ADA-Wirtschaftspartnerschaft

Neue Quelle in Moldau

04/2017 - Die bayrische ESG Kräuter GmbH hat Moldau als Anbaugebiet für Küchenkräuter entdeckt. Ein österreichi­scher Biochemiker erleichterte den Einstieg in das Land, die Austrian Development Agency ADA unterstützt das Vorhaben.





Feldvisite von Projektleiterin Viktoria Birsan (links) mit Studierenden.

Sollte er Bauer werden oder Koch? Das Herz des jungen Erhard Schiele schlug für beides. Die Wahl fiel auf Bauer, und wenn schon Bauer, dann wollte Schiele der Familientradition gemäß auf eine Nische setzen. Die Eltern hatten Zwiebeln, rote Rüben, Gurken und Spinat angebaut, der Junior entschied sich für Küchenkräuter. „Angesichts von Butterbergen und Milchseen wollte ich etwas produzieren, das ich nicht zum Einheitspreis abliefern musste, sondern das ich tatsächlich verkaufen konnte“, erklärt der Unternehmer aus dem bayrischen Ort Hamlar.


ESG Kräuter
beliefert namhafte Kunden wie Knorr in der ganzen Welt.

Die ESG Kräuter GmbH, die er damals gründete, entwickelte sich bald zu Europas größter Gewürzwarenproduktion. Schiele erklärt dies im Wesentlichen damit, dass ihm der Industriebetrieb, den er drei Jahre lang mit frischem Schnittlauch, Petersilie und Co versorgt hatte, Kunden aus ganz Europa zuführte, und schmunzelt: „Irgendetwas hatten wir wohl richtig gemacht.“ Angesichts steigender Nachfrage baute Schiele Ende der 1980er Jahre eine erste Trocknungsanlage und begann zugleich, nach seinen Vorschriften angebaute Frischware bis aus Ägypten und Russland zuzukaufen.

Neues Anbaugebiet Moldau rückte erst 2014 in Schieles Horizont, als ihm ein Freund nach einer Reise durch die einstige Gewürzkammer der Sowjetunion von brachliegenden landwirtschaftlichen Flächen berichtete. Schiele winkte anfangs ab, flog ein Jahr später aber doch mit nach Moldau, um sich selbst ein Bild zu machen. Er fand ein günstiges Klima und fruchtbare Böden vor – und eine darniederliegende Landwirtschaft. „Hier fehlt das Selbstverständlichste“, sagt er, „die Bauern haben kein Gespür mehr für ihren Boden. Das hat der Kommunismus praktisch weggewaschen.“ Schieles Interesse, in Moldau einen neuen Bezugsmarkt für Kräuter aufzubauen, war geweckt. Und auch die Fuchs Gruppe, der die ESG Kräuter GmbH seit 2014 angehört, stand dem Vorhaben positiv gegenüber. Die Holding begrüßte vor allem die Nähe und relative Sicherheit der neuen Bezugsregion sowie den Wegfall der Gefahr von Kinderarbeit.


Otmar Höglinger brachte Erfahrungen mit dem Anbau von Arzneiblumen mit in das Projekt.

Perfekte Ergänzung Schieles Partnerschaftsangebot kam Höglinger gelegen: „Das war genau, was ich suchte. Ich wollte durch den Anbau von Arzneipflanzen eine Perspektive für die Bevölkerung in Moldau schaffen, hatte bis dato aber keinen Industriebetrieb gefunden, der einsteigen wollte. Und allein kam ich nicht weiter.“ Auch wenn Schiele primär auf den großflächigen Anbau mediterraner Kräuter – Basilikum, Thymian, Oregano – und Höglinger eher auf den kleinflächigen Arzneipflanzenanbau abzielte, einigte man sich schnell: Schiele würde das technische Know-how und den Absatzmarkt mitbringen, Höglinger die lokale Erfahrung und sein Forschungsnetzwerk.

Höglinger wurde für Schiele eine unbezahlbare Hilfe: Er führte ihn in eine interessante Anbauregion 130 Kilometer nördlich der Hauptstadt Chisinau ein und stellte ihm mit Viktoria Birsan eine engagierte Pharmazeutin vor, die die Projektleitung übernehmen konnte. Und er brachte eine Kofinanzierung der Austrian Development Agency ADA über das Wirtschafts­partnerschafts­programm (siehe Link unten) mit. Damit konnten Kosten für den Bodenaufbau, die Bewässerung, das Büro und die Errichtung eines Prüflabors, das die Universität führen würde, gedeckt werden. Schiele: „Wir zahlten im ersten Jahr sowohl beim Import von Maschinen und Saatgut als auch beim Export von Ware unerwartet einiges an Lehrgeld. Ohne die Förderung wäre die Bilanz sehr ungünstig ausgefallen.“

Die Gründe für die Förderung legt ADA-Projektmanagerin Simone Ungersböck dar: „Das Projekt bringt neue Technologien und Know-how von der Bodenaufbereitung bis zur Qualitätssicherung in ein Fokusland der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, schafft Arbeitsplätze und Perspektiven und ist ein Pilotprojekt der Fuchs Gruppe, dem ähnliche Vorhaben folgen sollen.“

Starker Start Viktoria Birsan stellte Schiele die Firma Vladifarm vor, die kurzerhand die Organisation des Kräuteranbaus mit mehreren Bauern, die Trocknung und die Logistik übernahm. Über Vladifarm lernte Schiele einen Großbauern kennen, der im Umstieg auf Kräuter eine willkommene neue Geschäftsmöglichkeit sah. Mit all diesen Partnern konnte Schiele Anfang 2016 binnen weniger Monate die Aussaat vorbereiten. Das Ergebnis des ersten Jahres: 25 Tonnen Trockenkräuter im Wert von rund 100.000 Euro.

Schiele war zufrieden und plant nun, bis 2018 zwischen 300 und 500 Hektar moldauischen Boden auf Kräuter umzustellen sowie eine Niederlassung mit eigener Trocknungsanlage zu gründen. Das wird zusätzliche Arbeitsplätze schaffen. „Wir benötigen dann ein Stammpersonal von 30 bis 40 Mitarbeitern und das Doppelte an Saisonarbeitern.“ In Hinblick darauf wird ein Vladi-farm-Mitarbeiter bei ESG in Hamlar bereits ausgebildet. Und Höglinger baut mit Studierenden das Labor auf, während er zugleich den Blumenanbau mit Klein- und Nebenerwerbsbauern vorantreibt.

Es ist wohl auf den Einfluss Höglingers zurückzuführen, dass auch Schiele den Blumen mittlerweile einiges abgewinnen kann. Es gebe in Europa heute einen Markt für getrocknete, essbare Blüten für die Dekoration von Speisen, erklärt er. In seinem Herzen ist Schiele also weiterhin beides: Bauer und Koch.


Bauer aus Leidenschaft Erhard Schiele beim Test des Bodens in Moldau.

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DAS UNTERNEHMEN:

Die ESG Kräuter GmbH wurde 1986 von Erhard Schiele in Hamlar, Oberbayern, gegründet und entwickelte sich zur führenden Kräuterherstellung in Europa. Nach einem Versicherungsfall und dem Einbruch des russischen Marktes wurde die ESG Kräuter GmbH 2014 von der Fuchs Gruppe, dem zweitgrößten Gewürzanbieter weltweit, übernommen – unter der Bedingung, dass Schiele den Betrieb wie bisher weiterführt. Die Jahresproduktion der ESG Kräuter GmbH liegt heute bei 2.500 Tonnen Trockenkräuter. Für den Trocknungsprozess hält die ESG ein eigenes Patent, inzwischen umfasst das Sortiment zusätzlich Tiefkühlkräuter. Das Unternehmen sieht sich höchsten Qualitätsansprüchen verpflichtet, für die Vertragsbauern gelten entsprechend strenge Kriterien. Kunden sind namhafte Lebensmittelindustrieunternehmen weltweit, 55 Prozent der Ware gehen in außereuropäische Länder.

© corporAID Magazin Nr. 69
Text: Ursula Weber
Fotos: Höglinger

 

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