Verantwortung in der Lieferkette

Auf der sicheren Seite

04/2017 - Kunden, Investoren, Zivilgesellschaft und Gesetzgeber erwarten von Unternehmen zunehmend, dass sie Nachhaltigkeitsrisiken entlang ihrer Lieferketten identifizieren und zeigen, wie sie mit ihnen umgehen. Höchste Zeit also, sich ernsthaft mit seinen Zulieferern zu befassen und die eigene Sorgfaltspflicht proaktiv anzugehen.

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Interview mit Rechtsanwalt Patrick Mandl

Ende Februar ließ Frankreich mit einem neuen Gesetz aufhorchen, das – erstmalig in Europa – Unternehmen verbindliche menschenrechtliche Sorgfaltspflichten auferlegt und sie für ihre Geschäftspraktiken in der Lieferkette haftbar macht. Auch der 2015 in Großbritannien verabschiedete Modern Slavery Act verpflichtet größere in Großbritannien tätige Unternehmen zu einer öffentlichen Stellungnahme zu ihrem Umgang mit Risiken von Sklaverei und Menschenhandel. Statements für das Geschäftsjahr 2016 werden Ende Juni fällig – vielen europäischen Unternehmen ist jedoch noch gar nicht recht bewusst, dass sie von diesen Regelungen betroffen sind. So haben laut Reuters-Datenbank aktuell erst zwei österreichische Unternehmen eine entsprechende Erklärung publiziert. Aber auch Regulierungen wie die jüngste EU-Verordnung zu Konfliktmineralien oder der US-amerikanische Dodd Frank Act stellen Offenlegungsforderungen an Unternehmen über ihren Zugang zu Nachhaltigkeitsrisiken und entsprechenden Auswirkungen in ihren Lieferketten.

All das ist Teil einer breiteren Entwicklung: Die Anforderungen an verantwortliches Wirtschaften von Unternehmen wachsen. Gleichzeitig steigen durch komplexer werdende, globalisierte Wertschöpfungsnetzwerke die Risiken entlang der Lieferketten. Längst beschränken sich diese nicht mehr auf operative Risiken, sondern umfassen auch nicht-finanzielle Aspekte wie die Verantwortung für Arbeits- und Produktionsbedingungen in Zulieferbetrieben, eine nachhaltige Ressourcennutzung oder die Wahrung der Menschenrechte. Nicht zuletzt durch das Ende 2016 in Kraft getretene Nachhaltigkeits- und Diversitätsverbesserungs-gesetz wird nachhaltiges Lieferkettenmanagement auch in Österreich an Bedeutung gewinnen, denn: Große Kapitalgesellschaften von öffentlichem Interesse mit mehr als 500 Mitarbeitern müssen ab 2017 konsolidierte nicht-finanzielle Informationen in ihren Geschäftsbericht einschließen.

Neue Anforderungen Parallel zu gesetzlichen Regelungen haben sich in den vergangenen Jahren quasi verbindliche Branchenstandards etabliert – beispielsweise ist es in Europa nahezu unmöglich, Holz zu verkaufen, das nicht den Kriterien der nachhaltigen Forstwirtschaft entspricht. Beatrix Praeceptor, Einkaufsleiterin der Mondi Group, kann das bestätigen: „Mondi setzt zur Zellstoff- und Papiererzeugung grundsätzlich nur Holz ein, das entweder nach den Systemen PEFC oder FSC zertifiziert ist oder zumindest den FSC-Controlled Wood Standard erfüllt. Dadurch wird garantiert, dass das Holz legal geschlägert wurde und aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt."


Patrick Mandl
Rechtsanwalt

Umgekehrt sind auch bei weniger technischen Themen immer mehr Unternehmen in ihren Lieferantenverträgen mit Klauseln und Verweisen auf internationale Rahmenwerke wie die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO oder die VN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte konfrontiert. Diese sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden, sagt Rechtsanwalt Patrick Mandl (siehe Interview): „Werden Verhaltenskodizes mit Kunden vertraglich vereinbart, könnte eine Verletzung einzelner Bestimmungen sogar dazu führen, dass der gesamte Vertrag aufgehoben wird.“ Laut Mandl kann eine Selbstverpflichtung unter bestimmten Voraussetzungen sogar dann Wirkung entfalten, wenn sie lediglich auf der Website des Unternehmens publiziert wird, denn: In der österreichischen Rechtsordnung besteht eine weitgehende Anerkennung der Bindung an einseitige Erklärungen. Um geschäftliche oder gar rechtliche Konsequenzen zu vermeiden, haben Unternehmen ein inhärentes Eigeninteresse daran, entsprechende Standards zu Umweltschutz oder Menschenrechten nach bestem Ermessen zu gewährleisten.


Viele Rohstoffe werden aus Regionen mit hohem Nachhaltig-keitsrisiko bezogen.

Sorgfaltspflichten wahrnehmen Das stellt die Verantwortlichen vor neue Herausforderungen. „Wir sind in unserem weltweiten Geschäft mit einer Vielzahl unterschiedlicher gesetzlicher und Kundenanforderungen zu Nachhaltigkeit konfrontiert – die Umsetzung ist eine komplexe Aufgabe“, so Praeceptor. Das Stichwort der Stunde ist die Sorgfaltsprüfung oder Due Diligence – ein Begriff, der aus dem Management stammt und dort die nötige Sorgfalt bei der Übernahme von Unternehmen bezeichnet.

Während etablierte Risikomanagement- und Due Diligence-Prozesse die Risiken im Unternehmen selbst ins Visier nehmen, plädiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD vor dem Hintergrund stärkerer internationaler Verflechtungen dafür, dass Unternehmen den Fokus ihrer Sorgfaltspflicht ausweiten: Sie sollen auch Risiken in Bezug auf Umwelt, Mitarbeiter, Konsumenten, Menschenrechte und Korruption erheben. Dazu hat die OECD mit den OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen einen Rahmen geschaffen, der einen proaktiven Zugang zum Thema Verantwortung fordert. OECD-Experte Tyler Gillard betont zudem: „Unternehmen sollen ihre Sorgfaltspflicht nicht nur in der eigenen Unternehmenssphäre wahrnehmen, sondern auch ihre Zulieferer und Sub-Zulieferer ins Visier nehmen, um ein verantwortungsbewusstes, globales Lieferkettenmanagement sicherzustellen."


Madeleine Koalick
Director of Consulting, twentyfifty

Prioritäten setzen Madeleine Koalick, Director of Consulting beim internationalen Beratungsunternehmen twentyfifty, hat schon einige Unternehmen beim Aufbau von Due Diligence-Prozessen in der Supply Chain begleitet und weiß, wo die gängigen Herausforderungen liegen. „Wir sind immer wieder überrascht, wie wenig Unternehmen über ihre eigene Lieferkette wissen und wie selten sie diese Informationen unter Nachhaltigkeitsgesichts-punkten zusammenführen.“ Koalick empfiehlt ein schrittweises Herangehen: „Zuallererst muss man einen Überblick bekommen: Welche Hochrisikokategorien habe ich in meinem Beschaffungs-portfolio? Wo liegen Hotspots für Umwelt-, menschen- oder arbeitsrechtliche Risiken – und zwar über die erste Stufe der Lieferkette hinaus?“ Die Basis einer solchen Due Diligence bildet eine Produkt- und Länderanalyse zu verschiedenen Nachhaltigkeitsrisiken.

Dabei sollten sich Unternehmen nicht von der Komplexität entmutigen lassen: „Es muss allen Interessengruppen klar sein, dass ein Unternehmen mit tausenden Lieferanten nicht alle identifizierten Risikobereiche gleichzeitig adressieren kann“, betont Koalick. Gefragt ist eine fundierte Priorisierung. Denn wie weit die Due Diligence reicht, hängt stark von der Unternehmensgröße, Branche und Intensität der Lieferbeziehungen ab. „Man muss eine Balance schaffen. Der Fokus sollte auf Lieferketten liegen, wo das Risiko für negative Auswirkungen auf Umwelt und Menschen am größten ist – das sind nicht unbedingt jene Lieferketten, die aus betriebswirtschaftlicher Sicht am bedeutsamsten sind“, gibt Koalick zu bedenken.

Eine nachvollziehbare Prioritätensetzung schützt Unternehmen jedenfalls vor dem Vorwurf, ihre Sorgfaltspflichten vernachlässigt zu haben. „Nachhaltigkeitsrisiken gibt es überall. Ob Unternehmen ihre Due Diligence-Verpflichtungen erfüllt haben, ist nicht allein eine Frage der treffsicheren Priorisierung von Risikobereichen und -ländern, sondern hängt vor allem auch von der Argumentation für die Priorisierung, dem Umgang mit aufgeworfenen Problemen und der Transparenz der entsprechenden Berichterstattung ab", weiß Tyler Gillard, der aktuell an einem Due Diligence-Leitfaden der OECD mitarbeitet, der Unternehmen dabei unterstützen soll, mit einem integrierten und risikobasierten Ansatz der Sorgfaltsprüfung ihre Geschäftspraxis verantwortungsvoll zu gestalten.


Der Textilsektor birgt vielfältige Risiken im Bereich Arbeitsbedingungen.

Verankerung im Kerngeschäft Um ihre Sorgfaltspflicht im Hinblick auf Nachhaltigkeitsrisiken zu erfüllen, müssen Unternehmen in jedem Fall mehr tun, als das erlangte Wissen in einem Bericht zu veröffentlichen. Knackpunkt einer erfolgreichen Due Diligence ist es, die Risikoanalyse in Unternehmensstrategie und Managementsystem zu integrieren, den Austausch zwischen Unternehmen und Zulieferern zu stärken und vor allem die eigene Organisation mitzunehmen. „Besonders die Einkäufer müssen sensibilisiert werden, denn letztendlich sind sie es ja, die Beziehungen zu den Lieferanten halten und Nachhaltigkeitsthemen direkt angehen können“, betont Koalick. Oft seien Themen rund um Umwelt, Arbeits- und Menschenrechte nur in der Nachhaltigkeitsabteilung angesiedelt. Um jedoch Nachhaltigkeitsrisiken auf Dauer im Blick zu haben, ist die Integration in das Kerngeschäft entscheidend.

Gleichzeitig erfordert eine solide Due Diligence, wirkungsvolle Ansätze im Umgang mit den eigenen Risiken zu finden. Denn Instrumente wie Lieferantenaudits, auf die sich Unternehmen zumeist stützen, haben Grenzen: „Natürlich kann man Aspekte wie Sicherheit am Arbeitsplatz oder Brandschutz anhand technischer Vorgaben überprüfen. Aber je ‚softer‘ die Themen werden, desto weniger sind Audits geeignet, Verstöße aufzudecken." Risiken können hier vor allem direkt mit den Lieferanten identifiziert und idealerweise auch adressiert werden. „Wenn es bei meinen Zulieferern in China Probleme mit den Rechten von Wanderarbeitnehmern gibt, sollte ich gezielt Unterstützung anbieten. Der Lieferant merkt, dass aufrichtiges Interesse da ist und nicht nur jemand, der regelmäßig mit einer Checkliste vorbeikommt", so Koalick.

© corporAID Magazin Nr. 69
Text: Melanie Pölzinger
Fotos: Helloquence/Creative Commons, Patrick Mandl, Nana Kofi Acquah /Nestlé, ILO/Aaron Santos, twentyfifty

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