Großes Interview

Technologie für eine nachhaltigere Welt

04/2017 - Für Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende von Infineon Technologies Austria, bieten die fortschreitende Digitalisierung und der globale Trend zur Nachhaltigkeit vielfältige Chancen, die es für Österreich zu nutzen gilt. Dabei geht es für sie nicht um Übertechnisierung, sondern vielmehr um den „right fit“.




Sabine Herlitschka
gehört seit 2011 dem Vorstand der Infineon Technologies Austria AG an, 2014 wurde sie zur Vorstandsvorsitzenden ernannt.

corporAID: Der Name Infineon steht für Innovation. Wie schafft man es, Innovation von Villach aus in die ganze Welt auszurollen?

Herlitschka: Infineon Österreich hat vor knapp 50 Jahren als Villacher Dioden-Werk begonnen. Damals ging es darum, billig zu produzieren. Heute sind wir eines der forschungsstärksten Unternehmen Österreichs, vergangenes Jahr haben wir 22 Prozent unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiert. Wir haben das geschafft, indem wir offensiv Chancen nutzen und bei technologischen Veränderungen immer ein, zwei Nasenlängen voraus sein wollen – wir versuchen, bereits die Antwort zu haben, wenn die anderen erst die Frage stellen. Üblicherweise vermutet man ein Unternehmen wie Infineon nicht in einer 60.000-Einwohner-Stadt. Wir betreiben hier Forschung und Entwicklung, haben hier unsere Produktion, die wir weiter ausbauen, und tragen als Teil eines weltweit tätigen Konzerns globale Geschäfts-verantwortung. Damit wir diese Erfolgsgeschichte in Österreich weiterschreiben können, brauchen wir allerdings die richtigen Rahmenbedingungen. Da ist vieles in die Gänge gekommen, beispielsweise bei der Steuer- und Abgabenquote, bei vielen anderen Themen gibt es aber weiter Handlungsbedarf.

Infineon hat wieder ein Rekordjahr hingelegt. Können Sie diesen Kurs halten?

„Wir versuchen, bereits die Antwort zu haben, wenn die anderen erst die Frage stellen.“

Sabine Herlitschka

Herlitschka: Unser Ausblick ist aktuell positiv. In den vergangenen Jahren sind unsere Märkte geschrumpft, wodurch es 2015 zu einer neuerlichen Konsolidierungswelle kam, die unsere Konzernmutter genutzt hat, um einen großen US-Mitbewerber zu übernehmen. Dessen Kompetenzen im Bereich Leistungselektronik sind in erheblichem Ausmaß zu uns nach Österreich transferiert worden. Das ist einer der Gründe, warum wir vergangenes Jahr um nahezu 30 Prozent gewachsen sind. Mein Optimismus wird auch dadurch gestützt, dass die Wirtschaft insgesamt anzieht. Wir sind eine Indikatorbranche – wenn es bei uns aufwärts geht, dann gibt es auch in der Breite mehr Wachstum. Nachhaltige Mobilität und autonomes Fahren, Elektrifizierung und Energieeffizienz, das Internet der Dinge und Sicherheitstechnologien – das alles sind deutlich spürbare und mächtige Treiber für unser Wachstum.

Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit?

Herlitschka: Durch mein Lebensmittel- und Biotechnologie-studium habe ich einen sehr persönlichen Zugang zu diesem Thema. Damals dominierte noch ein Gesellschaftsmodell, in dem Ökonomie und Ökologie vermeintlich im Widerspruch standen. Das hat sich völlig gewandelt. Heute können wir unternehmerischen Erfolg und Nachhaltigkeit kombinieren – jedenfalls in unserer Branche. Im Bereich der Energieeffizienz – einem unserer drei Schwerpunkte – hat die moderne Technologie Fortschritte ermöglicht, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar waren. Die Convenience für die Nutzer ist dabei nicht zu Schaden gekommen. Für mich zeigt das, wie man mit Technologie nachhaltiges Wachstum möglich und leistbar machen kann.

Wie geht Infineon Österreich mit der fortschreitenden Digitalisierung um?

Herlitschka: Wir sind auf Grund der Dynamik in der Mikro- und Nanoelektronik und des globalen Wettbewerbs schon heute ein Unternehmen, das viele Prozesse im Kontext der Digitalisierung aufgesetzt hat. Weil wir das wollten und mussten. Ich sehe die Digitalisierung als eine echte Chance, weil es zukünftig noch viel stärker als heute auf Know-how ankommen wird. In Österreich können wir uns als Hochlohnland mit der Digitalisierung ein Stück weit aus dem Wettbewerb um die billigsten Arbeitskräfte lösen. Deswegen ist auch das Thema Bildung so wichtig, denn ohne die besten Köpfe werden wir in Österreich nicht wettbewerbsfähig sein. Das betrifft nicht nur Akademiker, sondern bedeutet auch, dass wir berufsbegleitend in Aus- und Weiterbildung investieren und unsere Mitarbeiter für neue Jobprofile qualifizieren müssen. Genau das machen wir bei Infineon, weshalb wir heute schon auf einem sehr guten Weg sind.

Digitalisierung wird oft auch als Gefahr wahrgenommen.

„Wir sollten Digitalisierung als Chance nutzen, denn sie findet statt – wenn wir abseits stehen, werden wir zu den Verlierern zählen.“

Sabine Herlitschka

Herlitschka: Meines Erachtens ist es wichtig, die Chancen in den Vordergrund zu stellen. Denn noch jede große technologische Veränderung hat mittelfristig viele neue Möglichkeiten und Arbeitsplätze gebracht. Aber das passiert nicht von allein – man muss den Übergang aktiv gestalten. Das können wir auch diesmal schaffen. Ich verstehe aber auch Ängste, die meistens aus Unsicherheiten heraus entstehen. Wenn es gelingt, positive Bilder mit der Digitalisierung zu verbinden, dann wird auch der Zugang der Bevölkerung optimistischer. Schauen Sie sich an, für wie viele Leute ein Leben ohne Smartphone praktisch nicht mehr vorstellbar ist. Dabei ist diese Technologie gerade einmal zehn Jahre alt und stellt das Eingangstor zur Digitalisierung dar. Auf den Punkt gebracht: Wir sollten Digitalisierung als Chance nutzen, denn sie findet statt – wenn wir abseits stehen, werden wir zu den Verlierern zählen.

Gibt es hier Parallelen zur Globalisierung?

Herlitschka: Ja, das ist ähnlich ambivalent: Export ist in der öffentlichen Meinung positiv besetzt, wenn es wie bei TTIP um die Rahmenbedingungen für Export geht, gilt Globalisierung plötzlich als negativ. Diese Fragen müssen ernsthafter diskutiert werden. TTIP auf das Chlorhuhn zu reduzieren, wird der Sache nicht gerecht. Für Österreich ist die Globalisierung eine Erfolgsgeschichte – die Zahlen sind hinlänglich bekannt. Infineon ist hierfür ein gutes Beispiel, denn wir bedienen heute von Österreich aus globale Märkte und schaffen dadurch Wertschöpfung im Land. In jedem dritten Smartphone weltweit finden Sie beispielsweise Mikrofone, die wir in Österreich entwickelt haben und auch hier produzieren.

Wie sehen Sie Infineons Rolle als Leitbetrieb?

„Wir sind mit Nachhaltigkeit nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern bilanzieren auch ökologisch positiv.“

Sabine Herlitschka

Herlitschka: Ein Leitbetrieb arbeitet im Schnitt mit fast 1.000 KMU zusammen – das ist auch bei Infineon im Hinblick auf Zulieferer und Forschungspartner so. Jedes gute Innovations-Ökosystem besteht aus unterschiedlichen, komplementären Akteuren. Konzerne wie Infineon profitieren von der Flexibilität und Dynamik von KMU, Start-ups und Spin-offs. Diesen kommt wiederum unser Marktzugang oder unsere Produktionstechnologie zu Nutzen. Daher sind auch Technologie- und Innovationscluster wie Silicon Alps, in den wir eingebunden sind, zukunftsweisend – nicht zuletzt um weltweit die Sichtbarkeit der österreichischen Mikroelektronikindustrie zu erhöhen.

Sehen Sie Österreich bei Forschung und Innovation insgesamt gut aufgestellt?

Herlitschka: Österreich gehört mit einer F&E-Quote von drei Prozent zu den Spitzenreitern und hat sich in vielen Bereichen gut aufgestellt. Schlussendlich ist das aber eine Frage der Ergebnisse in Form von innovativen und am Markt erfolgreichen Produkten und Technologien. Wir wissen, dass die Zukunft unseres Gesellschaftsmodells insbesondere auf Forschung, Technologie, Innovation und Bildung basiert. Dabei geht es aber nicht nur um ausgereizte Ingenieurskultur und Übertechnisierung, sondern auch um das, was die Amerikaner als „right fit“ bezeichnen. Wir haben nicht zuletzt durch die Akquisition des US-Mitbewerbers begonnen, die Fragen in den Mittelpunkt zu stellen: Was braucht der Kunde wirklich? Wo liegt der „right fit“? In vielen Fällen gilt ja: Good is good enough. In der Essenz geht es dabei um frugale Innovation – ein Thema, das sich besonders in Wachstumsmärkten wie Indien oder China als treibende Kraft zeigt.

Wie läuft Ihr Geschäft in den Emerging Markets?

Herlitschka: Infineon macht auf Konzernebene mittlerweile die Hälfte seines Umsatzes in Asien und einen Großteil davon in China. Angesichts der Luft- und Wasserverschmutzung und der Herausforderungen in der Energieversorgung sind unser Know-how und unsere Produkte sehr gefragt. Wenn die Rahmenbedingungen passen, können wir gerade in den Schwellenländern einen ansehnlichen Beitrag zu einem nachhaltigen Wachstum leisten. Ganz allgemein setzt die Politik in China auf Nachhaltigkeit, und sie redet nicht nur, sondern handelt auch sehr entschlossen. Die Wachstumsraten sind bei Elektrofahrzeugen signifikant. Indien ist für uns schwerer zugänglich. Das Land ist beim Umweltschutz noch nicht so weit, und das rigide gesellschaftliche System hilft nicht, um technologische und soziale Innovation breit voranzutreiben. Afrika ist in seiner Vielfalt und Komplexität ein eigenes Kapitel. Wir sind dort nur über Partner präsent, beobachten aber die Dynamik und den Fortschritt genau. Im Zahlungsverkehr oder bei Identitätskarten etwa sieht man spannende, durch die Kommunikationstechnologie getriebene Innovationen.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Infineon?

Herlitschka: Infineon hat sich im Kontext der Krise 2008/09 radikal umgebaut und auf Nachhaltigkeitsthemen gesetzt, die damals nicht so hip waren, nämlich Energieeffizienz, Mobilität, Sicherheit. Wir sind damit nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern bilanzieren auch ökologisch positiv. Durch unsere Geschäftstätigkeit entstehen 1,8 Millionen Tonnen CO2, unsere Produkte führen zu Einsparungen von 52 Millionen Tonnen CO2. Infineon ist auf Konzernebene im Dow Jones Sustainability Index gelistet, und wir haben zahlreiche Auszeichnungen für unser CSR-Engagement erhalten. Wir wurden eben erst unter die Top fünf Prozent der nachhaltigsten Unternehmen unserer Branche in Europa gerankt. Dafür tun wir sehr viel, und versuchen trotzdem permanent, für unser gesellschaftliches Engagement den richtigen Fokus zu finden. Wir sind vor allem mit Bildungsinitiativen in der Region tätig. Vergangenes Jahr haben wir zudem ein Integrationsprojekt für Flüchtlinge mit Asylstatus gestartet. CSR bedeutet für mich aber auch, das eigene Geschäftsmodell ständig aus der Perspektive der Nachhaltigkeit zu hinterfragen und das stimmig und transparent zu kommunizieren. Und dann natürlich auch zu tun, was man sagt.

Was treibt Sie persönlich an?

Herlitschka: Mit etwas amerikanischem Pathos antworte ich, dass ich dazu beitragen möchte, dass die Welt von morgen ein kleines bisschen besser wird. Den größten Teil der wachen Lebenszeit verbringt man im Job, und da ist es schon mein Anspruch, positiv zu gestalten. Wir haben noch nie solche Chancen wie heute gehabt, zu einer intelligenten Nachhaltigkeit beizutragen – mit Technologie, mit unseren Entwicklungen, aber auch mit Aktivitäten, die die meisten Menschen sehr gerne machen. Und das ist für mich schon ein sehr motivierendes Lebenskonzept.

Vielen Dank für das Gespräch.

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ZUR PERSON:

Sabine Herlitschka gehört seit 2011 dem Vorstand der Infineon Technologies Austria AG an und wurde 2014 zur Vorstands-vorsitzenden ernannt. Ihre beruflichen Stationen umfassen industrielle Biotech-Forschung, internationale und europäische Forschungs- und Technologiekooperation und -finanzierung sowie Gründungs-Vizerektorin an der Medizinischen Universität Graz. Herlitschka hat ein Doktorat in Lebensmittel- und Biotechnologie und einen MBA in General Management. Sie ist Mitglied im Rat für Forschung und Technologieentwicklung der österreichischen Bundesregierung sowie im Senat der Fraunhofer Gesellschaft Deutschland.

ZUM UNTERNEHMEN:


Produktionsstandort
von Infineon in Villach

Kärntner Innovationschampion

Die Infineon Technologies Austria AG mit Hauptsitz in Villach ist die Österreich-Tochter des deutschen Konzerns Infineon Technologies, der weltweit führend ist bei Halbleiter- und Systemlösungen in den Bereichen Energieeffizienz, Mobilität und Sicherheit. Seit der Übernahme des früheren US-Mitbewerbers International Rectifier im August 2016 fungiert Infineon Austria als Headquarter für die globalen Marktaktivitäten von insgesamt elf Produktlinien des Konzerns. Mit einer Forschungsquote von rund 22 Prozent des Umsatzes im Jahr 2016 ist Infineon Austria das forschungsstärkste Unternehmen Österreichs. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 3.600 Mitarbeitern aus 60 Nationen und erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2015/16 einen Umsatz von rund 1,8 Mrd. Euro.

© corporAID Magazin Nr. 69
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Mihai M. Mitrea, Infineon

 

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