechende Geschäftsmodelle entwickeln soll.

Wie sehen Sie insgesamt den Zusammenhang zwischen Wachstum und Nachhaltigkeit?

„Letztendlich wird alles digitalisiert werden, das sich irgendwie digitalisieren lässt.“

Alejandro Plater

Plater: Es gibt eine Obsession mit Wachstum, wobei sich dessen Qualität in den kommenden zehn Jahren verändern wird. Wir werden weniger Ressourcen konsumieren müssen – die heutige Abfallmenge ist eigentlich verrückt. Die gute Nachricht ist, dass die Digitalisierung hier vielfältige Lösungen bereithält. Wenn Ihnen vor zwanzig Jahren ein Lied gefallen hat, haben Sie eine CD gekauft, auf der Sie von 14 Liedern genau dieses eine hören wollten. Irgendwann mochten Sie das auch nicht mehr und haben die CD weggeworfen – schade um das Plastik und Metall. Heute konsumieren Sie Musik online und haben jederzeit Zugang zu Millionen Songs. Das hat viele Vorteile: Neben einer besseren Customer Experience verbrauchen Streaming-Dienste dank effizienter Datenzentren signifikant weniger Ressourcen. Ähnlich große Schritte in der Digitalisierung sehen wir heute bei Video. Letztendlich wird alles digitalisiert werden, das sich irgendwie digitalisieren lässt. Denken Sie nur, wie viele Ressourcen man beispielsweise durch Telemedizin einsparen kann – wenn Sie nicht mehr zum Arzt in eine klimatisierte Praxis fahren müssen, sondern online eine Diagnose erhalten können. Für mich ist klar: Je mehr Services wir digitalisieren, desto besser ist das für den Einzelnen und für die Umwelt.

Sie zeichnen ein sehr positives Bild von Digitalisierung.

Plater: Natürlich sind mit der Digitalisierung auch Ängste verbunden, beispielsweise der Verlust von Arbeitsplätzen. Meines Erachtens sind diese weitgehend unbegründet, vielmehr überwiegen für mich die neuen Möglichkeiten. Das Motto der Telekom Austria Group lautet „Empowering Digital Life“, und genau das wollen wir. Bei der Digitalisierung geht es ja nicht um soziale Medien, sondern um Technologien, die Wertschöpfungsketten, Organisationsstrukturen und Geschäftsmodelle fundamental verändern. Unternehmen sollten daher analysieren, wie sie die Digitalisierung betreffen wird und wie sie mit deren Chancen und Herausforderungen bestmöglich umgehen können.

Wir als Telekom Austria Group sehen uns hier als professionellen Partner, weil wir uns im Zentrum dieser Entwicklung befinden – in einem Ökosystem, das täglich mit unglaublicher Innovationskraft neue Applikationen und Dienstleistungen hervorbringt. Zum einen wollen wir mit Best-in-class-Konnektivität jedem Zugang zur digitalen Welt eröffnen, und zum anderen wollen wir Menschen und Unternehmen die nötigen Fähigkeiten vermitteln, um die Chancen der Digitalisierung für sich zu nutzen. Im internationalen Vergleich befindet sich Österreich hier nur im unteren Mittelfeld – das möchten wir ändern!

Kann die Telekom Austria Group von IKT-Unternehmen in anderen Regionen, auch Emerging Markets, etwas lernen?

Plater: In einigen Regionen wurden einzelne Technologieschritte übersprungen, in vielen afrikanischen Ländern gibt es kaum Zugang zu klassischer Infrastruktur wie Festnetzanschlüssen, aber auch zu Bankfilialen. Daher sind dort mobile Lösungen und digitales Banking deutlich verbreiteter als bei uns. In Lateinamerika sehen wir Ähnliches im Gesundheitsbereich: Weil es an Ressourcen für eine flächendeckende Versorgung fehlt, setzt man dort zunehmend auf digitale Lösungen. Das bringt sehr effizient medizinische Versorgung zu Menschen, die diese sonst nicht erhalten würden. In vielen Fällen wäre Telemedizin auch in entwickelten Ländern eine kostengünstige und leistungsfähige Option – nur ist es bei uns deutlich schwieriger, die Menschen zu überzeugen, erst einmal eine App zu verwenden und nicht gleich zum Arzt zu gehen.

Welche Bedeutung hat unternehmerische Verantwortung für die Telekom Austria Group?

„Viele Mitarbeiter haben sich von mir als CEO erwartet, dass ich ab jetzt sage, was wie zu tun ist. Ich bin aber nicht diese Art von Chef.“

Alejandro Plater

Plater: Seit 2010 verfügt die Telekom Austria Group über ein konzernweites integriertes Nachhaltigkeitsmanagementsystem, das wir laufend weiterentwickeln. Der zuständige Bereich berichtet direkt an mich. Wir verfolgen dabei drei Ansätze: Zum einen geht es darum, wie wir über die Erfüllung gesetzlicher Auflagen hinaus unsere Geschäftstätigkeit ausüben. Der zweite Ansatz betrifft unseren ökologischen Fußabdruck, wo wir uns beispielsweise Klimaschutzziele gesetzt haben. Besonders stolz sind wir auf unsere Fortschritte beim grünen Telekommunikationsnetz – seit 2014 betreibt A1 sein Netz CO2-neutral. In anderen Bereichen gibt es noch einiges zu tun, von der Adaptierung von Gebäuden bis hin zu flexiblen Arbeitszeitmodellen und Videokonferenzen, die unnötige Wege vermeiden. Dazu kommt unser gesellschaftliches Engagement, etwa durch unsere Initiative „A1 Internet für Alle“, die Kindern und älteren Personen digitale Kompetenzen vermittelt.

Ein weiteres, mir persönlich sehr wichtiges Thema ist Diversität: Als ich 2015 zum CEO der Telekom Austria Group bestellt wurde, waren so gut wie alle Managementpositionen mit männlichen Österreichern zwischen 40 und 50 Jahren besetzt. Das war mir zu stereotyp, weswegen ich Schritt für Schritt mehr Frauen ins Top- und mittlere Management gebracht und vielfältigere Teams zusammengestellt habe. In den Tochtergesellschaften wiederum setzen wir heute auf lokales Management: In Bulgarien leitet ein Bulgare die Geschäfte, in Mazedonien ein Mazedonier. Der Schritt in Richtung Diversität war groß und wichtig.

Wie wichtig ist eine Management- und Unternehmenskultur für Veränderungen?

Plater: Viele Mitarbeiter haben sich von mir als CEO erwartet, dass ich ab jetzt sage, was wie zu tun ist. Ich bin aber nicht diese Art von Chef, sondern sehe meine Aufgabe darin, ein Umfeld zu schaffen, in dem Ideen entstehen und effizient umgesetzt werden können. Ich habe zuvor beim schwedischen Unternehmen Ericsson gearbeitet, das einen globalen Mindset hat und dementsprechend eine starke weltweite Unternehmenskultur. Bei der Telekom Austria Group sind wir noch nicht so weit, denn der Konzern hat seine Tochtergesellschaften bis vor wenigen Jahren als isolierte Einheiten geführt. Ich arbeite daran, eine gemeinsame Unternehmenskultur zu etablieren. Wir haben etwa ein konzernweites Social Media Tool namens Workplace im Einsatz, durch das alle Mitarbeiter in thematischen Gruppen kommunizieren, neue Lösungen finden und ihr Wissen teilen können. Diese vernetzte Kommunikation bringt wichtige Impulse für Innovationen und hilft beim Aufbau einer Unternehmenskultur, die sich nicht mehr an Ländereinheiten, sondern an einem integrierten Unternehmen orientiert. Aber da haben wir noch ein Stück Weg vor uns.

Vielen Dank für das Gespräch.


Alejandro Plater

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ZUR PERSON:

Alejandro Plater ist seit August 2015 CEO der Telekom Austria Group. Der gebürtige Argentinier studierte Betriebswirtschaft an der Universität Buenos Aires und absolvierte mehrere postgraduale Management-Ausbildungen an der Columbia University und der Wharton School in den USA sowie an der London Business School. Vor seinem Eintritt in die Telekom Austria Group war der heute 50-Jährige knapp 18 Jahre lang beim schwedischen Telekommunikationsunternehmen Ericsson tätig und blickt auf eine internationale Karriere in Argentinien, Schweden und Mexiko zurück.

ZUM UNTERNEHMEN:


Headquarter
der Telekom Austria Group in Wien

Vom Festnetz in die Cloud

Die Telekom Austria Group ist ein börsennotierter Telekommunikationskonzern mit Sitz in Wien, der in den späten 1990er Jahren aus Teilen der damals staatlichen Post- und Telegrafenverwaltung entstand. Nach Akquisitionen stellt das Unternehmen heute 24 Millionen Kunden in Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Bulgarien und Weißrussland digitale Services und Kommunikationslösungen bereit. Mehrheitseigentümer ist seit 2014 die mexikanische América Móvil, die Republik Österreich hält rund 28 Prozent der Aktien. Im Geschäftsjahr 2016 erwirtschaftete die Gruppe mit mehr als 18.000 Beschäftigten einen Umsatz von 4,21 Mrd. Euro.

© corporAID Magazin Nr. 70
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Christoph Eder, Telekom Austria Group

 

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