Klimaziele

Rückenwind für erneuerbare Energie

12/2016 - Die erneuerbaren Energieträger haben doppelten Rückenwind: seitens der Umwelt- und Klimapolitik und seitens der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, die ein sauberes Ende der weltweiten Energiearmut anpeilt. Das treibt den Ausbau der Renewables weiter voran.

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Interview mit Martin Hiller, REEEP

Sauberer Strom für ein entlegenes Dorf in Kenia. Die Solaranlage vermietet das deutsche Start-up Redavia.

Redavia ist ein junges Solarenergie-Unternehmen in München mit Fokus auf Afrika. Das Produkt: mietbare Solarkraftwerke mit Kapazitäten von 100 Kilo- bis 1,5 Megawatt. Die Anlagen werden in Deutschland mit Komponenten aus China und Europa containerfertig zusammengestellt, den Vertrieb und die Kundenbetreuung besorgen die Niederlassungen in Nairobi, Kenia, und Daressalam, Tansania. Mit 13 Kleinkraftwerken im Vollbetrieb, fünf Anlagen, die gerade angeschlossen wurden, und fünf weiteren in Vorbereitung, hat Redavia seinen Umsatz seit 2013 jährlich verdoppelt.

Redavia zeigt, wie Stromversorgung in Teilen Afrikas zunehmend funktioniert: nämlich off-grid, das heißt ohne Anschluss an das öffentliche Stromnetz, und dabei sauber und relativ günstig. „In Afrika gibt es oft gar kein Netz, und wenn eines da ist, ist man bei den laufenden Stromausfällen – sei es abends, wenn alle kochen, oder nach einem Sturm auch gleich mehrere Tage lang – mit einem Solarsystem für den häuslichen Bedarf zumindest als Backup gut beraten“, so der Green Energy-Experte Martin Hiller über die Vorteile der dezentralen Stromversorgung. Der Bedarf ist vor allem in Afrika und Südostasien groß, weltweit haben insgesamt 1,1 Milliarden Menschen keinen Strom. Hiller leitet das Renewable Energy and Energy Efficiency Partnership REEEP, eine internationale Organisation mit Sitz in Wien, die sich unter anderem für den Zugang kleiner und mittlerer Betriebe in Entwicklungsländern zu sauberer Energie einsetzt (siehe Interview).

Klima & SDG Die dezentrale Solarenergieversorgung hat sich mittlerweile zu einem aufstrebenden Nischenmarkt entwickelt. Drei Faktoren beflügelten diese Entwicklung: die Verbesserung und – dank Massenproduktion in China – Verbilligung der Solartechnologie (siehe Grafik unten) sowie das vor allem in Afrika verbreitete mobile Geldgeschäft. Der Durchbruch erfolgte 2015: Damals sprangen Investitionen in die solare Off-Grid-Industrie von einem mäßigen Niveau plötzlich auf eine Höhe von 280 Mio. Dollar. Und das dürfte nur der Anfang sein. Laut dem heuer erstmals erschienenen Trendbericht von Weltbank und Bloomberg zum Off-Grid-Solarmarkt werden sich die Investitionen in diesen Bereich bis 2020 auf 3,1 Mrd. Dollar erhöhen.

Mittlerweile sind rund um netzunabhängige Lösungen zahlreiche Initiativen entstanden, die das Thema unter dem Gesichtspunkt der globalen Armutsbekämpfung vorantreiben: etwa das 2010 vom scheidenden VN-Generalsekretär Ban Ki-moon angestoßene Sustainable Energy for All SE4All, das 2013 von noch-US-Präsident Barack Obama gelaunchte Power Africa‘s Beyond the Grid oder die seit 2015 von Großbritannien gesponserte Kampagne Power for All. Und die neueste Entwicklung: Die Vereinten Nationen haben den „Zugang zu nachhaltiger Energie für alle“ 2015 auf die globale Agenda gesetzt und zum siebenten der 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals SDG) bis 2030 erklärt. Das ist Wind in die Segel.

Als öffentlicher Financier kommt unter anderem der Green Climate Fund der Vereinten Nationen in Frage. Er wurde 2010 gegründet, um Entwicklungsländer bei Klimafinanzierungen zu unterstützen. Die Aussichten sind gut, bot doch die Deutsche Bank dem Fonds erst vor wenigen Wochen an, über die kommenden 15 Jahre 3,5 Mrd. Euro an privatem Kapital für die gemeinsame Unterstützung von SDG-Ziel 7 zu mobilisieren.

Für die Sicherung der weltweiten Energieversorgung ist über Off-grid-Lösungen hinaus jedoch das gesamte Leistungsspektrum der erneuerbaren Energie erforderlich. Und auch dafür gab es in jüngster Vergangenheit Rückenwind von der Weltgemeinschaft, nämlich auf der Weltklimakonferenz COP21 in Paris Ende 2015. Dort war ein internationales Klimaabkommen vereinbart worden, das die Begrenzung der globalen Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius, möglichst 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau vorsieht. Das zentrale Moment: Nicht weniger als 173 von insgesamt 189 Staaten, die einen national festgelegten Beitrag zur Senkung von Treibhausgasemissionen kommunizierten, verpflichteten sich dazu, erneuerbare Energie in ihre Klimastrategie aufzunehmen. Das ist ein großer Erfolg für die erneuerbare Energie-Agenda, auch wenn die Klimaziele der Staaten unterschiedlich ambitioniert sind.

Bei der Klimakonferenz COP22 in Marrakesch im November 2016 kam es dann zu einem weiteren Höhepunkt. Hier überraschten mindestens 45 Länder, allesamt aus Afrika, Asien, der Karibik und Südamerika, mit der Ansage, vollständig auf Kohle, Öl und Gas verzichten und zu hundert Prozent auf erneuerbare Energie umsteigen zu wollen. Der Plan hat Sinn, die Botschaft war aber zumindest auch ein Wink mit dem Zaunpfahl. Denn: Die Industriestaaten hatten den Entwicklungsländern im Rahmen des Klimavertrags Hilfsgelder in Höhe von 100 Mrd. Dollar für die Finanzierung von Klimamaßnahmen in Aussicht gestellt. Nur: Ein konkreter Fahrplan ist bisher nicht in Sicht.


Großprojekte Der Windpark Salkhit in der Mongolei, finanziert von der Europäischen Bank für Entwicklung und Wiederaufbau.

Frontrunner Emerging Markets Der Klimagipfel in Paris war ein Meilenstein für die weltweite Priorisierung der erneuerbaren Energie auf politischer Ebene. Doch ist der Trend nicht neu, wie handfeste Zahlen aus dem Jahr 2015 belegen. So schritt der Ausbau der Kapazitäten allein für die Stromproduktion in einem historischen Ausmaß und dank spektakulärer Zuwächse bei Wind und Solar um geschätzte 147 Gigawatt voran, während der Ausbau der Kapazitäten von fossilen Kraftwerken an Schwung verlor. Das führte dazu, dass der Anteil der Renewables an der globalen Energieproduktion Ende 2015 auf knapp 24 Prozent stieg. „Das wirklich Beeindruckende an diesen Ergebnissen ist, dass sie in einer Zeit erreicht wurden, als die Preise für fossile Energieträger einen historischen Tiefpunkt erreicht hatten und erneuerbare in Bezug auf staatliche Subventionen immer noch benachteiligt waren: Für jeden Dollar, der in Subventionen für Erneuerbare floss, wurden fast vier Dollar ausgegeben, um unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu erhalten“, betonte Christine Lins, Generalsekretärin des globalen Politiknetzwerks REN21, bei der Präsentation des diesjährigen Statusberichts zu erneuerbarer Energie.

Parallel erreichten die Investitionen in Renewables – ohne Großwasserkraftwerke – mit insgesamt 286 Mrd. Dollar 2015 einen neuen Rekord. Dabei zeigt sich: Der Spitzenwert verdankt sich allein Zuwächsen in Schwellenländern – in den Industrieländern waren die Investitionen sogar rückläufig. Der mit Abstand wichtigste Player ist dabei China, bisher besser bekannt als weltweit größter Emittent von Treibhausgasen, das seine Renewable-Kapazitäten konsequent ausbaut und 2015 bereits mehr als doppelt so viel wie die Nummer 2, die USA, investierte. China ist mittlerweile bei Erneuerbaren-Investitionen führend. Auch Indien, ein weit weniger dynamisch wachsender, aber dennoch wichtiger Renewable-Markt, erreichte durch den fortgesetzten Ausbau seiner Wasser-, Wind- und Solarkraft 2015 wiederum ein kleine Steigerung seiner Investitionen gegenüber dem Vorjahr. Anders Brasilien, das über bedeutende Kapazitäten bei Wasserkraft und Biomasse verfügt, sein Renewable-Engagement 2015 aber leicht zurückfuhr. Einen relevanten Beitrag zu den Investitionen in Renewables 2015 leisteten aber auch einige andere Schwellenländer, vor allem Südafrika, das viel in Solarwärmekraft investiert, Mexiko, das stark auf geothermische Energie setzt, und Chile, das sein Potenzial im Bereich der Solarenergie auszubauen beginnt und als aufgehender Stern am Renewable-Markt gilt.

Die Politik ist gefragt Für die Finanzierung des Energieausbaus in Entwicklungsländern sind bislang die Internationalen Entwicklungsbanken die wichtigsten Ansprechpartner. Diese haben alle eine Klimastrategie entwickelt und setzen zunehmend auf Renewables. Ihr Aktionsradius erstreckt sich aber über den gesamten Energiesektor, was exemplarisch aktuelle Pressemeldungen zeigen. So informiert die Weltbank über den Ausbau einer Stromleitung zwischen Äthiopien und Kenia mit Gesamtkosten von 1,2 Mrd. Dollar, die Afrikanische Entwicklungsbank über die Stärkung des Stromnetzes in der Elfenbeinküste mit 140 Mio. Euro, die Inter-Amerikanische Entwicklungsbank unterstützt Barbados bei Energiesicherheit und der Diversifizierung des Energiemixes mit 34 Mio. Dollar und die Asiatische Entwicklungsbank hilft Afghanistan bei der Errichtung von Stromleitungen in die Nachbarländer mit 400 Mio. Dollar. Das ist Business as usual. Dagegen können nationale Entwicklungsbanken ihre Finanzierungen leichter lenken und mit einer stärkeren Ausrichtung auf Renewables aufwarten. Die deutsche KfW-Entwicklungsbank etwa meldet die Kofinanzierung des Solarwärmekraftwerks Noor in Marokko mit knapp 1 Mrd. Euro im Auftrag der deutschen Bundesregierung. Auch die Oesterreichische Entwicklungsbank setzt einen Hauptfokus auf erneuerbaren Energievorhaben.


Robert Kobau GF Weltenergierat Österreich

Wer für den Ausbau von erneuerbarer Energie – und zugunsten der Erreichung der Klimaziele – zusätzlich private Investoren anziehen will, müsse die entsprechenden Parameter bieten, sagt Robert Kobau, Österreich-Geschäftsführer des World Energy Council WEC, einer weltweiten Organisation, unter deren Dach sich die Energieindustrie, Politik und Wissenschaft treffen. Wichtig seien insbesondere Rechtssicherheit und langfristige Planungssicherheit – diese könne nur der Staat garantieren. Die Zukunftsszenarien, die das WEC vor kurzem präsentierte, zeigen, dass der Politik eine zentrale Rolle bei der Erreichung der Klimaziele zukommt: An erster Stelle steht das Design effizienter Energiemärkte.


Umweltminister Andrä Rupprechter wirbt in Marrakesch für eine gemeinsame Politik.

Kobau hält das in Paris ausverhandelte Klimaziel für einen wichtigen Meilenstein für die Erreichung einer großen Energiewende und den höchstmöglichen Ausbau der Erneuerbaren, hält aber fest: „Renewables sind ein Weg, der gut mit dem Klimaengagement zusammenpasst, sie sind aber nicht der alleinige Weg.“ Und: „Aufgrund der unterschiedlichen politischen Strukturen und ökonomischen Möglichkeiten werden die einzelnen Kontinente und Staaten zur Deckung ihres Energiebedarfs jeweils eigene Wege beschreiten müssen.“ Zweifel an der Erreichung des Klimaziels sind daher auch aus der Sicht von Robert Kobau berechtigt. Das Zünglein an der Waage ist die Politik. „Hier müssen alle an einem Strang ziehen, auf globaler und regionaler Ebene“, wie der österreichische Umweltminister Andrä Rupprechter bei der Klimakonferenz in Marrakesch festhielt.

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DATEN UND FAKTEN

Zukunftsszenario für Renewables


Die sinkenden Kosten für erneuerbare Energien (siehe oben) machen eine Verdopplung ihres Anteils am Energiemix bis 2030 möglich (siehe unten), kalkuliert die Internationale Agentur für Erneuerbare Energie IRENA – wenn die Politik mitmacht.

© corporAID Magazin Nr. 67
Redaktion: Ursula Weber
Fotos: Redavia, Robert Strasser, EBRD, WEC

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