Nachhaltiger Tourismus

Zeit für besseren Urlaub

02/2017 - 1,23 Milliarden Reisende waren 2016 weltweit unterwegs, so viele wie nie zuvor. Tourismus ist Jobmotor und wichtiger Devisenbringer gerade auch in Entwicklungs- und Schwellenländern. Über die Potenziale und die Gefahren, die der Tourismusboom bringt, wird im heurigen „Internationalen Jahr des Nachhaltigen Tourismus für Entwicklung“ wohl mehr diskutiert als üblich.

Zum Thema:

Interview mit Matthias Leisinger


Touristen auf Sakralbauten
Jeden Tag steigen Besucher auf die Tempel und Pagoden von Bagan in Myanmar. Im Bild: Shwesandaw Pagode

Für die meisten Touristen ist es ein eindrucksvoller Höhepunkt einer Rundreise durch Myanmar: auf eine der 2.000 Pagoden und Tempel der ehemaligen Königsstadt Bagan zu steigen, um von weit oben den Sonnenuntergang zu genießen. Einzig: Der Besucher-andrang setzt einigen Sakralbauten stark zu. Fröhliche Touristen klettern sorglos darauf herum, manche ritzen ihre Namen ins Gemäuer, manch andere tanzen oder schlafen auf den Jahrhunderte alten Gebäuden. Doch immer öfter regt sich dagegen Widerstand. Aus Sorge um das kulturelle Erbe wollte das Kulturministerium bereits im März 2016 das Klettern verbieten, doch die Tourismusindustrie protestierte gegen das Verbot. Seither wird über eine Lösung debattiert, die touristische Interessen und den respektvollen Umgang mit einer einzigartigen archäologischen Stätte unter einen Hut bringen kann.

Myanmar befindet sich in einem Spannungsfeld: Tourismus ist wichtiger und wachsender Wirtschaftsfaktor und gleichzeitig Bedrohung für Kulturgüter, Umwelt und Menschenrechte. Über diesen Zwiespalt, der auch etliche andere Destinationen betrifft, wird heuer vielleicht öfter als sonst debattiert. Denn die Vereinten Nationen haben 2017 zum „Internationalen Jahr des Nachhaltigen Tourismus für Entwicklung“ ausgerufen. Das Schwerpunktjahr soll die enorme Bedeutung des Sektors für Entwicklung heraus-streichen und aufzeigen, wie Tourismus zur Erreichung der so genannten Globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung beitragen kann. Schon jetzt hängt weltweit jeder elfte Arbeitsplatz direkt oder indirekt von ihm ab. In vielen wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern ist er Hauptdevisenquelle und Wirtschafts-motor. Laut Welttourismusorganisation UNWTO gab es allein im Jahr 2016 1,23 Milliarden Reisende – fast doppelt so viele wie im Jahr 2000. Auch für 2017 sei ein Wachstum von drei bis vier Prozent zu erwarten. „Dieser rapide Anstieg ist der Grund, weshalb sich die Welt mehr mit nachhaltigem Tourismus beschäftigen sollte“, sagt Taleb Rifai, Generalsekretär der UNWTO. „Die Auswirkungen des Tourismus auf die Welt können negativ oder positiv sein, und unser Ziel ist es, dass die Reisebranche eine Kraft für das Gute wird.“


Der globale Tourismussektor ist ein wichtiger Devisenbringer und Arbeitgeber. Jeder elfte Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr ab.

Vorteil als Letzter In Myanmar ist die Dynamik besonders ausgeprägt: Nach Jahrzehnten der Isolation und dem Ende der Militärjunta 2011 ist das Land zu einem Touristenhotspot geworden. Die internationalen Ankünfte stiegen laut ITB World Travel Trends Report zwischen 2010 und 2015 um eindrucksvolle 490 Prozent. Übersetzt in konkrete Gästezahlen waren dies 2016 rund 3,1 Millionen Touristen, die vor allem aus Thailand, Singapur, Malaysia, Westeuropa und den USA anreisten. Im Jahr 2020 sollen es laut offiziellen Vorgaben schon sieben Millionen sein. Für das touristisch junge Land ist der Boom herausfordernd: Einerseits sollen möglichst viele Touristen kommen, für die nun eiligst touristische Infrastruktur aufgebaut werden muss. Andererseits strebt das Land an, eine „nachhaltige Destination“ zu werden, die auf ihr archäologisches Erbe gut aufpasst, Einheimische partizipieren lässt und Ressourcen schützt. Tourismus-verantwortliche May Myat Mon Win meinte dazu vor kurzem in einem Interview: „Unser Vorteil als Letzter ist, dass wir von anderen lernen können, was funktioniert und was nicht. Es gibt eine Menge ländlicher Gebiete, in denen Menschen durch den Tourismus besser leben können. Er kann zur wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes beitragen.“

Myanmar sei ein besonders spannender Fall, meint der Schweizer Tourismusexperte und profunder Kenner des Landes, Matthias Leisinger (siehe auch Interview): „Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass man Tourismus verantwortungsvoll entwickeln muss, man hat bereits einen Masterplan sowie eine Responsible Tourism Strategy dafür aufgesetzt. Gleichzeitig gibt es Gebiete, in denen schon jetzt massiver Druck auf die Ökosysteme herrscht, wo Menschen für Tourismusprojekte zwangsenteignet werden, wo Bestechung oder das Militär noch eine sehr wichtige Rolle spielen. Und viele Investoren wollen jetzt möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen.“

Kein Land ist perfekt Gibt es so etwas wie ein internationales Vorbild einer nachhaltigen Destination, die ökologisch, sozial und wirtschaftlich verantwortlich agiert? Häufig angeführt wird Costa Rica, das sich im Bereich Naturschutz und Ökotourismus in den vergangenen Jahren stark positioniert hat. „Doch auch in Costa Rica gibt es komplexe Fragen rund um die Einhaltung von Menschenrechten, von Arbeitsbedingungen und Ressourcenverbrauch“, warnt Leisinger vor zu viel Euphorie.

Dass kein Land perfekt ist, davon geht man auch bei der gemeinnützigen US-Organisation Ethical Traveler aus. Dennoch durchforsten die Mitarbeiter Jahr für Jahr Statistiken, Richtlinien und Praktiken von Reisedestinationen außerhalb der traditionellen Industrieländer, um jene Top Ten herauszufiltern, die in puncto Nachhaltigkeit bemerkenswerte Fortschritte vorweisen können (siehe unten). Auf den Prüfstand kommen dabei Umweltschutz, Sozialwesen, Menschenrechte, Tierschutz und „Community-basierter Tourismus“ – letzterer soll Urlaubern das authentische Erleben eines Landes und seiner Menschen auf eine Art ermöglichen, von der auch die lokale Wirtschaft besonders profitiert. Heuer wurden Chile, Belize, Costa Rica, Uruguay und die Mongolei sowie die Inselstaaten Kap Verde, Dominica, Palau, Tonga und Vanuatu gekrönt. Die Auszeichnung soll Destinationen als Motivationsschub und Marketing-Tool dienen – und Reisenden als Orientierung auf der Suche nach einem „guten Ziel“.

Handlungsfelder Schon lange ist Tourismus auch Betätigungsfeld der Entwicklungszusammenarbeit. In Myanmar gibt es beispielsweise noch viel zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte für den Sektor. Die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit fördert aktuell mit der Swiss Hotel Training Initiative HTI die Ausbildung von 3.000 Personen aus benachteiligten Gruppen. Die Austrian Development Agency ADA wiederum unterstützt mit den Tourismusschulen Salzburg die Tourismusausbildung in Bhutan. Im Vorjahr haben die ersten 176 Absolventen ihr Abschlussdiplom überreicht bekommen, sie sollen im Management von Tourismusbetrieben tätig werden oder selbst Unternehmen gründen. Und in Lateinamerika unterstützt die ADA die Zertifizierung von Tourismusunternehmen in einer Partnerschaft mit der Beratungs-NGO TourCert. 2016 erhielten die ersten 48 Unternehmen das renommierte Siegel für Corporate Social Responsibility.

Eine innovative Kooperation zwischen öffentlicher Hand und der Privatwirtschaft will Jamaika als Host einer großen Sustainable Tourism Konferenz im Rahmen des VN-Schwerpunktjahres im November präsentieren. Stolz ist man im Karibikstaat auf das 2013 lancierte Tourism Linkages Network. Diese Public Private Partnership Plattform fördert die Einbindung kleinerer lokaler Unternehmen in Jamaikas Tourismussektor – etwa, indem Einkaufsverantwortliche größerer Tourismusbetriebe mit dem lokalen Agrarsektor und Handwerksbetrieben in Kontakt treten und durch Datenbanken über Angebote sowie Instrumente zur Qualitätsverbesserung zusammenfinden. Der zuständige Tourismusminister Bartlett erklärt: „Tourismus ist der schnellste Weg, um Geld von Reichen auf Arme zu übertragen. Und das erreichen wir am effektivsten über unsere Linkage-Initiative.“

Besserer Tourismus ist also auf vielerlei Wegen erreichbar. Wichtig ist nur, dass man die Reise dahin auch irgendwann antritt.

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KEIN LAND IST PERFEKT

... aber manche bemühen sich, die richtigen Maßnahmen zu setzen. Alljährlich kürt die US-amerikanische NGO Ethical Traveler die „Best Ethical Destinations“ – 2017 unter anderem diese vier Länder:


Chile
Lob für gute medizinische Versorgung, Förderung von Solarenergie, die Einführung einer CO2-Steuer, Tierschutz-Initiativen, Umweltschutz




Costa Rica
Pluspunkte für Erfolge bei Armutsbekämpfung, Kampf gegen Menschenhandel, Schutz der Haie, Umweltschutz, Ziel der CO2-Neutralität bis 2021




Dominica
Hervorgehoben wird die Führungsposition bei erneuerbarer Energie, hohe Alphabetisierungsrate, Wiederaufbau nach Naturkatastrophen, Schutz der Meerestiere




Mongolei
Lob für Großinvestitionen in Schulbildung sowie Verbesserungen in puncto Menschenrechte und politische Freiheiten







© corporAID Magazin Nr. 68

Text: Katharina Kainz-Traxler
Foto: Remko Tanis/Flickr

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