Großes Interview

Ich bin kein Investor, sondern Unternehmer

12/2016 - Die Unternehmensgruppe CAG Holding des Industriellen Cornelius Grupp ist breit aufgestellt und wächst genau dort, wo auch der Kunde wächst. Im Interview erklärt er, warum die CAG Holding in ihren Zielmärkten mehr als nur ein Investor sein will und wie er seine Unternehmen zukunftsfit macht.




Cornelius Grupp, Alleineigentümer der Unternehmensgruppe CAG Holding, im Gespräch mit Bernhard Weber, ICEP.

„Globalisierung hat für mich als Unternehmer schon immer vor allem geheißen, meinen Kunden zu folgen.“

Cornelius Grupp

corporAID: Was bedeutet die Globalisierung für Ihre Unternehmensgruppe?

Grupp: Die Welt ist heute durchgängig vernetzt, und die Grenzen zwischen den Ländern und Kontinenten sind durchlässiger geworden. Die Menschen können von jedem Punkt der Erde aus mit anderen Menschen, egal wo immer sie sind, kommunizieren, miteinander etwas unternehmen und Handel treiben. Das ist eine riesige Errungenschaft. Globalisierung hat für mich als Unternehmer schon immer vor allem geheißen, meinen Kunden zu folgen und bei dieser unglaublichen Ausweitung des Welthandels in den vergangenen Jahrzehnten dabei zu sein: Heute zählen wir 40 Standorte rund um den Globus, von China über Russland bis Südamerika.

Was heißt das für den Standort Österreich?

Grupp: Österreich hat als kleines Land nicht zuletzt dank der Globalisierung über die Jahrzehnte einen ungeheuren Wohlstand erreicht. Dazu kommt, dass wir in den größten Konsummarkt der Welt eingebunden sind, nämlich in die Europäische Union. Österreich ist ein Vorzeigemodell dafür, welche sozialen Errungenschaften die Öffnung eines Landes und die Teilnahme am internationalen Wettbewerb mit sich bringen. Diese Entwicklung hat aber auch eine Schattenseite: Wir sind heute als Industriestandort mit relativ hohen Kosten in der Produktion konfrontiert. Unsere Chance liegt daher in der Innovation. Und an diese Chance glaube ich aus ganz vielen Gründen. Wir haben ein ausgezeichnetes Technologie-Niveau, auch die Ausbildung ist gut. Wir verfügen mit Osteuropa über ein hervorragendes Hinterland, wohin wir Teile der Produktion auslagern können, um in Österreich mit gut ausgebildeten Mitarbeitern die Entwicklungsarbeit zu betreiben und von hier aus die Märkte zu bearbeiten. Ich sehe Österreich auch in Zukunft in einer guten Position, wenn es uns gelingt, die neuen Erfordernisse hinsichtlich der zeitlichen und inhaltlichen Gestaltung der Arbeit zu akzeptieren und die Flexibilität zu erhöhen.

Teilen Sie die verbreitete Kritik am Ausbildungsniveau der Lehrlinge?

Grupp: Wir haben allein hier am niederösterreichischen Standort Marktl heute rund 50 Lehrlinge, mit denen wir sehr zufrieden sind. Wir sind allerdings dank unseres Standings in der Region in der glücklichen Lage, aus einem breiten Angebot an jungen Leuten unsere Lehrlinge aussuchen zu können. Es stimmt aber, dass das Niveau jener, die sich für eine Lehrlingsausbildung entscheiden, aufs ganze Land gesehen tatsächlich immer niedriger wird. Viele junge Leute wollen heute nicht mehr Handwerker werden, woran auch das geringe Ansehen des Handwerksberufs Schuld hat. Handwerk ist heute ein irreführender Begriff, denn ein Handwerker verrichtet keine geistlose Handarbeit, sondern muss ja genauso mit dem Kopf arbeiten. Wir müssen den Beruf des Handwerkers als Gesellschaft insgesamt wieder mehr zu schätzen lernen.

Wo liegen Ihre Wachstumsmärkte?

Grupp: Meine Unternehmensgruppe ist sehr breit aufgestellt: Neuman entwickelt und produziert Aluminiumteile, Stölzle Verpackungsglas, Tubex ist Spezialist für Aluminium-Verpackungen, Prefa ein Hersteller von Dach- und Fassadensystemen aus Aluminium, Glanzstoff Industries verarbeitet Garne für technische und textile Anwendungen. Im Aluminium-Bereich sind wir sehr stark in der Automobilzulieferung tätig, und hier liegen die Wachstumsmärkte heute ohne Frage in Asien und Südamerika. Eigentlich sollte ich aber nicht von unseren, sondern von den Wachstumsmärkten unserer Kunden sprechen. Denn wir wachsen dort, wo unsere Kunden wachsen.

„Langfristig werden sich in China chinesische Unternehmen durchsetzen – das sehe ich völlig illusionslos.“

Cornelius Grupp

Wie sehen Sie die Dynamik in China?

Grupp: Wir haben fünf Werke in China, alle im Aluminium-Bereich in der Hochtechnologie. Wir exportieren nichts aus China, sondern produzieren vor Ort ausschließlich für den chinesischen Markt. Man muss sich dabei darüber im Klaren sein, dass man als ausländisches Unternehmen in China nicht uneingeschränkt willkommen ist – letztlich wollen die Chinesen ja vor allem ihre eigene Industrie entwickeln, von ausländischen Betrieben erwarten sich die Chinesen einen spezifischen Nutzen. Dieser lag für uns bislang darin, unsere internationalen Kunden zu begleiten und diese dabei zu unterstützen, in China einen Markt zu entwickeln. In diesem Markt bewegen sich inzwischen aber auch immer mehr lokale chinesische Unternehmen, die versuchen, unseren Know-how-Vorsprung wettzumachen. Um unsere Position in China langfristig halten zu können, müssen wir uns mit Innovationen am Markt behaupten und auch immer mehr an chinesische Unternehmen liefern. Langfristig werden sich in China chinesische Unternehmen durchsetzen – das sehe ich völlig illusionslos.

Was halten Sie von der Kontroverse um den Wachstumsbegriff?

Grupp: Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir Wirtschaftswachstum brauchen. Das beginnt damit, dass die Weltbevölkerung wächst. Dieses Wachstum schafft Bedarf, der gedeckt werden muss. Auch wenn ich mehr Menschen an unseren Lebensstandard heranführen will, geht das nicht ohne Wachstum – wie hätte China sonst in den vergangenen 30 Jahren hunderte Millionen Menschen aus der Armut herausführen sollen? Ich kann ja nicht ernsthaft argumentieren, dass man selbst alles hat, was man braucht, und die anderen sind mir egal. Wenn ich aufhöre, über Wachstum nachzudenken, dann brauche ich auch nicht mehr über Innovation nachzudenken.

Wie können Sie Wachstum und Nachhaltigkeit vereinbaren?

Grupp: Grundsätzlich arbeiten alle Unternehmen nur mit voll recycelbaren Materialien: Aluminium, Glas, Garn. Dazu kommen unsere Biomasseanlagen. Wir setzen uns sehr ernsthaft mit Umweltschutz auseinander und warten auch beim Klimaschutz nicht auf gesetzliche Bestimmungen, sondern versuchen, alle Unternehmen schon heute entsprechend auszurichten. Das betrifft beispielsweise den Umgang mit fossilen Werkstoffen, den effizienten Energieeinsatz, die Errichtung von Abluftanlagen, die Aufbereitung von Prozessabwasser oder die Optimierung von Transportwegen. Ich bin überzeugt, dass diese Auseinandersetzung niemandem in der Industrie erspart bleiben wird. Nachhaltigkeit wird auch immer stärker von den Kunden eingefordert. Da fragen dich Leute, von denen du es nicht erwarten würdest, wie viel recycelbares Material du einsetzt. Wenn du da keine Dokumentation hast, bist du als Lieferant Geschichte. Nicht zuletzt deswegen erstellt jedes unserer Unternehmen jährlich einen Nachhaltigkeitsbericht, der Fortschritte und Ziele zu verschiedenen Themen aufzeigt. Mir ist das Thema Nachhaltigkeit sehr wichtig, auch wenn es gerade in diesem Bereich immer eine Herausforderung bleiben wird, Anspruch und Realität zur Deckung zu bringen.

Sie errichten derzeit einen neuen Standort in Mexiko. Welchen spezifischen Herausforderungen begegnet man in einem Schwellenland?

Grupp: Derzeit bauen wir in Guadalajara ein Werk im Umfeld der dort angesiedelten und für den US-Markt produzierenden Automobilwerke. Dabei war als erstes zu klären, ob wir unseren Betrieb in einem Industriepark errichten wollen – wofür wir uns letztlich auch entschieden haben. Die technischen Fragen und die bauliche Errichtung des Werks sind dann vergleichsweise Routine. Ein großes Thema ist die Rekrutierung von Mitarbeitern. Wir haben uns in Guadalajara das Niveau der universitären Ausbildung angeschaut. Wenn wir von dort unsere zukünftigen Mitarbeiter bekommen wollen, müssen wir den Universitäten unsere Anforderungen vermitteln und sie auch dabei unterstützen, ihre Ausbildung an diesen Anforderungen zu orientieren. Die Universitäten sind teilweise wirklich spärlich ausgerüstet, da müssen wir mitunter Equipment finanzieren. Ich habe eine der Universitäten sogar persönlich besucht und Stipendien gestiftet.

„In diesen Ländern musst du dich als guter Bürger erweisen. Wenn du als Investor gesehen wirst, der kommt und geht, wirst du scheitern.“

Cornelius Grupp

Ein weiterer Punkt ist: Unsere Werke stehen üblicherweise nicht in großen Städten, sondern in ländlichen Regionen. Daher müssen wir uns die Infrastruktur rund um den zukünftigen Betrieb anschauen: Wo haben die Mitarbeiter Wohnungen? Wo gibt es Einkaufsmöglichkeiten? Wie kommen sie täglich ins Unternehmen? Diese Fragen stellen sich in Ländern wie Brasilien, Mexiko oder China völlig anders als in Europa oder den USA. In diesen Ländern musst du auf eine ausdrückliche Weise präsent sein und dich auch als Unternehmen als guter Bürger erweisen. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Wenn du als Investor gesehen wirst, der kommt und geht, wirst du scheitern.

Wie schwierig ist es, auch in solchen Ländern gute Leute zu finden?

Grupp: An außereuropäischen Standorten sind Loyalität und die Identifikation mit dem Unternehmen ganz besonders wichtig. Wir müssen den potenziellen Mitarbeitern daher vermitteln, dass es Sinn macht, bei uns zu arbeiten. Das ist nicht nur in Mexiko so. Auch an unserem brasilianischen Standort in São Paulo gibt es viele Betriebsansiedlungen, was dazu führt, dass der Personalmarkt sehr hart umkämpft ist. Bildet man die Leute in Europa aus und schickt sie dann zurück – paff, werden sie abgeworben. Es ist in der Praxis wirklich ganz schwer zu sagen, auf wen du dich verlassen kannst. Technologie zu transferieren ist die eine Seite, aber eine wirklich gute Mannschaft aufzustellen ist die größte Herausforderung.

Was macht ein Unternehmen zukunftsfähig?

Grupp: Das sind vor allem die Mitarbeiter: Menschen, die neugierig sind und offen bleiben, um in ihrem Umfeld und darüber hinaus mitzuwirken, und das auch mit Begeisterung tun. Auch deswegen beschäftigt mich die Frage, wie wir verhindern können, dass die Menschen in die Isolation rutschen und sich nur noch mit sich selbst beschäftigen. Ich brauche Mitarbeiter, die Interessen haben, die außerhalb ihres ureigenen Ichs liegen. Diese Fragen bewegen mich. Ich habe hier in Marktl ein Wirtshaus errichtet, damit die Menschen sich wieder treffen, miteinander reden und sich in Vereinen engagieren – das alles braucht es, damit sie gerne hier leben.

Sie tragen die Verantwortung für mehr als 8.000 Mitarbeiter. Wie lernt man, mit dieser Verantwortung umzugehen?

Grupp: Das weiß ich nicht, ich habe ehrlich keine Ahnung. Sicher hilft es, die Verantwortung zu spüren. Ich habe den Sitz meiner Unternehmensgruppe bewusst hier in Marktl und nicht in Wien gewählt. Aus einem Büro in der New Yorker 5th Avenue gelingt es dir wahrscheinlich gar nicht mehr, die Verantwortung zu spüren – weil du in den Unternehmen nur noch Bilanzpositionen siehst. Wenn du unmittelbar mit den Menschen zu tun hast und wenn du dich dem Betriebsalltag wirklich aussetzt, dann brauchst du nicht darüber nachzudenken, wie du Verantwortung für das Unternehmen lernst. Ich bin kein Investor, sondern ein Unternehmer, der Verantwortung hoffentlich so weitergibt, dass viele Mitarbeiter ebenfalls unternehmerisch denken. Das Unternehmen gehört mir, aber der Besitz als solcher ist ja kein wichtiger Faktor, sondern beschleunigt nur die Entscheidungsprozesse, weil ich keine Kapitaleigentümer fragen muss. Das eigentlich Schöne am Unternehmersein ist das Gestalten, Dinge weiterzubringen und auch die Freiheit, die damit verbunden ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

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ZUR PERSON:

Der deutsch-österreichische Industrielle Cornelius Grupp ist Alleineigentümer der Unternehmensgruppe CAG Holding, zur der unter anderem der Verpackungsmittelhersteller Tubex, die Neuman Aluminium Gruppe und der Glashersteller Stölzle-Oberglas gehören. Zudem ist Grupp Aufsichtsratsmitglied bei der Schöllerbank sowie der Schweizer SGS. Der 69-Jährige studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Tübingen, München und Innsbruck und promovierte 1975. Zwei Jahre später erwarb er einen MBA an der INSEAD Business School in Fontainebleau.

ZUM UNTERNEHMEN:


Headquarter und Produktion im niederösterreichischen Marktl

Vielseitige Gruppe

Die CAG Holding ist eine international ausgerichtete Unternehmensgruppe, die auf die Produktion und Weiterverarbeitung zahlreicher Materialien wie etwa Aluminium, Glas, Viskose und Biomasse spezialisiert ist und unter anderem Verpackungsglas, technische Garne, Aluminiumdächer und Leichtbauteile für die KFZ-Industrie produziert. Insgesamt beschäftigen die dazugehörigen Unternehmen Neuman Aluminium, Tubex, Stölzle Oberglas und Glanzstoff Industries an 40 Standorten weltweit mehr als 8.000 Mitarbeiter und erwirtschafteten 2015 einen Gesamtumsatz von mehr als 1,5 Mrd. Euro.

© corporAID Magazin Nr. 67
Das Gespräch führte Bernhard Weber.
Fotos: Mihai M. Mitrea, CAG

 

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