Impactmessung

Welches Werkzeug misst die Wirkung?

04/2017 - Unternehmen denken zunehmend ökologisch und engagieren sich sozial. Doch wie nachhaltig agieren sie tatsächlich und wie lässt sich ihr Impact auf Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft erheben? Der neue Global Value Tool Navigator soll Unternehmen bei der Auswahl des richtigen Bewertungsinstruments helfen. Entwickelt wurde er an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Zum Thema:

Interview mit Norma Schönherr, Wirtschaftsuniversität Wien

Weg aus dem Labyrinth Ein neues Online-Service hilft
Unternehmen bei der Suche nach einem geeigneten Tool zur Messung ihrer Wirkungen.

LBG Model, HRCA, LCA, MoNa oder LM3 – es gibt wohl nur wenige Menschen, die sich in diesem Kürzel-Dschungel zurecht finden. Dabei handelt es sich hier nur um eine kleine Auswahl von hunderten Management-, Berichterstattungs- und Lerninstrumenten. Sie sind dafür gedacht, Unternehmen auf dem Weg in Richtung Nachhaltigkeit zu unterstützen – ein Trend, der aufgrund des Drucks durch Konsumenten, mediale Beobachtung, durch Risiken, die etwa der Klimawandel birgt oder auch durch strengere gesetzliche Regelungen wohl immer stärker wird.

Gesellschaftliche Verantwortung im Business-Kontext bedeutet heute also weit mehr als etwa philanthropisches, soziales Engagement. Das zeigt beispielsweise die Definition der Europäischen Kommission, die Corporate Social Responsibility CSR als die „Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ definiert. Ein weites Feld also. Der neue Wegweiser für die möglichen Berührungspunkte zwischen unternehmerischen Aktivitäten sowie Umwelt und Gesellschaft sind die 2016 lancierten 17 Globalen Ziele für Nachhaltige Entwicklung SDG: Die Handlungsfelder reichen von der Armutsbekämpfung über verantwortungsvollen Konsum und die Verbesserung von Ausbildung bis zur Minderung der Folgen des Klimawandels und dem Schutz der Ökosysteme.

Forschungsprojekt Für Unternehmen sind die zahlreichen Wirkungen oder „Impacts“ sowie die SDG oft noch neues, unentdecktes Terrain. Einige große Konzerne beschäftigen sich bereits intensiv damit, wie Konsumgüterhersteller Unilever mit seinem „Sustainable Living Plan“ oder Technologieriese Siemens mit dem „Business2Society“-Ansatz. Bei beiden Strategien geht es darum, Geschäft und nachhaltige Entwicklung in Einklang zu bringen. Dennoch ist Impact-Messung und -Management noch ein relativ neues Forschungs- und Praxisfeld.


WU Wien mit Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit.

An der Wirtschaftsuniversität Wien will man seit einigen Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit Profil gewinnen – angefangen von der Einrichtung eines strategischen Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit bis hin zur Verankerung der Thematik in immer mehr akademischen Lehr- und Forschungsprozessen. Seit 2014 beschäftigt sich die WU intensiv mit unternehmerischen Impacts und Wirkungsmanagement. Professor André Martinuzzi vom Institut für Nachhaltigkeitsmanagement gelang es, dazu ein EU-finanziertes Forschungsprojekt namens Global Value an den Campus im Wiener Prater zu holen. Das mit drei Mio. Euro dotierte Forschungsvorhaben umfasst die Kooperation mit elf weiteren Forschungseinrichtungen, Unternehmen und NGO aus Afrika, Europa und Asien. Das Ergebnis der mehr als dreijährigen, internationalen Zusammenarbeit, das Global Value Toolkit, wird schon bald kostenfrei zugänglich sein. Der virtuelle Launch samt Keynotes, Live Sessions und Workshops findet vom 12. bis 14. Juni auf www.global-value.eu statt.


André Martinuzzi
Wirtschaftsuniversität Wien

Herzstück des Projekts ist der so genannte Tool Navigator – eine frei zugängliche Datenbank, die der einfacheren Orientierung über das große Angebot der Nachhaltigkeitsinstrumente dienen soll. „Wir wollen Transparenz über einen Markt herstellen, der schwer einzuschätzen ist. Gerade bei den kostenpflichtigen Tools weiß ein Unternehmen oft erst nach dem Kauf, was es bekommt. Hier wollen wir unterstützen. Als nicht-kommerzielles Forschungs-konsortium können wir dies auch glaubwürdig tun“, erklärt Martinuzzi.

Ein „One size fits all“-Tool, das für alle Unternehmen anwendbar ist, gibt es für das Wirkungsmanagement nämlich nicht. Je nach Branche, Unternehmensgröße und auch CSR-Erfahrung muss ein Instrument ganz unterschiedliche Anforderungen erfüllen. Und natürlich ist die unmittelbare Fragestellung letztlich entscheidend: „Braucht man eine erste Orientierung zu einem Thema, eine Informationsgrundlage für strategische Entscheidungen oder will man ein Reporting aufbauen oder sein Managementsystem verbessern?“, erklärt Projektmanagerin Norma Schönherr (siehe Interview). In der Praxis zeige sich, vielleicht wenig überraschend, dass Unternehmen Instrumente mit einem hohen Bekanntheitsgrad bevorzugen. Tatsächlich, so Schönherr, seien diese Instrumente aber vielfach nicht die optimale Lösung für den individuellen Bedarf.

Nadel im Heuhaufen In die Datenbank, die als Beta-Version bereits zur Verfügung steht, wurden 226 Tools eingespeist. Unternehmen können ihr Anforderungsprofil in drei Filteroptionen schärfen. In einem ersten Schritt wird der beabsichtigte Zweck definiert: Wird ein Lernwerkzeug, ein Management- oder ein Reportingtool gesucht? Schritt zwei fragt nach dem „Scope“: Geht es um ein einzelnes Projekt oder Produkt, um das Unternehmen, eine Produktionsstätte oder um die ganze Wertschöpfungskette? Im dritten Schritt wählt man ein oder mehrere „SDG Issues“, die sich an den nachhaltigen Entwicklungszielen orientieren. Themen sind etwa Biodiversität, Gesundheit, Ressourceneffizienz oder Wasser. Der Navigator spuckt eine Liste an Tools aus und liefert dazu Informationen auf einen Blick – wie Einsatzmöglichkeiten, Bezug zu den SDG, Kosten oder geschätzter Zeitaufwand für die Implementierung.

Im Zuge der Recherche fand das Global Value-Team heraus, dass die meisten Instrumente entweder sehr einfach oder aber auch sehr anspruchsvoll sind. Bei eher oberflächlichen Tools sei es oft ausreichend, dass ein CSR-Verantwortlicher ein paar Stunden aufwendet und sich auf die eigene Einschätzung verlässt. „Da werden Fragen gestellt wie: Inwiefern treten wir für die Einhaltung der Menschenrechte ein? Steht dazu etwas im CSR Mandat oder nicht?“, veranschaulicht Schönherr. Einfachere Tools wie beispielsweise das Self-Assessment des Global Compact der Vereinten Nationen seien rasch umsetzbar und frei zugänglich. „Solche Tools haben allerdings keine analytisch ausgereifte Komponente, die sich zur Wirkungsmessung eignet“, so Schönherr. Dennoch hätten sie einen Vorteil: Sie sensibilisieren Einsteiger für Nachhaltigkeitsthemen.

Am anderen Ende des Spektrums finden sich komplexe Tools, die lange Prozesse voraussetzen, aufwändige Messverfahren erfordern und teils nur mit Hilfe externer Berater umsetzbar seien. „Dafür muss man etliche Personen im Unternehmen an Bord holen, es braucht viele Ressourcen – das ist sicherlich eine hohe Hürde“, meint Schönherr. Zu diesen Werkzeugen zählt das Global Value-Team etwa das Financial Valuation Tool oder den SDG Compass. Hier müssten Nutzer in Bereichen wie Nachhaltigkeit, Finanzen, Kerngeschäft und Strategieentwicklung „sehr fit sein, denn eine sinnvolle Umsetzung geht mit einem hohen Komplexitätsgrad einher“.

Benefit messen Rar gesät seien Werkzeuge „im Mittelfeld“, die innerhalb weniger Wochen nützliche, messbare Resultate liefern. Das Team konnte nur wenige Tools finden, die diesen Anspruch erfüllen – hier fallen das LBG Modell oder das Human Rights Compliance Assessment hinein. „Eine echte Nische“, meinen die Global Value-Macher.

In dieser Nische findet sich auch das B Impact Assessment Tool der US-amerikanischen B Corp Bewegung. Hierbei handelt es sich um ein Netzwerk von aktuell 2.100 gewinnorientierten Unternehmen aus heute bereits 50 Ländern und 130 Branchen – von der US-Bekleidungsmarke Patagonia über den brasilianischen Kosmetikriesen Natura bis hin zum burgenländischen Weingut Esterházy.


Nachhaltigkeitstool und Netzwerk: B Corp will „Club der guten Unternehmen“ sein.

Basis für die Zertifizierung ist das B Impact Assessment, ein umfangreicher Online-Fragebogen, der abklopft, wie verantwortungsvoll ein Unternehmen agiert. „Der Fragebogen ist sehr smart gemacht, denn er geht von relativ einfach beantwortbaren Fragen immer mehr in die Tiefe. Irgendwann erreicht jedes Unternehmen den Punkt, wo es sich selbst kritische Fragen zum Geschäftsmodell und der eigenen Nachhaltigkeit stellen muss“, meint Schönherr. Der Test kann gratis ausprobiert werden – so wie es laut B Lab bereits 40.000 Unternehmen gemacht haben. Für eine Zertifizierung müssen jedoch zumindest 90 Prozent der Fragen beantwortet und dabei 80 von 200 Punkten erreicht werden. „Als B Corp muss man zusätzlich den Gemeinwohl-Aspekt in seinen Statuten niederlegen sowie eine umsatzabhängige Jahresgebühr zwischen 500 und 50.000 Euro bezahlen. Beides sind sicherlich gewisse Hürden für die weitere Verbreitung“, meint Florian Heiler von Plenum, einem Wiener Consultingunternehmen, das selbst B Corp zertifiziert ist und interessierte Unternehmen gerne durch den Prozess begleitet.

Verbesserungsbedarf Neben dem geringen Angebot an „Mittelfeld-Tools“ ortet das Global Value-Team weitere Mankos: Kaum ein Analysewerkzeug biete konkrete Hilfestellung für Unternehmen, um ihren Wirkungsbereich sinnvoll abzugrenzen – angesichts dessen, dass Impacts weit über das Unternehmen hinausgehen, sich auf Lieferketten und sogar Konsumgewohnheiten der Kunden erstrecken können, fehle es hier an wichtigem Handwerkszeug. Auch die Frage der indirekten Wirkungen werde nur von wenigen Tools angesprochen – beispielsweise, wenn es um Produktionsbedingungen bei Sublieferanten geht. „Das Risk Assessment Tool des Supplier Ethical Data Exchange SEDEX ist ein Vorreiter auf dem Gebiet, denn es ist eine Plattform, bei der sich Unternehmen mit ihren Lieferanten zusammenschalten, Informationen austauschen und Risikoanalysen ermöglicht werden“, lobt Schönherr.

Der Umgang mit geteilter Verantwortung sei bei vielen Tools wiederum unzureichend adressiert: Probleme wie Menschenrechtsverletzungen oder Klimawandel sind nichts, was ein Unternehmen allein verursacht oder löst. „Hier müssten Unternehmen mit externen Akteuren in Dialog treten und gemeinsam Lösungen erarbeiten“, so Schönherr, eine so genannte „Stakeholder-Beteiligung“ sei aber nur in 40 Prozent der Tools vorgesehen. An Verbesserungsbedarf mangelt es also nicht. Doch das Global Value-Team ist zuversichtlich: „Es ist ein Zukunftsthema, das über die nächsten Jahre reifen wird“.

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Diese Tools eignen sich prinzipiell für Unternehmen aller Branchen. Ihr Anspruch reicht von einfach & schnell bis ambitioniert & komplex.

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© corporAID Magazin Nr. 69

Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: WU Wien, beigestellt, Fotolia, B Corp

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