Neue Märkte

Africa emerging

02/2017 - Afrikas Wirtschaft ist in Bewegung. An den Afrika-Tagen der Außenwirtschaft Austria der WKO in Wien und Linz wurde das Potenzial sondiert. Unternehmer und Experten sprachen über Geschäftschancen, die auch Mittelständler nützen, und Herausforderungen, an denen es nicht mangelt.

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4 Wirtschaftsdelegierte über Subsahara-Afrika




Business Talks bei den Afrika-Tagen der Wirtschaftskammer

Ist es für österreichische Unternehmen an der Zeit, Afrika als neuen Hoffnungsmarkt auf die Agenda zu setzen? Das war die Leitfrage der Veranstaltung „Afrika, ein aufstrebender Kontinent“ am 1. Februar 2017 im Haus der Wirtschaft in Wien und einen Tag später im Export Center Oberösterreich in Linz. Mit 370 Teilnehmern in Wien und mehr als 100 in Linz war das Interesse an Geschäftschancen in Afrika und Möglichkeiten, diese zu nutzen, groß.

Insbesondere Subsahara-Afrika hat seit dem Jahr 2000 einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Die Wirtschaftsleistung stieg jährlich um 5,3 Prozent, nur die asiatischen Schwellenländer wuchsen noch schneller. Mit den fallenden Rohstoffpreisen – Agrarprodukte, Metalle und fossile Rohstoffe machen 80 Prozent der Exporte aus Subsahara-Afrika aus – und einer verringerten Nachfrage aus China ließ die Dynamik im Jahr 2013 aber wieder nach. 2016 lag das Wirtschaftswachstum nur mehr bei 1,5 Prozent, für 2017 erwartet der Internationale Währungsfonds IWF ein Wachstum von 2,7 Prozent, 2018 könnte es wieder auf mehr als drei Prozent steigen. Der Antrieb kommt dabei aus jenen Staaten, wo wirtschaftspolitische Maßnahmen gegriffen haben und durch Diversifizierung eine relative Unabhängigkeit von Rohstoffexporten erlangt wurde – beispielsweise in mehreren Ländern Ostafrikas.


Martyn Davis, Afrika-Experte von Deloitte


Aussteller Mehrere Stände informierten über Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten in einzelnen Ländern Afrikas.

Gemischtes Bild Subsahara-Afrika insgesamt bleibt ein herausforderndes Feld. Martyn Davis, Leiter des Bereichs Schwellenmärkte und Afrika beim Unternehmensberater Deloitte, vergleicht das Potenzial des afrikanischen Kontinents mit jenem Chinas oder Indiens der jüngeren Vergangenheit: Es gebe hier eine sehr junge, rasch wachsende Bevölkerung, eine wachsende Mittelschicht und einen starken Trend zur Urbanisierung. Dies alles führe zu wachsendem Bedarf in den Bereichen Wohnbau, Verkehrsinfrastruktur, Energie, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Umwelttechnologie. Zugleich gebe es aber Faktoren, die eine unternehmerische Tätigkeit stark behindern können. Davis nennt an erster Stelle versagende Regierungen wie etwa jene Sambias, die ihre Aufgaben nicht erfüllen und zugleich Private daran hinderten, diese zu übernehmen. Außerdem funktionierten die diversen regionalen Wirtschaftsgemeinschaften Afrikas nicht wirklich, was grenzüberschreitende Projekte erschwere. Und auch Unternehmen aus China seien allseits präsent.

Mit seiner Behauptung, man könne gegen chinesische Firmen keinen Wettbewerb führen, stieß Davis allerdings auf Widerspruch. James Weiss vom Baukonzern Strabag und verantwortlich für PPP-Projekte in Afrika warf ein: „Der Kuchen in Afrika ist groß genug.“ So habe sein Unternehmen etwa in Kenia, Tansania und Ruanda große Straßenbauprojekte umgesetzt und fühle sich in Afrika „ganz zu Hause“. Weiss hob außerdem positiv hervor, dass in Ländern wie Kenia, Uganda oder Ghana bereits hinreichend institutionelle Kapazitäten aufgebaut seien, sodass ein fairer Wettbewerb und die Umsetzung bankfähiger Projekte möglich seien. Und in Richtung China sagte der gebürtige US-Amerikaner: Woran es in Afrika vor allem mangle, seien Hochtechnologie sowie Bio- und Wiederverwertungstechnologie – und diese komme eher aus Europa, USA und Kanada. Christoph Kannengießer, Leiter des Afrika Vereins der Deutschen Wirtschaft, will den Markt eher in seiner ganzen Breite darstellen: „Afrika braucht alles!“ Und er fügt hinzu, dass es für Unternehmen mit einem passenden Angebot nicht wirklich schwierig sei, einen geeigneten Zielmarkt in Afrika zu finden.

Nischen da und dort Für österreichische Unternehmen ist der afrikanische Boden über das relativ entwickelte Nordafrika und die zwei starken Volkswirtschaften Südafrika und Nigeria hinaus so gut wie unbekannt. Der Anteil am Export wie am Import Österreichs nach und von Afrika lag zuletzt bei lediglich rund einem Prozent und war sogar rückläufig. Dennoch können sogar österreichische Klein- und Mittelbetriebe Erfolgsstories liefern.

So hält beispielsweise der Büroausstatter Bene seit vier Jahren ein Büro in Ghana. „Wir haben uns damals auf Kundenanfragen hin vier Märkte angeschaut: Südafrika, Angola, Nigeria und Ghana“, erklärt Afrika-Vertriebsleiter Christian Melzer, „dabei erwies sich Ghana als das angenehmste Land, um zu beginnen. Die Menschen sind sehr umgänglich, gebildet und gut vernetzt. Und es ist ein sicheres Land.“ Im Geschäftsalltag müsse man sich aber umstellen. Melzer berichtet, dass sein größtes Geschäft in Ghana mit einer Emailanfrage mit Gmail-Adresse und der Bitte um die Besorgung von sechs Visa für die Besichtigung des Schauraums in Wien begonnen habe. Niemand hätte geahnt, dass daraus ein Auftrag im Wert von 1,6 Mio. Euro zur Ausstattung einer großen Bank entstehen würde. Über die Zahlungsmoral kann er nur Gutes berichten: Bisher sei alles pünktlich und bis auf den letzten Euro bezahlt worden. Eine Herausforderung sieht Melzer darin, dass Geschäftsabschlüsse mitunter länger dauern. „Diese ausgedehnten Entscheidungsphasen muss man als Unternehmen verkraften können.“

Auch die Salzburger Firma eoVision, Experte für Geodaten und Fernerkundungsprodukte, ist bei allen Problemen insgesamt sehr froh, vor drei Jahren den Schritt nach Tansania gemacht zu haben. Die Ausschreibung einer Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung für ein Staudammprojekt durch das dortige Wasserministerium bot CEO Paul Schreilechner die Gelegenheit dazu. eoVision gewann das ursprünglich auf drei Monate angesetzte Projekt und konnte es nach externen Verzögerungen drei Jahre später abschließen. Die Auszahlung des von der Weltbank finanzierten Honorars durch das Wasserministerium ließ ein weiteres Jahr auf sich warten. Kommunikation sei in Tansania das Um und Auf, erklärt Schreilechner: „Es ist unverzichtbar, alle Betroffenen auf allen Ebenen persönlich zu informieren und auch anzuhören.“ Obwohl es immer heißt, dass einschlägige Referenzen Hebelwirkung haben, konnte eoVision bislang keine Folgeaufträge gewinnen. Schreilechner hat daher selbst angefangen, mit verschiedenen Ministerien und NGO Projekte wie die Erstellung eines Umweltatlanten für Tansania umzusetzen. Darüber hinaus gründete er eine Firma für die Verarbeitung und den Export von Bio-Cashewnüssen. „Bisher werden 80 Prozent der in Tanzania angebauten Nüsse zur Weiterverarbeitung nach Indien geschickt. Nun kann die Wertschöpfung im Land bleiben“, sagt der selbst aus der Landwirtschaft stammende Unternehmer.


Benedict Unaegbunam, Anwalt aus Nigeria

Das grösste Risiko Was Klein- und Mittelbetriebe am ehesten bremst, sich auf Anfragen oder Angebote aus Afrika einzulassen, sind Sicherheitsbedenken. Helmut Pisecky vom Informationsdienstleister Mar Adentro, betont daher, unser Bild von Afrika sei durch Bad News geprägt, viele Länder seien viel sicherer als angenommen. Nur vor Wahlen sollte man Reisen in die entsprechenden Länder eher meiden. Zu Vorsichtsmaßnahmen ist aber sehr wohl bei Lebensmitteln und im Straßenverkehr geraten. Zum vielzitierten Thema Korruption in Afrika nahm der Vertrauensanwalt des AußenwirschaftsCenter in Lagos, Benedict Unaegbunam, Stellung. Er will diese Gefahr nicht leugnen, versichert aber, dass es mehr als ratsam und auch möglich ist, sich da herauszuhalten und dennoch durchzukommen.

Christoph Kannengießer sieht das größte Risiko für Unternehmen darin, ein für Afrika geeignetes Produkt zu haben und es nicht anzubieten. Er berichtet, dass auch deutsche Firmen, vor allem kleinere Familienunternehmen, vor dem Markteintritt in Afrika oft zurückscheuten. Heute seien aber immerhin 800 deutsche Unternehmen in Afrika investiert, was sicherlich auch der aktiven Informationstätigkeit des Afrika Verein der Deutschen Wirtschaft in den 80 Jahren seines Bestehens zu verdanken ist. In Österreich haben sich vor allem die Wirtschaftsmissionen der Außenwirtschaft Austria der WKO als Mittel bewährt, in neuen Märkten einfach und unverfänglich Chancen zu sondieren. 2017 stehen mehrere Afrika-Reisen auf dem Programm: Ende März geht es nach Ghana mit Möglichkeit einer Weiterreise in die Elfenbeinküste, Ende September nach Nigeria und Südafrika.


© corporAID Magazin Nr. 68
Text: Ursula Weber
Fotos: Marco Kovic, WKO

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