Interview

Quantensprünge in China

02/2017 - Der österreichische Weinmacher Laurenz Maria Moser V. berät seit 2005 den ältesten Weinproduzenten Chinas. Seit eineinhalb Jahren führt er auch ein eigenes Weingut in der Provinz Ningxia, laut Moser „schon bald das Nappa Valley Chinas“.

Zum Thema:

« zur Hauptstory


Laurenz M. Moser LMM Projects

corporAID:Sie beraten seit fast zwölf Jahren das chinesische Weingut Changyu. Was waren wichtige Meilensteine?
Moser: Zunächst sollte man über Changyu wissen, dass es nicht nur das älteste, sondern auch das größte Weingut Chinas ist, und zwar mit deutlichem Abstand zu anderen Produzenten. Doch Changyu und der Mitbewerb haben ein Problem: Die Weinqualitäten waren und sind zum Teil noch heute absolut insuffizient für den Export nach Europa oder in die USA. In den ersten Jahren habe ich versucht, über das Cuvetieren verschiedener Weine die Trinkbarkeit zu erhöhen, und damit auch einiges erreicht. Doch wenn das Grundmaterial nicht stimmt, gibt’s auch beim Mischen Grenzen. Die Leute haben unsere Weine aus Neugierde einmal probiert, dann aber kaum nachgekauft. Fast zehn Jahre war das ein Auf und Ab, weil die Verantwortlichen die Wichtigkeit von Qualität unterschätzt haben. Man dachte, es braucht nur mehr Marketing und PR. Mittlerweile denkt man um. Ich habe seit Sommer 2015 einen exklusiven Langzeitvertrag, und mache jetzt meinen eigenen Wein – auf dem Château Changyu Moser XV, eines von zehn Weingütern des Unternehmens. Es liegt in der Provinz Ningxia, 1.200 Kilometer westlich von Peking. Das wird in ein paar Jahren das Nappa Valley von China. Hier wachsen unter sehr guten klimatischen Bedingungen auf 1.100 Metern Höhe hauptsächlich Cabernet Sauvignon-Reben und ein wenig Italian Riesling. Mein Job ist es, Qualitätswein zu machen und die Produktstrategie neu aufzusetzen. Seither ist Musik in dem Projekt! Innerhalb von nur zwei Ernten konnte ich Quantensprünge erreichen, das macht richtig Spaß.

Für wen ist Ihr Wein gedacht?
Moser:Mein Château fokussiert derzeit fast ausschließlich auf den Export. Das ist neu für China, denn es gibt keine nennenswerte Weinausfuhr. Wir haben fünf Weine kreiert, die in drei Qualitätsklassen produziert und zwischen 10 und 70 Euro verkauft werden. Die Preise entsprechen der Qualität, das lässt sich international benchmarken. Die ersten Lieferungen gehen gerade nach Großbritannien, weil die Engländer beim Weinkauf am innovativsten sind. Weitere Schlüsselmärkte sind für heuer Deutschland, die Benelux-Länder, die Schweiz und Russland.

Wie sieht es mit Weinkonsum in China aus?
Moser: Der chinesische Binnenmarkt kauft heute 70 Prozent Eigenwein und 30 Prozent Importwein. Vor drei Jahren war das Verhältnis noch 90 zu 10, hier herrscht also eine große Dynamik. Die Sicherung von Nachschub in den Weinregalen ist auch Grund dafür, dass chinesische Investoren zunehmend spanische und französische Weingüter aufkaufen. Vor allem junge Chinesen mit Auslandserfahrung und gutem Einkommen, und hier vor allem die Frauen, wollen Qualität und bevorzugen daher Importweine. Es ist unfassbar, wie viele junge Chinesen sich für Wein interessieren und sich darin sogar ausbilden lassen. Noch gibt es nur rund 35 Millionen Weintrinker und der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch in ganz China liegt bei nur 1,2 Liter. Jedes Jahr kommen aber Millionen Konsumenten dazu. Die chinesische Weinindustrie muss jetzt in aller Eile nachziehen. Wenn China anfängt, gescheiten Wein zu machen, wird das für den Konsumenten ein Eldorado! Den Wein von meinem eigenen Château möchte ich jedenfalls bald im Luxushotel-Bereich positionieren, der in China sehr, sehr groß ist – es gibt an die 1.600 Fünfstern-Plus-Hotels!

Welche Entwicklungen erwarten Sie?
Moser: Es gibt enorme Investitionen in die Industrie, allein Changyu investiert gerade 900 Mio. Euro in den Sektor. Auch französische Investoren wie die LVMH-Gruppe und Château Lafite sind höchst aktiv. China wird in den nächsten Jahren durch Innovationen auffallen und es werden vor allem Frauen seien, die die Branche aufmischen. Meine Hauptkonkurrenz in China sind fünf Weingüter, die alle von ehrgeizigen Frauen geführt werden. Eine tolle Generation wächst heran! In spätestens zehn Jahren wird man auch in Europa chinesischen Wein so selbstverständlich konsumieren wie chilenischen oder südafrikanischen!

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 68
Das Gespräch führte Katharina Kainz-Traxler

Suche:  
Aktuelle Artikel

Afrikanische Start-ups: Premiummarken Made in Africa

Neue Märkte: Aufstrebender Südkaukasus

Kurzmeldung: Österreichische Projekte im Entwicklungs-Business

Termine

30.5.2017 BMWFW Expertengespräch: Dialog mit starker Wirkung

12. 6. 2017 corporAID Multilogue: Planning for Impact

13.6.2017 corporAID Seminar: Globale Verantwortung praktisch umsetzen

Sie sind zurzeit nicht angemeldet.
» Anmelden » Registrieren » Passwort vergessen

Österreichische Unternehmen unterstützen corporAID
http://corporate.coke.at