ADA-Wirtschaftspartnerschaft

Weide statt Plastik

02/2017 - Das steirische Handelsunternehmen EWH Pirsch investiert in den Wiederaufbau des Korbsektors in Serbien und ist zugleich auf der Suche nach Großaufträgen in Europa. Die Austrian Development Agency ADA unterstützt das Vorhaben.





Must-have für Hobby-Gärtner
Karl Pirsch mit einem Korbproduzenten in Serbien.

Es ist ein Balanceakt zwischen Unternehmertum und Entwicklungshilfe, der das Berufsleben von Karl Pirsch kennzeichnet – heute würde man den Mann wohl als Sozialunternehmer bezeichnen. Der Steirer widmet sich seit dreißig Jahren dem „fairen Handel“, wie er sagt, das heißt er importiert und verkauft Ware, deren Erzeugung Menschen in Entwicklungsregionen Beschäftigung und ein bestmögliches Einkommen sichert. Seine erste Firma nannte er Eine Welt Handel, seit einem Neustart im Jahr 2012 heißt sie EWH Pirsch GmbH. Pirsch wurde 2006 mit dem Trigos-Preis für verantwortliche Unternehmen und 2009 mit dem Österreichischen Klimaschutzpreis ausgezeichnet.


Add-on
An den alljährlichen Apfeltagen bietet Merkur Äpfel mit
Korb an.

Korberzeugnisse waren von Anfang an das Haupthandelsprodukt des Familienbetriebs. In Bangladesch baute Pirsch eine Exportgruppe auf, bei der er bis heute einkauft. In den vergangenen Jahren verlagerte sich seine Motivation und sein Interesse aber von Asien nach Südosteuropa und damit von Flechtware aus feinem Seegras und Palmblättern auf Körbe aus stabilen und strapazfähigen Weidenruten. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen zeigte der heimische Handel entsprechend dem Trend zu Ökologie und Nachhaltigkeit wieder Interesse an Weidenware – für die Geschäftsausstattung, den Verkauf oder auch als alternative Verpackung. Das brachte Pirsch Bestellungen ein, die mittlerweile in die Tausende gehen: 20.000 Körbe für die Apfeltage der Supermarktkette Merkur, 15.000 Körbe für Pilzesammler für einen Großhandel in Tschechien oder ein paar hundert Flaschenkörbe für einen österreichischen Winzer in Kalifornien. Zum anderen sah Pirsch in der Korbflechterei die Chance, Menschen in Südosteuropa, wo dieses Handwerk Tradition hat, eine Alternative zu Arbeitslosigkeit, Armut und Abwanderung zu bieten.

Produktion ausweiten 2008 eröffnete er ein Büro im mittelserbischen Krusevac mit einem Mitarbeiter, der den Einkauf in der Region managt. Das Gros der Ware wird von Kooperativen in Bosnien produziert, auch einige Dörfer in Südserbien liefern fertige Ware. Bei Bedarf wird zusammengeholfen. Pirsch: „Es hat schon Fälle gegeben, wo vom gleichen Korbtyp 10.000 Stück in Bosnien und 6.000 Stück in Serbien geflochten wurden.“ Die Kooperation gibt dem Unternehmer Flexibilität bei der Annahme von Großaufträgen. Pirsch: „Nur wenn der Korbsektor zusammenhält, kann er am internationalen Markt bestehen.“ Pirsch war mit den insgesamt vorhandenen Produktionskapazitäten aber nicht zufrieden. Das Problem ist, sagt er, dass die Weidenflechterei in Serbien mit den Balkankriegen Anfang der 1990er Jahre zum Erliegen kam.

Eine Bestellung des Gartencenters Bellaflora von 500 Wirtschaftskörben führte zur Lösung. Die serbischen Korbflechter erklärten, dass diese Art Körbe ausschließlich die Roma herstellen. Worauf Pirsch in die nördlich gelegene Region Sabac aufbrach, wo diese Familien ihr Leben großteils als Tagelöhner bestreiten. Auf Basis einer Vorfinanzierung erfüllten die neuen Lieferanten den Auftrag ordnungsgemäß und zeitgerecht. Pirsch erkannte das Potenzial und gewann 2016 die Austrian Development Agency ADA als Finanzierungspartner im Rahmen einer Wirtschaftspartnerschaft, um den Weidenkorbsektor in Serbien unter Einbindung von Roma-Familien schrittweise aufzubauen.


Korbflechterei Das traditionsreiche Handwerk erlebt ein Revival.

„Wir beschäftigen in Bosnien ungefähr 240 Menschen. Und Ähnliches haben wir nun im Rahmen der Wirtschaftspartnerschaft in Serbien vor“, sagt Pirsch. Binnen drei Jahren will er 300 bis 400 Roma – Männer und Frauen – rund um die Korbflechterei beschäftigen. Das von der ADA kofinanzierte Projekt ermöglicht die Aus- und Weiterbildung der Handwerker, die Lösung der Rohstofffrage sowie Marketingmaßnahmen. Dass die Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA die Roma lesen, schreiben und rechnen lehrt, ist ebenfalls Teil der Kooperation mit der ADA. „Durch die Alphabetisierung und Eingliederung der Roma in die Supply Chain erhält diese Wirtschaftspartnerschaft eine sehr hohe Breitenwirksamkeit“, freut sich Gunter Schall, Leiter des Referats Wirtschaft und Entwicklung der ADA.


Weidenernte

Donaukorb Da es unter den Roma immer noch gute Flechter gab, konnte Pirsch diese als Trainer für Neueinsteiger einsetzen. Für das Erlernen neuer Techniken wie das Flechten am Holzmodell wird er Handwerker aus Südserbien engagieren. Zwei Roma-Männer mit Gewerbeschein koordinieren schon heute die Produktion, übernehmen die Körbe an den neu errichteten Sammelstellen und wickeln die Bezahlung ab. „Bei den Sammelstellen muss es immer gut befüllte Kassen geben“, sagt Pirsch, der das erforderliche Kapital auch schon über Crowdfunding aufgebracht hat. Eine wichtige Beschäftigung für die Roma wird zusätzlich der Wiederanbau und die Kultivierung von Korbweiden bieten – heute liegen viele Flächen brach oder sind verwildert, was zu einem Engpass beim Rohmaterial führte. Inzwischen hat Pirsch selbst einen Hektar Grund gekauft, der noch diesen März bepflanzt werden soll. Ab Herbst wird man 30 Jahre lang jährlich Weiden ernten können. Weitere Flächen sollen folgen.

Pirsch seinerseits dreht, wo geht, an der Kostenschraube, um die Körbe gegenüber Konkurrenzprodukten aus Plastik wettbewerbsfähig zu machen. Und er ist dabei findig. So nützt er etwa günstige LKW-Retourfahrten für den Transport der Ware. Schließlich bleibt ihm aber das Argument: „Ein Weidenkorb ist reine Natur und macht keinen Müll! Wenn er kaputt geht, kann man ihn kompostieren und als Dünger nutzen.“ Viel verspricht er sich schon heute von der Teilnahme an der Frankfurter Ambiente-Messe 2018 mit einem eigenen Stand. Hier will er potenzielle Großkunden – auch aus England, Skandinavien oder Frankreich – ansprechen. Und damit den „Donaukorb“ hoffentlich schon bald in ganz Europa etablieren.

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DAS UNTERNEHMEN:

Die EWH Pirsch GmbH EWH Pirsch GmbH in Proleb bei Leoben importiert handwerkliche Erzeugnisse aus Entwicklungregionen, mit ausdrücklichem Bedacht darauf, in den Produzentenländern Arbeitsplätze und höhere Einkommen zu schaffen. Kernartikel sind seit dem Start im Jahr 1987 Korbwaren, das Sortiment reicht aber darüber hinaus von Leder- und Filzprodukten über Schmuck bis zu Trockenfrüchten. Pirsch beliefert Weltläden und bedient Großaufträge von Einzelhandelsketten und Großmärkten. Der bereits in der zweiten Generation von Stefan und Andrea Pirsch geführte Familienbetrieb beschäftigt aktuell zwölf Personen.

© corporAID Magazin Nr. 68
Text: Ursula Weber
Fotos: EWH Pirsch

 

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