Transport international

Logistik der Sonderklasse

06/2017 - Die Beförderung von Gütern von A nach B stellt Transportunternehmen oft vor besondere Herausforderungen, wenn es in, aus oder durch Schwellen- und Entwicklungsländer gehen soll. An der Verbesserung der Rahmenbedingungen wird gearbeitet.

Zum Thema:

Interview mit Stephan Krauter, Cargo-Partner

Transporteure sind oft auf abenteuerlichen Strecken unterwegs.


Hafen von Colombo Sri Lankas bedeutendster Hafen zählt heute auch zu den 30 größten der Welt.

Wie schneiden Entwicklungsländer als Standorte für den internationalen Warenaustausch ab? Sri Lanka kann als illustratives Beispiel dienen: In einem aktuellen Länderbericht des Weltspediteurverbands FIATA wird die günstige Lage im Indischen Ozean ebenso betont wie die Anstrengung des Landes, seine Infrastruktur auszubauen und den regulatorischen Rahmen für Logistikdienstleistungen zu verbessern. Damit werden innovative Logistikprozesse zunehmend möglich. Und das Geschäft läuft: 2016 entschieden sich mehr Unternehmen als je zuvor für Sri Lanka als logistischen Hub oder Verteilerzentrum, zugleich wurde die Auslastung von Schiffen und Fliegern verbessert, was die Betreiber ermutigte, ihre Zuteilungen für Sri Lanka zu erhöhen. Dass eines der größten Containerschiffe, die MSC Maya, vor Sri Lanka anlegte, wird als „eine von vielen Erfolgsstorys“ erwähnt, die Licht auf die getätigten Investitionen werfen. Kredite und Know-how aus China machten diese möglich.

Auch der vor 90 Jahren in Wien gegründete und heute in der Schweiz angesiedelte Weltspediteurverband hat zu dieser Entwicklung beigetragen. Denn die Organisation, der mehr als hundert Verbände – darunter der österreichische Zentralverband Spedition und Logistik und der srilankische Frächterverband – sowie rund 40.000 Transport- und Logistikunternehmen in 150 Ländern angehören, setzt sich für die Verbesserung der logistischen Rahmenbedingungen weltweit ein. FIATA treibt die Standardisierung des internationalen Speditionswesens voran und unterstützt besonders Entwicklungsländer bei der Ausbildung von Logistikern – ein Angebot, das auch Sri Lanka nützt.

Rangliste Mit seiner logistischen Leistung ist der Inselstaat aber noch lange kein Star, wie aus dem Logistics Performance Index hervorgeht, den die Weltbank seit 2007 im Zweijahrestakt publiziert. Demnach liegt Sri Lanka im weltweiten Vergleich im Mittelfeld: zuletzt auf Platz 86 von insgesamt 160. Der Logistics Performance Index beruht auf Umfrageergebnissen unter mehreren tausend Logistikern und bewertet die Zollabfertigung, die Handels- und Transportinfrastruktur, die Servicequalität, die Pünktlichkeit von Sendungen, den Zugang zu wettbewerbsfähigen Preisen für internationale Verladungen und die Möglichkeit der Sendungsverfolgung.

Bestplatziert ist aktuell Deutschland, Österreich folgt auf Platz 7, Schlusslicht ist – wenig überraschend – Syrien. Die Daten zeigen, dass sich der Abstand zwischen den besten und schwächsten Performern langsam verringert. Und dass ärmere, aber offene Länder eine bessere logistische Leistung erbringen als reichere, aber regional wenig integrierte. So ist es möglich, dass sogar Binnenstaaten wie Uganda und Ruanda die Ränge 58 und 62 erreichen, während Algerien, Marokko und Tunesien trotz Hafeninfrastruktur auf Platz 75, 86 und 110 zurückbleiben.


Nordafrika Roland Schwaiger (r.) und sein Joint Venture-Partner Ali Aousji in Tunis


Der Sahara-Express der Fa. Schwaiger verbindet Zentraleuropa und Nordafrika seit mehr als 40 Jahren.

Reality Check in Afrika Mit der Logistikwirklichkeit in diesen und anderen außereuropäischen Staaten haben einige österreichische Logistik- und Transportfirmen tagtäglich zu tun. Eine dieser Firmen ist die Gebrüder Schwaiger GmbH aus Weer in Tirol, die heute unter der Marke Sahara-Express die Region Nordafrika bedient. „Mein Vater lieferte in den 1970er Jahren Holz nach Süditalien“, berichtet der heutige Geschäftsführer Roland Schwaiger, „bis ihn einmal eine Firma darauf ansprach, ob er nicht auch noch über das Meer setzen könnte.“ Schwaiger Senior war noch nicht zurück, als schon die nächste Anfrage für Afrika einlangte. Schwaiger: „Anfangs sind wir viel nach Libyen, später vor allem nach Tunesien gefahren.“ Bis die Marke Sahara-Express eine Erfolgsstory wurde, war es aber ein langer Weg, sagt der Unternehmer.

Schwaigers Spezialität sind Ro-Ro-Transporte, bei denen er bis zur Fähre fährt und die Anschlusstransporte vom langjährigen Joint-Venture-Partner in Tunis übernommen und von einheimischen Fahrern durchgeführt werden. „Das wurde mit der Zeit perfektioniert. Und die Fähren wurden schneller und fuhren häufiger. So lief das Ganze immer besser“, sagt Schwaiger. Eine Herausforderung sei immer wieder der Zoll. Hier helfe es sehr, jahrelange Erfahrung zu haben und persönlich bekannt zu sein, sonst könne der Auflieger im Hafen stehen, „bis Moos daran wächst“. Schwaiger: „Dann kann passieren, dass die Rückleuchten abmontiert werden, die ich in der nächsten Werkstätte zurückkaufen und montieren lassen muss.“ Der Schaden, der jährlich durch Fahrzeugbeschädigungen im Zuge der Überstellung oder im Land entstehe, liege im fünfstelligen Bereich, sagt Schwaiger. Das sei aber mittlerweile Routine. „Wenn der Auflieger beschädigt aus Libyen zurückkommt oder kaputte oder gar keine Reifen mehr hat, bricht man beim ersten Mal sprichwörtlich in Tränen aus. Heute wird emotionslos repariert – und weiter geht es.“

Unterwegs in Indien Stefan Krauter, CEO von Cargo-Partner, Logistikdienstleister aus Fischamend in Niederösterreich, hat für Kunden schon die exotischsten Destinationen angefahren (siehe auch Interview). Ein häufiges Problem sieht er in schwachen Verbindungen wie im Fall der Atlantikinsel St. Helena, die nur alle drei Wochen per Postschiff angesteuert wird, der Flugverkehr ist wegen starker Winde sowieso kaum möglich. In mehreren Schwellen- und Entwicklungsländern ist Cargo-Partner mit eigenen Büros vor Ort – so in Indien.

Die Herausforderungen des Transportsektors dieses Landes kennt auch der Organisationsentwickler Lucas-Philipp Schenk, der für einen deutschen Werkzeughersteller mehrere Jahre in Indien tätig war. Die internationale Anbindung sei kein Problem, sagt Schenk, da gebe es nur die klassischen Kollateralschäden wie das Umfallen eines Containers. Die Herausforderung sei meist vielmehr, vom Hafen zum Kunden zu kommen. Zwar zählt das Verkehrsnetz Indiens zu den entwickeltsten der Welt, doch kann durchaus vorkommen, dass Straßen nach Monsunregenfällen einen Meter unter Wasser stehen, an Festtagen Millionen Menschen unterwegs sind oder in Stoßzeiten ein Fahren nur im Schritttempo möglich ist. Dazu kommt eine überbordende Bürokratie. Dass im April für die 29 Bundesstaaten eine einheitliche Mehrwertsteuer eingeführt wurde, ist aus logistischer Sicht daher mehr als erfreulich, denn der Schritt dürfte nicht nur die Wirtschaft beflügeln, sondern auch den Binnengrenzverkehr beschleunigen. „Als europäisches Unternehmen braucht man in Asien Experten, die über die lokalen Gegebenheiten und Gesetzesregelungen Bescheid wissen, aber auch das Operationale beherrschen“, sagt Schenk. Der Mentalitätsunterschied ist aber zu bedenken: Die Tendenz in Indien sei, dass viele Dinge parallel, aber selten 100-prozentig gemacht werden. Schenk: „Und da wird es schwierig, Prozesse aufzusetzen, die einer ISO-Zertifizierung oder dem europäischen Standard entsprechen.“ Ob beim Handling auf das Etikett von Waren geachtet oder diese richtig gelagert wird – Garantie gebe es keine. „Und wenn der LKW einmal zwei Wochen unterwegs ist, ist schnell einmal ein Rad ab oder der Motor defekt“, so Schenk. Was ein in Indien niedergelassenes Austro-Unternehmen bezeugen kann: Viele große Unternehmen verpflichteten die lokalen Spediteure daher, nur verkehrssichere Reifen zu verwenden, entdeckten aber, dass um die Ecke des Firmengeländes ein Reifenwechsel stattfand: Die teuren neuen Reifen wurden für die Vorfahrt, die abgefahrenen für die Langstrecke verwendet.

Ruf nach Malaysia Im Logistik Performance Index prangt Indien trotz allem auf Platz 35. Das bestbewertete Schwellenland – nach China auf Platz 27 – ist allerdings Malaysia. Und dort wird FIATA kommenden Oktober auch den bereits 56. FIATA Weltkongress abhalten und unter dem Titel „Logistik als Brücke für den Welthandel“ über Zoll und Gesetzesrahmen, neueste Technologie und Ausbildung, Schutz und Sicherheit diskutieren. Es gibt noch jede Menge zu verbessern, bis „die Brücke“ funktioniert – das wissen österreichische Transport- und Logistikanbieter nur zu gut.

© corporAID Magazin Nr. 70
Text: Ursula Weber
Fotos: stock/ViduGunaratna, Paul Branding, Schwaiger

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