Afrikanische Start-ups

Premiummarken Made in Africa

04/2017 - Die nigerianischen Brüder Ngozi und Chijioke Dozie, die ghanaischen Schwestern Priscilla und Kimberley Addison und die Kenianerin Nava Osembo-Ombati haben alle in Europa beziehungsweise in den USA studiert und gearbeitet. Heute leben sie wieder in ihren Heimatländern und bauen viel versprechende Unternehmen auf. Ihre Gemeinsamkeit: Sie wollen Qualitätsprodukte heraus-bringen und ein neues, selbstbewusstes Afrikabild mitgestalten.

Sie sind ein angenehmer Kontrast zum hektischen Treiben in der 18-Millionen-Einwohner-Megacity Lagos: Die Coffeeshops der Cafe Neo-Kette, in denen freundliche Baristas Espresso oder Cafe Latte zubereiten und wo Millennials und Geschäftsleute in ihre Laptops tippen, begleitet von ruhigen Jazzklängen im Hintergrund.
Cafe Neo wurde vor fünf Jahren von Ngozi und Chijioke Dozie gegründet. Die Brüder sind Quereinsteiger in der Gastronomie, denn beide haben an den US-amerikanischen Business Schools von Harvard und Wharton MBA-Studien absolviert und einige Jahre im Ausland im Investmentbereich gearbeitet. Zurück in Afrika suchten sie nach attraktiven Businessmöglichkeiten. Der Versuch, in Nigeria hochwertigen ruandischen Kaffee zu verkaufen, blieb hinter den Erwartungen zurück – es gab dafür keine Absatzschiene. Dies führte zur Idee, nach US-amerikanischem Vorbild eine Kaffeehaus-Kette zu gründen. Den ersten Shop eröffneten sie 2012 im zweiten Stock eines kleineren Einkaufszentrums in Victoria Island, Lagos, „doch war er zu versteckt, um genügend Kunden anzuziehen“. 2014 wagten sie sich an einen teuren Standort in Einzellage – das Risiko machte sich bezahlt: Rückkehrer, Expats und Touristen, Start-up-Gründer und Studenten lernten das Cafe Neo-Konzept zu schätzen. „Wir bieten einen Ort, wo man sich treffen will, gratis ins Internet kann und sich entspannt“, erklärt Chijioke Dozie die wachsende Fangemeinde unter den finanziell wohl meist besser gestellten Gästen.


Hip in Lagos Cafe Neo-Gründer
Ngozie Dozie (links) sagt, dass seine Kunden nicht nur wegen des Kaffees kommen, sondern auch wegen der entspannten Atmosphäre und des freien Internetzugangs.

Geschenk für den Kontinent Die Brüder wollen ihre Cafes nützen, um eine starke Marke rund um afrikanischen Kaffee zu etablieren. „Neo bedeutet in Tswana, der Sprache Botsuanas, Geschenk“, erklärt Ngozi Dozie. „Und auf Griechisch natürlich neu.“ Kaffee soll, so Dozie, in erster Linie ein Geschenk für den Kontinent sein. Dass die besten Bohnen meist nach Europa und in die USA exportiert werden, während afrikanische Kaffeetrinker eher zu importierten Instantprodukten greifen, wollen sie nicht hinnehmen. „Eines unserer Ziele ist es, ein Hub für den variantenreichen afrikanischen Kaffee zu werden. Wir wollen die qualitativ besten Bohnen aus verschiedenen Regionen Afrikas beziehen und damit unseren Kunden zu einem panafrikanischen Geschmackserlebnis verhelfen.“

Noch wird in den Neo Cafes ausschließlich Kaffee vom ruandischen Produzenten KZ Noir aus Lake Kivu serviert, der mit Zertifizierungen von Fairtrade und Rainforest Alliance auch den Kriterien der Dozies zu Umweltschutz und sozialer Verantwortung entspricht. Aktuell sind die Brüder dabei, eine Kooperation mit nigerianischen Kaffeebauern aufzubauen. Sie sind überzeugt, dass sie mit lokal angebautem Qualitätskaffee künftig mehr Landsleute zum Kaffeetrinken motivieren können.


Neue Sichtweise Kimberley und Priscilla Addison wollen mit ihrer Premium-Schokolade aufzeigen, dass Afrika mehr kann, als nur Rohstoffe liefern.

Schokoladenmekka Auch Priscilla und Kimberley Addison glauben an eine steigende Nachfrage für Premiumprodukte aus afrikanischen Rohstoffen. Die beiden Schwestern kommen ursprünglich aus Ghana, sind aber im Senegal, in den USA und der Schweiz aufgewachsen. Priscilla hat einen Master für International Development an der New York University gemacht, Kimberly ist Absolventin des Boston College Arts and Science Program.

Vor zwei Jahren kehrten die beiden mit einer Geschäftsidee nach Ghana zurück. Den Anstoß gab eine Führung durch die Produktionsanlagen einer Schweizer Schokoladenfabrik. „Dort wurde ghanaischer Kakao verwendet. Wir wunderten uns, dass ein Land, in dem kein Kakao wächst, als das Schokoladenmekka schlechthin gilt, während unsere Heimat, in der so viel Kakao angebaut wird, nichts daraus macht.“ Ghana, erzählen die Addisons, sei der weltweit zweitgrößte Exporteur von Kakao, stelle selbst aber kaum Schokoladeprodukte her. „Die Süßwarenabteile der Supermärkte in Ghana und ganz Afrika sind voll mit Schokoladen aus dem Ausland, wo somit der größte Teil der Wertschöpfung stattfindet“, bedauern sie.

Die beiden Schwestern beschlossen kurzerhand, daheim in Accra ins Süßwarengeschäft einzusteigen und mit lokalen Ressourcen erstklassige Schokolade herzustellen. Das dazu nötige Know-how holten sie sich via Workshops, Lehrgängen und Online-Kursen. „Es war ein langer Lernprozess“, erinnern sie sich lachend. Es dauerte zwei Jahre, bis sie endlich die erste Charge richtige Schokolade produziert hatten. Mittlerweile sind sie Profis und stellen mit Aushilfskräften und in Handarbeit sechs Varianten her: zwei dunkle Sorten, Milchschokolade, weiße Schokolade, Mokka Latte und Hibiskus Schokolade. Auf künstliche Zusatzstoffe, Farben oder Konservierungsstoffe wird verzichtet, sie setzen hingegen auf einen hohen Kakaoanteil. „Wir wollen zeigen, dass Luxusschokolade nicht unbedingt aus Europa kommen muss.“ Um den lokalen Bezug zu unterstreichen, dekorieren sie ihre Schokoladen mit ghanaischen Symbolen, die für Stärke, Demut, Führung oder Schönheit stehen. Außerdem haben die Schwestern mit „‘57 Chocolate“ einen Markennamen mit besonderer Bedeutung gewählt: Er erinnert an Ghanas Unabhängigkeit 1957. „Damals endete nicht nur die Kolonialherrschaft, sondern es entstand auch so etwas wie eine Wir-können-das-Geisteshaltung. Diesen Spirit wollen wir wiederbeleben“, erklären sie.

Das Unternehmen besteht seit Jänner 2016, für die Finanzierung kamen Eigenmittel der Familie zum Einsatz. Für die Teilnahme an einem Mentoringprogramm des Tony Elumelu-Entrepreneurship Programms TEEP, dem größten Förderprogramm für junge afrikanische Unternehmen, bewarben sich die Jungunter-nehmerinnen erfolgreich. Heuer, im 60. Jahr der Unabhängigkeit Ghanas, werden sie in Accra ihren ersten Shop eröffnen, bereits jetzt bieten sie exklusive Schokoladeverkostungen sowie Cateringservices für Events an. Daneben bereiten sie auch schon den Export ihrer Schokoladen vor – erste Anfragen aus dem Ausland stimmen sie zuversichtlich.

Die Dozies haben ihre ersten Expansionserfahrungen bereits hinter sich. 2017 wollen sie fünf bis acht weitere Standorte in Lagos eröffnen und in den nächsten Jahren afrikaweit expandieren und sogar Outlets in Europa eröffnen. Aktuell kämpfe man aber mit der schwächelnden nigerianischen Wirtschaft. Das sei die „derzeit größte Herausforderung“, so die Brüder. Weil sich die Landeswährung Naira im freien Fall befindet, wird die Anschaffung von Espresso- und Mahlmaschinen, vor allem aber von Arabica Kaffee aus Ruanda zunehmend teurer. „Die Preise haben sich in den vergangenen Jahren mehr als verdreifacht, das hat enorme Auswirkungen auf unser Geschäft.“ Dennoch wollen sie weiterhin expandieren und so etwas wie „Starbucks in Afrika“ werden, in der festen Überzeugung, dass sich die Kaffeekultur stetig weiterentwickeln wird.

Laufschuhe aus Kenia Im Vergleich dazu befindet sich ein weiteres von einer Rückkehrerin gegründetes Start-up erst in den Startlöchern: Enda Athletic aus Kenia wurde von Nava Osembo-Ombati, einer Absolventin der London School of Economics, mitgegründet. Sie hat als Wirtschaftsprüferin und Anwältin in den USA, Großbritannien und mehreren afrikanischen Ländern gearbeitet, „stets aber nach einer Möglichkeit ausgeschaut, in Kenia etwas voranzubringen“. Vor zwei Jahren lernte sie den amerikanischen Start-up-Förderer Weldon Kennedy kennen. Gemeinsam suchten sie nach einer Möglichkeit, die kenianische Industrialisierung anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen – nach dem Motto, „besser von Kenia etwas kaufen, als Kenia nur Geld zu schenken“. Beide denken, dass die Reputation des Landes als Laufnation bisher zu wenig genutzt wurde – und wollen dies mit der Produktion hochwertiger Laufschuhe nun nachholen. In den vergangenen eineinhalb Jahren führten Navalayo und Weldon internationale Schuhdesigner mit kenianischen Athleten zusammen, um den Debütschuh Enda Iten zu entwickeln. Er ist 224 Gramm leicht, robust und vor allem für schnellere, kurze Laufdistanzen gedacht.


Schuhe mit Botschaft
Nava Osembo-Ombati und Weldon Kennedy wollen mit Enda Laufschuhen den Beweis antreten, dass auch in Kenia international gefragte Topprodukte entstehen können.

Die Finanzierung gelang durch eine Crowdfunding Kampagne, die dem Projekt knapp 130.000 Dollar einbrachte und zu ermutigenden tausend Vorbestellungen führte. Ende April sollen nun die ersten Laufschuhe von Nairobi aus in alle Welt versendet werden. Ob die Deadline halten wird, ist noch offen, denn bei Enda will man sichergehen, dass die Hundert-Dollar-Schuhe wirklich makellos bei den Kunden landen. Die derzeit in den kenianischen Nationalfarben grün, rot und schwarz entstehende Edition ist allerdings nur zum Teil „Made in Kenya“: Noch muss das Start-up wesentliche Bestandteile aus China zukaufen, die dann in Kenia zusammen gesetzt werden. „Wir werden die Fähigkeiten der Arbeiter und die Kapazitäten der Produktion aber mit der Zeit so aufbauen, dass wir die Schuhe komplett lokal herstellen können“, hofft Osembo-Ombati. Schließlich soll für Enda Athletic gelten, was auch Cafe Neo und ‘57 Chocolates anstreben: die Entwicklung einer hochwertigen Qualitätsmarke, mit klarem Bekenntnis zur afrikanischen Herkunft. „Unsere Kunden sollen wissen, woher ihre Schuhe stammen.“ Zusätzlich könne man so dem Preiskampf mit asiatischen Herstellern entgehen, meint die Gründerin.

Neues Narrativ Die Dozies, die Addisons und Osembo-Ombati sind vom Potenzial Afrikas als innovativem Wirtschaftsstandort fest überzeugt. In den Cafe Neos wird Entrepreneurship sogar eigens gefördert: Junge Freelancer und Start-up-Unternehmer sind willkommen, die Cafes mit ihrer zuverlässigen Strom- und Internetanbindung als Büroersatz zu nutzen. Auch finden dort so genannte „Hackathons“ statt, bei denen Programmierer ein Projekt gemeinsam erarbeiten, ebenso Unternehmer-Wettbewerbe und Produktmessen.

Schokoladenherstellerin Kimberly Addison sagt: „Viele Menschen assoziieren Afrika nur mit Armut. Es ist Zeit, dass die Jugend ein neues Narrativ zu schreiben beginnt und der Welt zeigt, dass wir nicht nur importieren, sondern dass wir mit eigenen Ressourcen großartige Produkte entwickeln und herstellen können.“ ◆

© corporAID Magazin Nr. 69
Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: ‘57 Chocolate, Enda Athletic, Cafe Neos

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