Interview

Kundenservice macht Schule

04/2017 - James Tooley, Professor für Bildungspolitik an der britischen Newcastle Universität, ist langjähriger Experte für private Schulsysteme in Asien und Subsahara-Afrika und hat selbst mehrere Schulketten, unter anderem Omega in Ghana, mitgegründet.


Prof. James Tooley
University of Newcastle

corporAID:Ihre Studien in Indien, China und Afrika zeigen, dass Privatschulen den öffentlichen Schulen in Entwicklungsländern oft überlegen sind – warum ist das so?
Tooley: Entscheidend sind drei Dinge: Verantwortung, Incentives, Wettbewerb. Leiter von Privatschulen sind rechenschaftspflichtig. Die Eltern der Schüler zahlen Schulgebühren und fordern hohe Standards ein. Die Schulen setzen Anreize, dass die Lehrer gut arbeiten und gut ausgebildet sind, da es in ihrem Interesse liegt, die Eltern zufrieden zu stellen und so steigende oder zumindest stabile Marktanteile zu sichern. Lehrer, die nicht zum Unterricht erscheinen oder schlecht unterrichten, werden daher schnell entlassen. Im öffentlichen Bildungsbereich fehlt diese Rechenschaftspflicht. Leiter von öffentlichen Schulen haben wenig Kontrolle über die Lehrer und fühlen sich den Eltern wenig bis gar nicht verpflichtet. Die Anreize privater Schulen sind, anders als im öffentlichen Sektor, auf das richtige Ziel hin ausgerichtet. Und auch die Eltern haben den Anreiz, auf den regelmäßigen Schulbesuch und Lernfortschritt der Kinder zu achten, da die Schulgebühren eine finanzielle Aufwendung darstellen und nicht verschwendetes Geld sein sollen. Nicht zuletzt besteht zwischen Privatschulen ein Wettbewerb. In armen urbanen Communities gibt es mitunter fünf oder sechs Privatschulen in der gleichen Straße, sogar in Dörfern findet man zwei oder mehrere Privatschulen. Das stellt sicher, dass Schulen nicht selbstgefällig werden.

Sind ärmere Staaten in der Lage, private Schulbetreiber ausreichend zu kontrollieren?
Tooley: Verordnungen sind heikel. Idealerweise müsste eine gute Regulierung zu hohen Standards und Sicherheit für die Kinder führen. In den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, in denen ich arbeite, führt ein Mehr an Vorschriften oft zu einem Mehr an Korruption. Die zuständigen Beamten sind weniger an schulischen Standards interessiert, als an den Bestechungsgeldern der Schulleiter. Eine Verschärfung von Regulierungen führt also nicht unbedingt zu besseren Bildungschancen. Die gute Nachricht: Eltern haben durch die Rechenschaftspflicht und den Wettbewerb des privaten Markts eine Möglichkeit, höhere Qualität einzufordern. Zusätzlich gibt es Privatschul-Vereinigungen wie die Association of Formidable Educational Development in Nigeria und die National Independent Schools Alliance in Indien, die von ihren Mitgliedern Qualitätskriterien einfordern.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Gründung Ihrer eigenen Schulen gemacht?
Tooley: Ich habe Low-Cost-Privatschulketten in Ghana, Indien und Honduras mitgegründet. Es gibt immense Herausforderungen, wie die Einhaltung von Verordnungen, schwierige Grundbesitz-Verhandlungen, die Suche nach dem richtigen Personal, und hier vor allem der Schulleiter, die Aufbringung von Kapital, die Entwicklung pädagogischer Ideen und ihre praktische Umsetzung. Es ist alles weitaus schwieriger, als man es sich aus der Distanz vorstellt. Doch wenn man sieht, dass die eigenen Schulen beständig höhere Standards aufweisen als jene der Mitbewerber und Eltern sich fortlaufend ganz bewusst für die Schulen entscheiden, dann ist das ein großartiges Gefühl. Was wir besser machen als andere? So unterschiedlich die Rahmenbedingungen der Schulen sind, gemeinsam ist ihnen ihr Kundenservice – wir sind uns bewusst, dass die Eltern eine Wahl haben und dass wir ohne ihre Unterstützung nichts wären.

Wie wird sich der Bildungssektor ärmerer Länder künftig entwickeln?
Tooley: Ich erwarte einen weiter steigenden Anteil an Low-Cost-Privatschulen als präferierte Lösung für Eltern aus niedrigen Einkommensschichten. Und ich erwarte, dass es mehr öffentlich-private Partnerschaften geben wird.


Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 69
Das Gespräch führte Katharina Kainz-Traxler

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