Großes Interview

Qualitätsanspruch Nachhaltigkeit

02/2017 - Für Stefan Szyszkowitz, Vorstandsmitglied des niederösterreichischen Energieversorgers EVN, entsteht die gesellschaftliche Akzeptanz eines Unternehmens aus einer glaubwürdigen nachhaltigen Positionierung heraus. Im Interview spricht er sich dafür aus, durch ein Poolen der internationalen Erfahrungen heimischer Unternehmen den Erfolg Österreichs am Weltmarkt zu fördern.




Stefan Szyszkowitz ist seit 2011 im Vorstand des niederösterreichischen Energieversorgers
EVN AG.

corporAID: Was verbinden Sie mit dem Begriff der Globalisierung?

Szyszkowitz: Lassen Sie mich das mit meiner persönlichen Erfahrung illustrieren: Rückblickend erstaunt es mich, wie wenig in meiner Schulzeit die Welt jenseits des Eisernen Vorhangs thematisiert wurde – man hatte diese Grenze einfach hingenommen. Die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in der Folge von 1989 und durch den EU-Beitritt haben zu einer Neuaufstellung Österreichs in einer globalisierteren Welt geführt. Die damit einhergegangene Öffnung und internationale Vernetzung ist heute bei Unternehmen, aber auch in breiten Teilen der Gesellschaft quasi Mainstream. Gleichzeitig hat die Globalisierung aber auch zu einer Sehnsucht nach Regionalität geführt. Gerade die jüngsten internationalen Entwicklungen zeigen, dass viele vermeintliche Konstanten hinterfragt werden – in den nächsten Jahren wird uns die Frage Internationalität versus Regionalität weltweit massiv beschäftigen. Österreich ist jedenfalls gut beraten, sich für Internationalität zu entscheiden – wenn wir unseren Wohlstand halten möchten, sehe ich hierzu wenig Alternativen.

Warum wird Globalisierung oft in einen negativen Kontext gestellt?

„Hier geht es um einen gesellschaftlichen Diskurs, an dem sich die Unternehmen selbstverständlich beteiligen müssen.“

Stefan Szyszkowitz

Szyszkowitz: Hier wird leider gerne eine ideologische Debatte geführt, wobei ich überzeugt bin, dass eine solche zu diesem Thema keine Antworten liefern kann. Es geht vielmehr um Bewertungen, wie sie Menschen in ihrem täglichen Leben formen – im Kern ist das die Frage: „Was ist besser für mich?“ Hier ist vielmehr ein gesellschaftlicher Diskurs angesagt, an dem sich die Unternehmen selbstverständlich auch beteiligen müssen. Klar ist: Unsere jüngere Geschichte ist von enormer Effizienzsteigerung und Innovationskraft geprägt. Die moderne Gesellschaft erlebte in den vergangenen Jahrzehnten eine massive Beschleunigung. Aber wir sind gut beraten, dieser Dynamik im gesellschaftlichen Diskurs mit Mut und Zuversicht zu begegnen und uns nicht von Ängsten leiten zu lassen. Dabei spielt Information eine ganz entscheidende Rolle, Qualität und Verdichtung von Information, sowie Transparenz, die in einer offenen Gesellschaft gefordert ist, um sicherzustellen, dass nicht Fake-News den Diskurs prägen.

Wie können wir Wirtschaftswachstum und nachhaltige Entwicklung in Einklang bringen?

Szyszkowitz: Für mich ist wirtschaftliches Wachstum vor allem einmal eine enorme Chance. Wir dürfen nicht vergessen, dass laut Daten der Vereinten Nationen das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahrzehnte insbesondere auf globaler Ebene auch für arme Bevölkerungsschichten einen signifikanten Wohlstandsgewinn gebracht hat. Wachstum und Nachhaltigkeit sind kein Widerspruch. Als Unternehmen ist man gefordert, seinen Eigentümern und Stakeholdern zu vermitteln, wie man Nachhaltigkeit und Wachstum in Balance bringt. Für die EVN als börsennotiertes Unternehmen im Mehrheitsbesitz der öffentlichen Hand gilt das ganz besonders. Ein gutes Beispiel ist das Thema Energiesparen, was ja letztlich ein Minus an Geschäft bedeutet. Trotzdem bieten wir Energieberatung an, weil Nachhaltigkeit für uns vor allem ein Qualitätsanspruch ist. Nachhaltigkeit prägt heute zudem in vielen Bereichen das zukünftige Wachstum. Nehmen Sie die EVN: Für uns rechnen sich Investitionsentscheidung meist erst nach Jahrzehnten – daher ist es einfach relevant, dass man gerade unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit auch langfristig das Vertrauen hat. Dazu kommt, dass man heute auch bei der Errichtung eines Windrads, einer Biomasseanlage oder eines Kleinwasserkraftwerks derart exponiert ist, dass man ohne eine nachhaltige Positionierung und dadurch gesellschaftliche Akzeptanz gar nicht in der Lage ist, ein solches Projekt umzusetzen. Wir haben uns als zukunftsfähiges Unternehmen an diese Rahmenbedingungen, wie ich meine, sehr gut angepasst: Die EVN ist heute der größte Nutzer von Biomasse für Wärmezwecke in Österreich und die Nummer zwei in der Windstromerzeugung. Das hätte man vor Jahrzehnten von der EVN nicht erwartet, aber es ist passiert.

Wohin geht der Trend in der Energiewirtschaft?

Szyszkowitz: Die öffentliche Diskussion ist hier sehr stark von technologischen Entwicklungen geprägt. Für ein Energieversorgungsunternehmen wie die EVN zählt aber neben der Verfügbarkeit von Cutting Edge-Technik auch die Akzeptanz der Gesellschaft, neue Technologien wo notwendig durch Förderungen zur Marktreife zu führen. Wo sich in den vergangenen Jahren neue Erzeugungsformen etablieren konnten – wie bei Biomasse und Windkraft –, war das der Fall. Nur mit Technologiesprüngen, aber ohne einen gesellschaftlichen Konsens über die Förderungen dieser Erzeugungstechnologien wären wir nicht so weit gekommen.

Für die Zukunft entscheidend ist aber nicht nur die Infrastruktur, sondern deren Verknüpfung mit den Möglichkeiten der Informationstechnologie. Beispielsweise kann die Energiewirtschaft durch intelligente Steuerungssysteme Ressourcen effizienter nutzen. Damit die intelligente Energiewirtschaft ihr Potenzial auch wirklich ausschöpfen kann, braucht es einen Sprung in der Speichertechnologie. Als integriertes Energieversorgungsunternehmen befinden wir uns nicht nur erzeugungsseitig sondern auch als Netzbetreiber in einem herausfordernden Umfeld, in dem wir trotz dynamischer Veränderungen die Netzstabilität und damit die Versorgungssicherheit gewährleisten müssen. Weil wir hier mit einem zunehmend fragileren System konfrontiert sind, wird man sicher auch Marktmodelle für die Energiebereitstellung entsprechend anpassen müssen.

Abgesehen von der Technologie: Welche neuen Märkte sind für die EVN spannend?

„Jede Erfolgsgeschichte eines österreichischen Unternehmens sollte Teil des gemeinsamen Erfahrungspools sein.“

Stefan Szyszkowitz

Szyszkowitz: Der geographische Scope der EVN wurde sehr stark durch die Veränderung der politischen Geographie Europas nach dem Fall des Eisernen Vorhangs definiert. Natürlich sind wir im Kern ein niederösterreichisches Unternehmen, machen heute aber rund die Hälfte unseres Umsatzes in mehr als zehn Ländern Zentral-, Ost- und Südosteuropas. Zu unseren Kernmärkten zählen heute auch Bulgarien und Mazedonien, die wir seit mehr als zehn Jahren bei der Transformation begleiten. Das ist auch eine enorme Managementaufgabe. Ich sehe jetzt keine neuen Regionen, welche die EVN mit ihrer heutigen Struktur und mit der Breite, in der wir tätig sind, erschließen könnte. Anders ist das in der Umwelttechnologie-Sparte, wo wir seit 2003 im Projektgeschäft tätig sind: Hier verändert sich tatsächlich der Scope in Richtung arabischer Raum, weil dort derzeit moderne Infrastruktur im Wasserbereich stark gefragt ist. Es bestehen also konkrete und attraktive Möglichkeiten, um das bestehende Wissen der EVN in neuen Regionen einzusetzen.

Wie fit sehen Sie die österreichische Wirtschaft für schwierige Märkte außerhalb Europas?

Szyszkowitz: Es gibt in Österreich eine ganze Reihe von Unternehmen, die weit internationaler tätig sind als die EVN. Vor allem die vielen Weltmarktführer müssen entsprechend global aufgestellt sein – im Vertrieb und oft auch in der Produktion. Wichtig wäre, deren Erfahrungen auf dem internationalen Parkett allen zugänglich zu machen: Jede Erfolgsgeschichte eines österreichischen Unternehmens sollte Teil des gemeinsamen Erfahrungspools sein. Die Außenwirtschaft Austria ist hier sicher eine gute Plattform, um durch diesen Dialog zu einer besseren internationalen Positionierung der österreichischen Wirtschaft beizutragen.

Welche Erfahrungen aus schwierigeren Märkten können Sie in diesen Erfahrungspool einbringen?

„Ein modernes Compliance Management und eine entsprechende Wertekultur machen das Unternehmen stärker.“

Stefan Szyszkowitz

Szyszkowitz: Beispielsweise dass man gerade bei langfristig orientierten Investitionen die wirklich intensive Auseinandersetzung mit dem Unternehmen und dem Markt unterschätzt. Die produzierende Industrie hat immer die Option, die Maschinen von Land A nach Land B zu übersiedeln. Wenn das Geschäft aber die Infrastruktur als solche ist, dann ist man an das Land gebunden. Aus meiner Erfahrung in Bulgarien kann ich sagen, dass es eine ziemliche Herausforderung ist zu verstehen, wie ein Land und eine Gesellschaft funktionieren, auch und gerade im Bereich der kulturellen Identität. Ich gebe dazu ein Beispiel: Wir haben in Bulgarien bald bemerkt, dass die Schuhe der Einkaufsmanager auffällig teurer waren als die Schuhe vergleichbarer Führungskräfte. Da nicht anzunehmen war, dass es sich um eine modische Implikation handelte, haben wir den Einkaufsprozess neu gestaltet und transparente Strukturen eingeführt. Und wir haben gesehen, dass ein modernes Compliance Management und eine entsprechende Wertekultur das Unternehmen stärker machen und am Ende auch die Mitarbeiter schützen.

Was bedeutet für Sie gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, kurz CSR?

Szyszkowitz: In den meisten österreichischen Unternehmen hat die Verantwortung für Mitarbeiter, Kunden und Umwelt vor allem von seiten der Eigentümer eine lange Tradition. Heute sind wir gefordert, Herausforderungen und Themen als Managementaufgabe zu definieren – und CSR ist gemanagte Nachhaltigkeit und Verantwortung. Gerade im Infrastruktur- und Wassersektor ist CSR schon als Teil des Risikomanagements ein langfristiger Erfolgsfaktor. Gerade hier gilt es, immer wieder abzuwägen, bei welchen Themen wir uns mittel- und langfristig in Richtung gesetzliche Vorschrift bewegen – und proaktiv damit umzugehen. Für ein Energieversorgungsunternehmen ist Effizienzsteigerung wahrscheinlich die größte Nachhaltigkeitsmaßnahme.

Sie sind Mitglied des entwicklungspolitischen Ausschusses. Wie sehen Sie die österreichische Entwicklungszusammenarbeit?

Szyszkowitz: Für mich ist es ein Privileg, meine Erfahrungen aus der Wirtschaft in die österreichische Entwicklungspolitik einbringen zu können. Aktuell etwa in die im Kontext der Flüchtlingsfrage spannende Diskussion, wo man die Schwerpunkte für die nächste Zukunft setzen wird. Und natürlich bei der Frage, wo Unternehmen natürliche Partner der Entwicklungszusammenarbeit sind und wie diese Partnerschaften aussehen können. Die Globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung geben hier einen guten Rahmen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte. Durch die SDG kann sich jeder Staat, jede Gesellschaft und auch jedes Unternehmen auf jene Bereiche fokussieren, bei denen man einen relevanten Beitrag leisten kann. Diese Diskussion „Was kann der Staat?“ und „Was kann der Privatsektor tun?“ hat eine neue Qualität, und das ist befruchtend. Und da gehört dazu, dass man über den eigenen Tellerrand hinausschaut und auch zulässt, dass Neues einen bewegt und inspiriert. Ich glaube, da sind wir auf dem richtigen Weg.

Vielen Dank für das Gespräch.

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ZUR PERSON:

Stefan Szyszkowitz ist seit 2011 im Vorstand des niederösterreichischen Energieversorgers EVN AG. Der studierte Jurist kam 1993 als Pressesprecher zum Unternehmen und war von 2005 bis 2011 als Vorstand der EVN Bulgaria für das Südosteuropa-Geschäft zuständig. Szyszkowitz ist Mitglied des entwicklungspolitischen Beirats des Bundesministeriums für Europa, Integration und Äußeres.


ZUM UNTERNEHMEN:


EVN-Zentrale in
Maria Enzersdorf

Niederösterreichischer Rundumversorger

Die EVN AG ist ein börsennotiertes Energie- und Umweltdienstleistungsunternehmen mit Sitz in Maria Enzersdorf bei Wien. Mehrheitseigentümer ist das Land Niederösterreich, mit 32 Prozent ist die staatliche Energie Baden-Württemberg beteiligt. Die EVN wurde im Jahr 1922 gegründet und ist heute größter Strom-, Gas- und Wärmeversorger in Niederösterreich. Neben der Strom- und Gasversorgung ist das Unternehmen auch in den Bereichen Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung und thermische Abfallverwertung tätig. In Summe ist die EVN aktuell in 13 Ländern tätig, unter anderem in Albanien, Mazedonien, Bulgarien und Kroatien. Mit rund 6.800 Mitarbeitern erwirtschaftete die EVN im Geschäftsjahr 2015/16 einen Umsatz von 2,0 Mrd. Euro.

© corporAID Magazin Nr. 68
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Mihai M. Mitrea, EVN

 

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