Interview

Zugpferd am Balkan

11/2016 - Kammerpräsident Marko Cadez setzt sich mit aller Kraft für die Einführung der dualen Ausbildung in Serbien ein. Nun wollen die Nachbarn mitziehen.


Marko Cadez, Präsident der Industrie- und Handelskammer Serbiens

corporAID: Wo steht Serbiens Wirtschaft, wohin geht die Entwicklung?

Cadez: Ministerpräsident Vucic hat in den vergangenen zwei Jahren die Fiskalkonsolidierung vorangetrieben mit dem klaren Ziel eines EU-Beitritts Serbiens. Wir verzeichnen auch trotz des Sparkurses ein Wirtschaftswachstum. Dafür verantwortlich sind Export und Investitionen, was auf ein gesundes Wachstum hinweist. Die Unternehmen haben sich umgestellt und die Art und Weise, wie sie funktionieren und produzieren, darauf ausgerichtet, neue Märkte und internationale Supply Chains zu erschließen. Dieser Trend wird gleichzeitig von einer tiefgreifenden Strukturreform begleitet.

Welche Bedeutung spielt Österreich für Serbiens Wirtschaft?

Cadez: Österreich ist nicht nur ein gewöhnlicher, sondern ein strategischer Partner. Das zeigen die hohen Investitionen österreichischer Unternehmen, das zeigt aber auch die Zusammenarbeit bei unterschiedlichen Projekten zum Aufbau unserer Kapazitäten. Das betrifft speziell die Wirtschaftskammer Serbien, die wir zusammen mit der Wirtschaftskammer Österreich weiterentwickeln. Die WKO ist unsere Mentorkammer und nicht zuletzt angesichts des Exporterfolgs Österreichs auch unser Role Model – wobei man ein Modell natürlich nicht eins zu eins kopieren kann. Aber die Kollegen von der WKO haben unseren Aufholbedarf vor allem bei der Organisation und bei der Berufsausbildung gesehen und mit uns gemeinsam ein System entwickelt, das langsam Ergebnisse zeigt. Österreich ist ein verlässlicher Partner, was letztlich auch den österreichischen Unternehmen nutzt, die dadurch in Serbien besser wirtschaften können.

Was haben Sie zur Einführung der dualen Berufsausbildung in Serbien beigetragen?

Cadez: Ich habe von Anfang an nicht nur für die duale Berufsbildung geworben, sondern die Kammer auch so reorganisiert, dass sie in der Lage ist, mit Unternehmen Profile zu definieren, Curricula zu entwickeln, Lehrer zu lizenzieren – kurz alles, was eine Kammer in einem funktionierenden Berufsbildungssystem machen muss. Ohne Beteiligung der Wirtschaftskammer ist ein duales Berufsbildungssystem nur schwer vorstellbar. Wir haben dazu aus Österreich, Deutschland und der Schweiz Unterstützung bekommen. Uns ist wichtig, dass die duale Ausbildung eine langfristige systemische Lösung und bildungspolitischer Mainstream wird und es nicht bei einzelnen Projekten bleibt.

Gab es Widerstand?

Cadez: Man muss sehr viel Überzeugungsarbeit leisten. Wir haben immer noch ein Berufsbildungssystem, das für einen Staat geschaffen wurde, der heute nicht mehr existiert. Daher stellte sich die große Frage, wie wir die Wirtschaft als Ausbildungspartner gewinnen können. Daraus ergab sich wiederum eine Ownershipfrage der Bildungspolitik, die bisher das Ausbildungsmonopol innehatte. Wir müssen also hartnäckig argumentieren, und bringen dabei nicht unsere eigenen Interessen ins Spiel, sondern können auf die Argumente der Unternehmen zurückgreifen. Für sie ist es eine Überlebensfrage.

Welche sind Ihre nächsten Ziele?

Cadez: Wir haben unseren ersten Lehrgang installiert, andere befinden sich in den Startlöchern. Mein Ziel ist nun, unsere Erfahrungen in Serbien in unsere Nachbarstaaten zu exportieren. Das Interesse ist da, bei den regelmäßigen Treffen der Wirtschaftskammern des Balkan zeigt sich, dass unsere Nachbarn auch in diese Richtung gehen wollen. Die Unternehmen sind ja bereits sehr vernetzt. Wenn wir auch die Mobilität der Menschen erhöhen wollen, brauchen wir gemeinsame Ausbildungsstandards. Alle haben daran ein vitales Interesse und sind an Kooperationen interessiert.

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 66
Das Gespräch führte Ursula Weber.
Foto: Kammer Serbien

 

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