Interview

Nicht nur Heilsbringer

02/2017 - Matthias Leisinger leitete viele Jahre den Bereich Corporate Responsibility der Kuoni Gruppe. Aktuell berät der Schweizer Tourismusexperte nachhaltige Tourismus-projekte in Südosteuropa und Kolumbien in Fragen wie Qualität und Marktfähigkeit.

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Matthias Leisinger CSR und Sustainability Berater

corporAID:Was kann das heurige UN-Jahr für Nachhaltigen Tourismus erreichen?

Leisinger: Tourismus wird oft nur als Heilsbringer gesehen, hat aber auch negative Einflüsse auf Umwelt, Klima, Soziales. Und Armutsminderung passiert nur dann, wenn nicht nur wenige profitieren, sondern Tourismus auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort gelingt. Ich hoffe, dass das Schwerpunktjahr die dafür notwendige kritische Diskussion bringt.

Was kann Entwicklungszusammenarbeit im Tourismus leisten?

Leisinger:Tourismus ist eine arbeitsintensive Industrie und bietet auch niedrig qualifizierten Gruppen Perspektiven. Mit Ausbildungs-programmen kann die Entwicklungszusammenarbeit Menschen den Weg in den Jobmarkt erleichtern. Ein anderes Handlungsfeld ist der Dialog mit Regierungsvertretern, politische Lobbyingarbeit, damit Menschenrechte und Umweltgesetze eingehalten werden. Auch können EZA-Experten bei der Gestaltung von Tourismusprodukten unterstützen und Qualitätsanforderungen vermitteln. Gerade die Frage nach der wirtschaftlichen Tragfähigkeit eines nachhaltigen Angebots ist immens wichtig.

Und wie sollte es nicht laufen?

Leisinger: In Laos und Kenia habe ich Ökotourismusprojekte besucht, von Enthusiasten geleitet, die stark auf Tier- oder Regenwaldschutz fokussieren und auf Tourismus als wirtschaftliches Standbein setzen wollen. Leider fehlt es oft an touristischem Know-how rund um Qualität etwa bei Hygiene oder Kulinarik. Wer auf den internationalen Markt will, muss aber Minimalanforderungen erfüllen. Und selbst wenn ein Projekt gut aufgestellt ist und die Einheimischen integriert werden, ist es noch lange nicht wirtschaftlich tragfähig. Es gibt viele völlig falsch konzipierte Projekte. Auf Sri Lanka hat man nach dem Tsunami touristische Infrastruktur an Orten gebaut, an denen keine Touristen vorbei kommen. Wenn dann die Hilfsgelder versiegen, stehen die Projekte vor dem finanziellen Kollaps. Es reicht eben nicht, nur ökologische und soziale Komponenten zu berück-sichtigen.

Was können Zertifizierungen leisten?

Leisinger:Ich halte Destinationszertifizierungen für wertvoll. Sie motivieren Hotels, Veranstalter, Restaurants, Marketing-organisationen und lokale Verantwortliche zu überlegen, wie sie die Destination gemeinsam weiterentwickeln können. Labels können hier wichtige Fragen aufbringen und neue Prozesse anstoßen. Solange beispielsweise Hotels Müll trennen, das lokale Abfall-management aber alles wieder zusammen wirft, ist es vergebens. Über Zertifizierungen kann auch der Dialog mit indigenen Bevölkerungsgruppen gesucht werden. Denn es müssen Traditionen und Kultur geschützt werden, damit keine Disneylands entstehen. Und Einheimische müssen wirtschaftlich partizipieren können, um Entwicklung voranzutreiben.

Können große Veranstalter das Nachhaltigkeitsthema noch ignorieren?

Leisinger: Kleine Veranstalter wachsen heute stärker als große Massentourismus-Unternehmen, Nachhaltigkeit ist aber für alle ein Business Case. Es gibt viel Wirkung nach innen, denn es macht Unternehmen effizienter. Für börsennotierte Unternehmen wächst zusätzlich der Druck durch Investoren, Ratingagenturen und dem Gesetzgeber. Shareholder wollen heute einfach mehr. Auch die Endkunden erwarten von großen Reisemarken eine gewisse Sorgfaltspflicht in der Wertschöpfungskette. Nachhaltigkeit ist heute Teil des Markenversprechens. Unternehmen, die auf Umwelt- und Ressourcenschutz achten und für faire Arbeitsbedingungen sorgen, haben auch zufriedenere Kunden.

Sind Sie optimistisch?
Leisinger:Diskussionen wie aktuell um die Touristenmassen in Barcelona, Island oder Venedig helfen dem Thema. Man sieht, dass es auch zu viel Tourismus geben kann. Immer mehr Kunden verlangen authentische Reiseerlebnisse, und die sind mit Nachhaltigkeit stark verlinkt. Sie werden dies stärker von den Reiseveranstaltern einfordern. Dazu der zunehmende Druck auf börsennotierte Unternehmen – es wird sich einiges bewegen!

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 68
Das Gespräch führte Katharina Kainz-Traxler

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