Leistbares Wohnen

Vier Wände für die Welt

12/2016 - Preiswerte und adäquate Wohnlösungen sind weltweit gefragt. Innovative Unternehmen experimentieren rund um den Globus mit Baumateralien, Hausdesigns und Finanzierungskonzepten, um auch für Kunden mit geringerem Einkommen Wohnen leistbar zu machen.

Zum Thema:

Interview mit Harald Rath, Global Housing Solutions

Best Practice Leistbare Wohnlösungen

Wohnsiedlung im Modulbausystem
der Firma GHS in Venezuela

Er ist 31 Jahre alt und verheiratet, und doch lebt Kongngy Hav noch im Haus seiner Eltern in Phnom Penh. Ihm fehlt das Geld für‘s Grundstück für ein Eigenheim und ist somit einer von weltweit wohl vielen Millionen unfreiwilligen Nesthockern. Havs Fall hat aber eine fast kuriose Note.


Lego und Robin Hood Der Kambodschaner Kongngy Hav hat Erdziegel entwickelt, die sich wie Legosteine zusammensetzen lassen. Ärmere Kunden erhalten sie günstiger als Bessergestellte.

Der Kambodschaner ist nämlich Gründer des Unternehmens „My Dream Home“, das Landsleuten mit niedrigem Einkommen zu soliden Unterkünften verhelfen will. Hav entwickelte dazu preiswerte Ziegelsteine, die aus Erde, Sand, Wasser und einem Zementdichtmittel gepresst und an der Sonne getrocknet werden – eine umweltfreundliche Herstellungsweise, da die Ziegel nicht gebrannt werden müssen. Der eigentliche Clou: Havs Ziegel lassen sich ähnlich wie Legosteine zusammensetzen und sind daher auch für unerfahrene Häuslbauer geeignet. My Dream Home verkauft sie zu „Preisen nach dem Robin-Hood-System“, so Hav, „besser gestellte Käufer zahlen einen höheren Preis und quersubventionieren damit den billigeren Preis für Arme.“ Auch bietet das Unternehmen kostenlose Planungshilfe und Bauberatung. Eine Familie kann so – freilich exklusive Grundstückskosten – ein kleines zweistöckiges Haus um rund 5.000 Dollar errichten – das sei, so Hav, um ein Drittel günstiger als marktüblich. Kongngy Hav will mit seinem Unternehmen rasch expandieren, um etwas gegen den, wie er sagt, „chronischen Wohnungsmangel in Kambodscha“ zu tun – allein bis 2030 benötige das Land laut Regierungsangaben bis zu 1,1 Millionen neue Häuser, die meisten für Familien mit niedrigem Einkommen.

Dringend gefragt Innovative, preisgünstige Lösungen für den Wohnbau sind aber nicht nur im kleinen südostasiatischen Land gesucht. Laut dem Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen UN-Habitat leben heute allein rund eine Milliarde Menschen weltweit in Slums und anderen inadäquaten Unterkünften. Ihre Zahl könnte sich angesichts der wachsenden Bevölkerung und zunehmender Urbanisierung bis 2050 sogar verdreifachen. Die Investmentlücke ist Schätzungen zufolge riesig: Bis 2025 sind rund 10.000 Mrd. Dollar notwendig, um Substandard-Häuser von heute zu ersetzen und zusätzlich ausreichend neue Einheiten zu bauen – und damit der steigenden Nachfrage nach leistbarem Wohnraum nachzukommen.


Schlüsselfertig GHS aus Oberösterreich errichtet Produktionsanlagen für Massivhäuser und schult das für den Betrieb erforderliche lokale Personal.

Besonders dynamisch entwickelt sich Afrika. Heute leben am Kontinent rund 1,2 Milliarden Menschen, im Jahr 2050 werden es fast 2,5 Milliarden sein, schätzen die Vereinten Nationen. „Der Gap zwischen dem, was an vernünftigen Wohnlösungen gebraucht wird und dem, was tatsächlich gebaut wird, ist gerade in Afrika enorm“, sagt Harald Rath, geschäftsführender Partner von GHS Global Housing Solutions im Interview mit corporAID. Raths Unternehmen taucht in heimischen Medien vor allem als Anbieter von temporären Asylunterkünften auf, das Kerngeschäft liegt aber woanders: „Wir bauen Produktionsanlagen für Dauerhäuser, ausgerichtet auf sozialen Wohnbau in Entwicklungs- und Schwellenländern“, erklärt Rath. In den von GHS gelieferten Werken in Südamerika und Afrika werden standardisierte Wände, Türen, Fenster und Dachplatten aus Hart-PVC produziert und für die Montage vorbereitet. Auf einem Betonfundament können die Elemente dann miteinander verbunden und mit Beton ausgegossen werden. Ein Einfamilienhaus steht so in wenigen Tagen. „Es ist erdbeben- und hurrikansicher und hat eine Lebensdauer von mehr als hundert Jahren – es handelt sich bei Hart-PVC ja um denselben robusten Werkstoff wie wir ihn in Österreich zum Fensterbau verwenden“, so Rath. Die Akzeptanz des PVC-Massivhauses sei zwar nicht immer auf Anhieb gegeben, berichtet er, denn vielerorts präferieren Menschen das klassische „Ziegelstein- und Mörtelhaus“. Doch weil es in vielen Märkten an qualifizierten Handwerkern fehle, bieten die Austro-Massivhäuser einen wesentlichen Vorteil – denn „die kann fast jeder aufstellen“, so Rath, der erfreut feststellt, dass auch immer mehr Privatpersonen als Selbstbauer an GHS-Häusern interessiert sind.

Upgrade erwünscht Oft ist gar kein neues Haus erforderlich. Viele Familien, die mit wenigen Dollar am Tag ihr Auslangen finden müssen, wollen ihr Heim nur verbessern: den Boden oder das Dach erneuern, vielleicht ein Zimmer dazubauen. Auch für Step-by-Step-Bauherren mit nur geringen finanziellen Mitteln gibt es innovative Lösungen. Pionierarbeit hat hier der Zementkonzern Cemex geleistet, der sich bereits 1998 am Heimatmarkt in Mexiko mit der Frage beschäftigte, was ärmere Familien konkret davon abhält, ihre Häuser auszubauen oder zu reparieren. Die CSR-Abteilung entwickelte mit Patrimonio Hoy ein umfassendes Angebot für die bis dato vernachlässigte Zielgruppe. Heute ist das Programm ein wichtiger Teil des Kerngeschäfts. „Patrimonio Hoy ist unser Flaggschiff für soziales, inklusives Business“, sagt Programmdirektorin Saidé Chávez, „Es bringt uns soziales Kapital in Form von Publikationen, Preisen und Reputation und schafft Innovationen. Und es ist tatsächliches Business, das seit 2004 profitabel ist und uns die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen und Entwicklungsbanken ermöglicht.“

Auch der Export des Konzepts ist gelungen. Ähnliche Programme bietet der Konzern heute in der Dominikanischen Republik, in Nicaragua, Kolumbien und Costa Rica. „Bis dato haben mehr als 660.000 Familien teilgenommen, somit profitieren rund 2,7 Millonen Menschen von verbesserten Lebensumständen“, so Chávez. Künftig sollen Umwelt- und Klimaschutz eine stärkere Rolle spielen. Neben laufenden Adaptierungen der bestehenden Programme beschäftigt sich Chávez‘ Team nun mit der Frage, wie man ökoeffiziente Bauweisen in die breite Bevölkerung bringen kann.

Aufstrebende Märkte Auch der weltgrößte Baustoffhersteller, LafargeHolcim, setzt auf die wachstumsstarke Sparte, Affordable Housing Programme laufen in Kenia, Indien, Brasilien und 22 weiteren Ländern. Ihre Schwerpunkte: den Zugang zu Mikrofinanzprodukten und technischer Assistenz für individuelle Bauherren erleichtern, den Kauf von Baustoffen auch in schwer erreichbaren ländlichen Gebieten oder Slums ermöglichen – und nicht zuletzt die Verbreitung eines luftgetrockneten Erd- und Zementziegels namens Durabric als Alternative zu traditionellen gebrannten Lehmziegeln. Allein im Vorjahr, so schätzt LafargeHolcim, seien mit den Affordable Housing Programmen an die 440.000 Menschen erreicht worden – 2030 sollen es bereits 25 Millionen sein.

Einen künftigen Häuslbauer wird der Konzern aber wohl nicht als Kunden gewinnen: Kongngy Hav aus Kambodscha. Denn sobald er sich Grund und Boden leisten kann, wird er den Traum vom Eigenheim bestimmt mit den eigenen Erdziegeln realisieren.

Ausgaben für Wohnen
Die globalen Niedrigverdiener (unter 8,44 Dollar am Tag) geben alljährlich Milliardenbeträge für's Wohnen aus.

© corporAID Magazin Nr. 67

Text: Katharina Kainz-Traxler
Fotos: Kongngy Hav, GHS Global Housing Solutions, Conceptos Plásticos, Cemex

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