Entwicklung

Stille mit Folgen

02/2017 - 360 Millionen Menschen weltweit sind hochgradig schwerhörig oder gehörlos, ein Großteil von ihnen lebt in Schwellen- oder Entwicklungsländern. Besonders bei Kindern hat eine unbehandelte Hörminderung schwerwiegende Folgen – höchste Zeit für viele nationale Gesundheitssysteme, dieses Problem ernst zu nehmen.

Täglich zwischen neun und zwölf Uhr vormittags ist die Abteilung für Audiologie und Logopädie des Nair Krankenhauses in der indischen Metropole Mumbai besonders leicht zu finden. Eltern mit Kindern ohne auf den ersten Blick erkenntliche Krankheitssymptome säumen die Gänge im ersten Stock – sie alle warten darauf, von einem HNO-Arzt behandelt, zur Sprachtherapie oder zum Hörtest aufgerufen zu werden. Die Warteliste ist lang – zwischen 15 Tagen und zwei Monaten dauert es, bis man einen solchen Termin im Nair Krankenhaus erhält. Im Bundesstaat Maharashtra ist das öffentliche Krankenhaus eines der wenigen, die kostenlose Diagnose- und Therapiemöglichkeiten für hörbehinderte Kinder bereitstellen – 2016 wurden in der Abteilung knapp 1.500 Kinder behandelt. Dazu kommen jährlich zwischen 4.500 und 6.000 Neugeborene, die im Nair Spital auf mögliche Hörbeeinträchtigungen untersucht werden.

Das Angebot ist Teil des Nationalen Programms zur Prävention und Kontrolle von Gehörlosigkeit, kurz NPPCD, das die indische Regierung 2006 startete und bis Ende 2017 auf alle Bundesstaaten und Verwaltungsgebiete ausgeweitet werden soll. Die Regierung des südasiatischen Staats reagierte mit diesem Programm vergleichsweise rasch auf den Umstand, dass etwa 63 Millionen Inder von einer Hörbehinderung betroffen sind. Damit ist Indien eine Art Vorreiter unter den Schwellen- und Entwicklungsländern, wenn es um die Vorsorge und Rehabilitation von Hörschädigungen geht.

Ein globales Problem Gehörlosigkeit ist in vielen Ländern die häufigste sensorische Behinderung. Weltweit sind 360 Millionen Menschen – das sind fünf Prozent der Weltbevölkerung – von moderatem bis schwerem Hörverlust betroffen, rund 32 Millionen davon sind Kinder. Berücksichtigt man auch leichtere Hörschäden, steigt der Kreis der Betroffenen sogar auf knapp 15 Prozent. Dabei tritt eine Hörminderung in Ländern niedrigen Einkommens deutlich häufiger auf als in Industrieländern: 80 Prozent der Menschen mit Hörverlust leben in Schwellen- oder Entwicklungsländern.

Fünf Prozent
der Weltbevölkerung
haben gravierende Hörschwierigkeiten. Die meisten Menschen mit Hörverlust leben in Südasien und Subsahara-Afrika.


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Hörverlust beeinträchtigt nicht nur die Fähigkeit zu hören, sondern hat tiefgreifende Auswirkungen auf die zwischenmenschliche Kommunikation, Gesundheit, Unabhängigkeit, Wohlbefinden und Lebensqualität. Besonders angeborene oder frühkindliche, oft lang unentdeckte Hörschäden haben langfristige Konsequenzen und hohe Folgekosten. Die Sprachentwicklung verzögert sich oder bleibt aus, die Möglichkeiten auf eine Ausbildung und das Bestreiten des eigenen Lebensunterhalts sind stark eingeschränkt. Besonders in Entwicklungsländern besuchen schwerhörige oder gehörlose Kinder nur selten eine Schule und haben auch später in der Arbeitswelt kaum Aussichten auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz. Studien beziffern die Folgekosten von Hörverlust in den USA und Australien mit ein bis drei Prozent des Bruttoinlandprodukts, aktuelle Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO schätzen die gesellschaftlichen Gesamtkosten von unbehandelten Hörbeeinträchtigungen weltweit auf jährlich rund 750 Mrd. Dollar.

Dabei wären 60 Prozent der Hörschädigungen bei Kindern laut WHO vermeidbar und sind nicht etwa auf genetische Ursachen zurückzuführen. Ein Drittel der vermeidbaren Fälle ist Infektionskrankheiten geschuldet, die in einigen Entwicklungsländern nach wie vor verbreitetet sind. Besonders in afrikanischen Ländern sind viele Fälle von kindlichem Hörverlust auf eine bakterielle Meningitis zurückzuführen. Und während etwa eine Röteln-Infektion bei Kindern meist unproblematisch verläuft, kann sie bei Schwangeren schwerwiegende Folgen für das ungeborene Kind haben. Je nach Stadium der Schwangerschaft kann die sogenannte Rötelnembryofetopathie zu einer Fehlgeburt oder schweren körperlichen Missbildungen – unter anderem der Hörorgane – des Kindes führen. Das Risiko für eine Schädigung des Kindes im Mutterleib ist in jenen Ländern am höchsten, in denen gebärfähige Frauen keine Immunität entwickelt haben – sei es durch eine entsprechende Schutzimpfung oder Vorerkrankung. Immunisierungsprogramme sind daher eine wichtige Maßnahme für die Vermeidung von Hörverlust. Angesichts der jährlich 100.000 Fälle von Rötelnembryofetopathie in Indien verkündete das Gesundheitsministerium Anfang Jänner die Einführung der Masern-Röteln-Kombinationsimpfung und den Start einer nationalen Impfkampagne über die kommenden drei Jahre.

Und es gibt noch weitere Risiken, die vermeidbar wären. Auch einfache Ohrerkrankungen, wie etwa akute oder chronische Mittelohrentzündung, können – wenn nicht rechtzeitig behandelt – zu kindlichem Hörverlust führen. Ähnlich können sich bestimmte Medikamente und Antibiotika auswirken, wenn sie unbedacht Schwangeren und Kindern verabreicht werden.

Ärztemangel Das Problem: In vielen Ländern fehlt es schlichtweg an medizinischem Fachpersonal für die Behandlung von Ohrerkrankungen. In Indien gibt es zwar schätzungsweise zwischen 5.000 und 8.000 HNO-Ärzte, doch bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen kommen auf einen Ohrenarzt bis zu 260.000 Patienten. Noch gravierender ist die Situation in vielen afrikanischen Ländern. Hier kommen nur einige wenige Länder, etwa Südafrika, Botsuana oder Kenia, auf mindestens einen HNO-Arzt pro Million Einwohner. Der 170-Million-Einwohner-Staat Nigeria kommt auf lediglich 250 HNO-Ärzte und weniger als 50 Audiologen. Im ganzen Land gibt es nur zehn voll ausgestattete hörmedizinische Zentren, die Krankenversicherung übernimmt derartige Untersuchungen nicht. „Die wichtigsten ersten Schritte mit großer Wirkung sind mit Sicherheit die verstärkte Schulung von medizinischen Fachkräften und die Integration von Hörtests und Ohrgesundheit in bestehende Systeme wie etwa bei Kinderärzten oder in Schulen“, benennt Shelly Chadha, Leiterin des WHO-Programms für die Prävention von Gehörlosigkeit und Hörverlust, die „Low-Hanging Fruits“ für nationale Gesundheitssysteme. Doch angesichts beschränkter Staatshaushalte sind die Eindämmung von Malaria, HIV oder der Mütter- und Säuglingssterblichkeit vielerorts dringlichere Themen auf der Gesundheitsagenda als die Vorbeugung und Behandlung von Hörverlust.


Neugeborenen-Hörscreenings
sind das wohl wichtigste Tool in der Früherkennung von Hörverlust.

Frühe Diagnose In jedem Fall das Um und Auf: eine zeitgerechte Diagnose. Ein Hörtest ist der erste Schritt in der Feststellung einer Hörminderung, jedoch für viele Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern – insbesondere im ländlichen Raum – weder leistbar noch zugänglich. Obwohl 90 Prozent aller Kinder mit Hörverlust in Entwicklungsländern leben, sind dort weder Neugeborenen-Hörscreenings (in Österreich seit 2003 Teil der Standarduntersuchungen im Rahmen des Mutter-Kind-Passes) noch die Frühintervention bei Kleinkindern und deren Familien weit verbreitet. Gerade in ländlichen Gegenden, in denen die Versorgung schlecht und das Bewusstsein für die Konsequenzen einer unentdeckten Hörminderung gering ist, wird ein Hörverlust nicht selten erst dann erkannt, wenn ein Kind schon drei oder vier Jahre alt ist.

Doch es gibt Lösungsansätze. Während Indien mit seinem NPPCD-Programm daran arbeitet, die Versorgungsdichte mit Früherkennungsprogrammen durch die Stärkung der Kapazitäten und Ausstattung von HNO-Abteilungen im ganzen Land zu erhöhen, hat das findige Sozialunternehmen HearScreen aus Südafrika einen Weg gefunden, um die Kosten für die flächendeckende Diagnose von Hörverlust deutlich nach unten zu schrauben. Die gleichnamige App bietet den ersten klinisch erprobten Hörtest, für den es nicht mehr als ein Paar Kopfhörer und ein Smartphone braucht. Damit können beispielsweise Schulen oder medizinische Einrichtungen ortsunabhängig das Hörvermögen ihrer Schüler oder Patienten testen.

Die App kommt heute bereits in 25 Ländern – unter anderem in Äthiopien, Australien und Guatemala – zum Einsatz, zudem arbeitet HearScreen mit internationalen Organisationen wie der WHO oder der US-amerikanischen Entwicklungsagentur USAID zusammen. Vergangenes Jahr launchte das Sozialunternehmen zusätzlich die App hearZA – Südafrikas „nationalen Hörtest“ – und möchte damit jedem Südafrikaner die Möglichkeit geben, ohne großen Aufwand regelmäßig sein eigenes Hörvermögen zu testen. Binnen 24 Stunden nach dem Launch der Smartphone-App hatten bereits 3.000 Menschen einen Hörtest absolviert. Wird eine Hörminderung festgestellt, finden die Benutzer in der App auch Kontaktadressen zu Audiologen und HNO-Praxen in ihrer Nähe.


Die frühe Versorgung mit Hörhilfen ermöglicht Kindern mit Hörverlust eine weitgehend normale Ausbildung und Entwicklung.

Gut versorgt Der nächste Schritt in der Behandlungskette ist wohl auch der hindernisreichste: die Versorgung mit Hörhilfen. Je früher eine Hörminderung behandelt wird, desto besser können sich die betroffenen Kinder dank Hörgeräten und -implantaten in eine hörende Welt einfügen und ein weitgehend normales Leben führen. Wird eine Hörminderung etwa erst ab einem Alter von sechs Monaten festgestellt, kommt es häufig zu Verzögerungen in der Sprachentwicklung und damit zu Einschränkungen in der Kommunikation und den sozialen Fähigkeiten.

Laut Schätzungen gibt es weltweit rund 56 Millionen potenzielle Nutzer, die von einem Hörgerät oder -implantat profitieren würden. Während in Europa oder den USA durchschnittlich jeder fünfte Schwerhörige auch eine Hörhilfe nutzt, ist in Schwellen- und Entwicklungsländern nur jede 40. von Hörminderung betroffene Person mit einer Hörhilfe versorgt. Das bedeutet auch: Schwellen- und Entwicklungsländer sind neben der alternden Bevölkerung in Industriestaaten der wohl größte Wachstumsmarkt für einschlägige Hersteller. Doch deren Produktion deckt aktuell nur drei Prozent des Bedarfs in Entwicklungsländern. Hörgeräte kosten im Schnitt 4.500 Euro bei beidseitiger Versorgung, ein Cochlea-Implantat einschließlich der Rehabilitationsmaßnahmen kommt sogar auf rund 40.000 Euro.

Obwohl die Kosten für Hörhilfen im Laufe der Jahre zurückgegangen sind, braucht es für eine stärkere Verbreitung – nicht nur bei Gutverdienern, sondern auch in den wachsenden Mittelschichten – eine ganze Reihe von Maßnahmen, etwa die Beseitigung von Einfuhrzöllen und die Vereinfachung langwieriger Marktzulassungen sowie die Stärkung der Infrastruktur für eine reibungslose Anpassung und Wartung von Hörhilfen. In Anbetracht schwacher öffentlicher Gesundheitssysteme, die derartige Kosten übernehmen, und lückenhafter medizinischer Versorgung bleibt vielen Menschen in Entwicklungsländern selbst nach der Diagnose einer Hörminderung aktuell nichts anderes übrig, als weiterhin mit der Einschränkung zu leben. Der Bedarf ist also groß. Um auch das globale Bewusstsein für die Ursachen, Risiken und Folgen von Hörverlust zu steigern und Investitionen anzustoßen, welche die bestmögliche Prävention, Diagnose und Versorgung sicherstellen, läuft der diesjährige Welttag des Hörens am 3. März, ein globaler Aktionstag der WHO, unter dem Motto „Action for hearing loss: make a sound investment“. 

© corporAID Magazin Nr. 68
Text: Melanie Pölzinger
Fotos: www.hear-the-world.com/Christoph Höhmann,
Ingmar Zahorsky/Flickr, Ashray Akruti

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