Privatschulen

Mehr als ein Lückenfüller

04/2017 - Eine Viertelmilliarde Kinder und Jugendliche weltweit besuchen keine Schule. Private Schulbetreiber sehen in der globalen Bildungslücke eine Marktchance und setzen auf standardisierten Unterricht und All-inclusive-Schulgebühren.

Zum Thema:

Interview mit James Tooley, Newcastle Universität

100.000 Schüler
in Afrika und Indien schlüpfen jeden Morgen
in Bridge-Schul-uniformen.

George K. Werner ist seit Mai 2015 Bildungsminister in Liberia, einem kleinen Staat in Westafrika, der von einem langjährigen Bürgerkrieg und der Ebola-Seuche immer noch gezeichnet ist. Werners Job ist gelinde gesagt herausfordernd, denn das derzeitige Bildungssystem des Landes ist ausgesprochen trist. 2013 machte Liberia international Schlagzeilen, als von 25.000 Schulabsolventen nicht einer die Aufnahmeprüfung auf die staatliche Universität schaffte. Auch in anderen Jahren scheiterte eine Mehrheit, meist im Fach Englisch, und das ist immerhin Amtsprache des 4,4 Millionen-Einwohner-Landes. Über den desolaten Bildungsstand in seinem Land gibt Werner offen Auskunft: Weniger als 60 Prozent der Sechs- bis Elfjährigen gehen in Liberia zur Schule. Nach fünf Jahren Unterricht kann nicht einmal jede fünfte erwachsene Frau sinnerfassend lesen. Und wenn Lehrer ihre Gehälter nicht rechtzeitig bekommen, tauchen sie für den Unterricht gar nicht erst auf.

Im Vorjahr wagte der Minister, dem ein mageres Jahresbudget von 46 Mio. Dollar zur Verfügung steht, einen radikalen Schritt – oder, wie er selbst sagt, eine „mutige Reform“. Er verkündete das Partnership Schools for Liberia-Programm mit der Strategie: Outsourcing durch Public-Private-Partnerships. Künftig sollen externe Schulbetreiber das Grundschulsystem Liberias in die Hand nehmen. Seit Herbst läuft dazu ein dreijähriges Pilotprogramm, das acht privaten Betreibern die Leitung von derzeit 94 Schulen überantwortet. Durch die Unterstützung internationaler Geber ist der Schulbesuch für die rund 27.000 Schüler kostenfrei.

Lösung für Staatsversagen Der Vorstoß wird heftig kritisiert. Nicht nur, weil Werner seine Idee ziemlich eilig und – wie manche sagen – „intransparent“ umsetzte, sondern auch, weil er neben gemeinnützigen Organisationen mehrere kommerzielle Anbieter zur Teilnahme am Pilotprogramm einlud und der US-Schulkette Bridge International Academies mit 25 Schulen den größten Auftrag erteilte. Sylvain Aubry, Bildungsexperte bei der in Kenia ansässigen Global Initiative for Economic, Social and Cultural Rights, meint etwa: „Niemand bestreitet, dass Liberias Bildungssystem im Argen liegt und verbessert werden muss. Aber ist es die richtige Lösung, die wenigen Mittel, die für Bildung zur Verfügung stehen, an teurere private Betreiber zu transferieren, von denen einige gewinnorientiert und mit fragwürdigem Impact arbeiten?“ Kishore Singh, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, hält die Auslagerung von Grundbildung an Privatunternehmen ebenfalls für inakzeptabel: Bildung sei ein essenzielles öffentliches Gut.

Dabei sind Privatschulen auch in der Bildungslandschaft ärmerer Länder nichts Neues. Laut Schätzungen der Weltbank besucht heute eins von fünf Kindern in Entwicklungsländern eine private Institution, doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Akkurate Zahlen gibt es nicht, weil viele Schulen offiziell gar nicht registriert sind. Eine Untersuchung in Lagos, Nigeria, zeigte etwa, dass dort an die 80 Prozent der Volksschulkinder in privaten Schulen lesen und schreiben lernen. Oft sind es lokale Minischulen, die Unterricht und Klassenzimmer gegen Gebühr bereitstellen.

Die große Lücke James Tooley, Professor für Bildungspolitik an der Newcastle University, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen (siehe Interview). Es sei „eine unglaubliche Revolution, welche die Bevölkerung selbst als Alternative zu öffentlichen Bildungseinrichtungen in Gang gesetzt hat“. Zahlreiche private Schulen, die er von Nigeria über Indien bis China untersucht hat, seien – entgegen der gängigen Meinung – nicht an reichen Eliten, sondern an ärmeren Familien orientiert. Und Eltern entscheiden sich trotz prekärer Einkommenssituation ganz bewusst für den Unterricht gegen Gebühr, weil sie mit dem öffentlichen Angebot unzufrieden sind.

Laut Tooleys Studien zeigen private Grundschulen in Slums eine bessere Performance als staatliche Schulen. Auch sei es „ein Mythos zu glauben, dass öffentliche Schulen für Eltern kostenfrei oder Privatschulen teurer wären“, meint er, und weist darauf hin, dass bei staatlichen Schulen auch die Uniformen, manchmal sogar die Schultische und Extragebühren etwa für die Teilnahme an Prüfungen zu bezahlen sind. Ob nun öffentlich oder privat, das vorhandene Bildungsangebot kann in vielen Entwicklungsregionen den Bedarf nicht decken: Zwar haben sich weltweit die Bildungschancen für Buben und Mädchen verbessert, doch laut Statistiken der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur UNESCO besuchen weltweit 263 Millionen Kinder und Jugendliche gar keinen Unterricht – davon 61 Millionen im Volksschulalter.

Selbst bei Kindern, die in die Schule gehen, ist Lernerfolg nicht zwingend gegeben. „In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen werden nur etwa der Hälfte der Kinder im Grundschulalter und etwas mehr als einem Viertel der Kinder im Alter der Sekundarstufe die entsprechenden Kenntnisse vermittelt“, konstatiert etwa die in New York ansässige Internationale Kommission zur Finanzierung globaler Bildungsmöglichkeiten in ihrem aktuellen Report. Es ist also viel zu tun, will die internationale Staatengemeinschaft tatsächlich das Bildungsziel ihrer 2015 lancierten Globalen Agenda erreichen, wonach unter anderem bis 2030 weltweit „alle Mädchen und Buben gleichberechtigt eine kostenlose und hochwertige Grund- und Sekundarschulbildung abschließen, die zu brauchbaren und effektiven Lernergebnissen führt“.

Neues Edu-Business Seit ein paar Jahren nehmen sich kommerziell orientierte Bildungsunternehmer der Herausforderung im Schulsektor an. Ob Omega Schulen seit 2008 in Ghana, die Affordable Private Education Centers APEC seit 2014 auf den Philippinen oder die 2015 in Sierra Leone und Liberia gestarteten „Rising Academies“ – Low-Cost-Ketten sind im Kommen. Ihre Finanzierung kommt etwa von Investoren wie dem Pearson Affordable Learning Fund des gleichnamigen Medienunternehmens, der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, Stiftungen oder der Weltbank-Gruppe.

Der prominenteste Vertreter unter den neuen Anbietern, der auf ein kolportiertes finanzielles Back-up von rund 140 Mio. Dollar zugreifen soll, sind die auch in Liberia tätigen Bridge International Academies. Das Gründer-Ehepaar Shannon May und Jay Kimmelmann spricht ganz offen von der „riesigen Chance des 700-Millionen-Schüler-Markts“ und ihrem Bestreben, „eine Größe zu erreichen, die im Bildungssektor neu ist und das in einer Geschwindigkeit, die viele schwindlig werden lässt.“ Und tatsächlich wächst das Unternehmen rasant: Begonnen hat Bridge 2009 mit der ersten Schule in einem Slum von Nairobi, aktuell führt es 520 Schulen in fünf Ländern mit 100.000 Kindern. Bis 2025 sollen bereits zehn Millionen Schüler Bridge-Uniformen tragen.

Bridge richtet sich an arme Familien und verlangt für einen Schulplatz zwischen fünf und sieben Dollar im Monat. Bei diesem Preis ist strenge Kostenkontrolle angesagt. May und Kimmelmann haben dazu ihr Geschäftskonzept der „Academy-in-a-box“ entwickelt: Die Schüler sitzen in schlichten Wellblech-Klassenräumen und folgen einem standardisierten Unterricht. Denn die Lehrer bereiten ihre Stunden nicht selbst vor, sondern loggen sich morgens via Tablet ein und rezitieren von Bridge ausgeklügelte Einheiten. Dafür braucht es auch keine ausgebildeten Pädagogen, sondern Bridge kann High School-Absolventen engagieren und sie in wenigen Wochen ausbilden – klassische Schulen bietet das Unternehmen daher nicht. Auch andere Low-Cost-Ketten setzen auf ähnliche Konzepte – und können immer wieder Statistiken präsentieren, die ihnen bessere Ergebnisse als öffentliche Schulen attestieren.

Dennoch erfährt mit Bridge International gerade der Branchenerste viel Gegenwind – in Uganda droht seit Herbst 2016 die Schließung von 63 Schulen, weil der Kette schlechte Lehrerqualität und mangelnde Sanitärbedingungen vorgeworfen werden. Und auch in Kenia regt sich unter den staatlichen Lehrern Widerstand. Bridge-Sprecher Ben Rudd meint: „Wir verändern den Sektor und sind vielen unsympathisch, weil wir keine NGO, sondern ein gewinnorientiertes Unternehmen sind. Doch wer wachsen will, braucht ein Businessmodel.“

Debatte Ob Low-Cost-Schulen die richtige Antwort auf das Staatsversagen im Bildungssektor sind? Kritiker argumentieren jedenfalls, dass öffentliche Schulen die einzige Option für die Gewährleistung einer hochwertigen Bildung für alle darstellen. Nur: davon ist man vielerorts weit entfernt. Großbritannien, größter bilateraler Geber der neuen privaten Bildungsanbieter, sieht deren Förderung daher als komplementären Ansatz: „Unsere Priorität ist, dass Kinder die Ausbildung erhalten, die sie verdienen. Wo das staatliche Angebot schwach oder nicht vorhanden ist, ist es absolut richtig, dass wir mit entsprechend regulierten Bezahl-Schulen arbeiten, um Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen, die sonst keine bekommen würden,“ erklärte im Vorjahr ein Sprecher des britischen Entwicklungsministeriums DFID. Anders in Frankreich, wo man die Privaten sehr skeptisch beurteilt: Entwicklungsminister Jean-Marie le Guen ließ erst kürzlich aufhorchen, Frankreich würde „gegen jeden Versuch der Kommerzialisierung der Bildung in der internationalen Zusammenarbeit vorgehen“.

Liberias Bildungsminister Werner will Kritikern jedenfalls zuvorkommen und lässt sein Pilotprojekt durch eine Vergleichsstudie begleiten. Im Sommer sollen erste Ergebnisse auf dem Tisch liegen. Dann weiß man, ob es mit Liberias Bildungssektor vielleicht gerade auch dank der neuen privaten Anbieter endlich bergauf gehen kann. ◆

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Wichtigstes Utensil in Bridge-Schulen
ist das Tablet.

Drehbuch für den Unterricht
Der weltgrößte kommerzielle Schulanbieter ist Bridge International Academies. Das 2008 gegründete US-Unternehmen betreibt 520 Vor- und Grundschulen in Kenia, Uganda, Nigeria, Liberia und Indien. Im Schnitt kostet ein Schulplatz sechs Dollar pro Monat. Finanziert wird Bridge durch private und öffentliche Investoren wie dem britischen Entwicklungsministerium DfID, der International Finance Corporation und Stiftungen von Bill Gates und Mark Zuckerberg. Der Bildungsanbieter setzt auf Technologie: Lehrer tragen standardisierte Lehreinheiten via Tablet vor. Bridge hat Kontrolle über die Arbeitszeiten und Lehrinhalte in der Klasse. „Die Kinder in unseren Schulen lernen besser als ihre Peers“, so Sprecher Ben Rudd.


All-inclusive-Bildung für 65 US-Cent am Tag

Ein Voucher pro Tag
Die 2008 gegründete Omega-Schulkette führt 38 Schulen mit mehr als 20.000 Schülern in Ghana. Sie setzt auf ein Pay-as-you-learn-Konzept: Die Schüler bringen täglich einen Voucher im Wert von ca. 65 US-Cent in die Schule und erhalten dafür Unterricht, ein warmes Mittagessen, Bücher, Versicherung und die Teilnahme an Prüfungen und Entwurmungsprogrammen. Laut Omega orientiert sich dieses All-inclusive-Gebührenmodell am kurzfristigen Cashflow armer Haushalte und hilft zudem dem Unternehmen, „Rechenschaftspflicht auf täglicher Basis“ zu leben. Auch Omega setzt auf standardisierte Unterrichtseinheiten. Gegründet wurde die Kette in Ghana von Ken und Lisa Donkoh und Professor James Tooley. Tooley baut aktuell auch in Honduras, Uganda, Indien, Liberia und in Großbritannien Low-Cost-Schulen auf.

© corporAID Magazin Nr. 69

Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: Omega, Bridge International Academies

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