Leitartikel

Perspektiven

02/2017 - von Christoph Eder


Christoph Eder
Chefredakteur

Interessen galten in der österreichischen Entwicklungspolitik bislang als Verrat an der reinen Lehre. Das Konzept der altruistischen Hilfe klingt denn ja auch edel und gut, führte aber in der Realität in ein klassisches Gut gemeint-Dilemma: Für Anliegen, mit denen man keine echten Interessen verbindet, hat man in der Regel nur Kleingeld übrig. Auch für die heimische Entwicklungszusammenarbeit galt bisher das Klingelbeutel-Prinzip. Im Windschatten des Themas Migration hat im vergangenen Jahr die österreichische Politik handfeste Interessen im Kontext Entwicklungshilfe entdeckt. Man verbindet damit die Erwartung, mittelfristig vor Ort einen Beitrag zur Bekämpfung der Fluchtursachen zu leisten.

Denn es sind neben unmittelbaren Auswirkungen von bewaffneten Konflikten zumeist Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Tristesse, die vor allem junge Menschen ihre Heimat im Nahen und Mittleren Osten sowie in zahlreichen afrikanischen Ländern verlassen lassen. Die österreichische Entwicklungszusammenarbeit will nun einen Schwerpunkt in diesen sogenannten Fluchtherkunftsregionen setzen – und soll dafür auch mehr finanzielle Mittel erhalten. Wofür diese genau eingesetzt werden, ist noch offen – ein patentes Rezept gegen Perspektivenlosigkeit ist in jedem Fall eine Wirtschaftsentwicklung, von der die breite Masse profitiert. Da trifft es sich günstig, dass Außenminister Kurz neben dem Anti-Flucht-Anliegen ein weiteres österreichisches Interesse identifiziert hat: Wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Die Herausforderung liegt nun darin, das richtige Erkennen und Benennen von Zusammenhängen auch mit zielgerichteten Handlungen zu verknüpfen. Im allgemeinen ist das keine klassische Stärke der österreichischen Politik. Und das betrifft nicht nur die Frage des Beitrags zur globalen Entwicklung, sondern auch Themen wie Klimaschutz, öffentliche Verwaltung oder Integration. Häufig scheitern strategische Ansätze hierzulande am Mangel an Innovationsbereitschaft und am Willen, bewährte und auch liebgewonnene Vorhaben aufzugeben, wenn diese nicht substantiell zur Erreichung neuer Ziele beitragen.

Die deutsche Entwicklungspolitik zeigt vor, wie man Strategien an neue Herausforderungen anpasst. Der zuständige Minister hat unlängst angekündigt, die Zusammenarbeit mit Afrika auf neue Beine zu stellen. Statt wie bisher eine Vielzahl einzelner Projekte zu fördern soll zukünftig auf den Aufbau stabiler Wirtschaftsstrukturen und auf wachsende Wirtschaftsbeziehungen fokussiert werden. Minister Müller möchte vor allem durch die Einbindung der deutschen Wirtschaft Kapital für globale Entwicklung mobilisieren – nicht nur finanzielles Kapital, sondern explizit auch politisches.

Will man Menschen neue Perspektiven in ihrer Heimat eröffnen, braucht es auch in Österreich einen Perspektivenwechsel: Dass nämlich die Berücksichtigung von legitimen Eigeninteressen in der Entwicklungspolitik kein Sakrileg ist, sondern in den meisten Fällen den feinen Unterschied von Gut gemeint zu Gut gemacht ausmacht.


© corporAID Magazin Nr. 68

 

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