Neue Werkstoffe

Innovatives aus Resten

02/2017 - Ananasblätter, Kaffeekirschen und auch alte Bananenpflanzen sind landwirtschaftliche Nebenprodukte, die als Abfälle meist links liegen gelassen werden. Innovative Unternehmen transformieren sie zu neuen Produkten für den Massenmarkt.

Am Beginn der Lieferkette stehen philippinische Kleinbauern und Kooperativen, die wertvolle Fasern aus Ananasblättern für Piñatex gewinnen.

Sie ist 64 Jahre alt, doch an eine baldige Pensionierung denkt Carmen Hijosa keine Minute. Im Gegenteil: Die in London lebende Spanierin ist voller Elan dabei, mit ihrem Start-up Ananas Anam durchzustarten. Zahlreiche Preise und Anfragen aus aller Welt stimmen sie dafür optimistisch. Die Designerin hat ein innovatives, industriell fertigbares Material namens Piñatex auf den Markt gebracht, hergestellt aus Ananasfasern, das internationalen ISO-Standards entsprechend zahlreiche Qualitäten aufweist. „Es ist flexibel, robust, reißfest, wasserabweisend und hitzebeständig“, sagt Hijosa, „und es erinnert stark an Leder.“ Sie empfiehlt Piñatex daher als Lederalternative, aus der sich Schuhe, Taschen, Kleidung, Sofas und Autositze herstellen lassen.


Carmen Hijosa
Ananas Anam

Hijosa hat 16 Jahre als Designerin in der irischen Lederindustrie gearbeitet, später war sie als Beraterin tätig. Ein Aufenthalt auf den Philippinen Anfang der 2000er Jahre führte bei ihr zum Umdenken. Eigentlich kam sie auf den Inselstaat, um die lokalen Lederhersteller auf anspruchsvolle Exportmärkte vorzubereiten. Die intensive Beschäftigung mit der Lederproduktion führte ihr jedoch vor Augen, dass „die Massenfertigung ein echtes Umweltproblem darstellt und alles andere als nachhaltig ist. Die giftigen Schwermetalle und Chemikalien, allen voran Chrom, die zum Gerben verwendet werden, haben schädliche Auswirkungen auf Arbeiter, Grundwasser, Umwelt.“

Hijosa fing an, sich nach umweltfreundlicheren Ersatzstoffen zu den Tierhäuten umzusehen – und fand sie in der Ananaspflanze. In ihren Blättern stecken feine und widerstandsfähige Zellulosefasern, die auf den Philippinen traditionell zu „Ananasstoff“ für Hochzeits-kleidung gewebt werden. Diese Blätter sind im Inselstaat mit seinen rund 44.000 Hektar Ananasplantagen in Hülle und Fülle vorhanden, würden aber, so Hijosa, als lästiger Abfall betrachtet. „Weltweit werden rund 25 Mio. Tonnen Ananasabfälle pro Jahr entweder verbrannt, oder sie verrotten, weil niemand mit diesen Mengen etwas anfangen kann.“ Hijosa wollte das ändern. Sie beschloss, die Ananasfasern zu einem industriellen Produkt weiterzuentwickeln. „Es sollte ein nachhaltiges Material sein, das die Lücke zwischen Leder und erdölbasierten Textilien füllt und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis aufweist.“


Dan Belliveau
CoffeeFlour

Nahrhafte Hülle Auch bei der Produktion von Rohkaffee entstehen große Mengen organischer Abfälle. Für Cappuccino und Café Latte braucht es schließlich nur die zwei Samen im Herzstück der Kaffeekirsche, das Fruchtfleisch und die Schale finden hingegen kaum Verwendung. In manchen Ländern werden die Reste als „poor man‘s coffee“ mit Wasser gebrüht oder sie landen als Dünger auf Plantagen. „Doch rund 17 Milliarden Pfund Kaffeekirschen pro Jahr landen irgendwo und verrotten“, weiß Dan Belliveau. Der ehemalige Leiter für technische Services beim Kaffeekonzern Starbucks wollte etwas gegen die ungenutzten Abfallberge tun. Vor vier Jahren begann er, mit dem Fruchtfleisch der Kaffeekirsche zu experimentieren – und fand heraus, dass es sich getrocknet und gemahlen gut als Backzutat eignet. Diese lässt sich unter anderem in Brot und Gebäck, aber auch in Pasta, Saucen und Süßigkeiten einarbeiten. Und der Geschmack? „Er erinnert an süße, getrocknete Früchte mit Zitrusnote“, sagt Belliveau, außerdem sei es ballaststoff- und eisenreich sowie glutenfrei. Allerdings: Gerade wegen des hohen Ballaststoffanteils lässt sich herkömmliches Mehl nur zum Teil durch die neue Backzutat ersetzen. Rezepte empfehlen einen CoffeeFlour-Anteil von 30 Prozent.


Damenhygiene aus Bananenfasern Drei MIT-Absolventinnen haben das Start-up Saathi gegründet.

Lösung für ein Tabuproblem Drei Absolventinnen des Massachusetts Institute of Technology haben ein weiteres Massenprodukt ersonnen, das hauptsächlich aus landwirtschaftlichen Abfällen besteht: Amrita Saigal, Grace Kane und Kristin Kagetsu betreiben seit einigen Monaten im indischen Ahmedabad eine Fabrik, in der sie Damenbinden aus Bananenpflanzen herstellen lassen. Das Anliegen des Trios: indische Frauen mit leistbaren Hygieneprodukten versorgen. Das mangelnde Angebot speziell am Land hat nämlich weitreichende Auswirkungen – von Gesundheitsproblemen bis hin zu Absenzen in Schulen und in der Arbeit. An die 200 Millionen Inderinnen seien von dem Tabuproblem betroffen, sagen die drei Gründerinnen des Start-up Saathi.Dass ihr Produkt überwiegend aus den Fasern der Bananenpflanze besteht, habe mehrere Vorteile: „Durch den Verzicht auf Bleichmittel und chemische Zusatzstoffe sind unsere Damenbinden hautverträglicher als herkömmliche Produkte. Sie sind außerdem innerhalb von sechs Monaten biologisch abbaubar. Wir testen gerade die Kompostierfähigkeit und den Einsatz für die Biogas-Herstellung.“ Gerade in Gebieten ohne ordentliche Abfallentsorgung tragen die drei Frauen damit auch zur Lösung eines großen Umweltproblems bei. In Indien werden jährlich schätzungsweise 150.000 Tonnen Hygieneprodukte verbrannt oder landen in Deponien, so die Sozialunternehmerinnen.


Für einen Quadratmeter Piñatex
braucht es die Fasern aus 16 Pflanzen (ca. 480 Blätter). Laut Hersteller wiegt das neue Textil vier mal weniger als Leder. Verkauft wird es, abhängig von der Materialdicke, um einen Preis zwischen 15 und 45 Euro pro Quadratmeter.

Wertvolle Fasern Die Gründer von Ananas Anam, CoffeeFlour und Saathi wollen aus den Abfällen tatsächlich marktfähige und profitable Produkte machen. Das ist mit Hürden verbunden. Weil ihr die technische Kompetenz fehlte, begann Hijosa mit 57 Jahren ein Doktoratsstudium am Londoner Royal College of Art und tüftelte dort an der Herstellung von Piñatex: Zunächst müssen die feinen Fasern der Blätter maschinell von der restlichen Biomasse getrennt werden, dann wird das Pektin entfernt, wodurch das Material weich und flexibel wie Baumwolle wird. In einem mechanischen Prozess werden die Fasern dann zu einem filzartigen Gewebe gepresst. Anschließend erfolgt die Veredelung mit Lack und Pigmenten – mit letzterem Schritt ist Hijosa noch nicht ganz zufrieden, denn ihr Ziel ist es, Piñatex zu einem „Cradle to Cradle“-Produkt zu machen. „Ich möchte möglichst bald eine vollständig biologisch abbaubare Version auf den Markt bringen.“ Außerdem will Hijosa, dass alle Akteure in der Wertschöpf-ungskette von Piñatex profitieren sollen. Sie arbeitet daher auf den Philippinen mit landwirtschaftlichen Kooperativen und Kleinbauern zusammen, um das Rohmaterial zu beschaffen. Die Idee: Die Bauern sollen durch den Verkauf von Fasern an Ananas Anam Einkommen lukrieren und aus den entkörnten Reststoffen organische Düngemittel und Biogas gewinnen. Die Gewebe-herstellung findet ebenfalls auf den Philippinen statt, die Veredelung wird heute in Spanien gemacht.


Protoypen aus Piñatex (entwickelt von Smith Matthias, Camper und Carmen Hijosa)

Zur künftigen Rohstoffsicherung unterschrieb Hijosa vergangenen Dezember eine Vereinbarung mit dem philippinischen Landwirtschaftsministerium und dem Früchtekonzern Dole. Dole wird Kleinbauern im Umfeld seiner Plantagen mit Ananasblättern versorgen, das Landwirtschaftsministerium unterstützt die Bauernkooperativen mit technischem Know-how und Enthülsungsmaschinen, und Ananas Anam wird die Fasern aufkaufen. 2016 stellte das Unternehmen acht Tonnen Piñatex her, heuer sollen es bereits an die 20.000 Tonnen werden. Ihre Kunden reichen „von Nischendesignern, die Veganmode herstellen, über Modeunternehmen auf der Suche nach Ungewöhnlichem bis hin zu Multinationals“, so Hijosa. Designer und Hersteller wie Puma oder Camper haben Prototypen aus Piñatex entwickelt, kleinere Produzenten verkaufen bereits Ananas-Schuhe- und Taschen –
in Wien wird man etwa im Vegan-Modegeschäft „Muso Koroni“ im 8. Bezirk fündig.


Mehl aus der Kaffeekirsche
Die Farbe variiert je nach Anbauregion.

Auf dem Weg ins Regal Auch Belliveau ist dabei, seine Idee in ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell zu übersetzen. Zunächst entwickelte er ein patentiertes Verfahren für das Mahlen des Kaffeemehls und gründete das Unternehmen CoffeeFlour Global Holdings mit Sitz in Vancouver. Nun baut er Kooperationen mit lokalen Mühlenunternehmen auf, 14 Mühlen in Hawaii, Guatemala, Mexiko, Nicaragua und Vietnam hat er bereits unter Vertrag. „Langfristig wollen wir in alle 42 Kaffeeanbauländer gehen und zwischen sieben und neun Milliarden Pfund Kaffeekirschen im Jahr verarbeiten.“ 2016 lag der Output des jungen Unternehmens bei fast 1,25 Mio. Pfund Kaffeemehl, angedacht ist eine jährliche Steigerung von mindestens 20 Prozent.

Ähnlich wie Hijosa für Piñatex sieht auch er in seinem Produkt einen großen Mehrwert für die Menschen am Beginn der Wertschöpfungskette: Kleinbauern, die bis heute das Gros der weltweiten Kaffeeproduzenten darstellen, können nun mit überschaubarem Mehraufwand Geld für ein Produkt bekommen, das eigentlich als Abfall gilt. „Die Bauern, die unsere Mühlen beliefern, können ihr Einkommen um zehn bis 20 Prozent steigern“, sagt der CoffeeFlour CEO. Das Unternehmen zahle drei Cent pro Pfund garantiert, während die Preise für Kaffeebohnen schwanken können. Dazu kommen Jobs in den Mühlen. „Wir haben gerade erst begonnen, Kaffeemehl in signifikanten Mengen zu produzieren und konnten dennoch schon Hunderte Jobs schaffen. Eine Mühle, mit der wir in Nicaragua kooperieren, beschäftigt beispielsweise saisonal 94 Personen im Bereich Trocknung und Logistik, die meisten von ihnen sind Frauen. Einige der Arbeitsplätze bestehen das ganze Jahr.“

Gibt es für das Mehl aus der Kaffeekirsche überhaupt einen Markt? Bei CoffeeFlour weiß man, dass es nun stark um Überzeugungsarbeit geht, damit sich das Mehl als attraktive Zutat bei Nahrungsmittel- und Getränkeherstellern, Einzelhändlern und Restaurants etabliert. „Viele Unternehmen testen bereits CoffeeFlour, wir registrieren großes Interesse. Bis sich die Begeisterung für die ernährungsphysiologischen, funktionellen und sozialen Vorteile unseres Kaffeemehls in echte Produkte im Regal übersetzen lässt, wird es noch etwas dauern.“

2017 soll für das junge Unternehmen aber zum „Tipping Point“ werden, weil zum einen mehrere Kaffeemehl-Produkte in den USA und in Japan auf den Markt kommen und zum anderen das Kaffeekirschenmehl bald in brasilianischen Supermärkten gelistet sein wird. „Brasilien ist der größte Kaffeehersteller der Welt, und dort hat die Kaffeekirsche als Lebensmittel einen höheren Bekannheitsgrad als irgendwo anders.“ In Europa ist Coffee Flour bereits über den Vertriebspartner Trouw erhältlich, der es an die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie verkauft.

Ganz Indien am Plan Auch Saathi verfolgt in Indien große Pläne. Noch betreibt das junge Unternehmen erst eine kleine Fabrik mit zehn Arbeiterinnen. Mittelfristig will Saathi enorm wachsen und landesweit die patentierten Hygieneprodukte verkaufen, das Marktpotenzial beziffern die Gründerinnen mit 56 Millionen Kundinnen. Ihre Strategie: Städtische Konsumentinnen wollen sie via Online-Shop und Einzelhandel erreichen, am Land lebende Frauen sollen über NGO-Initiativen an verbilligte Pads kommen. Erste Kooperationen sind schon vereinbart.
Am Rohstoff wird es nicht mangeln: Rund 500.000 Hektar Bananenpflanzen gibt es laut Saathi in ganz Indien. Bei jeder Ernte ersetzen die Bauern die alten Bäume durch neue Stauden. Wertlose Altpflanzen können sie schon heute an Saathi liefern und damit Extrageld verdienen.

© corporAID Magazin Nr. 68
Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: Arts Foundations Awards, Ananas Anam, CoffeeFlour, Smith Matthias/Camper, Saathi

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