Interview

Toiletten schaffen Wohlstand

11/2016 - Vor 15 Jahren gründete Jack Sim die World Toilet Organization, um das Tabuthema Toilettenmangel in die Diskussion zu bringen. Heute kann sich „Mr. Toilet“ über einige Fortschritte freuen, auch wenn die Sanitärkrise nach wie vor gravierend ist.


„Mr. Toilet“ Jack Sim

corporAID: : Seit 15 Jahren machen Sie PR rund um die Sanitärkrise. Bekommt Ihr Anliegen heute genügend Aufmerksamkeit?

Sim: Als ich 2001 die World Toilet Organisation als Ein-Mann-Initiative gründete, kamen Toiletten und Sanitärversorgung in den Medien gar nicht vor – man brachte es schamhafterweise einfach als Teil der „Wasser-Agenda“ unter. Doch führt man dieses Thema unter Wasser, landet es auch buchstäblich dort, und säuft ab. Die Tabu-Problematik machte es auch schwierig, Financiers für die WTO zu finden. Und trotzdem gelang es uns, 15 World Toilet Summits zu organisieren, den 19. November als offiziellen Welt-Toiletten-Tag der Vereinten Nationen durchzusetzen und unzählige Medienberichte zu erreichen. Im Vorjahr konnten wir die globale Gemeinschaft schließlich überzeugen, Sanitärversorgung als eigenständige Agenda zu etablieren und sie in den Entwicklungszielen SDG unterzubringen. Heute beginnt die Sanitärversorgung tatsächlich die notwendige Aufmerksamkeit zu bekommen, aber natürlich konkurrieren wir mit Schlagzeilen zu Themen von Klimawandel über Sport bis Pokémon-Go. Unsere Arbeit geht daher mit mittlerweile neun fixen Mitarbeitern weiter, damit das Thema nicht wieder in Vergessenheit gerät!

Gibt es ein Land, das in der Sanitärversorgung große Fortschritte gemacht hat?

Sim: Ja, und zwar China in den vergangenen 30 Jahren. Das Land hat zwar noch immer ein massives Problem, aber es hat 600 Millionen Menschen aus der Armut gehievt und dabei die Sanitärbedingungen relativ zum Wohlstand verbessert. Sanitärversorgung sollte auch nie als Einzelagenda betrachtet werden. Je mehr Hygiene es in einem Land gibt, desto gesünder und produktiver sind die Einwohner, desto mehr kommen Investoren und Touristen. Ein gesundes Land wird zu einem wohlhabenden Land!

Wie sieht es mit Indien aus, das Land will ja bis 2019 die öffentliche Notdurftverrichtung in den Griff bekommen?

Sim: Indien hat 1,2 Milliarden Einwohner, und wir alle wissen, dass es die landesweite Beseitigung der „offenen Defäkation“ bis 2019 nicht schaffen wird. Doch ich denke, dass bis dahin genügend Dynamik für einen unumkehrbaren Trend erreicht sein wird, und das allein wäre schon ein großer Erfolg. Wenn Indien bis 2025 die offene Defäkation abschaffen könnte, wäre das sehr gut. Ich hoffe, Premier Modi gewinnt die nächste Amtszeit, um dieses Ziel zu erreichen.

Es gibt heute viele Sozialunternehmen im Sanitärbereich. Was raten Sie ihnen?

Sim: Tatsächlich gibt es sehr viele Geschäftsmodelle, aber nur sehr wenige könnten ohne Zuschüsse existieren. Um Größenvorteile zu erreichen, empfehle ich zwei Dinge. Erstens: Selbstlosigkeit. Wer sein Geschäftsmodell als Open-source zur Verfügung stellt, wird von anderen kopiert und auch gewürdigt. Die Sanitärkrise ist so groß, dass ohnehin niemand das Problem alleine lösen kann. Statt Konkurrenten zu fürchten, sollten wir daher viel mehr davon heranzüchten. Allerdings ist diese Denkweise unüblich, Financiers wählen weiterhin Gewinner und Verlierer aus. Wir sollten sie dazu bringen, die gesamte Branche zu unterstützen, nicht nur einzelne Anbieter.

Und zweitens empfehle ich Hebelwirkung durch Huckepack: Es gibt zahlreiche Unternehmen, die Produkte und Services für die vier Milliarden Kunden am unteren Ende der Einkommenspyramide bereitstellen. Wer Sanitärlösungen anbieten möchte, muss das Rad nicht neu erfinden, sondern sollte Vertriebspartner aus anderen Sektoren suchen. So wird die Lieferung billiger, einfacher und schneller – und man kann rascher wachsen.

Was könnte noch verbessert werden?

Sim: Einige Initiativen haben an Schwung verloren, wie etwa Peepoople (Anm.: ein biologisch abbaubares „Toilettensackerl“ für Slumbewohner). Die Lehren daraus: Man soll sich auf das Problem konzentrieren und darauf aufbauend eine Technologie und ein Geschäftsmodell entwickeln, nicht umgekehrt. Entscheidend sind Erschwinglichkeit und soziale Akzeptanz, daher muss man den Fokus auf den Kunden legen! Und es braucht dauerhafte Lösungen. Menschen benötigen richtige Toiletten, nicht temporäre Lösungen wie Sackerl. Und nochmals: Man sollte sich nicht allzu sehr um geistiges Eigentum sorgen, denn keiner wird die Welt allein retten!

Vielen Dank für das Gespräch!

© corporAID Magazin Nr. 66
Das Gespräch führte Katharina Kainz-Traxler

 

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