Westbalkan

Serbien setzt auf duale Ausbildung

11/2016 - Serbien führt schrittweise Elemente der dualen Berufsbildung ein. Die Wirtschaftskammer Österreich leistet dabei gemeinsam mit der Austrian Development Agency Schützenhilfe. Mittlerweile zeigen auch die anderen Westbalkanstaaten Interesse für dieses Erfolgsmodell.

Zum Thema:

Interview mit Marko Cadez, serbischer Kammerpräsident

Tatkräftige Kooperation Ein Workshop der Kammern Österreichs und Serbiens mit Berufsschulleitern in Belgrad.


Der Handel wird als erster Sektor in Serbien Lehrlinge bekommen.

Im Februar 2017 wird Serbien eine bildungspolitische Wende erleben. Denn dann werden erstmals in der Geschichte des Landes Berufsschüler in die betriebliche Praxis eintreten. Bei den Pionieren handelt es sich um 60 Handelslehrlinge, die seit dem Frühjahr 2016 gemeinsam in einer Klasse sitzen, wo sie nach einem neuen Lehrplan eine zeitgemäße Fachausbildung erhalten. Bei den Lehrbetrieben – unter anderem der unter österreichischer Ägide expandierte DM Drogeriemarkt oder die belgische Lebensmittelkette Delhaize – laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Kleine und mittlere Unternehmen, die an der Aufnahme von Lehrlingen ebenfalls Interesse zeigen, stehen im Umgang mit dem neuen System aber noch vor zahlreichen Unbekannten. „Muss der Lehrling unfallversichert sein? Wieviel Zeit darf er vom Jugendschutz her im Betrieb arbeiten? Wie muss die Ausbildung dokumentiert werden? Soll eine Lehrlingsentschädigung bezahlt werden? Solche Fragen beschäftigen uns im Moment“, gibt Barbara Wilfinger, bildungspolitische Referentin der Wirtschaftskammer Österreich WKO, Einblick in die Anfragen, die bei der serbischen Industrie- und Handelskammer (CCIS) eingehen und für deren Klärung die WKO ihrem serbischen Pendant ihre langjährige Erfahrung zur Verfügung stellt.

Ähnliche Interessen Die WKO begleitet den Reformprozess und die Gesetzgebung der Kammer Serbiens seit zweieinhalb Jahren – ein neues Kammergesetz inklusive Pflichtmitgliedschaft der Betriebe, das mit Anfang nächsten Jahres in Kraft tritt, ist ein zentrales Ergebnis der Kooperation. „Im Dialog stellte sich nun heraus, dass sich die serbische Kammer darüber im Klaren ist, dass eine Arbeitgebervertretung auch eine gewisse Pflicht hat, die Unternehmen bei der Berufsbildung zu unterstützen“, sagt Wilfinger, „unser Partner hatte für den Fachkräftemangel und die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die brennende Probleme in der ganzen Region darstellen, aber keine Lösung zu bieten.“ Weshalb der Präsident der serbischen Kammer Marko Cadez (siehe Interview) im Zuge der Reform auch diese Lücke schließen wollte, was den WKO-Interessen sehr entgegenkam. „Unser Hauptanliegen ist es natürlich, die vielen österreichischen Niederlassungen in Serbien dabei zu unterstützen, passende Fachkräfte zu finden“, erklärt Wilfinger. Die WKO, die vor allem im Zuge eines erfolgreichen Pilotprojekts in der Slowakei Erfahrung bei der Internationalisierung der dualen Berufsbildung erworben hatte, bot sich als logischer Entwicklungspartner für die serbische Kammer an und sagte im Frühjahr 2015 zu, ihre Expertise auch auf diesem Gebiet bereitzustellen. Es sei ein praktisches Projekt, erklärt Wilfinger, es gehe vor allem um den Aufbau von Kapazitäten in der CCIS und um die Vernetzung der Akteure. Denn, so sagt sie: „Eine gute Berufsbildung kann nur funktionieren, wenn Schule und Betrieb, aber auch Unterrichtsministerium und Interessenvertretungen eng zusammenarbeiten.“

Gemeinsames Projekt Für das Vorhaben schuf die CCIS eine eigene Abteilung für duale Ausbildung, die WKO stellte eine Projektleiterin im AußenwirtschaftsCenter in Belgrad an und Wilfinger übernahm die Projektbetreuung von Wien aus. Finanziell wird das Projekt von der Internationalisierungsoffensive Go International und der Austrian Development Agency ADA im Rahmen des neuen Förderinstruments Strategische Partnerschaft ermöglicht.

Entscheidend für den langfristigen Erfolg des Vorhabens war, wie Gottfried Traxler von der ADA betont, sich mit anderen internationalen Akteuren, die ebenfalls mit Projekten zur dualen Berufsbildung in Serbien tätig sind – vor allem die deutsche und die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit – abzustimmen. Und das funktioniere gut, sagt Wilfinger, man spreche sich ab. So sei zum Beispiel das Berufsprofil des Einzelhandelskaufmanns von der deutschen Entwicklungsagentur GIZ entwickelt worden und die WKO setze es nun mit den Firmen und der Schule um.

Bestens besucht war die Westbalkan Sonderkonferenz über Berufsausbildung im Haus der Wirtschaft im Mai 2016 in Wien.

Kommendes Jahr sollen weitere duale Lehrgänge vom Stapel laufen. „Wir werden natürlich nicht über Nacht eine dem österreichischen oder deutschen System vergleichbare duale Berufsbildung schaffen, sondern wir werden zusammen mit der Wirtschaft Schritt für Schritt wachsen“, sagt Cadez, der die serbischen Erfahrungen bereits auch mit den anderen Westbalkanstaaten teilt. Deren lebhaftes Interesse zeigte zuletzt die Westbalkankonferenz, zu der die österreichische Regierung im Mai diesen Jahres nach Wien lud. Die Sonderkonferenz im Rahmen des Berlin-Prozesses zur Heranführung der Westbalkanstaaten an die EU war dem Thema duale Berufsausbildung gewidmet und mündete in eine gemeinsame Willenserklärung, die im Juli in Paris nochmals bestätigt wurde. Werden sich für die WKO daraus weitere Kooperationen entwickeln? Wilfinger ist selbst gespannt: „Im Dezember sollen die Pläne stehen, und dann fehlt nur mehr die Finanzierung.“

© corporAID Magazin Nr. 66
Redaktion: Ursula Weber
Fotos: DM, WKO Österreich

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