Sozialunternehmen

Der weltbeste Job für Frauen

06/2017 - Sie gilt als Nigerias erste Automechanikerin und ist Gründerin der Lady Mechanic Initiative: Sandra Aguebor hilft Frauen aus schwierigen Verhältnissen in einer von Männern dominierten Branche Fuß zu fassen. Rund tausend Automechanikerinnen haben Aguebors Schulungsprogramm bereits abgeschlossen – in den nächsten Jahren sollen es zehntausend werden.

Sandra Aguebor ist nicht so leicht zu übersehen. Sie hat Präsenz, sie hat Schmäh, sie ist ziemlich laut. Regelmäßig zieht sich die selbstbewusste Nigerianerin ihren blauen Overall und schwere Schuhe an, trommelt ein paar Frauen zusammen und kurvt mit ihnen auf einem offenen Lastwagen lärmend durch die Armenviertel der Megacity Lagos. „Ladies, macht euch bereit“, ruft sie dann mit rauchiger Stimme in ihr Megafon, „kommt zu den Lady Mechanics!“ Die Truppe verteilt Flyer und verschenkt T-Shirts an die ersten 50 Frauen, die sich für ein kurzes kostenloses Fahrsicherheitstraining anmelden.

Mit ihrer Parade wirbt Aguebor eigentlich um Lehrlinge. Sie möchte Frauen, „die keine Perspektive haben“, wie sie sagt, zu gut bezahlten Jobs verhelfen: als Automechanikerinnen und -elektrikerinnen. Ihre Zielgruppe sind Prostituierte, Obdachlose, alleinerziehende Mütter, Waisenmädchen, Schulabbrecherinnen, Opfer von Menschenhandel und Kinderarbeit. Für sie hat Aguebor 2004 die Lady Mechanic Initiative LMI, ein Non-Profit-Sozialunternehmen für Berufsbildung, ins Leben gerufen. Mit sichtbarem Erfolg: Rund tausend Frauen drückte Aguebor bereits eine Abschlussurkunde in die Hand.


Laute Lady Die Nigerianerin Sandra Aguebor (links) bildet Frauen in der Männerdomäne Autoreparatur aus. Dafür braucht es neben technischen Skills auch Selbstbewusstsein. Aguebor verfügt über beides.

Mehr als ein Hobby Aguebor kennt die Branche bestens. Seit gut 33 Jahren repariert sie selbst mit großer Leidenschaft Autos. Begonnen hat sie mit 13 Jahren in ihrer Heimat Benin-City. Jeden Tag nach der Schule besuchte sie eine Autowerkstätte, schraubte stundenlang an den Motoren herum und begann, das Öl an ihren Händen zu lieben. Ihre Mutter hatte keine Freude mit dem Hobby der Tochter: „Im Nigeria der 1980er Jahren war es ein großes Tabu für Frauen, als Mechanikerinnen zu arbeiten, unter Autos zu kriechen, sich schmutzig zu machen“, erzählt sie. Doch Aguebors Vater, der durch Reisen nach Europa und in die USA immer wieder Frauen in technischen Berufen sah, unterstützte die Tochter bei ihrem unkonventionellen Berufswunsch. Aguebor durfte Kraftfahrzeugtechnik studieren und hielt 1991 als erste Frau in Nigeria einen Abschluss in diesem Bereich in den Händen. Nach ein paar beruflichen Zwischenstopps, unter anderen bei der Nigerian Railway Corporation, gründete sie ihre eigene Werkstätte in Lagos. Sandex Car Care Garage serviciert bis heute vor allem Fahrzeugflotten von Unternehmen.

Als Aguebor qualifizierte Mechaniker suchte, entstand ihre Idee für ein Empowerment Programm für benachteiligte Gruppen. Sie startete mit sieben Mädchen und einem Burschen in ihrer Werkstätte. Frauen würden sich besonders gut für technische Arbeit eignen, meint sie, denn sie hätten die natürliche Fähigkeit, auf Details zu achten. Und: „Automechaniker ist der beste Job der Welt für jede Frau“, ist Aguebor überzeugt. Sie motiviert ihre Lehrlinge, indem sie ihnen sagt: „Raus aus der Komfortzone, mach‘ deine Finger schmutzig! Schmutzige Hände sind dein Reichtum und deine Zukunft.“

Aguebor will die Frauen davon abhalten, ihre Zukunft in der Prostitution oder in der Flucht nach Europa zu sehen. „Sie brauchen jemanden, der sie berät und ihnen hilft, ihre Denkweise zu ändern, damit sie wissen, dass etwa der Weg ins Ausland, durch die Wüste nach Libyen, keine echte Lösung ist. Wenn du Fähigkeiten erwirbst, wird sich deine Zukunft nachhaltig verbessern.“ Die Lady Mechanic Initiative will dieses Denken in Nigeria festigen, die Armut bei Frauen reduzieren und wirtschaftliche Unabhängigkeit für sie schaffen.


Öl an den Händen LMI-Trainees werden in fünf nigerianischen Bundesstaaten ausgebildet.

Fit für den Arbeitsmarkt Wer sich für die dreijährige Ausbildung bei LMI entscheidet, erhält Werkzeug, Arbeitskleidung – und ein Stipendium, das unter anderem durch Partnerschaften mit Unternehmen und Stiftungen bereitgestellt wird. Aguebor organisiert in der Nähe der Lehrwerkstatt Unterkünfte für jene Lehrlinge, die weit weg wohnen. Dann geht‘s los: Im Trainingscenter erhalten die Lehrlinge Theorieunterricht von Lehrern aus technischen Colleges, über den Stoff müssen sie auch Prüfungen ablegen. Zusätzliche Module vermitteln weitere wichtige Fähigkeiten in Themen wie Produktivität, Kommunikation, Business-Etikette, Kundenbetreuung, Buchhaltung und persönliche Entwicklung. Die Praxiseinheiten finden in der Werkstätte statt, aber auch durch Einsätze bei Autoherstellern – dort sehen die Lehrlinge oft erstmals, wie Autos überhaupt hergestellt werden. „Wenn unsere Ladies fertig sind, können sie nicht nur Autos instandsetzen, sondern auch Autofahren, Motorboote und Generatoren reparieren, Installationsarbeiten erledigen – und sind ziemlich fit für den Arbeitsmarkt“, schwärmt Aguebor, „meine Lady Mechanics bekommen rasch einen Job.“ Der Markt sei ohnehin riesig – so desolat wie viele Autos in Nigeria seien.

Manche der Absolventinnen heuern bei lokalen Niederlassungen internationaler Autofirmen wie Toyota, Mercedes, Tata Motors oder Renault an und arbeiten als technische Berater, Garagenmanager, Autolackiererinnen oder spezialisieren sich beispielsweise auf den Einbau von Auto-Klimaanlagen. Andere Ladies machen sich mit einer eigenen Werkstatt selbstständig.

Aguebor unterstützt den Wunsch nach Selbstständigkeit, indem sie kleinere Kredite für die Jung-Entrepreneurinnen arrangiert und bei technischen und kaufmännischen Problemen Starthilfe gibt. Besonders freut sie sich, wenn ihre Idee der Lehrlingsausbildung in der einen oder anderen Form Nachahmer findet: Eine ihrer ersten Absolventinnen hat eine Werkstätte in Lagos State gegründet, und bildet in einem „Pay and Train“-Programm nun ebenfalls Frauen aus. Diese Lehrlinge müssen für ihren Ausbildungsmix aus Werkstättentraining und Theorie allerdings selbst bezahlen.

Groß Denken Aguebor, übrigens sechsfache Mutter, reist regelmäßig in Nigeria umher. Denn der Erfolg der LMI in Lagos motiviert sie, ihre Qualifizierungsmaßnahme schrittweise in allen 36 Bundesstaaten Nigerias auszurollen. Sie wirbt beispielsweise bei KFZ-Werkstätten mit kleinen finanziellen Incentives darum, weibliche Lehrlinge aufzunehmen. Da sich Aguebor bereits einen Namen gemacht hat, „läuft das ganz gut“, wie sie sagt. Auch will sie eine Art Ausbildungs-Franchisesystem aufbauen und durch Monitoring sicherstellen, dass gewisse Standards eingehalten werden.


Im Rampenlicht Der neue Gouverneur von Edo State, Godwin Obaseki, unterstützt Sandra Aguebors Initiative. Ihre Ladies servicieren bereits den Regierungs-Fuhrpark, auch gibt es neue Pläne für den Aufbau einer Akademie.

Ableger der Lady Mechanic Initiative gibt es bereits in vier Provinzen. Eine davon befindet sich in Kano in Nordnigeria, einem Staat, in dem die islamistische terroristische Gruppierung Boko Haram seit Jahren wütet. Hier initiierte Aguebor ein Pilotprojekt, das Frauen zu Berufschauffeurinnen und Mechanikerinnen ausbildet – „mit Kopftuch“, betont sie, denn LMI wolle helfen, religiöse und kulturelle Barrieren zu überwinden.

Auch freut sich die energiegeladene Chefin über eine neue, recht medienwirksame Kooperation. Der Gouverneur von Edo State, Godwin Obaseki, ist erst wenige Monate im Amt und hat nach Schwur des Amtseids als eine der ersten Handlungen LMI-Absolventinnen engagiert, die gesamte Regierungsflotte instandzuhalten und zu reparieren. Eine Maßnahme, die den Ladies, aber auch Obaseki selbst hilft, denn im Wahlkampf versprach er die Schaffung von 200.000 neuen Jobs in nur vier Jahren, mit besonderem Fokus auf die Zielgruppe der Jugendlichen. Die Unterstützung durch Obaseki motiviert wiederum Aguebor, „noch mehr zu tun“, wie sie sagt.

Fange sie Jung Dabei hat sie bereits viele weitere Eisen im Feuer: Aguebor führt beispielsweise ein Programm für Schülerinnen ab 14 Jahren in acht öffentlichen Schulen in Lagos. Das Bildungsprojekt „The Lady Mechanic After-School Club“ soll bei Mädchen Interesse an technischen und naturwissenschaftlichen Sachverhalten wecken. Aguebor geht in die Schulen und erklärt den Mädchen, dass sie später Mütter und Ehefrauen sein – und gleichzeitig als Mechanikerinnen und Ingenieurinnen in der KFZ-Branche arbeiten können.

Auch Frauen, die ihre berufliche Zukunft nicht im Hantieren an Motoren sehen, bietet Aguebor Unterstützung. Via Radio und Fernsehen gibt sie beispielsweise Kurse zu Verkehrsregeln, dem Umgang mit der Polizei, Sicherheit oder Grundkenntnissen der Autoreparatur. Warum sie das auch noch macht? „Frauen, denen das Auto auf einem Highway eingeht oder die einen Reifenplatzer haben, sind in Gefahr, Opfer von Raubüberfällen, Belästigung oder Vergewaltigung zu werden“, erklärt sie. In der Zentrale von LMI in Lagos werden außerdem Fahrsicherheitstrainings für Unternehmen angeboten. Damit soll die Verkehrssicherheit in der Megacity verbessert werden – und die Initiative kann wichtige Einnahmen lukrieren.

Mehr als gedacht Eigentlich wollte sie nur als KFZ-Mechanikerin Geld verdienen, sagt Sandra Aguebor, doch: „Meine Lady Mechanic Initiative ist über mich hinaus gewachsen.“

Ambitionierte Zukunftspläne Bis 2025 will Aguebor 10.000 Frauen zu Mechanikerinnen ausbilden. Sie sollen Vorbilder und Change Agents für ganz Afrika werden. Der Powerlady wurde bereits ein Grundstück in einem Industriepark neben dem Benin Technical College in Aussicht gestellt, um dort eine Akademie für Lehrlinge vom ganzen Kontinent aufzubauen. Nebenbei feilt sie bereits an ihrem größten Traum: einen Prototypen für ein Auto „Made in Nigeria“ zu entwickeln. „Auch das werden wir hinbekommen“, ist sie überzeugt, „und ich lade vor allem Frauen ein, die ihre Hoffnung auf Europa setzen, ihre Zukunft hier zu planen. Wir haben bessere Chancen, hier in Nigeria mit harter Arbeit erfolgreich zu sein.“

© corporAID Magazin Nr. 70
Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: Lady Mechanic Initiative

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