Neue Märkte

Aufstrebender Südkaukasus

04/2017 - Georgien boomt, Armenien kommt voran und Aserbaidschan beginnt, sich breiter aufzustellen. Einige österreichische Unternehmen sind bereits rund um die Aktivitäten von Entwicklungsbanken im Südkaukasus tätig, für manche ist die Region ein wichtiger Exportmarkt geworden, andere machen mit Dienstleistungen gutes Geschäft – und viele könnten den Markt noch entdecken.

Zum Thema:

Interview mit Georg Karabaczek, WD für Georgien

Interview mit Rudolf Lukavsky, WD für Aserbaidschan und Armenien

Schlüsselprojekt Energiebrücke in die Türkei. Im Bild: OeEB-Vorstand Andrea Hagmann mit Projektpartnern.

Anfang April wurde das Wasserkraftwerk Dariali eröffnet, mit 108 Megawatt das größte Wasserkraftprojekt Georgiens seit Jahrzehnten. Wie viele andere Großprojekte im Südkaukasus wurde Dariali durch das Mitwirken einer multilateralen Entwicklungsbank möglich: Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD stellte einen Großteil der Finanzierung des 115 Mio.-Euro-Projekts bereit. Mit Mitteln mehrerer Entwicklungsbanken, darunter die Oesterreichische Entwicklungsbank OeEB, war um 280 Mio. Euro dazu eine Energiebrücke in die Türkei gebaut worden. „In einem Land wie Georgien, das über ein gewaltiges Wasserkraftpotenzial verfügt und das dennoch immer mit Energieknappheit kämpfte, sind solche Investitionen entscheidend für die Entwicklung des Landes“, sagt Georg Karabaczek, der für Georgien zuständige österreichische Wirtschaftsdelegierte in Istanbul (siehe Link).

Wandel vorantreiben Entwicklungsbanken tragen mit solchen Projekten in allen drei Staaten des Südkaukasus – Georgien, Armenien und Aserbaidschan – zum Fortschritt bei: durch den Ausbau von Infrastruktur, die Stärkung von KMU, die Modernisierung der Landwirtschaft oder den Aufbau eines gesunden Bankensektors. Das soll auch Investitionen und den internationalen Handel anziehen – die Eröffnung von Freihandelszonen und die Schaffung von günstigen Rahmenbedingungen für ausländische Investoren in allen drei Ländern bezeugen das Interesse der Regierungen daran.

Neben der EBRD, mit fast drei Mrd. Euro der größte institutionelle Investor in Georgien, sind auch die Weltbank, die Asiatische Entwicklungsbank oder die deutsche KfW vor Ort. Aus den durch sie finanzierten Vorhaben entstehen Aufträge, bei denen auch österreichische Anbieter immer wieder zum Zug kamen: Ingenieurbüros wie ILF und Nievelt oder Berater wie Allplan und Kommunalkredit Public Consulting. An der Errichtung der Energiebrücke in die Türkei war Siemens Austria beteiligt, für das Dariali-Kraftwerk lieferte Andritz Hydro Turbinen und die technische Ausrüstung. Zudem erstellte das Tiroler Ingenieurbüro Dr. Glaser ein Konzept für eine Bewaldung rings um das Kraftwerk, finanziert aus dem Fonds für technische Entwicklung des österreichischen Finanzministeriums. Damit trug Österreich dazu bei, dass Dariali das erste rundum emissionsneutrale Wasserkraftwerk der Welt ist.

Für Andritz Hydro ist der Südkaukasus kein Neuland, schon in den 1950er Jahren wurden hier Projekte umgesetzt. Seit 2012 ist das Unternehmen mit einem eigenen Büro vor Ort, hat bereits fünf Kraftwerke beliefert und wartet auf den Vertragsabschluss für einen sehr großen sechsten Auftrag. Norbert P. Schwarz, Zentral- und Osteuropa-Manager von Andritz Hydro, sieht den Energiemarkt in Georgien boomen: „Georgien wickelt den Wasserkraftausbau transparent und effizient ab, und der Markt ist entsprechend aktiv. Es laufen jede Menge Projekte.“


Investment in österreichisches Know-how Lisec-Anlage bei einer georgischen Glaserei

Basis stärken Weniger entwickelt ist in der Region der KMU-Sektor. Aserbaidschans Wirtschaft war bisher einseitig auf Ölexporte ausgerichtet, angesichts der niedrigen Ölpreise wird nun aber eine Diversifizierung angestrebt. „Die Regierung in Baku hat etwa begonnen, für Firmengründungen im Nicht-Öl-Bereich Steuerbegünstigungen und andere Erleichterungen anzubieten“, sagt Rudolf Lukavsky, der für Aserbaidschan und Armenien zuständige Wirtschaftsdelegierte in Moskau (siehe Link).

In den beiden anderen Südkaukasusländern wird das Vorankommen des KMU-Sektors eher durch fehlendes Investitionskapital gebremst. Entwicklungsfinanzierer wie die OeEB bieten hier spezielle Kreditlinien an, die über lokale Banken an KMU vergeben werden. Dass das auch schon zu österreichischen Exporten führte, stellte OeEB-Vorstand Andrea Hagmann beim Besuch eines Kreditnehmers fest, der in eine Glasverarbeitungsmaschine der niederösterreichischen Firma Lisec investiert hatte. In Aserbaidschan startete die OeEB ein ähnliches Kreditprogramm für landwirtschaftliche Betriebe. „Hier ist das Stadt-Land-Gefälle besonders ausgeprägt“, erklärt Hagmann, „und Kredite im ländlichen Raum sind praktisch nicht zu bekommen.“


Herz-Gruppe im Kaukasus Eröffnung eines Übungslabors mit Herz-GF Gerhard Glinzerer und dem damaligen Bildungsminister Georgiens.

Mit der Region mitwachsen Nur wenige österreichische Unternehmen verfügen derzeit über Niederlassungen im Südkaukasus. Dennoch gibt es einzelne Erfolgsgeschichten. So errichtete der Heiz- und Regeltechnik-Konzern Herz Armaturen aus Wien bereits vor 15 Jahren in der georgischen Hauptstadt Tiflis einen Stützpunkt, um von dort aus die Region zu bearbeiten. Angesichts des Baubooms in Baku gründete Herz in der Folge auch in Aserbaidschan eine Niederlassung. Das Büro in Tiflis wurde mittlerweile aufgelassen: „Wir merkten, dass wir Georgien und Armenien auch sehr gut über Partner bedienen können“, sagt Regionalmanager Akper Saryyev. Aufgrund der sinkenden Ölpreise sei es in den vergangenen zwei Jahren in Aserbaidschan allerdings schwieriger geworden. Die Projekte verzögern sich, man merke, dass Firmen ebenso wie der Staat bei Investitionen länger überlegen. Dennoch konnten auch 2016 einige Ausschreibungen gewonnen werden. Herz unterstützt seinen Markteintritt durch die Zusammenarbeit mit technischen Universitäten. So hat das Unternehmen in Tiflis und in Baku Übungslabors errichtet, an denen Ingenieure und Installateure ausgebildet werden. „Der Know-how-Transfer kurbelt die Nachfrage an“, sagt Saryyev.


Gebrüder Weiss bedient in der Region Kunden wie Tegeta Motors und Bosch.

Seit 2013 ist auch das Logistikunternehmen Gebrüder Weiss mit einem Logistikcenter und einem Umschlagplatz in Tiflis präsent, das Team besteht mittlerweile ausschließlich aus lokalen Mitarbeitern. Regionalmanager Thomas Moser ist zufrieden: Das Ergebnis liege über den Erwartungen. Seit einem Monat hat Gebrüder Weiss auch eine Repräsentanz in Jerewan. In Aserbaidschan hingegen gebe es dafür derzeit noch zu wenig Geschäftsaufkommen, so Moser.


Einer von drei Schauräumen des Lampenerzeugers Orion im Südkaukasus

Made in Austria Ein weiterer erfolgreicher Weg in die Region ist die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern. So hat der Wiener Lampen- und Lusterhersteller Orion, der bereits in den 1970er Jahren in der georgischen Skiregion Gudauri exklusive Hotels ausstattete, heute Partner in Tiflis und Baku. Sie führen dort Schauräume und leiten den Vertrieb. Wie die Kontakte entstanden, berichtet Exportleiter Paul Molecz: Die georgische Geschäftsleiterin war Dolmetscherin bei einer Wirtschaftsmission der WKO nach Georgien, an der er teilnahm, und die Geschäftsführer in Baku sind die Eltern eines befreundeten jungen Putzereiinhabers in Wien. Beide Geschäfte gehen gut, aktuell sind mehrere Hotels in Arbeit. Das prominenteste Projekt von Orion in der Region ist die Ausstattung der Dreifaltigkeitskathedrale in Tiflis.


Neu eröffnet: Schirnhofer Feinkostladen in Tiflis

Auch der Fleisch- und Wursthersteller Schirnhofer ist schon fast ein Veteran in der Region. „Es gab Zeiten, in denen Schirnhofer als Marke bekannter war als Coca-Cola“, erinnert sich Geschäftsführer Karl Schirnhofer. Eine Zusammenarbeit mit dem ersten Partner, von dem auch die Einladung gekommen war, nach Georgien zu liefern, habe zehn Jahre lang gut geklappt. Der neue Partner sei eine größere Firma, die erst kürzlich einen Schirnhofer Flagshipstore in Tiflis eröffnet hat, dem noch weitere folgen sollen. Hier wird neben Wurst auch Käse aus Österreich verkauft. Außerdem ist eine Bäckerei nach österreichischem Vorbild angeschlossen. Die 80 bis 100 Tonnen Wurstware, die Schirnhofer monatlich liefert, verkauft der Partner teilweise an Lebensmittelgeschäfte im ganzen Land weiter. Es gebe mittlerweile auch schon Spar- und Carrefour-Märkte in Tiflis, sagt Schirnhofer, was zeige, dass sich in der Region einiges bewege.

Die nächste Gelegenheit, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, bietet die Teilnahme an der Wirtschaftsmission nach Georgien vom 17. bis 19. Mai. Österreichische Unternehmen seien in der Region gern gesehen, sagt Wirtschaftsdelegierter Karabaczek: „Die Ministerien und offiziellen Stellen in Georgien deponieren bei jedem Termin, dass großes Interesse an der Zusammenarbeit mit österreichischen Firmen besteht.“ Eine Einladung, die man nicht überhören sollte.


Tiflis: 1,2 Mio. Ew.

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DATEN UND FAKTEN

Drei Länder, drei Welten


Jerewan: 1,1 Mio. Ew.


Baku: 1,9 Mio. Ew.

Georgien
Bevölkerung 3,7 Mio.
Fläche 69.700 km2
BIP-Wachstum 3,4 Prozent ↑
BIP/Kopf 3.908 Dollar
Ö. Importe 4 Mio. Euro ↓
Ö. Exporte 69 Mio. Euro ↑

Armenien
Bevölkerung 2,9 Mio.
Fläche 29.700 km2
BIP-Wachstum 3,2 Prozent ↑
BIP/Kopf 3.596 Dollar
Ö. Importe 3 Mio. Euro ↑
Ö. Exporte 20 Mio. Euro ↓

Aserbaidschan
Bevölkerung 9,4 Mio.
Fläche 86.600 km2
BIP-Wachstum -2,4 Prozent ↑
BIP/Kopf 3.759 Dollar
Ö. Importe 333 Mio. Euro ↓
Ö. Exporte 88 Mio. Euro ↓




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OEZA


Gerhard Schaum­berger, Leiter des ADA-Büros in Tiflis

ARBEITEN AN DER BASIS
Der Südkaukasus ist seit elf Jahren Schwerpunktregion der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Die Austrian Development Agency fördert Projekte mit Fokus auf Landwirtschaft, Privatsektorentwicklung mittels Wirtschaftspartnerschaften und den Schutz von Naturressourcen. Büroleiter Gerhard Schaumberger: „In Armenien hat sich durch ein von der ADA umgesetztes Projekt die Zahl der Biobauern verdoppelt.“



© corporAID Magazin Nr. 69
Text: Ursula Weber
Fotos: OeEB, ADA, Firmenfotos beigestellt

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