Interview

Neue Einsichten

06/2017 - Weltbank-Ökonom Varun Gauri sorgt dafür, dass verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse in den Armutsbekämpfungsprogrammen der Weltbank-Gruppe immer öfter berücksichtigt werden. Gauri leitet die im April lancierte Mind, Behavior and Development Unit eMBeD.

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Varun Gauri
Weltbank

corporAID:Wieso beschäftigt sich die Weltbank mit dem Thema Nudging?
Gauri: Die Weltbank nutzt alle politischen Instrumente zur Erfüllung ihrer Mission, extreme Armut zu beenden und gemeinsamen Wohlstand zu fördern. Das heißt, wir müssen up-to-date sein und alle Innovationen und Instrumente prüfen, die Ländern bei der Bewältigung ihrer Entwicklungsprobleme helfen. Es liegen heute immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse über menschliches Verhalten vor, die zur Entwicklungsförderung genutzt werden können. Standard-Wirtschaftspolitik ist erst dann effektiv, wenn die richtigen kognitiven Neigungen und sozialen Normen berücksichtigt werden. Unser Weltentwicklungsbericht 2015 mit dem Titel „Mind, Society, and Behaviour“, machte deutlich, dass unsere Entwicklungspolitik ein Redesign benötigt, auf der Grundlage eines realistischeren Verständnisses darüber, wie Menschen denken und ihre Entscheidungen treffen. Entwicklungs-politik, die auf diesen neuen Erkenntnissen beruht, wird Regierungen und der Zivilgesellschaft helfen, Entwicklungsziele effektiver zu erreichen und auch schwierige Probleme zu bewältigen – wie die Durchbrechung des Armutskreislaufs von einer Generation zur nächsten, die Erhöhung von Produktivität oder im Vorgehen gegen den Klimawandel.

Wie werden Ihre Experten eingebunden?
Gauri: Unser Ansatz ist simpel und erprobt: Wir finden interessierte Projektteams in der Institution, integrieren uns in diesen Teams als Mitglieder, diagnostizieren Probleme, schlagen mögliche Lösungen vor und testen diese rigoros. Das neue eMBeD-Team wird dazu beitragen, verhaltenswissenschaftliche Maßnahmen zu einem wesentlichen Bestandteil der gesamten Arbeit der Weltbank zu machen und dazu neue sowie bewährte Lösungen für hartnäckige Probleme anbieten. Wir verbessern bestehende Programme und helfen auch bereits bei der Gestaltung von Projekten. Unsere Experten werden verhaltenswissen-schaftliche Erkenntnisse in der gesamten Institution auf eine natürliche, kostengünstige und praxisnahe Art aufbauen.

Welche Projektresultate finden Sie persönlich spannend?
Gauri: Wir haben Mittelschulkindern in 800 peruanischen Schulen in einer 90-Minuten-Einheit erklärt, dass das Gehirn formbar und Intelligenz keine fixe Größe ist und dass man sich durch Einsatz und Lernen aus Fehlern weiterentwickeln kann. Das führte dazu, dass die Kinder in der Schule besser wurden. Pro 20 Cent, die in dieses Projekt investiert wurden, erhöhte sich die Leistung eines Kindes um 0,2 Standardabweichungen. Das ist viel, denn es entspricht dem Äquivalent von Eltern mit drei zusätzlichen Bildungsjahren. In Nigeria wiederum hat sich gezeigt, dass man Manager von Klinken durch soziale Anerkennung – etwa durch öffentliche Präsentation von Zertifikaten – dazu bringt, die Qualität ihres Rechnungswesen zu steigern. Und das ist sehr wichtig, damit Ressourcen besser eingesetzt werden.

Sehen Sie ethische Probleme?
Gauri: Wir glauben, dass Nudges und andere Anwendungen aus der Verhaltenswissenschaft genauso öffentlich diskutiert und bekannt gemacht werden müssen wie alle anderen politischen Interventionen. Wir wenden verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse im Rahmen der Bank an, um Regierungen dabei zu unterstützen, die Effizienz, Transparenz und Rechenschaftspflicht ihrer Leistungen an ihre Bürger zu erhöhen. In dieser Agenda geht es unter anderem darum, Barrieren und Einschränkungen zu reduzieren, denen Bürger beim Zugang zu Diensten und Programmen begegnen können. Unser Ziel ist es, mithilfe verhaltenswissenschaftlicher Maßnahmen den sozialen Vertrag zwischen Regierungen und ihren Bürgern zu stärken!


Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 70
Das Gespräch führte Katharina Kainz-Traxler

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